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Täuferreich von Münster
Das Täuferreich von Münster war in den 1530er Jahren in Münster (Westfalen) die sich zunehmend radikalisierende Herrschaft reformatorisch ausgerichteter …
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Überblick und religiöser Hintergrund
Das Täuferreich von Münster war eine radikale religiöse Herrschaft in Münster in den Jahren 1534 und 1535. Es entstand aus der städtischen Reformationsbewegung um den Prediger Bernd Rothmann und entwickelte sich unter dem Einfluss von Endzeiterwartungen zu einem apokalyptisch-chiliastischen Regime. „Chiliastisch“ bezeichnet hier den Glauben an ein bevorstehendes tausendjähriges Reich Christi. Unter der militärischen Belagerung und der zunehmenden Hungersnot setzte die Führung offene Gewalt gegen Gegner und Abweichler ein. Im Juni 1535 eroberte Fürstbischof Franz von Waldeck die Stadt zurück. Innerhalb des Täufertums im deutschsprachigen und niederländischen Raum nahm das Münsteraner Reich eine Sonderrolle ein.
Das Täufertum war in den 1520er Jahren als radikaler Zweig der Reformation entstanden. Es entwickelte sich zunächst im Umfeld ehemaliger Weggefährten Huldrych Zwinglis in Zürich und breitete sich in der Schweiz, Österreich sowie Süd- und Mitteldeutschland aus. Im niederdeutschen und niederländischen Raum verbreitete besonders Melchior Hofmann täuferische Lehren. Er trat 1530 in Emden als Täuferprediger auf und wirkte später in Amsterdam. Seine Anhänger wurden Melchioriten genannt.
Hofmann erwartete vor der Wiederkunft Christi ein theokratisches Zwischenreich, also eine unmittelbar nach religiösen Vorstellungen gelenkte Herrschaft. Vorausgehen sollte eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Kaiser und den evangelischen Städten. Diese Lehre bereitete die Theologie des Münsteraner Täuferreichs indirekt vor. Die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage der einfachen Bevölkerung und die harten Verfolgungen religiöser Abweichler verstärkten die Aufnahmebereitschaft für solche Endzeitvorstellungen.
Reformation und Durchsetzung der Täufer
In Münster bestanden starke Konflikte zwischen den allein regierenden Erbmännerfamilien, den Handwerkern und dem römisch-katholischen Klerus. Sie erreichten im Aufstand von 1525 einen ersten Höhepunkt. Ab 1531 verbanden sich die Handwerkergilden mit der jungen evangelischen Bewegung, deren wichtigster Prediger Bernd Rothmann war. Obwohl das Domkapitel ihn mit Predigtverboten belegte und ausweisen wollte, verhinderten seine zahlreichen Anhänger, darunter wohlhabende Bürger, die Durchsetzung. Bis zum Sommer 1532 setzte ein 70-köpfiger Ausschuss der Gildenversammlung evangelische Prediger an allen Stadtkirchen durch. Der Ausschuss besaß ein Mitbestimmungsrecht gegenüber dem Stadtrat und prägte bis 1533 die Politik.
Die Münsteraner Bewegung schloss sich nicht der 1530 formulierten lutherischen Confessio Augustana an und erhielt deshalb wenig Unterstützung aus lutherischen Territorien. Fürstbischof Franz von Waldeck konnte erst ab dem Frühsommer 1532 dauerhaft gegen die Stadt vorgehen. Nach Handelsbeschränkungen, Beschlagnahmungen und der Gefangennahme bischöflicher Berater durch Münsteraner am 25. Dezember 1532 vermittelte Philipp von Hessen einen Kompromiss: Evangelische Prediger wurden geduldet, Kirchen und Klöster mussten jedoch beim katholischen Ritus bleiben.
Im März 1533 wurde der Stadtrat vollständig evangelisch. Rothmann sollte eine neue Gottesdienstordnung ausarbeiten, hatte sich inzwischen aber der Täuferbewegung angeschlossen. Seine Forderung nach der Erwachsenentaufe spaltete die evangelische Bevölkerung. Täufer lehnten die Kindertaufe als unbiblisch ab und tauften bereits getaufte Christen erneut. Diese „Wiedertaufe“ widersprach dem Glaubensbekenntnis und dem Recht des Heiligen Römischen Reichs. Der Stadtrat bekämpfte die Täufer zunächst, besaß dafür aber keine Mehrheit. Gleichzeitig lehnte er die von Franz von Waldeck verlangte Auslieferung der Täufer ab und verlor dadurch sowohl die Anerkennung des Landesherrn als auch den Rückhalt großer Teile der Bevölkerung.
Seit 1533 zogen zahlreiche Protestanten und niederländische Täufer nach Münster. Jan van Leiden kam erstmals im Sommer 1533 in die Stadt. In den Niederlanden ließ er sich anschließend von Jan Matthys, dem wichtigsten Propheten der dortigen Täuferbewegung, als Erwachsener erneut taufen. Im Januar 1534 schickte Matthys ihn als Gesandten zurück nach Münster.
Aufbau und Radikalisierung der Herrschaft
Im Februar 1534 traf Jan Matthys in Münster ein und übernahm die Führung der Täufer. Bei der Ratswahl am 23. Februar setzten sie sich durch und beherrschten nun die Stadt. Die meisten Katholiken und viele nichttäuferische Protestanten waren bereits geflohen. Die Verbliebenen mussten sich erneut taufen lassen oder wurden vertrieben; ihre Gebäude wurden besetzt oder verwüstet.
Die neue Führung veränderte die Stadt grundlegend. Bei einem Bildersturm zerstörten Täufer in den Kirchen Darstellungen und Gegenstände, die sie mit Heiligen und Klerikern verbanden; dabei gingen viele Kunstschätze verloren. Sie beschlagnahmten Eigentum, führten eine an der Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde orientierte Gütergemeinschaft ein und verbrannten das Stadtarchiv sowie Archive der Erbmänner. Außerdem ließen sie als eigenes Münzgeld sogenannte Wiedertäufertaler prägen.
Jan Matthys sagte für Ostern 1534 das Erscheinen Jesu Christi in Münster voraus. Zu dieser Zeit hatte Franz von Waldeck bereits einen Belagerungsring geschlossen. Als die Prophezeiung nicht eintraf, zog Matthys am Ostertag mit einigen Anhängern aus der Stadt und wurde getötet.
Danach wurde Jan van Leiden zum Anführer. Die Herrschaft radikalisierte sich weiter. Er beseitigte zwar die damals übliche Folter vor der Vollstreckung eines Todesurteils, vollstreckte Todesurteile aber häufig selbst. Am 12. Juni 1535 ließ er seine Ehefrau Elisabeth Wandscherer hinrichten, nachdem sie seinen Luxus kritisiert hatte. Wegen eines erheblichen Frauenüberschusses – unter den Täufern lebten fast dreimal so viele Frauen wie Männer – wurde im Sommer 1534 die Polygynie eingeführt, also die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen. Jan van Leiden hatte im Verlauf der Herrschaft 16 Ehefrauen.
Nachdem die Stadt im September 1534 einen Sturmangriff abgewehrt hatte, wurde Jan van Leiden als „König Johannes I.“ eingesetzt. Oppositionelle Ansichten wurden unterdrückt. Ausgesandte Missionare erzielten kaum Erfolge: Nur in Warendorf übernahmen Täufer für eine Woche die Kontrolle, bevor bischöfliche Soldaten sie schlugen. Ein Hilfegesuch an die ebenfalls bedrängte niederländische Täuferbewegung scheiterte im Oktober 1534.
Belagerung und Rückeroberung
Die Münsteraner Täufer stellten Kanonen auf Kirchtürmen auf und unternahmen erfolgreiche Ausfälle. Dennoch schlossen die fürstbischöflichen Truppen die Stadt vollständig ein. In sieben befestigten Lagern standen Ritter und Landsknechte unter dem erfahrenen Wirich V. von Daun-Falkenstein. Berittene Einheiten sperrten die Verkehrswege. An der Belagerung waren Truppen altgläubiger und evangelischer Fürsten beteiligt.
Die Abriegelung verursachte eine schwere Hungersnot. Das Leiden soll so groß gewesen sein, dass Einwohner die weiße Kalkfarbe der Kirchen abkratzten, in Wasser auflösten und als Milch verteilten.
Zwei Überläufer, darunter Heinrich Gresbeck, führten in der Nacht zum 25. Juni 1535 bischöfliche Kriegsknechte durch das Kreuztor in die Stadt. Nach Kämpfen konnten am folgenden Tag weitere Truppen eindringen. Bei der Eroberung wurden rund 650 Verteidiger getötet; die Frauen wurden aus Münster vertrieben. Hauptprediger Bernd Rothmann und „Reichskanzler“ Heinrich Krechting entkamen. In den folgenden Wochen ließ die siegreiche Seite die noch lebenden Täufer beiderlei Geschlechts hinrichten. Zunächst ausgenommen waren die gefangenen Führungspersonen Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling.
Verurteilung, Hinrichtung und Erinnerung
Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling wurden etwa ein halbes Jahr lang im Hochstift vorgeführt und mit sowie ohne Folter verhört. Am 6. Januar 1536 verurteilte man sie in Wolbeck zum Tode. Rechtsgrundlagen waren das Wiedertäufermandat des Reichstages von 1529 und die 1532 eingeführte Constitutio Criminalis Carolina, das damalige Strafgesetzbuch des Reichs.
Am 22. Januar 1536 wurden die drei auf dem Prinzipalmarkt am Fuß der Lambertikirche zu Tode gefoltert. Mit glühenden Zangen riss man ihnen die Zungen aus und zerfetzte ihre Körper; nach vier Stunden wurden sie erdolcht. Anschließend stellte man ihre Leichen in eisernen Körben am Turm der Lambertikirche zur Abschreckung öffentlich aus.
Die als Täuferkörbe bekannten Behälter hängen noch heute an der Kirche. Wegen des baufälligen alten Kirchturms wurden sie am 3. Dezember 1881 abgenommen und nach Fertigstellung des neuen Turms am 22. September 1898 an dessen Südseite wieder angebracht. Die benutzten Folterinstrumente befinden sich im Stadtmuseum Münster. Das Täuferreich wurde später in zahlreichen historischen Darstellungen, wissenschaftlichen Untersuchungen, Ausstellungen, Romanen, Theaterstücken, Opern, Filmen und Hörspielen behandelt; zu den bekannten Bearbeitungen gehört Giacomo Meyerbeers Oper „Le prophète“, die 1849 in Paris uraufgeführt wurde.