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Sturmflut

Eine Sturmflut ist ein durch Sturm mit auflandigen Winden erhöhter Tidenstrom, der an der Küste sehr hohe Wasserstände auslöst.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Entstehung
  2. 2. Gefährdete Küsten und Schutz
  3. 3. Geschichte und Beispiele
  4. 4. Messung und Pegelstände
  5. 5. Klimawandel und Risikoanalyse
  6. 6. Erinnerung und Kultur

Begriff und Entstehung

Eine Sturmflut ist ein durch Sturm mit auflandigen Winden erhöhter Tidenstrom, der an Küsten und in Flussmündungen sehr hohe Wasserstände auslösen kann. Nach DIN 4049-3 (2005) ist sie ein „durch starken Wind verursachtes Ansteigen des Wassers an der Meeresküste und in den Flussmündungen im Küstengebiet, wenn die Wasserstände einen bestimmten Wert überschreiten.“ Sturmfluten sind gefährlich, weil sie Küstenregionen überschwemmen können, besonders wenn Wasser über Deiche schwappt oder Deiche brechen.

Wichtig für das Verständnis sind mehrere Wasserstandsbegriffe: Der Wasserstand ist die aktuelle Höhe eines Wasserspiegels bezogen auf einen Referenzpegel. Für die Nordsee ist der Amsterdamer Pegel (NAP; Normaal Amsterdams Peil) ein wichtiger Bezugspunkt. Mittelwasser ist der durchschnittliche Wasserstand über einen längeren Zeitraum und wird vor allem im Binnenland verwendet. Mittleres Hochwasser (MHW) bezeichnet den aus einer längeren Beobachtungsreihe abgeleiteten mittleren Hochwasserstand. Der Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser. Bei Voll- und Neumond können Springhochwasser entstehen, weil sich die Gezeitenkräfte besonders stark auswirken; zusammen mit Wind und Gezeitenwellen können sie Sturmfluten begünstigen.

Für Emden, Bremen und Hamburg wird die in Deutschland weitgehend anerkannte Klassifikation des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) genutzt: 1,5 bis 2,5 m über dem mittleren Hochwasser gelten als „Sturmflut“, 2,5 bis 3,5 m über MHW als „schwere Sturmflut“ und mehr als 3,5 m über MHW als „sehr schwere Sturmflut“. Entstehung und Höhe hängen vor allem vom Zusammenspiel von Wind und Gezeiten ab; auch Windstärke und Dauer sind entscheidend.

Gefährdete Küsten und Schutz

Sturmfluten treten an der deutschen Küste besonders im Frühjahr und Herbst auf. Die Deutsche Bucht gilt nach Ansicht des BSH als eines der weltweit am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete. Das hängt mit der Form der Nordseeküste und dem Trichtereffekt der Elbmündung zusammen: Wasser kann dort bei ungünstigen Winden besonders stark aufgestaut werden.

Die Gefahr entsteht vor allem für flache Küstenregionen. Sturmfluten können nicht nur hohe Wasserstände verursachen, sondern auch Wellen mit erheblicher Energie. Wenn Deiche überströmt werden oder brechen, kann das Hinterland überschwemmt werden. Zum Schutz wurden und werden verschiedene Einrichtungen genutzt: Warften als erhöhte Siedlungsplätze, Deiche, Schleusen, Sturmflutsperrwerke und Windmühlen beziehungsweise Schöpfmühlen zur Entwässerung. An Flussmündungen werden Sturmflutsperrwerke errichtet, um Überschwemmungen zu verhindern.

Im Mittelalter veränderten Sturmfluten im Nordseeraum den Küstenverlauf stark. Sie schufen großräumige Meeresbuchten wie den Jadebusen und den Dollart. Damit waren Sturmfluten nicht nur kurzfristige Katastrophen, sondern konnten Landschaften dauerhaft umformen.

Geschichte und Beispiele

Sturmfluten und ihre Wirkungen sind seit der Römerzeit bekannt. Der Artikel weist darauf hin, dass ältere Angaben oft unsicher sind: Für frühe Ereignisse gibt es zuverlässige Angaben meist höchstens zu Landverlusten, während Zahlen zu Todesopfern widersprüchlich sein können. Besonders bei mittelalterlichen Katastrophen könnten manche Opferzahlen im Verhältnis zur damaligen Siedlungsdichte zu hoch angesetzt sein.

Um 120 bis 115 v. Chr. sollen antike Quellen von der großen Cimbrischen Flut in Jütland berichten, bei der viele Menschen umgekommen seien; ob diese Flut die Kimbern und Teutonen tatsächlich zur Aufgabe ihres Lebensraums veranlasste, ist zweifelhaft. Um 1134 entstand nach einer Sturmflut in Flandern der Seearm Zwin, der bis nach Brügge reichte. Bei der Julianenflut von 1164 starben im Gebiet von Weser, Elbe und Ostfriesland etwa 20.000 Menschen.

Als besonders bedeutend nennt der Artikel die Erste Marcellusflut von 1219 und die Zweite Marcellusflut oder Grote Mandränke von 1362. Beide veränderten den Küstenverlauf drastisch: Inseln wurden zerstört, geteilt oder geschaffen, große Landstriche gingen verloren, es gab Zehntausende Tote und viele verlorene Dörfer. Bei der Ersten Marcellusflut entstand die Zuidersee, das heutige IJsselmeer; etwa 36.000 Menschen starben. Für die Grote Mandränke reichen Schätzungen bis 100.000 Todesopfer, werden aber als möglicherweise zu hoch bezeichnet. Sicher sei, dass 30 Dörfer in einer Nacht vernichtet wurden und insgesamt 44 Dörfer durch zerstörte Deiche verloren gingen.

Weitere wichtige Sturmfluten waren die Elisabethenflut 1421, die Allerheiligenflut 1570, die Burchardiflut vom 11. Oktober 1634, die Weihnachtsflut von 1717 und die Februarflut von 1825. Die Flutkatastrophe von 1953 gilt als schwerste Sturmflut des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden und England. Die Sturmflut vom 17. Februar 1962 war besonders in Deutschland verheerend, zeigte sich in den Niederlanden aber nur als mittlere Sturmflut. Beide Katastrophen führten zu umfangreichen Küstenschutzmaßnahmen wie den Deltawerken, Deichbau und Sperrwerken. Dadurch verursachten jüngere Sturmfluten trotz hoher Wasserstände deutlich weniger Schäden als frühere, teils niedrigere Fluten.

Als große Sturmfluten außerhalb dieser Nordsee-Geschichte nennt der Artikel unter anderem die Allerheiligenflut an der Ostsee 1304 mit 271 Toten, das Sturmhochwasser in Sankt Petersburg 1824 mit 10.000 Toten, das Ostseesturmhochwasser 1872 mit 271 Toten sowie zwei Katastrophen in Bangladesch: Am 12. November 1970 traf ein Zyklon mit Windgeschwindigkeiten bis zu 230 km/h und meterhohen Flutwellen das damalige Ostpakistan; 300.000 Menschen starben. Am 29. April 1991 drückte der Wirbelsturm Gorky mit Windgeschwindigkeiten bis zu 250 km/h eine bis zu sechs Meter hohe Flutwelle weit ins Land; nach offiziellen Quellen starben 138.000 Menschen.

Messung und Pegelstände

Regelmäßige Aufzeichnungen über Wasserstände an der Nordsee gibt es erst seit 1840. Seit der Einführung automatischer Pegelschreiber ab 1880 entstanden kontinuierliche Aufzeichnungen. Aus langen Messreihen werden Durchschnittswerte und Eckdaten berechnet, die für Wasserstandsvorhersagen genutzt werden. Meteorologische Daten verbessern diese Vorhersagen.

Heute werden Sturmfluten nach der Höhe des Wasserstandes in leichte, mittlere und schwere Fluten eingeteilt. Bevor es genaue Statistiken gab, wurden sie eher nach den verursachten Schäden bewertet. An der niederländischen Nordseeküste tritt statistisch etwa alle zwei Jahre eine leichte Sturmflut auf, meist ohne größere Schäden. Mittlere Sturmfluten sind gefährlicher und treten statistisch nur alle 10 bis 100 Jahre auf; schwere Sturmfluten nur alle 100 bis 1000 Jahre.

Die Tabelle im Artikel nennt Sturmfluten mit Pegelständen ab 5 m über NN am Pegel Hamburg-St. Pauli im Vergleich zu Cuxhaven. Der höchste dort bisher gemessene Pegelstand war am 3. Januar 1976 bei Neumond während des Capella-Orkans: 6,45 m in St. Pauli und 5,10 m in Cuxhaven, mit einer Differenz von 1,35 m. Sehr hoch war auch der Wert vom 6. Dezember 2013 bei Neumond während Orkan Xaver: 6,09 m in St. Pauli und 4,64 m in Cuxhaven. Die Sturmflut vom 17. Februar 1962 erreichte bei Vollmond 5,70 m in St. Pauli und 4,95 m in Cuxhaven.

Klimawandel und Risikoanalyse

Im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung durch einen verstärkten Treibhauseffekt rechnen Wissenschaftler mit einer Zunahme der Sturmflutgefahren durch drei Effekte: eine erhöhte Sturmwahrscheinlichkeit, stärkere Sturmintensitäten und den allgemeinen Anstieg des Meeresspiegels. Besonders anfällig sind niedrig liegende und dicht besiedelte Gebiete an der deutschen Nordsee, darunter Hamburg und Bremen.

Das deutsche Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe veröffentlichte 2014 eine Risikoanalyse Sturmflut. Das untersuchte Szenario geht von einem zwei Tage anhaltenden Wintersturm aus, der eine sehr schwere Sturmflut verursacht und die gesamte deutsche Nordseeküste, die Niederlande und Dänemark trifft. Die höchsten Wasserstände treten in Hamburg, Bremerhaven und Husum auf. Zwar übersteigen die Wasserstände nicht die Deichhöhen, doch Wellenüberlauf verursacht punktuell Deichbrüche und Überschwemmungen des Hinterlandes mit teils erheblichen Schäden. Zusätzlich führt der Sturm bundesweit zu langanhaltenden Stromausfällen.

Die Analyse nennt konkrete Auswirkungen: Der Wintersturm trifft auf 30 Mio. Einwohner und verursacht 110 Tote. Die Überflutung betrifft 150.000 Einwohner und verursacht mehr als 150 Tote. Langanhaltende Stromausfälle betreffen mehr als 6 Mio. Personen und verursachen etwa 1.000 Tote. Die Eintrittshäufigkeit wird mit 1× in mehr als 10.000 Jahren angegeben.

Erinnerung und Kultur

An Küsten erinnern Sturmflutpfähle an die Gefahr durch Sturmfluten. Sie tragen Ringe auf der Höhe historischer Wasserstände und machen sichtbar, wie hoch frühere Fluten gestiegen sind.

Sturmfluten wurden auch in der Literatur verarbeitet. Ein Beispiel ist die Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm, die zugleich die Entwicklung des Deichbaus an der Nordsee im 19. Jahrhundert beschreibt. In deutscher Literatur und in Liedtexten wird die Sturmflut häufig auch als „Blanker Hans“ bezeichnet.

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