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Ostfriesland
Ostfriesland liegt an der Küste der Nordsee und umfasst neben dem Festland auch die Ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und …
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Region, Raum und Bevölkerung
Ostfriesland ist eine Region im äußersten Nordwesten Niedersachsens an der Nordsee. Im historisch-politischen Sinn umfasst sie die kreisfreie Stadt Emden sowie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund. Zum Gebiet gehören das Festland und die bewohnten Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog. Wangerooge und Minsener Oog zählen zwar zu den Ostfriesischen Inseln, gehören politisch aber zum oldenburgischen Teil Ost-Frieslands.
Die Region hat 462.419 Einwohner (31. Dezember 2025) auf 3144,26 km². Mit knapp 150 Einwohnern je km² ist sie dünner besiedelt als Deutschland insgesamt. Eine Großstadt fehlt; prägend sind Emden, Aurich, Leer, Norden und Wittmund sowie kleinere Städte und viele Dörfer. Das Gebiet entspricht fast der bis 1744 bestehenden Grafschaft Ostfriesland. Heute ist die Ostfriesische Landschaft als Kulturinstitution für die Region wichtig.
Ostfriesland grenzt im Westen an die Niederlande, im Norden an die Nordsee, im Osten an oldenburgische Landkreise und im Süden an das Emsland. Die Nähe zu den Niederlanden und die frühere landseitige Abgeschlossenheit durch Moore erklären ein starkes regionales Eigenbewusstsein. Etwa 50 Prozent der Bevölkerung sprechen ostfriesisches Platt.
Die Einwohnerzahl wuchs langfristig, unter anderem durch Zuwanderung. Für 1744 schwanken Schätzungen zwischen 80.000 und 100.000 Einwohnern; 2020 wurden 467.094 Einwohner gezählt. Die Geburtenrate lag 2024 in Leer bei 1,58, in Aurich bei 1,5, in Wittmund bei 1,38 und in Emden bei 1,31 Geburten je Frau; sie reicht jedoch nicht zur Bestandserhaltung. Zuwanderung glich das Geburtendefizit lange aus, verstärkt aber teilweise die Alterung. Das Durchschnittsalter betrug 2020 44,9 Jahre.
Küste, Landschaft und Klima
Vorgelagert liegt eine rund 90 km lange Kette junger Sandinseln. Zwischen Inseln und Festland befindet sich das Wattenmeer: Es wird durch die Gezeiten regelmäßig überflutet und fällt wieder trocken. Rinnen, Priele und Baljen durchziehen es. Küste, Inseln und Watt gehören wesentlich zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer; der deutsch-niederländische Teil des Wattenmeers wurde im Juni 2009 UNESCO-Weltnaturerbe.
Die Landschaft gliedert sich von der Küste landeinwärts in Marsch, Niedermoore, Geest und Hochmoore. Marsch ist fruchtbares, flaches Küstenland. Die Geest besteht überwiegend aus sandigem Material der Saaleeiszeit. Hochmoorreste wie das Ewige Meer bei Eversmeer und das Lengener Meer stehen unter Schutz und werden wieder vernässt. Deiche schützen seit mehr als 1000 Jahren vor Sturmfluten; Polder sind eingedeichte, dem Meer abgewonnene Flächen. Entwässerung erfolgt über Siele und Schöpfwerke. Weil das Gefälle gering ist, muss Wasser bei Flut gepumpt werden. Steigender Meeresspiegel und Starkregen erschweren Küstenschutz und Entwässerung.
Die Ems ist der größte Fluss. Weitere wichtige Gewässer sind Leda, Jümme und Harle sowie der Ems-Jade-Kanal. Die zahlreichen Tiefs und Kanäle dienten früher als Verkehrswege. Der höchste natürliche Punkt ist mit 24,4 m über dem Meeresspiegel eine Düne auf Norderney; der tiefste Punkt der Region liegt am Freepsumer Meer bei −2,5 m.
Das Klima ist nach Köppen Cfb: warmgemäßigt, feucht und mit warmen Sommern. Die Jahresmitteltemperatur beträgt 8,4 °C in Aurich und 9 °C auf Norderney. Im Mittel fallen etwa 800 mm Niederschlag jährlich, auf den Inseln weniger. Wind und Sturm sind häufig; auf den Inseln gibt es durchschnittlich an 30 Tagen jährlich Sturm mit mehr als 20 m/s. Die salz-, ozon- und jodreiche Luft wird als Reizklima bezeichnet.
Typische Lebensräume sind Dünen, Salzwiesen, Watt, Marsch, Moor und Wallhecken. Im Wattenmeer leben Seehunde und Kegelrobben. Etwa zehn Millionen Zugvögel nutzen es auf dem Ostatlantischen Zugweg. Die Insel Memmert besitzt mit rund 12.000 Brutpaaren der Silbermöwe die größte deutsche Kolonie dieser Art.
Von friesischer Freiheit zur Gegenwart
Die frühesten Nachweise menschlicher Anwesenheit reichen bis ins jüngere Mittelpaläolithikum zurück. Bedeutende Funde sind ein Bohlenweg im Meerhusener Moor mit Wagenresten von etwa 2500 v. Chr., die älteste Brandbestattung Nordwestdeutschlands von 2700–2900 v. Chr. und der Pflug von Walle, dessen genaue Datierung ungeklärt ist. Zunächst lebten Chauken, später Friesen und sächsische Gruppen in der Region. 12 v. Chr. erreichten Römer unter Drusus das Gebiet.
Nach einem Besiedlungsrückgang im 5. und 6. Jahrhundert setzte im 7. und 8. Jahrhundert eine friesische Neubesiedlung ein. Karl der Große eroberte 785 Friesland bis zur Weser. Die Friesen erhielten später besondere Freiheitsrechte; daraus entwickelte sich die Vorstellung der Friesischen Freiheit. Vom 12. bis 14. Jahrhundert entschieden gewählte Redjeven, also Rechtsprecher und Ratsmänner, über Recht und Führung ihrer Bezirke. Abgesandte friesischer Landschaften tagten am Upstalsboom nahe Aurich.
Im 14. Jahrhundert gewannen Häuptlingsfamilien Macht. 1464 wurde Ulrich Cirksena von Kaiser Friedrich III. zum Reichsgrafen erhoben. Unter den Cirksena entstand die Grafschaft beziehungsweise später das Fürstentum Ostfriesland. Die Reformation führte zu einer dauerhaften konfessionellen Gliederung: Der Osten wurde überwiegend lutherisch, der Westen überwiegend calvinistisch-reformiert. Emden entwickelte sich durch Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden zu einem bedeutenden Hafen- und Handelsort; die Emder Revolution von 1595 schwächte die gräfliche Macht in der Stadt. Die Weihnachtsflut 1717 forderte 2787 Menschenleben und verursachte große Viehverluste.
Nach dem Tod des letzten Cirksena-Fürsten Carl Edzard am 25. Mai 1744 besetzte Preußen Ostfriesland. Es folgten wirtschaftliche Impulse wie der Freihafen Emden 1751 und die Moorkolonisierung ab 1765. Von 1808 bis 1813/15 gehörte das Gebiet zum Königreich Holland beziehungsweise zum französischen Kaiserreich; 1811 wurden feste Familiennamen vorgeschrieben. 1815 fiel Ostfriesland an Hannover, 1866 wieder an Preußen. Der Ausbau Emdens zum Seehafen des Ruhrgebiets, der Dortmund-Ems-Kanal von 1899 und die Industrialisierung stärkten die Wirtschaft.
In der Weimarer Republik traf die Agrarkrise Ostfriesland früh. Bei den Reichstagswahlen 1932 erhielt die NSDAP im Regierungsbezirk Aurich 44,2 Prozent. Während des Nationalsozialismus wurden politische Gegner verfolgt und jüdische Menschen systematisch entrechtet. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden Synagogen unter anderem in Aurich, Emden, Esens, Leer, Norden und Weener niedergebrannt; im April 1940 meldeten Kommunen, sie seien „judenfrei“. Im Zweiten Weltkrieg wurden insbesondere Emden schwer bombardiert; am 6. September 1944 wurden rund 80 Prozent seiner Innenstadt zerstört. Im KZ Engerhafe starben 1944 innerhalb von zwei Monaten 188 Häftlinge.
Seit 1946 gehört Ostfriesland zu Niedersachsen. Die Nachkriegszeit war von Flüchtlingszuzug und Wiederaufbau geprägt. Der Regierungsbezirk Aurich bestand bis 1978. Seitdem vertritt vor allem die Ostfriesische Landschaft regionale Kulturinteressen. Wichtige wirtschaftliche Entwicklungen waren das Volkswagenwerk Emden ab 1964 und die Gründung von Enercon in Aurich 1984. Im 21. Jahrhundert belasten Werftenkrise, Energiekrise und Klimawandel die Region. Zugleich werden Wasserstofferzeugung in Emden, Speicher in Etzel und eine Pipeline zwischen Emden und Leer ausgebaut.
Politik, Sprache und Kultur
Die Aufgaben des ehemaligen Regierungsbezirks liegen heute vor allem bei den Landkreisen und der Stadt Emden oder beim Land Niedersachsen. Ein 2010 gegründeter Regionalrat aus Vertretern der drei Kreistage und des Emder Stadtrats sollte gemeinsame Interessen vertreten, wurde aber 2015 aufgelöst. Bei Wahlen gilt Ostfriesland traditionell als SPD-Hochburg, auch wenn CDU und AfD regional teilweise starke Ergebnisse erzielen.
Ein offizielles Landeswappen gibt es nicht mehr. Häufig verwendet wird das sechsfeldrige Wappen des Hauses Cirksena von 1625, das Symbole wichtiger Häuptlingsfamilien und Landesteile verbindet. Der Wahlspruch lautet „Eala Frya Fresena“ und verweist auf die friesische Freiheit. Die 1989 offiziell angenommene Flagge besitzt drei gleich breite Streifen: schwarz, rot und blau.
Volkssprache ist das Ostfriesische Platt, eine nordniedersächsische Variante des Niederdeutschen. Mindestens 80 Prozent verstehen Plattdeutsch, etwa 50 Prozent sprechen es aktiv. Die alte ostfriesische friesische Sprache ist in Ostfriesland selbst verschwunden; im Saterland sprechen noch etwa 2000 Menschen Saterfriesisch. Der Gruß „Moin“ wird zu jeder Tages- und Nachtzeit und auch formell verwendet.
Kulturell kennzeichnen die Region mittelalterliche Kirchen, Gulfhöfe, Burgen, Mühlen, Museen und historische Dorfkerne. Die Orgellandschaft umfasst in rund 170 alten Kirchen etwa 100 historische Orgeln. Die Rysumer Orgel von etwa 1440 gehört zu den ältesten im Grundbestand erhaltenen und spielbaren Orgeln der Welt. Bedeutende Einrichtungen sind unter anderem Kunsthalle und Ostfriesisches Landesmuseum in Emden sowie die Johannes a Lasco Bibliothek.
Die ostfriesische Teekultur ist besonders prägend: Der Konsum beträgt etwa 300 Liter pro Kopf und Jahr, rund elfmal so viel wie im übrigen Deutschland. Nach der Sitte „Dree is Oostfresenrecht“ werden gewöhnlich mindestens drei Tassen getrunken; wer keinen weiteren Tee möchte, legt den Löffel in die Tasse. Typische Speisen sind Grünkohl mit Pinkel und/oder Kassler, Labskaus, Matjes, Krabben und die zu Silvester gebackenen Neujahrshörnchen sowie Speckendicken. Bekannte Bräuche sind Eiertrullern zu Ostern, Verknobeln am 5. Dezember und das Bogenmachen zu Hochzeiten oder Geburtstagen.
Ostfriesland besitzt die Hochschule Emden/Leer mit knapp 4700 Studierenden, aber keine Universität. Im Sport sind besonders Boßeln, Klootschießen und Schleuderball als „Friesensport“ verbreitet. Die Bevölkerung ist überwiegend evangelisch: Nach dem Zensus 2022 waren 268.233 Personen Mitglied einer evangelischen und 36.109 einer katholischen Gemeinde.
Wirtschaft und Verkehr
Landwirtschaft, Fischerei und Seehandel bestimmten die Region lange Zeit. Landwirtschaft bleibt wichtig: 2020 gab es 2946 Betriebe mit 195.130 ha bewirtschafteter Fläche, davon 76.434 ha Ackerland und 118.351 ha Dauergrünland. Besonders bedeutend ist die Milchviehhaltung mit 149.110 Milchkühen. In den Küstenpoldern werden außerdem Weizen auf 7874 ha, Mais auf 12.762 ha und Raps auf 2870 ha angebaut. Krabbenkutter liegen unter anderem in Ditzum, Greetsiel, Norddeich, Dornumersiel und Neuharlingersiel.
Emden ist industrieller Schwerpunkt. Das Volkswagenwerk Emden ist mit rund 8000 Beschäftigten, ergänzt durch etwa 1000 Beschäftigte im Zuliefererpark, der größte industrielle Arbeitgeber. Enercon hat seinen Hauptsitz in Aurich. Windenergie ist sowohl Industrie als auch Energieträger: Ende 2014 waren im IHK-Bezirk 1435 MW Windenergieleistung installiert. In Emden und Dornum landen Pipelines norwegisches Erdgas an; darüber werden rund 30 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs importiert und weitergeleitet. Die starke Abhängigkeit von wenigen großen Unternehmen gilt als Monostruktur. Die Arbeitslosenquote betrug 2025 und im Juli 2026 jeweils 6,5 Prozent.
Der Emder Seehafen ist der drittgrößte Autoverladehafen Europas und schlägt jährlich mehr als 1,2 Millionen Fahrzeuge um. Er ist zudem Umschlagplatz für Windenergieanlagen und Basishafen für Offshore-Windparks. Leer gilt nach Hamburg mit rund 20 Reedereien und rund 400 Schiffen als zweitgrößter deutscher Reedereistandort. Norddeich ist Niedersachsens größter Personenhafen; jährlich reisen von dort rund 2,25 Millionen Passagiere und 175.000 Fahrzeuge zu Juist und Norderney. Tourismus konzentriert sich auf Inseln und Küstenorte, gewinnt aber auch im Binnenland durch Rad-, Wander- und Paddelangebote an Bedeutung.
Wichtige Straßen sind die A 28 von Leer über Oldenburg Richtung Bremen, die A 31 von Emden Richtung Ruhrgebiet und die A 280 zur niederländischen A7. Die B 210 verbindet Emden, Aurich und Wittmund mit Wilhelmshaven. Den Busverkehr organisiert der Verkehrsverbund Ems-Jade.
Im Bahnverkehr verbinden Hauptstrecken Norddeich, Emden und Leer mit Münster sowie Oldenburg/Bremen. Intercity-Züge fahren von Norddeich Mole oder Emden in Richtung Köln und Berlin/Leipzig. Leer ist Eisenbahnknotenpunkt mit Verbindungen in alle Himmelsrichtungen. Die Strecke Abelitz–Aurich wird seit 2008 nur für Güterverkehr genutzt; eine Reaktivierung für Personenverkehr wird diskutiert. Die Strecke Leer–Groningen ist wegen des Neubaus der nach einer Kollision 2015 beschädigten Friesenbrücke noch eingeschränkt; der Ersatzbau soll voraussichtlich im Sommer 2026 fertig sein.
Fähren führen von Emden nach Borkum, von Norddeich nach Juist und Norderney, von Neßmersiel nach Baltrum, von Bensersiel nach Langeoog und von Neuharlingersiel nach Spiekeroog. Flugplätze gibt es in Leer, Emden, Norden-Norddeich und – außer auf Spiekeroog – auf den Inseln; der nächste internationale Flughafen liegt in Bremen.