Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Flutkatastrophe von 1953
Nach offiziellen Angaben starben in den Niederlanden 1835 Personen, der größte Teil davon in der Provinz Zeeland; in Großbritannien fanden 307 Menschen den Tod, …
Inhalt5 Abschnitte
Ursachen und Ausgangslage
Die Flutkatastrophe vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 war die schwerste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts. Sie traf vor allem die Niederlande und Großbritannien, in geringerem Maß Belgien. In Deutschland wird sie auch Hollandsturmflut genannt. Insgesamt starben 2408 Menschen: 1835 in den Niederlanden, 307 in Großbritannien, 14 in Belgien und 252 auf See.
Die Katastrophe entstand durch das Zusammentreffen einer ausgeprägten Springflut mit einem schweren Nordweststurm. Eine Springflut ist eine besonders hohe Flut. Ein Tiefdruckgebiet verstärkte sich über Schottland zum Orkan und zog in die Nordsee. Am 31. Januar wurden im Norden Schottlands Windgeschwindigkeiten bis 180 km/h und an der niederländischen Küste Orkanböen bis 144 km/h gemessen. Im Südwesten der Niederlande herrschte 20 Stunden lang Windstärke 9. Der Wind staute das Wasser so stark, dass es bei der erwarteten Ebbe nicht abfloss, sondern weiter gegen die Deiche drückte und sie unterspülte.
Bei Hoek van Holland erreichte das Wasser 3,85 Meter über NAP, dem niederländischen Höhenbezugssystem; der normale Tidenhub betrug dort nur 80 Zentimeter. Gemessen wurden außerdem 4,25 Meter bei Brouwershaven, 4,55 Meter in Vlissingen und 5,25 Meter in Kruiningen. An der englischen Küste stieg die Nordsee in Southend auf 2,74 Meter und bei King’s Lynn auf 2,97 Meter.
Die Warn- und Informationssysteme waren unzureichend. Wettervorhersagen waren ohne Computer und Satelliten ungenau, eine internationale Zusammenarbeit bestand nicht, und Warnungen wurden der Bevölkerung meist nicht direkt mitgeteilt. Radioanstalten sendeten nachts nicht durchgehend; Telefone und Fernsehgeräte waren in Privathaushalten selten. Zudem gab es keine ausgearbeiteten niederländischen Pläne für Warnung, Evakuierung und Rettung.
Besonders gefährdet war das niederländische Deltagebiet an Rhein, Maas und Schelde. Rund ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Viele Deiche waren zu niedrig, schwach oder schlecht gepflegt. Fachleute hatten seit den 1920er Jahren davor gewarnt. Dennoch wurden vor allem Studien angefertigt oder Deiche kostengünstig mit sogenannten Muraltmauern aus Beton erhöht. Kriegsschäden, aufgeschobene Bauvorhaben und die lange Zeit ohne schwere Sturmflut verstärkten die Gefahr.
Verlauf in den Niederlanden
Das Wetteramt KNMI warnte am 31. Januar um 11 Uhr mehrere Gemeinden vor Sturm und gefährlichem Hochwasser. Um 17:15 Uhr folgte ein allgemeines Warntelegramm. Viele Behörden erhielten oder lasen es jedoch nicht: Nur wenige Stellen hatten den Wetterdienst abonniert, übergeordnete Dienststellen waren am Wochenende geschlossen. Die Radiomeldung um 18 Uhr nannte einen schweren Sturm, enthielt aber keine konkreten Anweisungen.
Nach dem Fluthochstand um 00:44 Uhr folgte etwa drei Stunden später die Springflut. Um 03:24 Uhr wurde in Vlissingen mit 4,55 Metern über NAP der höchste Wasserstand gemessen. Gegen 3 Uhr brachen die ersten Deiche, unter anderem bei Oude Tonge, Kortgene und Kruiningen. Bei Stavenisse entstand eine 1800 Meter breite Lücke. Insgesamt brachen in dieser Nacht 89 Deiche auf 187 Kilometern. Nahezu ganz Schouwen-Duiveland sowie große Teile von Goeree-Overflakkee, Tholen, Noord-Brabant und der Hoeksche Waard wurden überflutet. Häuser und ganze Siedlungen wurden fortgerissen.
Der Schielands Hoge Zeedijk zwischen Schiedam, Rotterdam und Gouda hielt knapp stand. Bei Nieuwerkerk aan den IJssel verschloss ein Schipper die größte Bresche mit seinem Boot. Dadurch blieb ein Gebiet mit mehr als drei Millionen Einwohnern geschützt; bei einem vollständigen Bruch wären Rotterdam, Delft und weite Teile Den Haags überflutet worden.
Kommunikation und Infrastruktur brachen zusammen. Telefonleitungen, Straßen und Eisenbahnen fielen aus. Am Sonntag waren die Menschen weitgehend auf sich gestellt; örtliche Fischer und Bootsbesitzer retteten Bewohner und Vieh. Nach einer vorübergehenden Ebbe stieg das Wasser am Sonntagmittag erneut an. Diese zweite Flut war noch höher und zerstörte weitere Häuser. Erst am Montag rief die Regierung den nationalen Notstand aus. Hilfe kam per Boot, Flugzeug und Hubschrauber, unterstützt von niederländischen, belgischen, französischen, amerikanischen und britischen Soldaten sowie Amateurfunkern.
In den Niederlanden starben 1835 Menschen, davon 873 in Zeeland, 686 in Südholland und 254 in Nordbrabant. Besonders betroffen waren Oude Tonge mit 250, Stavenisse mit 200 und Nieuwerkerk mit 150 Toten. 3000 Häuser und 300 Höfe wurden völlig zerstört, 40.000 Häuser und 3000 Bauernhöfe beschädigt. 72.000 Menschen mussten evakuiert oder später umgesiedelt werden. Zwischen 130.000 und 200.000 Hektar Ackerland wurden überflutet; die Angaben unterscheiden sich zwischen britischem Wetterdienst und niederländischer Regierung. Salzwasser machte die Flächen lange unfruchtbar. Außerdem wurden 500 Kilometer Deich schwer beschädigt.
Eine große nationale und internationale Hilfs- und Spendenbewegung begann. Das Deutsche Rote Kreuz erhielt etwa 600.000 Deutsche Mark an Spenden. Für das 1950 gegründete Technische Hilfswerk war der Einsatz auf Schouwen-Duiveland vom 7. Februar bis 20. März 1953 der erste Auslandseinsatz.
Großbritannien, Belgien und die See
Auch Großbritannien besaß weder ein zentrales Flutwarnsystem noch eine zentrale Koordinierungsstelle. Obwohl Gemeinden Notfallpläne hatten, verhinderten unterbrochene Telefonverbindungen rechtzeitige Warnungen und Evakuierungen. Ab dem Abend des 31. Januar brachen an der Küste von Norfolk und Lincolnshire Deiche. Dörfer wurden binnen Minuten überflutet. Später traf die Flut unter anderem Great Yarmouth, Harwich, Canvey Island, Felixstowe, Jaywick und das Industriegebiet an der Themsemündung.
In Großbritannien starben 307 Menschen, mindestens zwölf davon an Unterkühlung. Auf Canvey Island kamen 58 Personen ums Leben und 11.500 wurden obdachlos. Mehr als 1600 Kilometer Küste wurden verwüstet, 1000 Kilometer Deiche und Kaimauern beschädigt. Auf 728 Quadratkilometern überfluteter Fläche mussten 30.000 Menschen gerettet oder evakuiert werden; 24.000 Häuser wurden schwer beschädigt. Anders als in den Niederlanden begannen die Hilfsaktionen am Sonntagmorgen rasch, weil keine großen Gebiete vollständig abgeschnitten waren.
In Belgien warnte das KMI am 31. Januar zunächst vor Windstärke 9 und um 21:10 Uhr vor Windstärke 11. Besonders Oostende wurde schwer getroffen: Nach dem Bruch des Seedeichs stand die Innenstadt bis zu zwei Meter unter Wasser. Auch in weiteren Orten Ost- und Westflanderns wurden Hunderte Häuser beschädigt. 14 Menschen starben. Im Landesinneren verwandelte sich der Sturm in den Ardennen in einen Schneesturm, der Dörfer unter meterhohem Schnee begrub. Wegen des kleineren Katastrophengebiets konnte die Hilfe schneller organisiert werden als in den Niederlanden.
Auf See sank am 31. Januar gegen 13:58 Uhr die Fähre Princess Victoria zwischen Schottland und Nordirland. Von 179 Menschen an Bord wurden nur 34 Passagiere und zehn Besatzungsmitglieder gerettet; alle Frauen und Kinder starben. Acht weitere Schiffe mit 94 Besatzungsmitgliedern gingen unter. Insgesamt starben auf See 224 Menschen vor Schottland und England sowie 28 vor der flämischen Küste. Der Untergang der Princess Victoria beeinflusste den späteren Fährbau: Als Schwachstelle galt ihre nach innen öffnende Heckklappe; moderne Heckklappen öffnen nach außen.
Wiederaufbau und Küstenschutz
Die Katastrophe zeigte, dass Deiche, Behörden, Warnsysteme und Kommunikationswege unzureichend vorbereitet waren. In den Niederlanden wurde für besonders schutzbedürftige Küstenabschnitte gesetzlich ein Bemessungswasserstand mit einer Jährlichkeit von 10.000 Jahren festgelegt. Das bedeutet, dass die zugrunde gelegte maximale Sturmfluthöhe statistisch nur einmal in 10.000 Jahren auftreten soll.
Der letzte niederländische Deichdurchbruch wurde am 6. November 1953 bei Ouwerkerk mit Beton-Caissons geschlossen. Bereits am 18. Februar hatte Minister Jacob Algera die Delta-Kommission einberufen. Sie entwickelte den Delta-Plan: Meeresarme sollten durch Dämme und bewegliche Sperrwerke geschlossen, Deiche erhöht und ihre Sicherheit mit statistischen Methoden berechnet werden. Grundlage wurde das Delta-Gesetz vom 8. Mai 1958. Die Kosten stiegen auf sechs Milliarden Gulden und damit auf mehr als das Dreifache des Ansatzes. Zum Gesamtprojekt gehörten 1000 Kilometer Deicherhöhungen sowie zehn neue Deiche und Flutwehre. Das Oosterschelde-Sperrwerk blieb beweglich, damit Salzwasser, Gezeiten sowie Flora und Fauna erhalten werden konnten. Mit der 1997 fertiggestellten Maeslantkering bei Rotterdam wurde das Delta-Projekt abgeschlossen.
In Großbritannien führte die Flut zum Storm Tide Forecasting Service und zur Planung des Thames Barrier. Das bewegliche Sperrwerk schützt London und den oberen Themselauf. Der Bau begann 1974, wurde zehn Jahre später abgeschlossen und kostete 534 Millionen Pfund. Heute koordiniert die Environment Agency die Flutwarnungen in England und Wales und soll gefährdete Haushalte mindestens zwei Stunden vorher warnen.
Belgien reparierte zunächst Schäden und erhöhte gefährdete Deiche, etwa an Schelde und Rupel bei Bornem und Hingene auf durchschnittlich 7,75 Meter. Ein umfassender Sigma-Plan entstand jedoch erst nach einer weiteren Flut am 3. Januar 1976. In Deutschland waren die Schäden 1953 geringer und es gab keine Todesopfer. Die Deiche wurden dennoch verstärkt und Sperrwerke errichtet. Das 1961 fertiggestellte Bauwerk an der Geestemündung schützte Bremerhaven bei der Sturmflut von 1962.
Lehren, Zusammenarbeit und Erinnerung
Da während der Katastrophe Telefon- und andere Verbindungen ausfielen, war privater Amateurfunk für die Kommunikation besonders wichtig. Großbritannien und die Niederlande banden Funkamateure deshalb später über die Notfunkorganisationen RAYNET und DARES stärker in den Katastrophenschutz ein.
Die Ereignisse machten außerdem die internationale Zusammenarbeit bei Warnung und Küstenschutz notwendig. 2004 gründeten Großbritannien, Belgien, die Niederlande, Deutschland und Dänemark das Projekt ComCoast, um gemeinsam platzsparende und kostengünstige Lösungen gegen Wellenüberlauf zu untersuchen. 2009 wurde bei der EU-Übung FloodEx in den Niederlanden eine Lage nach dem Vorbild von 1953 nachgestellt.
An der niederländischen, britischen und belgischen Küste erinnern Denkmäler, Gedenksteine und Wasserstandsmarkierungen an die Flut. In den vier Senkkästen, mit denen bei Ouwerkerk die letzte Deichlücke geschlossen wurde, befindet sich das Watersnoodmuseum. In den Niederlanden ist der 1. Februar nationaler Gedenktag. Die Katastrophe gehört außerdem zum Canon van Nederland für den Schulunterricht.