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Zweite Marcellusflut
Die zweite Marcellusflut, auch: Mandrankels, Grote Madetuen oder Grote Mandrenke („große Manntränke, großes Ertrinken“), bezeichnet eine verheerende Sturmflut …
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Kern und Bedeutung
Die zweite Marcellusflut, auch Mandrankels, Grote Madetuen oder Grote Mandrenke genannt, war eine schwere Sturmflut an der Nordseeküste im 14. Jahrhundert. Nach späterer Überlieferung begann sie am 15. Januar 1362, erreichte am 16. Januar, dem Marcellustag, ihren Höhepunkt und fiel erst am 17. Januar wieder ab. Der Name bezieht sich auf Marcellus I.; der Tag hieß im kirchlichen Kalender Marcelli Pontificis.
Die Flut gilt vor allem für Nordfriesland als besonders folgenreich. In der Überlieferung heißt es, die nordfriesischen Uthlande seien zerrissen worden. Rund 100.000 Hektar Land, darunter viel fruchtbares Kulturland, sollen verlorengegangen sein. Zwischen Elbe und Ripen sollen zehntausende Menschen gestorben sein; spätere Chroniken nennen für die ganze Westküste sogar 100.000 Tote, was im Artikel als sicher stark übertrieben bezeichnet wird. Rungholt, damals ein bedeutender Handelsort des Nordens, ging verloren.
Für die Küstenforschung wurde diese Sturmflut lange als Schlüsselereignis angesehen, besonders seit Carl Woebcken im 20. Jahrhundert. Mit ihr wurden auch die Entstehung oder Vergrößerung von Dollart, Leybucht und Jadebusen verbunden. Neuere Forschung ist vorsichtiger: Zeitgenössische Quellen aus England, Holland und Bremen berichten vor allem von einem Sturm aus Westen, Südwesten und Süden, der die südliche Nordseeküste eher verschont haben dürfte. Die niederländische Küstenforscherin Elisabeth Gottschalk war für die Niederlande sehr skeptisch, weil sie keine maßgebliche zeitgenössische Quelle für eine derart massive Wirkung fand.
Unsichere Quellenlage
Die Überlieferung zur zweiten Marcellusflut ist schwierig. Zunächst gab es vor allem mündliche Berichte. Die späteren chronikalischen Aufzeichnungen stammen frühestens aus dem 15. Jahrhundert und werden im Artikel ausdrücklich als „mit Vorsicht zu genießen“ beschrieben.
Mehrere Chronisten nennen unterschiedliche Daten. Matthias Boetius datierte 1615 den Untergang Rungholts nach Berichten Einheimischer auf das Jahr 1300 und die Marcellusflut auf 1354. Peter Bokelmann sprach 1564 von einem Man-Drenkelß von 1354. Neocorus und Peter Sax setzten die Flut auf 1300. Peter Sax und Johannes Petreus datierten das Zerreißen der nordfriesischen Uthlande auf 1338. Auch der Tag ist nicht ganz sicher: Neben dem Marcellustag wurden in Chroniken auch Lätare, im Jahr 1362 der 27. März, oder Mariä Geburt, der 8. September, genannt.
Der Volkskundler Bernd Rieken hält es für möglich, dass der Tag richtig überliefert wurde, weil nach 1219 erneut eine große Sturmflut auf den Marcellustag gefallen sein könnte, das genaue Jahr aber verloren ging. Der Klimaforscher Jan Buisman warnt vor übereilten Schlüssen: Für mögliche Schäden an der norddeutschen Küste, etwa im Bereich der Jademündung, gebe es keine einwandfreien Beweise; für Nordfriesland seien Überschwemmungen möglich, aber ohne weitere Studien bleibe vieles Spekulation. In neuerer Zeit wurden durch Datenvergleiche Verbindungen zu Sturmflutereignissen an der britischen Küste hergestellt. So wurden große Teile der Hafenstadt Dunwich wahrscheinlich einen Tag vor Rungholt zerstört.
Voraussetzungen der Katastrophe
Mehrere langfristige Entwicklungen machten die Küstengebiete verletzlich. Seit dem 11. oder 12. Jahrhundert bauten die Bewohner der Marschen Deiche gegen die Gezeiten. Marschen sind niedrig liegende, fruchtbare Küstengebiete. Die Deiche waren meist nur niedrige Schutzanlagen für die Äcker während der Vegetationszeit. Deichbau hatte aber auch eine Nebenwirkung: Eingedeichte Flächen konnten absacken, weil natürliche Sedimentablagerungen bei regelmäßigen Überflutungen ausblieben. Gleichzeitig konnte in abgedämmten Prielen, also natürlichen Wasserläufen im Watt und in der Marsch, der Tidenhub zunehmen. Dadurch wurde Vorland abgetragen, und der Druck auf die Deiche wuchs.
Auch die Landnutzung trug zum Risiko bei. Salztorfabbau zur Gewinnung von Brennmaterial und Salz ließ das Land weiter absinken, teils unter den Meeresspiegel. Nach einem Deichbruch konnte das Wasser dann nicht mehr richtig abfließen. Gepflügter Boden bot dem Wasser mehr Angriffsfläche als geschlossene Pflanzendecken, und Ackerbau erforderte Entwässerung, die wiederum Bodensenkung begünstigte. Die Insel Strand bestand größtenteils aus urbar gemachtem Hochmoor, das allmählich versank und aufgezehrt wurde. Hochmoorschichten konnten örtlich drei bis fünf Meter hoch sein; wenn sie vor den Deichen lagen, konnten sie bei Hochwasser angehoben und verlagert werden. Dadurch konnte eine einzige Sturmflut sehr große Flächen zerstören.
Hinzu kamen frühere Sturmfluten und eine allgemeine Krise. Zwischen 1000 und 1400 sank der Wasserspiegel der Nordsee vermutlich um einige Dezimeter, doch der zunehmende Deichbau führte zu einem „schleichenden Meeresspiegelanstieg“ für die eingedeichten Gebiete. Im 13. und 14. Jahrhundert trafen viele schwere Sturmfluten die Nordseeküste, etwa 1287 und 1341. Nachfolgende Fluten konnten selbst bei geringerer Höhe schwere Schäden verursachen, wenn sie auf vertiefte Priele und noch nicht reparierte Deiche trafen. Die beginnende Kleine Eiszeit brachte schlechtere Ernten, und der Schwarze Tod schwächte 1349/1350 auch die Küstenbevölkerung. Dadurch fehlten Menschen und Mittel, um Deiche instand zu halten. Zusätzlich hatte das Magdalenenhochwasser von 1342 weite Teile Mitteleuropas verwüstet.
Nordfriesland als Hauptschauplatz
In Nordfriesland durchstießen die Fluten die Marschen zum Teil bis zum Geestrand. Die Geest ist höher gelegenes, sandigeres Altmoränenland. Die alte Küstenlinie mit schützenden Nehrungen wurde zerstört. Flache Priele zwischen nahe beieinanderliegenden Marschinseln vertieften sich zu Wattströmen. Diese ließen bei folgenden Fluten das Wasser immer tiefer ins Land eindringen. In Nordfriesland entstanden die ersten Halligen, also kleine, nicht vollständig eingedeichte Marschinseln.
Wie viel Land bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts verlorenging, lässt sich nicht genau rekonstruieren, weil keine exakten Karten existieren. Hinweise liefern das Waldemar-Erdbuch in einer Handschrift um 1300 und Kirchenregister von 1305 und 1462. Da die Bewohner nach der Flut die Deiche nicht wiederherstellen konnten, ging in den folgenden Jahrzehnten weiteres Land verloren. Nach einem Bericht des Bischofs Nikolaus Brun waren in Nordfriesland insgesamt 44 Kirchen und Kirchspiele betroffen. Etwa 24 verlorene Kirchspiele lagen auf Strand und anderen Uthland-Inseln, die übrigen auf dem Festland. Die spätere Rekonstruktion Johannes Mejers um 1650 zeigte das frühere Land vermutlich zu weit nach Westen ausgedehnt.
Die älteste Quelle zur Sturmflut 1362 stammt aus einer Kopie des verlorenen Schleswiger Stadtbuchs. Dort heißt es, am 16. Januar 1362 habe es eine große Wasserflut im Friesland gegeben, bei der auf Strand 30 Kirchen und Kirchspiele ertranken. Der Chronist Anton Heimreich schrieb 1666 nach älteren Quellen, die Westsee sei vier Ellen, also etwa 2,4 Meter, über die höchsten Deiche in Nordfriesland gegangen. Er berichtete von 21 Deichbrüchen, vom Untergang Rungholts mit sieben weiteren Kirchspielen in der Edomsharde und von 7600 Toten; diese Zahl findet sich auch bei Neocorus.
Johannes Petreus überlieferte aus älteren Chroniken eine religiöse Deutung: Gott habe die Bewohner bestraft, weil sie ihn nicht anerkennen wollten. Viele Menschen und Rinder seien gestorben; wegen des Mangels an Menschen und Brotkorn habe man die Deiche nicht wiederherstellen können. Der Norderhever entstand als großer Priel im Watt und riss nach der Burchardiflut von 1634 die Reste der Insel Strand endgültig auseinander.
Ostfriesland und Oldenburg
Für Ostfriesland und Oldenburg ist die Rolle der Marcellusflut deutlich unsicherer. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden Leybucht und Harlebucht durch verschiedene Fluten vergrößert. Am Jadebusen bildete sich das Schwarze Brack zwischen Ellens, Sande und Neustadtgödens; Butjadingen und Stadland wurden zu Inseln. Bei Emden brach am Anfang des 15. Jahrhunderts auf der anderen Seite der Emsdeich. Das führte zum ersten Dollarteinbruch und zum Untergang des Dorfes Janssum. Bei der Harlebucht gingen Otzum und weitere Dörfer verloren. Vermutlich wurde Juist um diese Zeit von Borkum getrennt.
Der Artikel betont jedoch, dass die Marcellusflut daran vermutlich kaum Schuld hatte. Nur die Norder Annalen berichten für den Marcellustag 1361, dass viele feste Häuser und Kirchtürme, darunter der Turm des Dominikanerklosters in Norden, vom Wind umgeblasen wurden. Große Bäume wurden entwurzelt, und die Deiche der Westermarsch wurden vom Wasser eingeebnet, wobei viele Menschen und Rinder in ihren Häusern ertranken. Das entspricht der Wirkung eines Sturms aus Südwesten. Aus Butjadingen ist nur überliefert, dass zwei Pfarrhäuser und dreißig Bauernhöfe im Banter Kirchspiel umgeblasen wurden. Fast alle Dörfer, die dort im 15. Jahrhundert untergingen, bestanden um 1420 noch.
Ein archäologischer Hinweis stammt vom Stollhammer Deich im Landkreis Wesermarsch nahe der Nordostecke des Jadebusens. Dort wurden Reste einer Dorfwurt aus dem 11. oder 12. Jahrhundert entdeckt, die möglicherweise Opfer der zweiten Marcellusflut wurde. Die Funde lagen unter einer 1,3 Meter dicken Kleischicht und umfassten Backstein- und Basaltbruchstücke, Holz, Keramik, Leder, Metall- und Knochenobjekte, Schlacken und Stoff.
Folgen und Erinnerung
Die Flut zerstörte große Flächen Kulturland. Danach begannen in Nordfriesland erste Landgewinnungsmaßnahmen durch organisierten Deichbau. Vorher hatte man vor allem niedrige Sommerdeiche gebaut, die das bebaute Land nur gegen meist niedrigere Sommersturmfluten schützten. Menschen und Vieh wurden vor allem durch Warften geschützt. Warften sind künstlich erhöhte Wohnhügel, auf denen Häuser und Höfe bei Hochwasser sicherer liegen.
Nach der Flut lagerten sich auf höher und geschützter gelegenen Flächen des untergegangenen Landes neue Sedimente ab. Dadurch entstanden neue Schichten fruchtbaren Marschbodens. Dieser Anwachs wurde schrittweise eingedeicht und als neue Köge gewonnen. Köge sind eingedeichte, dem Meer abgewonnene Landflächen.
Die Wirkung der Flut blieb so stark im Gedächtnis, dass die Burchardiflut von 1634, die große Teile der verbliebenen Insel Alt-Nordstrand zerstörte, auch Zweite Grote Mandränke genannt wurde. Rungholt wurde später oft mythisch überhöht, besonders bekannt durch Detlev von Liliencrons Gedicht „Trutz, Blanke Hans“. Erst als 1938 Reste des historischen Rungholt gefunden wurden, erkannte die Geschichtswissenschaft die reale ehemalige Existenz des Ortes an.