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Nordsee

Die Gezeiten werden durch die Gezeitenwellen aus dem Nordatlantik ausgelöst, da die Nordsee selbst zu klein und zu flach ist, um eine nennenswerte Tide …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Lage
  2. 2. Meeresboden, Entstehung und Wasser
  3. 3. Küsten, Inseln und Schutz
  4. 4. Lebensräume und Umweltprobleme
  5. 5. Nutzung, Wirtschaft und Politik
  6. 6. Historische Bedeutung

Überblick und Lage

Die Nordsee ist ein Randmeer des Atlantischen Ozeans in Nordwesteuropa. Sie ist ein Schelfmeer beziehungsweise Epikontinentalmeer, also ein Meer auf dem Kontinentalschelf. Deshalb ist sie im Durchschnitt nur 95 m tief. Ihre Fläche beträgt rund 570.000 bis 575.000 km², ihr Wasservolumen etwa 54.000 km³. Die maximale Tiefe wird in den Grunddaten mit 700 m angegeben; im Abschnitt zur Gestalt wird die Norwegische Rinne als tiefste Stelle mit bis zu 725 m genannt.

Die Nordsee ist auf drei Seiten von Land begrenzt: im Westen durch Großbritannien, im Osten und Süden durch Norwegen, Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Belgien und Frankreich. Im Südwesten geht sie durch die Straße von Dover in den Ärmelkanal über. Im Osten ist sie über Skagerrak und Kattegat mit der Ostsee verbunden. Nach Norden öffnet sie sich trichterförmig zum Europäischen Nordmeer und damit zum Nordatlantik. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 1.120 km, die größte West-Ost-Breite 1.001 km.

Die südliche Nordsee ist zusammen mit dem Ärmelkanal eine der wichtigsten und am dichtesten befahrenen Schifffahrtsregionen der Welt. In einem 150-km-Bereich an der Küste leben rund 80 Millionen Menschen. Die Nordsee ist außerdem wirtschaftlich wichtig durch Häfen, Fischerei, Erdöl- und Erdgasförderung, Sand- und Kiesgewinnung, Offshore-Windenergie und Tourismus.

Meeresboden, Entstehung und Wasser

Das heutige Nordseebecken bildete sich im Tertiär heraus, seine heutigen Umrisse bekam es aber erst im frühen Holozän vor etwa 8.000 Jahren. Während der Weichseleiszeit war viel Wasser in Gletschern gebunden; der Meeresspiegel lag bis zu 120 m tiefer als heute. Große Teile der heutigen Nordsee lagen trocken. Die südliche Nordsee war damals Festland und wird Doggerland genannt. Großbritannien und das europäische Festland waren verbunden. Danach stieg der Meeresspiegel, über die letzten 7.500 Jahre gerechnet im Mittel um etwa 33 cm pro Jahrhundert an den deutschen Küsten. Im 20. Jahrhundert stieg das Wasser um etwa 20 bis 25 cm.

Der Meeresboden ist im Süden besonders flach: Der gesamte südliche Teil ist höchstens 50 m tief. Wichtige Formen sind die Doggerbank, ein sehr flaches Gebiet von 13 bis höchstens 20 m Tiefe, die Deutsche Bucht, die Southern Bight und die Norwegische Rinne. Die Norwegische Rinne ist durchschnittlich 250 bis 300 m tief und am Übergang zum Skagerrak bis zu 725 m tief. Sie ist wichtig für den Wasseraustausch mit Atlantik und Ostsee.

Der Salzgehalt schwankt stark. In der Nähe von Flussmündungen liegt er bei 15 bis 25 Promille, in der offenen Nordsee bei 32 bis 35 Promille. Die Wassertemperatur kann im Sommer 25 °C erreichen und liegt im Winter um 10 °C, variiert aber je nach Tiefe, Atlantikeinfluss und Küstennähe. Von 1965 bis 2010 stieg die Durchschnittstemperatur der deutschen Nordsee um 1,67 °C.

Das Salzwasser strömt vor allem aus dem Atlantik durch den Ärmelkanal und entlang Schottlands und Englands in die Nordsee. Süßwasser kommt aus Nordseeflüssen und über die Ostsee. Die Nordseeflüsse entwässern etwa 841.500 km² und bringen jährlich ungefähr 296 bis 354 km³ Süßwasser ein; die Ostseeflüsse entwässern 1.650.000 km² und tragen 470 km³ Süßwasser bei. In etwa ein bis zwei Jahren wird das Wasser der Nordsee vollständig ausgetauscht.

Die Gezeiten werden vor allem durch Gezeitenwellen aus dem Nordatlantik verursacht. Ebbe und Flut wechseln etwa alle 12 h 25 min. Der Tidenhub reicht von unter einem halben Meter an der Küste Südnorwegens bis 6,8 m in The Wash an der englischen Küste. An der deutschen Nordseeküste beträgt er je nach Küstenform und Lage zwischen 2 und 4,5 m.

Küsten, Inseln und Schutz

Die Küsten der Nordsee sind sehr verschieden. Im Norden sind sie stark von Eiszeiten geprägt. In Norwegen kommen Fjorde vor: tiefe, von Gletschern ausgeschürfte Täler, die später vom Meer gefüllt wurden. In Schottland und Nordengland gibt es Fjärde, die ähnlich entstanden, aber meist flacher und breiter sind. Außerdem finden sich Kliffküsten, Schären und flache Gesteinsplatten, sogenannte Strandflaten.

Die südliche und östliche Nordseeküste ist eine Flachküste. Dort bestimmen Gezeiten, Brandung und Sedimentablagerungen die Landschaft. Zwischen Den Helder in den Niederlanden und Esbjerg in Dänemark liegt das Wattenmeer, eine von Ebbe und Flut geprägte Landschaft. Es ist das größte und artenreichste Wattenmeer der Welt. Die niederländischen Westfriesischen und die deutschen Ostfriesischen Inseln sind Barriereinseln, die durch Sandablagerung und Brandung entstanden. Einige Inseln bewegen sich bis heute: Juist hatte seit 1650 fünf verschiedene Kirchplätze, Wangerooge verlagerte sich in 300 Jahren einmal um seine ganze Länge nach Osten.

Die Nordfriesischen Inseln entstanden aus Resten alter Geestkerninseln. Halligen sind Reste von Marschland, das bei mittelalterlichen Sturmfluten unterging. Von einst über hundert Halligen existieren heute nur noch zehn. Helgoland ist ein Sonderfall: Die Insel entstand nicht aus Watt, sondern ist älter und besteht aus Buntsandstein.

Sturmfluten gefährden besonders die flachen Küsten der Niederlande, Belgiens, Deutschlands und Dänemarks. Historisch formten sie die Küsten stark und forderten viele Opfer. Bedeutende Ereignisse waren die Erste Marcellusflut 1219, die Zweite Marcellusflut oder Grote Mandränke 1362, die Burchardiflut 1634, die Hollandsturmflut 1953 mit etwa 2.000 Toten und die Sturmflut 1962 in Hamburg mit 315 Toten. Nach 1962 wurden Deiche und Küstenschutz stark verbessert.

Küstenschutz entwickelte sich von Warften, also künstlichen Wohnhügeln, über Ringdeiche bis zu durchgehenden Deichlinien. Moderne Seedeiche können bis zu 10 m hoch und bis zu 100 m breit sein. Weitere Mittel sind Deichvorland, Sperrwerke, Dünenbepflanzung und Sandvorspülungen, etwa vor Sylt. Ein sehr großes Bauwerk ist der Abschlussdeich der Zuiderzeewerke, der 1927 bis 1932 die Zuiderzee vom Meer trennte und zum IJsselmeer machte.

Lebensräume und Umweltprobleme

Die Nordsee bietet viele Lebensräume. Dazu gehören Küstenlebensräume wie Steilküsten, Felsküsten und Sandküsten, außerdem Salzwiesen und Wattflächen als Übergangsräume zwischen Land und Meer. Ästuare, also Flussmündungen, in denen Süßwasser und salziges Meerwasser zusammentreffen, bilden eigene Lebensräume. Im Meer unterscheidet man das Freiwasser, das Pelagial, und den Gewässerboden, das Benthal. Benthische Lebensräume können felsig, kiesig, sandig oder schlickreich sein.

Starke Gezeiten, nährstoffreiche Flachwasserbereiche und viele unterschiedliche Strukturen fördern eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Gleichzeitig ist die Nordsee stark belastet. Schadstoffe gelangen direkt, über Flüsse und aus der Atmosphäre ins Meer. Küstenschutz, Tourismus, Schifffahrt, Industrie und Fischerei verändern die Lebensräume.

Ein zentrales Problem ist Überfischung. In den 1970er Jahren schrumpfte besonders der Bestand des Nordseeherings. Die Kabeljau-Bestände gingen trotz einer EG-Regulierung von 1983 stark zurück. Plastikmüll ist ebenfalls ein Problem: 90 % des Mülls bestehen aus Kunststoffen. Bei 60 % der untersuchten Eissturmvögel wurden mehr als 0,1 g Kunststoffe im Magen nachgewiesen.

Zum Schutz der Nordsee schlossen die Anliegerstaaten mehrere Abkommen. Das Bonner Abkommen von 1969 war das erste internationale Umweltschutzabkommen zur Nordsee und betraf vor allem Risiken der Ölförderung. Die Abkommen von Oslo 1972 und Paris 1974 behandelten Schadstoffe im Meer; 1992 folgte die Oslo-Paris-Konvention. In Deutschland schützen die Nationalparks Wattenmeer in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg große Teile der Küste.

Nutzung, Wirtschaft und Politik

Die Nordsee wird intensiv genutzt. In ihrem Einzugsbereich leben etwa 160 Millionen Menschen auf ungefähr 850.000 km². Die Flüsse entwässern große Teile Westeuropas; in diesem Raum liegen etwa 15 % der Weltindustrieproduktion. Wichtige Kanäle verbinden die Nordsee mit anderen Räumen: der Nord-Ostsee-Kanal verbindet Nordsee und Ostsee, der Rhein-Main-Donau-Kanal verbindet das Rhein-Maas-Delta mit dem Donaudelta im Schwarzen Meer, und der Kaledonische Kanal verbindet die Nordsee mit der Irischen See.

Politisch beanspruchen die Anrainerstaaten eine Zwölfmeilenzone. Fischereirechte sind durch EU-Regeln, Abkommen mit Norwegen und die gemeinsame Fischereipolitik geregelt. Der Meeresboden wurde wegen Erdöl- und Erdgasvorkommen weitgehend nach dem Mittellinienprinzip aufgeteilt. Deutschland erhielt nach Auseinandersetzungen und einem Urteil des Internationalen Gerichtshofs zusätzlich den sogenannten Entenschnabel als Teil seiner ökonomischen Zone.

Die Öl- und Gasförderung begann nach Funden seit den 1950er Jahren. 1969 wurde im norwegischen Sektor das Ekofisk-Feld entdeckt; die kommerzielle Förderung begann 1971. Seit der Ölkrise wurden die Vorräte in großem Maßstab ausgebeutet. In der Nordsee gibt es etwa 450 Bohrinseln. Der Förderhöhepunkt lag 1999 bei fast 6 Millionen Barrel Erdöl und 280.000.000 m³ Erdgas pro Tag. Seitdem sinkt die Fördermenge, größere Neufunde gelten als unwahrscheinlich. Daneben werden jährlich Millionen Kubikmeter Sand und Kies gewonnen.

Seit Ende der 1990er Jahre nutzen Anrainerstaaten die Nordsee auch für Offshore-Windenergie. Erste Anlagen entstanden 2000 vor Blyth und 2002 im dänischen Windpark Horns Rev. Seit 2022 findet regelmäßig der Nordsee-Gipfel statt, um die Zusammenarbeit bei Offshore-Windenergie zu stärken.

Die Fischerei konzentriert sich besonders auf die südliche Nordsee und Küstengewässer. Seit den 1980er Jahren sank die Fangmenge von etwa 3 Millionen Tonnen pro Jahr auf ungefähr 2,3 Millionen Tonnen. Wichtige Arten sind Makrele, Kabeljau, Schellfisch, Wittling, Seelachs, Scholle, Seezunge, Nordseegarnele, Hummer und Krabben. Etwa die Hälfte des angelandeten Fischs wird zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet. Seit Ende der 2010er Jahre haben sich Kopffüßer wie Kraken und Kalmare stark vermehrt; vor der belgischen Küste machten sie 2026 fast ein Viertel der Fangmenge aus.

Die größten Häfen Europas liegen an der Nordsee. Besonders wichtig sind Rotterdam, Antwerpen, Hamburg und Bremen/Bremerhaven. Rotterdam ist der größte und wichtigste Hafen. In den frühen 1990er Jahren fanden 27,5 % der weltweiten Schiffsbewegungen in der Nordsee statt. Wegen der Verkehrsdichte gibt es seit den späten 1960er Jahren Zwangswege, Tiefwasserwege und Verkehrstrennungen. Touristisch werden Strände, Küstengewässer, Wattwandern, Windsurfen, Segeln, Angeln, Sporttauchen und Kuraufenthalte genutzt.

Historische Bedeutung

Die Nordsee war lange ein wichtiger Verkehrs-, Handels- und Machtraum. Schon die Römer nutzten sie als Weg nach Britannien: Julius Caesar unternahm 55 und 54 v. Chr. Britannienfeldzüge, später gab es regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Gallien und England. Nach dem Rückzug der Römer um 400 überquerten Sachsen, Angeln und Jüten die Nordsee und siedelten in Süd- und Ostengland. Ab dem 7. Jahrhundert wanderten Friesen auf nordfriesische Inseln aus, im 11. Jahrhundert auch nach Südjütland.

Ab 793 begannen mit dem Überfall auf Lindisfarne die Plünderungszüge der Wikinger. Sie nutzten die Nordsee als Verbindungsraum zwischen Skandinavien und den britischen Inseln. Später entstanden skandinavische Herrschaftsbereiche über Teile der Nordsee hinweg. Nach dem Zerfall dieser Verbindung verlor die Nordsee zeitweise an Bedeutung gegenüber Ostsee und Mittelmeerhandel.

Im Mittelalter spielte die Hanse eine wichtige Rolle. Obwohl ihr Schwerpunkt in der Ostsee lag, hatte sie wichtige Kontore in Bergen, London und Brügge. Brügge wurde durch eine Sturmflut von 1134, die den Zwin als tiefe Fahrrinne schuf, zu einem bedeutenden Handelsplatz. Später stiegen die Niederlande auf und wurden im 16. Jahrhundert zur ersten Welthandelsmacht. Für sie wurde die Nordsee zum Tor zu den Weltmeeren. Im 17. Jahrhundert kam es zu mehreren Englisch-Niederländischen Kriegen um Handel und Seeherrschaft.

England beziehungsweise Großbritannien löste die Niederlande als beherrschende Seemacht ab. Die britische Vorherrschaft zur See wurde nach der Schlacht von Trafalgar für mehr als ein Jahrhundert gesichert. Im Ersten Weltkrieg standen sich in der Nordsee vor allem die britische Grand Fleet und die deutsche Kaiserliche Marine gegenüber. Großbritannien errichtete eine Seeblockade, Deutschland setzte zunehmend auf U-Boote. Die Skagerrakschlacht am 31. Mai und 1. Juni 1916 war die größte Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, brachte aber keinen eindeutigen Sieger.

Im Zweiten Weltkrieg verlagerte sich die Bedeutung vom Großkampfschiff zu Flugzeugen und U-Booten. Die Nordsee war vor allem in den ersten Kriegsjahren Schauplatz von Küstenkriegsführung und Teil der deutschen Operation Weserübung 1940 gegen Dänemark und Norwegen. Nach dem Krieg rückten friedliche Nutzungen in den Vordergrund, besonders Öl und Gas seit den 1960er Jahren. Die größte Katastrophe der Nordsee-Ölförderung war 1988 der Untergang der Bohrinsel Piper Alpha mit 167 Toten. Laut deutschen Behörden lagen 2020 vor der deutschen Nordseeküste etwa 1,3 Millionen Tonnen Kampfmittel und 280.000 Tonnen chemische Waffen des Dritten Reichs.

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