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Steuerinzidenz
Als Steuerinzidenz werden in der Finanzwissenschaft und in der Steuerlehre Steuerwirkungen bezeichnet, die durch eine Veränderung innerhalb des …
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Begriff und Bedeutung
Steuerinzidenz bezeichnet in der Finanzwissenschaft und Steuerlehre die Auswirkungen einer Veränderung des Steuersystems auf die Einkommensverteilung. Dabei wird grundsätzlich angenommen, dass die Staatsausgaben unverändert bleiben und alle Vorgänge der Steuerüberwälzung abgeschlossen sind.
Die Steuerinzidenz untersucht somit nicht nur, wer eine Steuer nach dem Gesetz zahlen muss, sondern vor allem, wer nach sämtlichen wirtschaftlichen Anpassungen tatsächlich belastet wird. Diese Unterscheidung ist für die Beurteilung der Steuergerechtigkeit wichtig: Ein optimales Steuersystem lässt sich nur entwickeln, wenn die Belastungswirkungen der verschiedenen Steuerarten bekannt sind.
Arten der Steuerinzidenz
Es werden drei grundlegende Arten unterschieden:
• Die absolute oder spezifische Steuerinzidenz untersucht die Verteilungswirkungen einer Veränderung einer einzelnen Steuerart. Die übrigen Steuern und die Staatsausgaben bleiben konstant.
• Die Differentialinzidenz untersucht, wie sich die Einkommensverteilung verändert, wenn eine Steuerart durch eine andere ersetzt wird. Das gesamte Steueraufkommen und die Staatsausgaben bleiben dabei konstant.
• Die Budgetinzidenz betrachtet eine gleich hohe Veränderung von Staatseinnahmen und Staatsausgaben. Dadurch verändert sich das Haushaltsvolumen. Nur bei dieser Form bleiben die Staatsausgaben nicht konstant.
Edwin Robert Anderson Seligman unterschied 1959 außerdem zwischen formeller und materieller Steuerinzidenz. Die formelle Steuerinzidenz ergibt sich aus den Steuergesetzen. Die materielle oder tatsächliche Steuerinzidenz umfasst dagegen „jene Wohlstandseinbußen, die bei den Steuerpflichtigen oder anderen Personen nach Abschluss aller Überwälzungsvorgänge und Verzerrungen verbleiben“. Verzerrungen sind dabei Zusatzlasten, die entstehen, weil Menschen durch Verhaltensänderungen versuchen, ihre Steuerlast zu verringern. Dieses Verhalten wird als Steuerabwehr bezeichnet.
Modell der Steuerbelastung
In einem Modell werden die Konsumenten mit h = 1 … H bezeichnet. Ohne Steuern wählt jeder Konsument entsprechend seinen finanziellen Möglichkeiten ein Güterbündel A und erreicht damit den Nutzen u₀. Wird das Güterbündel Aₕ besteuert, zahlt der Konsument den Steuerbetrag T an das Finanzamt. Der höhere Kaufpreis verschiebt die Budgetgerade und verkleinert die Menge der Güterbündel, die er sich leisten kann.
Der Konsument weicht deshalb auf das substitutive Güterbündel Bₕ aus. Dieses entspricht nicht vollständig seinen eigentlichen Präferenzen, sodass sein Nutzen auf u₁ sinkt. Typischerweise führt die Besteuerung zu Konsumverzicht, der auch als Zwangssparen bezeichnet wird. Die in Geldeinheiten gemessene Nutzeneinbuße beträgt δu.
Die formelle Steuerlast wird durch den Vektor T = (T₁, …, Tₕ) beschrieben. Jede Komponente gibt den Steuerbetrag an, den ein Konsument an das Finanzamt abführt. Die materielle Steuerlast beziehungsweise Steuerinzidenz wird durch δu = (δu₁, …, δuₕ) dargestellt. Jede Komponente bezeichnet die Nutzeneinbuße eines Konsumenten. Steuerbelastung ist in diesem Sinn eine Einbuße an Nutzen und nicht lediglich eine Zahlung.
Da sich das Einkommen des Privathaushalts im Modell durch die Steuererhebung nicht verändert, lassen sich die Steuereinnahmen, gemessen in Gütereinheiten des Bündels Bₕ, durch die Menge Aₕ − Bₕ erfassen.
Tatsächliche Last und Elastizitäten
Steuerträger ist, wer die Steuer letztlich aufbringen muss und dadurch eine Nutzeneinbuße erleidet. Steuerdestinatar ist dagegen die Person, die nach dem Willen des Gesetzgebers die Steuer tragen soll. Aufgrund einer Steuerüberwälzung kann sie die Belastung jedoch an andere weitergeben und selbst ohne Nutzeneinbuße bleiben.
Die Belastung eines Privathaushalts besteht nicht nur aus dem abgeführten Steuerbetrag. Zu berücksichtigen sind auch subjektive Einschränkungen der Wohlfahrt, die mit der Steuer verbunden sind. Diese Zusatzbelastung wird als excess burden bezeichnet. Formelle und materielle Steuerlast können deshalb sowohl wegen der Steuerüberwälzung als auch wegen steuerbedingter Verzerrungen voneinander abweichen.
Ob eine Steuer beim Käufer oder beim Verkäufer erhoben wird, entscheidet nicht über ihre tatsächliche Verteilung. Maßgeblich sind die Nachfrageelastizität und die Angebotselastizität. Eine Elastizität beschreibt hier, wie stark Nachfrage oder Angebot auf Preisänderungen reagieren. Tendenziell tragen diejenigen Marktteilnehmer einen größeren Teil der Steuerlast, deren Elastizität gering ist, weil sie der Belastung weniger leicht durch Verhaltensänderungen ausweichen können.
Analyse und typische Anwendungen
Die spezifische Inzidenz wird meist in einer Partialanalyse untersucht. Diese betrachtet nicht die gesamte Volkswirtschaft, sondern einen einzelnen Markt auf der Mikro- oder Mesoebene. Das ist didaktisch einfacher als eine gesamtwirtschaftliche Analyse. Es muss jedoch jeweils geprüft werden, ob die Ergebnisse auf die Makroebene übertragbar sind; in vielen Fällen stimmen die Erkenntnisse beider Betrachtungsweisen überein.
Die Differentialinzidenz eignet sich besonders zur Untersuchung von Steuerreformen. Ein typisches Beispiel ist die Frage, wie eine Senkung der Einkommensteuer wirkt, wenn gleichzeitig die Umsatzsteuer so erhöht wird, dass das gesamte Steueraufkommen gleich bleibt.
Bei der Budgetinzidenz werden die zusammengefassten Belastungswirkungen von Staatseinnahmen und Staatsausgaben betrachtet. Dabei sollten neben den Steuerzahlungen auch die Nutzengewinne berücksichtigt werden, die anderen Wirtschaftssubjekten durch Staatsausgaben entstehen. Es gilt stets die staatliche Budgetgleichung: Alle Steuereinnahmen finanzieren staatliche Güterkäufe oder Transferzahlungen. In der Steuerlehre bleiben die Nutzen öffentlicher Güter jedoch meist außer Betracht; höchstens werden Geldrückflüsse an den privaten Sektor modelliert, um einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf darzustellen.