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Finanzwissenschaft
Die Finanzwissenschaft (engl. public finance) ist ein Bereich der Wirtschaftswissenschaft und beschäftigt sich mit der Rolle der Regierung in der Ökonomie.
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Gegenstand und zentrale Ziele
Die Finanzwissenschaft (englisch: public finance) ist ein Bereich der Wirtschaftswissenschaft. Sie untersucht die Rolle der Regierung in der Ökonomie, insbesondere die öffentlichen Finanzen und die staatlichen Auswirkungen auf drei Bereiche: die effiziente Allokation verfügbarer Ressourcen, die Einkommensverteilung der Bürger und die Stabilität der Wirtschaft.
Ausgangspunkt ist die Frage, welche Rolle die Regierung übernehmen soll. Märkte verteilen Waren und Dienstleistungen in der Regel effizient. Bei einem Marktgleichgewicht findet keine Verschwendung statt; die Wohlfahrt von Konsumenten und Produzenten wird maximiert. Wenn Märkte stets effizient wären und ihre Verteilung sozial akzeptiert würde, wäre die staatliche Rolle sehr begrenzt.
In der Praxis ist jedoch häufig mindestens eine dieser Bedingungen nicht erfüllt. Entweder liefern Märkte kein effizientes Ergebnis oder die entstehende Verteilung findet keine soziale Akzeptanz. Daraus ergeben sich zwei wesentliche Ziele staatlicher Eingriffe: Effizienz und Gerechtigkeit. Zwischen beiden Zielen muss oft abgewogen werden.
Marktversagen, Umverteilung und Staatsfinanzen
Marktversagen liegt vor, wenn Märkte Waren und Dienstleistungen nicht effizient verteilen. Als mögliche Ursachen nennt die Finanzwissenschaft Externalitäten, Informationsasymmetrien und Netzwerkeffekte. Staatliche Eingriffe können dann darauf zielen, eine effiziente Ressourcenallokation herzustellen. Sie können jedoch selbst Ineffizienzen verursachen; dies wird als Staatsversagen bezeichnet.
Auch eine effiziente Marktverteilung kann gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. Dann kann die Regierung Maßnahmen zur Umverteilung ergreifen. Solche Maßnahmen führen in der Regel zu Effizienzverlusten, weil sie die Anreizstrukturen einer Ökonomie verändern. Unter allgemeinen Voraussetzungen können die Festlegung des effizienten Umfangs staatlicher Handlungen und die Einrichtung des Steuersystems getrennt werden. Diese Trennung wird als Diamond-Mirrlees-Trennung bezeichnet.
Nach diesen Annahmen sollte die staatliche Sozialpolitik den Nutzen maximieren und die Kosten minimieren. Dieses Vorgehen wird durch eine Kosten-Nutzen-Analyse unterstützt. Die Einnahmen für staatliche Programme sollen durch ein effizientes Steuersystem bereitgestellt werden. Effizient bedeutet hier, dass möglichst geringe Wohlfahrtsverluste beziehungsweise Kosten entstehen. In der Praxis ist staatliche Budgetierung jedoch deutlich komplexer und führt häufig zu Ineffizienzen oder Staatsversagen.
Staatsausgaben können auch durch Verschuldung finanziert werden. Schulden ersetzen Steuern nicht, sondern verschieben die Steuerlast in die Zukunft. Der Haushaltssaldo bezeichnet die Differenz aus Staatsausgaben und Einnahmen. Verschuldung ermöglicht es, die Steuerlast über den Zeitverlauf zu glätten, und ist deshalb ein wichtiges Instrument der Fiskalpolitik.
Historische Entwicklung
Im 16. Jahrhundert, im Zeitalter des Kameralismus, stand vor allem der fiskalische Zweck der Besteuerung im Vordergrund. Im 17. und 18. Jahrhundert erhielt die Finanzwissenschaft im sogenannten Akzisestreit eine verteilungspolitische Ausrichtung. Johann Heinrich Gottlob von Justi schloss den Streit mit dem Argument, eine allgemeine Verbrauchsteuer belaste ärmere Bevölkerungsschichten stärker als Menschen mit höheren Einkommen und sei deshalb abzulehnen.
Im 19. Jahrhundert rückten im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Sozialismus erneut verteilungspolitische Fragen in den Mittelpunkt. Adolph Wagner forderte, die Besteuerung auch für sozialpolitische Ziele einzusetzen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die öffentlichen Haushalte so umfangreich geworden, dass ihre Einflüsse auf die ökonomischen Aktivitäten nicht mehr vernachlässigt werden konnten. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und John Maynard Keynes’ These, dass eine eingetretene Unterbeschäftigung nicht unbedingt wieder zu Vollbeschäftigung führe, gaben den Anstoß, ein konjunkturelles Ziel in die Finanzpolitik aufzunehmen.
Vier zentrale Fragestellungen und staatliche Instrumente
Der Finanzwissenschaftler Jonathan Gruber ordnet die Finanzwissenschaft vier großen Fragen zu:
- Wann sollte die Regierung in die Wirtschaft eingreifen? Im Mittelpunkt stehen Marktversagen und Vermögensumverteilung.
- Wie kann die Regierung eingreifen? Mögliche Instrumente sind zum Beispiel Steuern, Subventionen und Regulierung.
- Welche Auswirkungen haben Eingriffe auf die reale Ökonomie? Dies wird häufig mit empirischer ökonometrischer Analyse untersucht.
- Warum wählen Regierungen bestimmte Eingriffe oder Instrumente? Diese Frage gehört zur politischen Ökonomie.
Nach Gruber gibt es zwei wichtige Gründe für staatliche Eingriffe: Marktversagen und Vermögensumverteilung. Auf dem Markt für Krankenversicherungen kann Marktversagen durch asymmetrische Information und adverse Selektion entstehen. Ein verpflichtendes Krankenversicherungssystem, wie es in vielen europäischen Staaten besteht, kann in diesem Fall die allokative Effizienz erhöhen. In Rezessionen kann die Regierung mit Fiskalpolitik die Wirtschaft stabilisieren. Umweltpolitik kann darauf zielen, Marktversagen in Form von Umweltverschmutzung zu bekämpfen.
Zur Vermögensumverteilung gehört die Frage, ob eine bestehende Verteilung gerecht und sozial effizient ist. Eine Umverteilung kann aus Gründen der Gerechtigkeit erfolgen; damit überschneidet sich die Finanzwissenschaft mit ethischen und politischen Fragen sowie mit Werturteilen. Sie kann jedoch Effizienzverluste verursachen. Finanzökonomische Analysen berücksichtigen daher den Zielkonflikt zwischen Effizienz und Gerechtigkeit.
Nach der Entscheidung für einen Eingriff muss das optimale Mittel bestimmt werden. Im Bereich der Krankenversicherung kann eine Regierung beispielsweise private Krankenversicherungen subventionieren oder besteuern, den Markt regulieren oder ein staatliches Gesundheitssystem bereitstellen. Finanzwissenschaftliche Politikberatung untersucht auch Kombinationen verschiedener Instrumente und ihre erwartbaren ökonomischen Effekte, häufig mithilfe einer Kosten-Nutzen-Analyse.
Ein weiteres Forschungsfeld ist die empirische Untersuchung konkreter staatlicher Maßnahmen, meist mit ökonometrischen Methoden. Dabei werden direkte und indirekte Effekte unterschieden. Direkte Effekte sind Auswirkungen, die eintreten, wenn ökonomische Agenten ihr Verhalten als Reaktion auf den Eingriff nicht verändern. Indirekte Effekte entstehen durch die Verhaltensänderungen dieser Agenten. Institutionen wie der Bundesrechnungshof führen empirische Analysen zu Gesetzen durch und erstellen ökonomische Prognosen für geplante Gesetze.
Schließlich untersucht die Finanzwissenschaft, warum Regierungen bestimmte Instrumente wählen und andere nicht. Dabei wird zwischen der normativen Frage nach dem optimalen Mittel und der positiven Frage nach den tatsächlichen politischen Entscheidungen unterschieden. Regierungen wählen in der Realität möglicherweise eine suboptimale statt der theoretisch optimalen Lösung. Untersucht werden dann die Anreize und politischen Strukturen, die solche Entscheidungen hervorbringen. Politische und gesellschaftliche Interessen, politischer Druck und Einflussnahme können dazu führen, dass Anforderungen an ökonomische Effizienz und sozial bevorzugte Umverteilung eine untergeordnete Rolle spielen. Solche nicht sozial effizienten staatlichen Eingriffe werden als Staatsversagen bezeichnet.