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Stefan Weinfurter
Stefan Weinfurter (* 24. Juni 1945 in Prachatitz, Tschechoslowakei; † 27. August 2018 in Mainz) war ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen …
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Bedeutung und Laufbahn
Stefan Weinfurter (* 24. Juni 1945 in Prachatitz, Tschechoslowakei; † 27. August 2018 in Mainz) war ein deutscher Historiker des frühen und hohen Mittelalters. Er erforschte vor allem Reichs- und Herrschaftsgeschichte, Kirchengeschichte, Rituale, politische Kommunikation und mittelalterliche Ordnungsvorstellungen. Besonders bekannt wurde er durch Arbeiten zu den salischen Kaisern, zu Heinrich II., Karl dem Großen, Canossa und zum mittelalterlichen Reich. In der Mediävistik, also der Forschung zum Mittelalter, führte er den Begriff „Ordnungskonfigurationen“ ein. Gemeint ist damit das Mit- und Gegeneinander verschiedener mittelalterlicher Ordnungen, also das Verhältnis zwischen gedachten Ordnungsvorstellungen und gelebter politischer Wirklichkeit.
Weinfurter studierte nach dem Abitur 1966 zunächst ein Semester Physik an der TH München, wechselte dann an der Universität München zu Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften und schloss das Studium 1971 ab. In Köln wurde er Mitarbeiter von Odilo Engels und 1973 mit einer Arbeit über die Salzburger Bistumsreform und Bischofspolitik im 12. Jahrhundert promoviert. 1980 habilitierte er sich in Köln mit einer kommentierten Edition zur Lebensordnung eines limburgischen Klosters der regulierten Augustiner-Chorherren aus dem 12. Jahrhundert.
Er hatte Lehrstühle für Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Eichstätt (1982–1987), Mainz (1987–1994), München (1994–1999) und Heidelberg (1999–2013). In Eichstätt arbeitete er stark zur bayerischen Landesgeschichte und zur Bistumsgeschichte. In Mainz rückte die salische Herrscherdynastie des 11. Jahrhunderts in den Mittelpunkt. In München beschäftigte er sich stärker mit handelnden Personen und Bildquellen. In Heidelberg kamen Rituale, Kulturbegegnungen in den Kreuzzügen und große Forschungsverbünde hinzu. Dort wurde er 2013 emeritiert und war anschließend Seniorprofessor sowie Leiter der Forschungsstelle Geschichte und kulturelles Erbe in der Villa Poensgen.
Forschungsschwerpunkte
Zwischen 1974 und seinem Tod 2018 veröffentlichte Weinfurter über 200 wissenschaftliche Arbeiten. Seine Themen waren die Reichs- und Herrschaftsgeschichte in ottonischer, salischer und staufischer Zeit, Ordnungskonfigurationen im europäischen Rahmen, Rituale und Kommunikation in Politik und Gesellschaft, Landes- und Kirchengeschichte, Ordensgeschichte im hohen Mittelalter sowie Bilder als historische Quellen. Ab Mitte der 1990er Jahre arbeitete er besonders eng mit Bernd Schneidmüller zusammen.
Frühe Arbeiten galten den Regularkanonikern, also Geistlichen, die nach einer gemeinsamen Regel lebten. In seiner Dissertation zur Salzburger Kirchenprovinz untersuchte Weinfurter die Reformgruppen des 12. Jahrhunderts. Er sah Erzbischof Konrad I. von Salzburg nicht nur als Initiator einer Klerusreform, sondern als Träger einer umfassenderen Neuordnung der Diözese. Auch die Prämonstratenser und Norbert von Xanten erforschte er intensiv.
Ein weiterer wichtiger Bereich war die Landes- und Kirchengeschichte. Zur Eichstätter Bistumsgeschichte legte Weinfurter unter anderem 1987 eine Edition der Geschichte der Eichstätter Bischöfe des Anonymus Haserensis vor. Beim Gründungsdatum des Bistums Eichstätt verwarf er den Frühansatz zu 741 und sprach sich mit Harald Dickerhof für 751/52 aus. Außerdem forschte er zu Speyer, Mainz und Lorsch. Beim Kloster Lorsch deutete er dessen Untergang nicht vor allem als Folge moralischen Verfalls der Mönche, sondern als Ergebnis eines Machtkampfes zwischen dem Mainzer Erzbischof und dem Pfalzgrafen.
Heinrich II., Karl der Große und die Salier
Weinfurter prägte besonders die Forschung zu Heinrich II. Seine 1999 erschienene Biographie Heinrich II. (1002–1024). Herrscher am Ende der Zeiten war die erste umfassende Biographie seit den Jahrbüchern der Deutschen Geschichte von Siegfried Hirsch und Harry Bresslau (1862/75). Er stellte Heinrichs Herrschaft nicht chronologisch dar, sondern nach Themen wie Reichsstruktur, Königsgedanke, Ehe und Kinderlosigkeit, Hof und Ratgeber, Reichskirche, Klosterpolitik, Konflikte, Außenbeziehungen, Italien, Kaisertum und Bamberg. Wichtig waren für ihn Heinrichs gesteigerte Endzeiterwartung und die biblische Leitfigur Moses. Bilder wie das Regensburger Sakramentar deutete Weinfurter als Quellen für Heinrichs sakralen Anspruch auf Legitimität.
Zur Königin Kunigunde, der Gemahlin Heinrichs II., betonte Weinfurter die Bedeutung ihrer Krönung am 10. August 1002 in Paderborn: einerseits als Signal an die Sachsen, andererseits als erstmals eigenständige Königinnenkrönung. Er beschrieb Kunigunde als in engem Einklang mit den Zielen ihres Mannes handelnd.
2013 veröffentlichte Weinfurter eine Biographie zu Karl dem Großen. Darin behandelte er Karls Herrschaft systematisch nach Handlungsebenen wie Kriege, Innenpolitik, Familie, Bildungsreform, Kirchenpolitik und Kaisertum. Als Leitideen nannte er ein „Großprojekt der Vereindeutigung“ und eine „Verchristlichung des Staatswesens“. Mit „Vereindeutigung“ meinte er Karls Streben nach klarer Deutungshoheit im religiösen und moralischen Verhalten, nach Eindeutigkeit von Sprache, Argumentation und Zeitordnung sowie nach klarer politischer, militärischer und kirchlicher Organisation.
Als besonderer Kenner galt Weinfurter für die Salierzeit, also die Epoche der salischen Kaiser von 1024 bis 1125. Er war maßgeblich an den wissenschaftlichen Begleitbänden zur Speyerer Ausstellung „Die Salier und ihr Reich“ beteiligt und veröffentlichte 1991 Herrschaft und Reich der Salier. Grundlinien einer Umbruchzeit. Heinrich V. bewertete er neu: Für die Entmachtung seines Vaters Heinrich IV. sah er reformreligiöse Motive der Verschwörer als wichtiger an als reine Machtpolitik. 2004 erschien seine Darstellung Das Jahrhundert der Salier (1024–1125), die sich auch an ein breiteres Publikum richtete.
Ordnung, Reich und Rituale
Mit dem Begriff „Ordnungskonfigurationen“ beschrieb Weinfurter das Zusammenwirken und den Konflikt verschiedener Ordnungen im Mittelalter. Es ging ihm nicht nur um Ideen, sondern auch um Wege, Modelle und Formen ihrer realen Umsetzung sowie um deren Rückwirkung auf die Ordnungsvorstellungen. Der Begriff sollte helfen, mittelalterliche politische und gesellschaftliche Strukturen beweglicher zu verstehen als ein statischer Verfassungsbegriff.
Für das 11. und 12. Jahrhundert sah Weinfurter wichtige Wendepunkte. In der Zeit Heinrichs III. seien Ordnungskonfigurationen so stark in Konkurrenz geraten, dass die Integrationskraft des sakralen Herrschers zerbrochen sei. Im Konflikt zwischen Heinrich IV. und Heinrich V. erkannte er eine bedeutende Zäsur, weil ein verändertes gesellschaftliches Ordnungsgefüge sichtbar wurde. Auch das Scheitern der Verhandlungen zwischen Heinrich V. und Papst Paschalis II. im Jahr 1111 und der Frieden von Venedig 1177 galten ihm als wichtige Einschnitte.
Zur Reichsgeschichte veröffentlichte Weinfurter Arbeiten über zentrale Herrscher und Ereignisse. Beim Sturz Heinrichs des Löwen sah er den Kölner Erzbischof Philipp als treibende Kraft im lehnrechtlichen Verfahren; Friedrich Barbarossa erscheint dadurch weniger als allein planender Herrscher, sondern stärker als von Fürsten gedrängt. In Canossa. Die Entzauberung der Welt deutete Weinfurter den Investiturstreit als Beginn eines Säkularisierungsprozesses, in dem sich die Einheit von religiöser und staatlicher Ordnung auflöste. Sein Buch Das Reich im Mittelalter behandelte die politische Entwicklung von der Reichsgründung der Franken bis zu Kaiser Maximilian I. und berücksichtigte auch soziale, wirtschaftliche, rechtliche und verfassungsgeschichtliche Aspekte.
Ein weiterer Schwerpunkt waren Rituale und politische Kommunikation. Rituale sind feste, symbolische Handlungen, die soziale oder politische Bedeutung ausdrücken. Weinfurter untersuchte unter anderem Investitur- und Krönungsrituale, Demutsrituale und Unterwerfungen. Ein Beispiel ist Heinrichs II. wiederholte Prostratio, also das Niederwerfen vor 28 Bischöfen, mit der er auf der Frankfurter Synode die Gründung des Bistums Bamberg erreichte. Auch das öffentliche Weinen Papst Innozenz’ IV. auf dem Konzil von Lyon 1245 deutete Weinfurter als politische Handlung, mit der der Papst die Unausweichlichkeit der Absetzung Kaiser Friedrichs II. betonte.
Ausstellungen, Organisation und Nachwirkung
Weinfurter vermittelte historische Forschung nicht nur in Büchern, sondern auch in Großausstellungen, Tagungen, Fernsehen und Radio. Zusammen mit Bernd Schneidmüller war er seit den 1990er Jahren an vielen großen Mittelalterausstellungen in Deutschland beteiligt, unter anderem „Otto der Große“ (2001 in Magdeburg), „Kaiser Heinrich II.“ (2002 in Bamberg), „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ (2006 in Magdeburg), „Die Staufer und Italien“ (2010/11 in Mannheim), „Die Wittelsbacher am Rhein“ (2013/2014 in Mannheim) und „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ (2017 in Mannheim). Für das ZDF wirkte er an der Dokumentationsreihe „Die Deutschen“ als wissenschaftlicher Fachberater mit und trat in drei Mittelalterfolgen als Experte auf.
Auch wissenschaftsorganisatorisch war Weinfurter wichtig. Er wurde 1998 Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte und war von 2001 bis 2007 dessen Vorsitzender. In dieser Funktion half er, die gefährdete finanzielle Förderung des Arbeitskreises zu sichern, verjüngte die Mitgliedschaft und öffnete den Kreis stärker für Wissenschaftlerinnen. Außerdem gehörte er zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften und Akademien an, darunter der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Die wissenschaftliche Nachwirkung Weinfurters liegt besonders in seinen Deutungen zum Verhältnis von Papsttum, Kaisertum und Fürsten, in seinen Arbeiten zu Heinrich II. und in seinem Modell der Ordnungskonfigurationen. Der Begriff wurde in der Forschung unterschiedlich aufgenommen und hat sich bislang nicht allgemein durchgesetzt. Das heutige Bild der Geschichtswissenschaft vom ostfränkisch-deutschen Herrscher Heinrich II. wird jedoch stark von Weinfurters Biographie von 1999 und seinen begleitenden Studien bestimmt.