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Heinrich IV. (HRR)

Der Gang nach Canossa 1077, wo sich der König unterwarf und vom Bann gelöst wurde, gilt als Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem Papsttum.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Herrscher in einer Zeit des Umbruchs
  2. 2. Kindheit, Regentschaft und selbstständige Herrschaft
  3. 3. Sachsenkrieg und Investiturstreit
  4. 4. Canossa, Gegenkönige und Kaiserkrönung
  5. 5. Festigung, neue Krisen und Sturz
  6. 6. Tod, Folgen und historische Beurteilung

Herrscher in einer Zeit des Umbruchs

Heinrich IV. (* 11. November 1050 vermutlich in Goslar; † 7. August 1106 in Lüttich) gehörte zur Familie der Salier. Er war ab 1053 Mitkönig, ab 1056 römisch-deutscher König und von 1084 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 31. Dezember 1105 Kaiser. Als letzter mittelalterlicher römisch-deutscher König kam er minderjährig auf den Thron.

Seine Herrschaft war von drei eng verbundenen Konflikten geprägt: dem Streit mit den Fürsten über ihre Beteiligung an politischen Entscheidungen, den Sachsenkriegen und dem Konflikt mit dem Reformpapsttum über das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Macht. Heinrich begründete seine Herrschaft vor allem mit dem Gottesgnadentum, also der Vorstellung, sein Amt unmittelbar von Gott erhalten zu haben. Die Fürsten beanspruchten dagegen zunehmend Mitverantwortung für das Reich.

Dadurch wandelten sich die Grundlagen des Königtums. Die dynastische Erbfolge verlor an Gewicht, während die freie Königswahl durch die Fürsten und der Idoneitätsgedanke, also die Frage nach der persönlichen Eignung eines Herrschers, wichtiger wurden. Der Konflikt mit Papst Gregor VII. machte zudem deutlich, dass ein König nach damaliger Auffassung nicht mehr nur Gott verantwortlich sein musste, sondern auf Erden verurteilt, exkommuniziert und sogar abgesetzt werden konnte.

Kindheit, Regentschaft und selbstständige Herrschaft

Heinrich war der älteste Sohn Kaiser Heinrichs III. und der Kaiserin Agnes von Poitou. Zunächst erhielt er den Namen Konrad, wurde aber Ostern 1051 in Köln auf den Namen Heinrich getauft. 1053 wählten ihn die Großen zum Nachfolger, allerdings unter dem ungewöhnlichen Vorbehalt, sie würden ihm nur folgen, „wenn er ein gerechter Herrscher werde“. Am 17. Juli 1054 wurde er in Aachen zum König gesalbt. Seit 1055 war er mit Bertha von Turin verlobt.

Nach dem Tod Heinrichs III. 1056 führte Agnes für ihren minderjährigen Sohn die Regierung. Anfangs war seine Herrschaft unbestritten. Später engten Machtinteressen der Fürsten ihren Handlungsspielraum ein. Agnes vergab die Herzogtümer Schwaben, Kärnten und Bayern und schwächte dadurch die unmittelbare Machtbasis des Königtums. Zugleich wuchs der Einfluss der Ministerialen, unfreier königlicher Dienstleute, die Verwaltungs- und Herrschaftsaufgaben übernahmen.

Im Frühjahr 1062 entführte eine Fürstengruppe unter Erzbischof Anno von Köln den elfjährigen König bei Kaiserswerth. Die Fürsten wollten die Regierung kontrollieren und ihre Beteiligung sichern. Danach stritten besonders Anno und Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen um Einfluss auf Heinrich. Im März 1065 erhielt Heinrich mit der Schwertleite die rechtliche Mündigkeit. Adalbert wurde sein wichtigster Ratgeber, musste den Hof aber 1066 auf Druck der Fürsten verlassen.

Heinrich versuchte nun, königliche Rechte zu stärken, stützte sich auf Ministeriale und schloss Fürsten häufig von Entscheidungen aus. Das beschädigte das für die Herrschaft notwendige Einvernehmen. 1070 beschuldigte Egino den angesehenen sächsischen Fürsten Otto von Northeim, einen Mordanschlag auf Heinrich geplant zu haben. Otto verweigerte den verlangten Zweikampf, wurde am 2. August 1070 zum Majestätsverbrecher erklärt und verlor das Herzogtum Bayern. Nach seiner Unterwerfung zu Pfingsten 1071 wurde er zunächst inhaftiert. Heinrichs ungewöhnlich harte Behandlung Ottos und anderer sächsischer Großer verschärfte den Gegensatz zu Sachsen.

Sachsenkrieg und Investiturstreit

In Sachsen ließ Heinrich Höhenburgen als königliche Verwaltungs- und Machtzentren errichten. Sie wurden überwiegend mit schwäbischen Ministerialen besetzt; die einheimische Bevölkerung musste Dienste leisten. Besonders die Harzburg symbolisierte die königliche Machtausübung. Die Sachsen sahen ihre Rechte und Freiheiten bedroht. Nachdem Verhandlungen in Goslar 1073 gescheitert waren, begann ein Aufstand. Heinrich musste fliehen und stimmte im Frieden von Gerstungen im Februar 1074 der Zerstörung seiner Burgen, der Rücknahme von Konfiskationen und der Anerkennung des sächsischen Rechts zu.

Als Bauern bei der Zerstörung der Harzburg auch salische Gräber schändeten, gewann Heinrich die Unterstützung zahlreicher Reichsfürsten. Am 9. Juni 1075 besiegte er die Sachsen bei Homburg an der Unstrut; im Oktober unterwarfen sich ihre Anführer. Heinrich ließ sie jedoch entgegen den Erwartungen inhaftieren. Damit war der Aufstand militärisch überwunden, der politische Konflikt aber nicht gelöst.

Parallel erstarkte das Reformpapsttum. Die Kirchenreform bekämpfte Simonie, den Erwerb geistlicher Ämter durch Leistungen oder Zahlungen, sowie den Nikolaitismus, Verstöße von Klerikern gegen die geforderte Lebensführung. Sie verlangte außerdem die Freiheit der Kirche von weltlichem Einfluss und eine stärkere päpstliche Autorität. Im Streit um die Investitur – die Einsetzung von Bischöfen und Äbten – traf dieser Anspruch auf Heinrichs Auffassung vom göttlich legitimierten Königtum.

Nachdem Heinrich 1075 gegen den päpstlichen Willen Tedald als Erzbischof von Mailand eingesetzt hatte, eskalierte der Konflikt. Auf dem Hoftag von Worms am 24. Januar 1076 bestritten Heinrich und 26 Bischöfe die Rechtmäßigkeit Gregors VII. und forderten ihn auf: „Steige herab, steige herab!“ Gregor setzte Heinrich am 22. Februar 1076 ab, exkommunizierte ihn und entband alle Christen von ihren Treueiden. Exkommunikation bedeutet den Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft. Viele Bischöfe und Fürsten verließen daraufhin Heinrichs Seite. In Trebur verlangten die Fürsten, er müsse sich spätestens bis zum Jahrestag des Banns mit dem Papst aussöhnen, andernfalls würden sie ihn nicht länger als Herrscher anerkennen.

Canossa, Gegenkönige und Kaiserkrönung

Im Winter 1076/77 zog Heinrich über den Mont Cenis nach Italien. Auf der Burg Canossa trat er barfuß, ohne Herrschaftszeichen und im Büßergewand auf. Nach drei Tagen gewährte Gregor VII. ihm am 28. Januar 1077 Einlass und löste ihn vom Bann. Damit stellte Heinrich die kirchliche Gemeinschaft wieder her und durchkreuzte zunächst die Pläne seiner fürstlichen Gegner. In der Forschung gilt der Gang meist als taktischer Schachzug und als ritualisierte Unterwerfung, deditio. Johannes Frieds Deutung, Heinrich und Gregor hätten in Canossa einen Friedensvertrag geschlossen, ist umstritten und wurde unter anderem von Gerd Althoff zurückgewiesen.

Die oppositionellen Fürsten hielten dennoch an der Absetzung fest. Am 15. März 1077 wählten sie Rudolf von Rheinfelden zum Gegenkönig. Er musste die freie Bischofswahl und die freie Königswahl anerkennen. Damit stellten die Fürsten die Eignung und Wahl des Herrschers über den dynastischen Anspruch. Heinrich entzog Rudolf und seinen Unterstützern ihre Herzogtümer. Von 1077 bis 1080 führten beide Seiten Krieg. In der Schlacht an der Elster am 15. Oktober 1080 unterlag Heinrichs Heer, doch Rudolf wurde tödlich verwundet und starb wenig später. Heinrichs Anhänger werteten den Verlust seiner rechten Schwurhand als Gottesurteil; seine Gegner verehrten ihn als Opfer für die Kirche. Hermann von Salm, 1081 zum neuen Gegenkönig gewählt, blieb außerhalb Sachsens weitgehend wirkungslos.

Gregor hatte Heinrich 1080 erneut exkommuniziert. Heinrichs Anhänger wählten daraufhin im Juni 1080 Wibert von Ravenna zum Gegenpapst Clemens III. Nach mehreren Italienzügen nahm Heinrich 1084 Rom ein. Eine Synode setzte Gregor ab, Clemens III. wurde zum Papst erhoben und krönte Heinrich am Ostersonntag 1084 zum Kaiser. Kurz darauf eroberten die Normannen unter Robert Guiskard Rom, befreiten Gregor und plünderten die Stadt. Gregor zog sich nach Salerno zurück, wo er am 25. Mai 1085 starb.

Festigung, neue Krisen und Sturz

In den 1080er Jahren festigte Heinrich zeitweise seine Stellung. Die sächsische Opposition verlor mit Otto von Northeim 1083 und Bischof Burchard von Halberstadt 1088 wichtige Anführer; 1088 kam ein Frieden zustande. Heinrich förderte besonders den Speyerer Dom, die salische Grablege. Von etwa 1080/1081 bis 1102/1106 wurde er grundlegend umgebaut. Schenkungen und der prächtige Neubau sollten die göttliche Legitimation und die dynastische Kontinuität der Salier sichtbar machen.

1087 ließ Heinrich seinen Sohn Konrad zum König krönen. Nach dem Tod Berthas heiratete er am 14. August 1089 Praxedis, auch Adelheid genannt. Um 1090 gewährte er den Juden von Worms und Speyer Schutzprivilegien und regelte ihre Rechte gegenüber christlichen Mitbürgern.

In Italien geriet Heinrich erneut in Bedrängnis. Papst Urban II., Mathilde von Canossa und die Welfen verbanden sich gegen ihn. 1093 fiel Konrad vom Vater ab und wurde König von Italien; 1094 floh Praxedis zu Heinrichs Gegnern und erhob 1095 öffentlich schwere Vorwürfe gegen ihn. Heinrich wurde erneut exkommuniziert und war von 1093 bis 1096 in Oberitalien eingeschlossen. Durch Einigungen mit Welf IV. 1096 und Berthold von Zähringen 1098 konnte er zurückkehren. 1098 enterbten die Fürsten Konrad und bestimmten Heinrichs jüngeren Sohn Heinrich V. zum Nachfolger. Dieser wurde am 6. Januar 1099 in Aachen gekrönt und schwor, sich zu Lebzeiten des Vaters nicht gewaltsam des Reiches zu bemächtigen. 1103 verkündete der Kaiser einen reichsweiten Landfrieden zum Schutz unter anderem von Klerikern, Kaufleuten und Juden; seine praktische Wirkung blieb begrenzt.

Zu Weihnachten 1104 begann Heinrich V. dennoch eine Rebellion. Unterstützt wurde er von reformorientierten Fürsten und Papst Paschalis II. Ende 1105 lockte er seinen Vater unter dem Zeichen der Versöhnung auf die Burg Böckelheim, ließ ihn dort gefangen setzen und zwang ihn zur Herausgabe der Reichsinsignien. Am 31. Dezember 1105 musste Heinrich IV. in Ingelheim auf den Thron verzichten; am 5. Januar 1106 wählten die Fürsten Heinrich V. zum König.

Tod, Folgen und historische Beurteilung

Heinrich IV. entkam Anfang 1106 und organisierte Widerstand. Seine Truppen besiegten am Gründonnerstag bei Visé das Heer Heinrichs V. Kurz darauf erkrankte er und starb am 7. August 1106 in Lüttich. Wegen des weiterhin bestehenden Kirchenbanns durfte er zunächst nicht in geweihter Erde ruhen. Sein Leichnam wurde mehrfach umgebettet und schließlich nach Speyer gebracht. Erst nachdem Heinrich V. die Aufhebung des Banns erreicht hatte, wurde Heinrich IV. am 7. August 1111 in der Krypta des Speyerer Doms beigesetzt.

Der Investiturstreit endete nicht mit seinem Tod. Heinrich V. hielt zunächst am königlichen Investiturrecht fest. Erst das Wormser Konkordat von 1122 unterschied zwischen den geistlichen Aufgaben eines Kirchenamtes, den Spiritualia, und seinen weltlichen Rechten und Besitzungen, den Temporalien. Der König verzichtete auf das allgemeine Investiturrecht, durfte aber die weltlichen Güter einer Kirche mit einem Zepter übertragen.

Die zeitgenössischen Urteile über Heinrich sind stark parteiisch. Anhänger beschrieben ihn als von Gott eingesetzten gerechten Herrscher und „König der Armen“. Gegner wie Lampert von Hersfeld und Bruno von Merseburg zeichneten ihn als Tyrannen, der Fürsten missachtet, Ministeriale bevorzugt und seine Herrscherpflichten verletzt habe. Die Exkommunikation und Absetzung hinterließen im Mittelalter einen stärkeren Eindruck als Canossa selbst.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert galt Heinrich in der national geprägten Forschung häufig als Märtyrer einer starken königlichen Zentralgewalt gegen Papsttum und Fürsten. Die jüngere Forschung betrachtet stattdessen den Wandel der politischen Ordnung: Geistliche und weltliche Fürsten verstanden sich zunehmend als Mitträger des Reiches und beanspruchten, es notfalls vor dem König zu schützen. Ein Konsens über Heinrichs Persönlichkeit besteht nicht. Gerd Althoff wertet viele zeitgenössische Vorwürfe als Hinweise auf tatsächliches Fehlverhalten und sieht bei Heinrich taktische Ränkespiele und Unaufrichtigkeit; zugleich bleiben die Quellen wegen ihrer politischen Parteinahme schwierig zu beurteilen.

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