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Karl der Große
Er erlangte am 25. Dezember 800 als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde, die mit ihm erneuert wurde. Der Enkel des Hausmeiers Karl …
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Bedeutung und Herrschaft
Karl der Große (lateinisch Carolus Magnus oder Karolus Magnus; wahrscheinlich *2. April 747 oder 748; †28. Januar 814 in Aachen) war von 768 bis 814 König des Frankenreichs. Bis 771 regierte er gemeinsam mit seinem Bruder Karlmann. Nach dessen überraschendem Tod übernahm Karl auch dessen Reichsteil und herrschte allein. Am 25. Dezember 800 wurde er in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Damit wurde die Kaiserwürde im Westen erstmals seit der Antike erneuert und die Grundlage für das mittelalterliche westliche beziehungsweise später römisch-deutsche Kaisertum geschaffen.
Unter Karl erreichte das Frankenreich seine größte Ausdehnung und Macht. Es umfasste den Kern der frühmittelalterlichen lateinischen Christenheit und wurde neben Byzanz und dem Abbasidenkalifat zur neuen Großmacht. Karl verband militärische Expansion mit einer zunehmend geordneten Verwaltung, enger Kirchenbindung und einer Bildungsreform. Sein Herrschaftssystem blieb jedoch durch begrenzte Ressourcen, die Abhängigkeit von persönlichen Beziehungen und die Größe des Reiches belastet.
Eroberungen und Grenzsicherung
Karls wichtigste militärische Unternehmungen waren die Sachsenkriege, der Langobardenfeldzug, die Eingliederung Bayerns und der Krieg gegen die Awaren. Die Sachsenkriege dauerten mit Unterbrechungen von 772 bis 804. Die in Stammesverbänden organisierten, weiterhin paganen Sachsen sollten unterworfen und christianisiert werden. Karl eroberte 772 die Eresburg und ließ das sächsische Heiligtum Irminsul zerstören. Nach wiederholten Aufständen, fränkischen Feldzügen, Zwangstaufen und Deportationen führte der Widerstand unter Widukind 782 zur Niederlage eines fränkischen Heeres am Süntel. Im selben Jahr kam es zum sogenannten Blutgericht von Verden: Den Reichsannalen zufolge ließ Karl 4500 Sachsen töten. Die Zahl gilt möglicherweise als übertrieben, eine äußerst brutale Strafmaßnahme ist jedoch unbestreitbar. 785 unterwarf sich Widukind und ließ sich taufen. Weitere Unruhen wurden bis 804 bekämpft. 797 ersetzte Karl die besonders harte Capitulatio de partibus Saxoniae durch eine mildere Verordnung; 802 wurde mit der Lex Saxonum geschriebenes Recht erlassen, das auch sächsische Rechtsvorstellungen aufnahm.
Nach Karlmanns Tod griff Karl in Italien ein. Auf Bitten Papst Hadrians begann er 773 den Langobardenkrieg, der Anfang Juni 774 mit der Kapitulation Pavias endete. Karl eroberte das Langobardenreich und nannte sich nun „König der Franken und der Langobarden“. Oberitalien und Teile Mittelitaliens wurden in das Frankenreich eingegliedert; die langobardischen Fürstentümer in Unteritalien blieben faktisch außerhalb seines Zugriffs. Zugleich erneuerte Karl in Rom das von Pippin geschlossene Pactum mit dem Papsttum.
Bayern verlor 788 seine politische Selbstständigkeit. Herzog Tassilo III. hatte in Bayern eine königsähnliche Sonderstellung bewahrt. Karl zwang ihn 787 zur Unterwerfung und ließ ihn 788 in Ingelheim zusammen mit seiner Familie festsetzen. Die Vorwürfe des Bündnisses mit den Awaren und der „Fahnenflucht“ gelten in der modernen Forschung als fingiert; der Prozess war demnach ein politischer Scheinprozess. Tassilo wurde zunächst zum Tod verurteilt, dann zu lebenslanger Klosterhaft begnadigt und verzichtete 794 endgültig auf seine Ansprüche. Bayern blieb kirchlich eine Einheit und wurde durch einen königlichen Präfekten verwaltet, war politisch aber Teil des Frankenreichs.
Der gegen das Emirat von Córdoba gerichtete Spanienfeldzug von 778 scheiterte. Pamplona wurde zwar erobert, Saragossa jedoch nicht. Beim Rückzug erlitt die fränkische Nachhut im August 778 in der Schlacht von Roncesvalles erhebliche Verluste; unter den Gefallenen war Hruotland, Graf der bretonischen Mark. Spätere Feldzüge waren erfolgreicher: Barcelona fiel 803, Pamplona 811. Das eroberte Gebiet bildete eine strategische Pufferzone, die erst nach Karls Tod als Spanische Mark organisiert wurde.
Der Awarenkrieg begann nach awarischen Einfällen von 788 mit einer großen fränkischen Invasion ab 791. Interne Machtkämpfe schwächten das Awarenreich. 795 unterwarf sich der Tudun und ließ sich taufen; 796 wurde das Reich erneut angegriffen und der sogenannte Awarenschatz erbeutet. Die awarische Macht war damit gebrochen. Aufstände von 799/803 blieben wirkungslos. Der Grenzraum wurde christianisiert, neu besiedelt und schließlich in eine Grenzmark gegen die Bulgaren einbezogen. Auch gegenüber Slawen und Dänen sicherte Karl die Grenzen durch Feldzüge, Bündnisse und Marken. Gegen die Slawen betrieb er überwiegend eine defensive Politik. Gegen Dänemark wurden 811 und 813 Friedensverträge geschlossen.
Verwaltung und politische Praxis
Der Hof war das Zentrum der Herrschaft. Da frühmittelalterliche Könige als Reisekönige von Pfalz zu Pfalz zogen, regelte Karl die Regierungsgeschäfte an wechselnden Orten. Die Naturalwirtschaft und das Krongut bildeten die wichtigste materielle Grundlage. Aachen wurde wegen seiner heißen Quellen und der nahegelegenen Jagdgebiete zur Hauptresidenz; Karl hielt sich dort 26-mal auf und ließ die Aachener Königspfalz ausbauen.
Die Verwaltung lag vor allem bei den Grafen. Sie waren königliche Amtsträger, Heerführer und Träger von Regalien. Mark-, Burg- und Pfalzgrafen übernahmen besondere Aufgaben; Markgrafen besaßen in den Grenzmarken weitreichende Sonderrechte. Die Ämter waren zu Karls Zeit noch verliehen und nicht erblich. Die sogenannten Königsboten (missi dominici) wurden paarweise, meist als weltlicher und geistlicher Vertreter, in Bezirke entsandt. Sie setzten Erlasse durch, trieben Abgaben ein, kontrollierten die lokalen Amtsträger, nahmen den Treueid ab und konnten auch Recht sprechen. 789 mussten alle männlichen Bewohner des Reiches ab zwölf Jahren Karl den Treueid leisten; 802 wurde dies wiederholt.
Karl erließ zahlreiche Kapitularien, also gesetzesartige Verordnungen. Die Admonitio generalis von März 789 umfasste 82 Kapitel und zielte auf eine Neuordnung von Kirche und Reich, die Förderung des Wissens, die Bekämpfung von Häresie und Aberglauben sowie Frieden und Eintracht. Das Capitulare de villis vel curtis imperii regelte die Verwaltung der Krongüter und sollte vermutlich die Versorgung des Hofes sichern. Karl betonte außerdem den Schutz der Freien und Armen sowie den königlichen Schutz für Juden. Vollständig durchsetzen konnte er seine Ordnungsvorstellungen wegen der begrenzten Herrschaftsmittel und der Eigeninteressen der Großen nicht.
Zu Karls Außenpolitik gehörten Gesandtschaften nach England, zum Abbasidenkalifen Hārūn ar-Raschīd und nach Byzanz. Die Kontakte dienten unter anderem dem Schutz christlicher Pilger und Heiligtümer, dem Handel und möglichen Bündnisüberlegungen. Der Kalif schenkte Karl den Elefanten Abul Abbas, der 801/02 ins Frankenreich gelangte. Die Kaiserkrönung von 800 löste mit Byzanz das Zweikaiserproblem aus. Im Frieden von Aachen von 812 wurde ein Ausgleich mit Kaiser Michael I. erzielt.
Kirche und Bildungsreform
Karl nutzte die Kirche als reichsweite Infrastruktur und stärkte sie durch neue Klöster, Bistümer, Schenkungen und Reformen. Er beanspruchte das Recht, Bischöfe zu ernennen, führte die Metropolitanverfassung weiter, förderte regelmäßige Synoden und ließ kirchliche Visitationen durchführen. Zugleich verstand er sich als Herr des Reichsepiskopats und als defensor ecclesiae („Verteidiger der Kirche“). Die Zusammenarbeit mit dem Papsttum legitimierte zunächst das karolingische Königtum und machte die Franken zur weltlichen Schutzmacht des Papstes. Nach der Kaiserkrönung standen sich Kaiser- und Papsttum als zwei Universalgewalten gegenüber.
Die Missionierung wurde besonders in Sachsen mit Zwang und Gewalt betrieben. Karl verlangte im Inneren eine stärker „verchristlichte“ Lebensführung, etwa die Einhaltung der zehn Gebote und des Sonntagsgebots. Alkuin kritisierte die gewaltsame Bekehrung, weil der Glaube nach kirchlicher Lehre freiwillig angenommen werden sollte. Auf der Synode von Frankfurt 794 lehnte das Frankenreich die religiöse Bilderverehrung ab; das Konzil von Aachen erklärte 809 die Filioque-Formel für verbindlich.
Die karolingische Bildungsreform reagierte auf den Rückgang von Bildungseinrichtungen und die „Verwilderung“ des Lateins. Ihr Leitbegriff war correctio, also die Berichtigung und Vereinheitlichung von Sprache, Schrift und Gottesdienst. Grundlage blieb die spätantike Bildung der septem artes liberales, der sieben freien Künste. Karl förderte die Reform, maßgeblich umgesetzt wurde sie von Alkuin und weiteren Gelehrten am Hof.
Kloster- und Domschulen sollten eingerichtet, Priester besser ausgebildet und beim Abschreiben Texte korrigiert werden. Die lateinische Schriftsprache wurde verbessert; die karolingische Minuskel setzte sich als gut lesbare Schriftart durch. Eine revidierte Vulgata wurde in vielen Exemplaren als sogenannte Alkuinbibeln verbreitet. Hofschule, Hofbibliothek, Klöster und Bischofssitze wurden zu Zentren der Bildung. Um 820 lassen sich neben dem Aachener Hof 16 „Schriftprovinzen“ mit mehreren Skriptorien nachweisen. Die Reform steigerte die literarische Produktion, förderte Kunst und Architektur und bewahrte zahlreiche antike lateinische Texte durch neue Abschriften. Auch die althochdeutsche Literatur wurde gestärkt; fragmentarisch erhalten ist etwa das Hildebrandslied.
Familie, Tod und Nachwirkung
Karl war sicher viermal verheiratet, möglicherweise fünfmal. Seine erste Frau Himiltrud gebar den Sohn Pippin, der sich 792 erfolglos gegen Karl erhob, in Prüm inhaftiert wurde und 811 starb. Die zweite Ehe mit einer Tochter des Langobardenkönigs Desiderius wurde 771 beendet. Danach heiratete Karl Hildegard. Sie gebar neun Kinder, darunter den späteren Nachfolger Ludwig, und starb 783. Aus der Ehe mit Fastrada, die Karl im Herbst 783 heiratete, stammten zwei Töchter. Eine mögliche fünfte Ehe mit Liutgard ist nicht eindeutig belegt. Nebenfrauen wie Madelgard, Gerswind, Regina und Adelind hatten weitere Kinder, darunter Drogo von Metz und Hugo, die keine legitimen Erben waren.
Karl starb am 28. Januar 814 in Aachen an einer plötzlich auftretenden fiebrigen Krankheit und wurde in der Pfalzkapelle beigesetzt. Seit 810 hatte er unter Fieberanfällen gelitten. 806 hatte er mit der Divisio Regnorum einen Reichsteilungsplan verfasst. Nachdem seine älteren Söhne gestorben waren, erhob er im September 813 seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser, ohne den Papst zu beteiligen. Ludwig folgte ihm, doch zerbrach die Reichseinheit später durch innere Konflikte; daraus entstanden West- und Ostfrankenreich, die „Keimzellen“ der späteren Länder Frankreich und Deutschland. Die Gebeine Karls liegen im Karlsschrein in Aachen. Wissenschaftler schätzten seine Körpergröße 2010 auf 1,84 Meter.
Karl wurde 1165 von Gegenpapst Paschalis III. heiliggesprochen; sein Gedenktag ist der 28. Januar. Im Mittelalter galt er als Idealkaiser und Förderer des Christentums. Sein Andenken wurde jedoch früh zum Karlsmythos verklärt. Die Kaiserkrönung in Aachen wurde für Jahrhunderte als besonders legitimierend angesehen. Spätere Herrscher, darunter Otto der Große, Friedrich Barbarossa, Karl IV., Karl V. und Napoleon, nutzten Karls Vorbild zur Begründung eigener Herrschaftsansprüche. In Deutschland und Frankreich wurde er im 19. und frühen 20. Jahrhundert national vereinnahmt. Die moderne Forschung betrachtet ihn überwiegend als Franken und beurteilt die Bezeichnung „Vater Europas“ kritisch: Das Karolingerreich war keine frühe Europäische Union.
Die Quellenlage ist für einen frühmittelalterlichen Herrscher vergleichsweise günstig. Wichtigste erzählende Quelle ist Einhards Vita Karoli Magni, die Karl nach dem Vorbild Suetons positiv darstellt. Zentrale Bedeutung besitzen außerdem die Reichsannalen von 741 bis 829, deren hofnahe Darstellung jedoch einseitig ist. Weitere Quellen sind Annalen, Gedichte, Briefe, Synodenbeschlüsse, kirchenrechtliche Schriften, Kapitularien, Gesetze, Münzen, Bauten und Kunstwerke. Von 262 überlieferten Urkunden Karls gelten 98 als gefälscht; zusätzlich sind verlorene Urkunden nur indirekt als Deperdita erschließbar. Die Forschung entfernte sich nach 1945 von nationalen Deutungen und beurteilt Karls politische, kirchliche und kulturelle Leistungen heute differenzierter.