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Tschechoslowakei
Wirtschaft. In der Zwischenkriegszeit war die Tschechoslowakei eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Sie gehörte zu den stärksten Industriestaaten …
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Überblick und Staat
Die Tschechoslowakei (tschechisch und slowakisch Československo) war ein Binnenstaat in Mitteleuropa, der vom 28. Oktober 1918 bis zum 31. Dezember 1992 bestand. Sie lag überwiegend auf dem Gebiet der heutigen Staaten Tschechien und Slowakei; bis 1946 gehörte auch Karpatenrussland beziehungsweise die Karpatenukraine dazu. Der Staat entstand als Nachfolgestaat Österreich-Ungarns und umfasste Böhmen, Mähren, Schlesien, die Slowakei und zunächst Karpatenrussland. Hauptstadt war Prag.
Die Tschechoslowakei wurde 1918 als freiheitlich-demokratischer und sozialer Rechtsstaat nach westlichem Vorbild gegründet. Ihre längste amtliche Bezeichnung lautete Tschechoslowakische Republik. Sie war grundsätzlich eine parlamentarische Republik, stand jedoch von 1948 bis 1990 unter Einparteiherrschaft der Kommunistischen Partei. Erster Präsident war Tomáš Garrigue Masaryk (1918–1935), letzter Präsident Václav Havel (1989–1992). Als Regierungschefs amtieren zuerst Karel Kramář (1918–1919) und zuletzt Jan Stráský (1992).
1991 hatte das Land eine Fläche von 127.876 km² und 15,8 Millionen Einwohner im Jahr 1992. Die Währung war die Tschechoslowakische Krone. Der Wahlspruch lautete „Die Wahrheit siegt“: Pravda vítězí auf Tschechisch, Pravda víťazí auf Slowakisch; 1990–1992 außerdem Veritas vincit auf Lateinisch. International war die Tschechoslowakei 1920 Gründungsmitglied des Völkerbunds, 1945 der Vereinten Nationen, 1949 des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe und 1955 des Warschauer Paktes. 1991 trat sie dem Europarat bei.
Die staatlichen Namen änderten sich mehrfach: 1918 verwendete die provisorische Verfassung Tschecho-Slowakische Republik oder Tschecho-Slowakischer Staat. Die Verfassung von 1920 legte Tschechoslowakische Republik (ČSR) ohne Bindestrich fest. Nach dem Münchner Abkommen hieß der Staat ab Oktober 1938 Tschecho-Slowakische Republik. 1960 wurde daraus die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR), 1990 die Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR). Der Streit über die Schreibweise mit oder ohne Bindestrich wird Gedankenstrich-Krieg genannt.
Gebiet, Landschaft und Verwaltung
Das Staatsgebiet setzte sich aus dem tschechischen, slowakischen und bis 1946 karpatenukrainischen Landesteil zusammen. Der tschechische Teil bestand aus Böhmen, Mähren und Schlesien, darunter dem früheren Österreichisch-Schlesien und dem zuvor preußischen Gebiet um Hultschin. Die Landschaften unterschieden sich deutlich; das westliche Gebiet gehörte zum nord-mitteleuropäischen Oberland. Das Land grenzte an Österreich, Ungarn, Polen und Deutschland beziehungsweise von 1949 bis 1990 an die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland; im Osten an Rumänien bis 1946 sowie später an die Sowjetunion und ab 1991 an die Ukraine.
Die Grenzen wurden erst durch die Verträge von Saint-Germain 1919, Trianon 1920 und weitere Regelungen festgelegt. Von 1921 bis 1938 betrug die Fläche 140.800 km². Das Land war damit etwa dreieinhalbmal so groß wie die Schweiz, 820 km lang, an der breitesten Stelle 250 km und an der schmalsten 80 km breit. Nach den Gebietsverlusten von 1938 blieben 1939 nur 99.348 km². Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte das kontrollierte Gebiet durch einen Gebietserwerb bei Bratislava 144.846 km². Mit der erzwungenen Abtretung der Karpatenukraine an die Sowjetunion 1946 verlor der Staat 12.777 km² und umfasste bis 1992 127.876 km².
Das Land verfügte über zahlreiche Rohstoffe und die größten Uranvorkommen Europas. Es gab unter anderem Stein- und Braunkohle, Kaolin, Graphit, Kalkstein und Quarzsand; Kupfer- und Manganerz lagen im Slowakischen Erzgebirge. Das Klima war gemäßigt, aber regional verschieden. Die wärmsten und trockensten Gebiete lagen im Süden, während in den Gebirgen und besonders in der Karpatenukraine niedrige Temperaturen herrschten. In Vígľaš-Pstruša wurden am 11. Februar 1929 −41 °C gemessen.
Die Verwaltung wurde mehrmals umgestaltet. Zunächst übernahm der Staat österreichisch-ungarische Bezirke und Komitate. 1928 entstanden vier Länder: Böhmen, Mähren-Schlesien, Slowakei und Podkarpatská Rus. Ab 1949 gab es Kreise und Bezirke; 1960 bestand die ČSSR aus 10 Kreisen und 108 Bezirken, während Prag selbstständig war. Mit der Föderalisierung kamen 1969 die Tschechische und die Slowakische Sozialistische Republik hinzu.
Bevölkerung, Sprachen und jüdische Bevölkerung
Von 1918 bis 1945 war die Tschechoslowakei ein Vielvölkerstaat. Nationale Minderheiten – darunter Juden, Deutsche, Magyaren, Polen, Ukrainer, Ruthenen und Rumänen – stellten ungefähr 35 % der Bevölkerung. Bei der Volkszählung von 1921 lebten 13,613 Millionen Menschen im Staat: 8,761 Millionen Tschechoslowaken (64,35 %), darunter 6,794 Millionen Tschechen und 1,967 Millionen Slowaken; außerdem 3,123 Millionen Deutsche (22,94 %), 0,745 Millionen Ungarn, 0,461 Millionen Russen, 0,180 Millionen Juden, 0,102 Millionen Polen und andere sowie 0,238 Millionen Ausländer. Die Zahl der Deutschen überstieg damals diejenige der Slowaken.
Die Amtssprachen waren Tschechisch und Slowakisch; von 1920 bis 1938 war außerdem Russinisch Amtssprache. Regional wurden Deutsch, Ungarisch und Polnisch verwendet. Die Bevölkerung betrug 1925 13,374 Millionen, 1934 15,057 Millionen, 1948 12,193 Millionen, 1974 14,480 Millionen und 1992 15,8 Millionen. Nach 1945 wurde der Staat als Staat der slawischen Völker wiedererrichtet. Die Beneš-Dekrete führten 1945/46 zur Vertreibung der Deutschen und zu einem tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustausch.
1938 lebten ungefähr 400.000 Juden im Land, 2,7 % von 15,247 Millionen Einwohnern. Die größte jüdische Gemeinde befand sich in Prag. Während der deutschen Besetzung wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Protektorats Böhmen und Mähren in Theresienstadt interniert und meist nach Auschwitz deportiert. Von etwa 82.000 deportierten Juden aus dem Protektorat überlebten rund 11.200. In der Slowakei begannen nach antijüdischen Gesetzen 1942 Deportationen; während des Slowakischen Nationalaufstands waren die Gesetze in Teilen der Mittelslowakei vom 29. August bis 27. Oktober 1944 außer Kraft. Etwa 90 % der fast 120.000 Juden in der Karpatenukraine wurden im Holocaust ermordet. Überlebende waren etwa 15.000 karpatorussische, 30.000 slowakische und 24.395 tschechische Juden.
Entstehung, Krise und Zweiter Weltkrieg
Die Tschechoslowakei entstand nach dem Zerfall Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs. Ihre rechtliche Grundlage war das Gesetz über die Errichtung des selbstständigen tschechoslowakischen Staates vom 28. Oktober 1918. Tschechische Exilpolitiker hatten seit 1916 Unterstützung der Triple Entente erhalten. Die Verträge von Saint-Germain und Trianon erkannten die ČSR an. Unter Masaryk wurde sie als parlamentarische Demokratie aufgebaut; 1920 führte sie das Frauenwahlrecht ein. Nach 1933 blieb sie neben der Schweiz die einzige funktionierende Demokratie in Mitteleuropa.
Wirtschaftlich erlebte die Republik zunächst einen Aufschwung. Dazu trugen reiche Kohlevorkommen und produktive Agrargebiete bei. Die bisherige Krone wurde Anfang 1919 abgestempelt; daraus entstand die bis zum Zweiten Weltkrieg stabile Tschechoslowakische Krone. Zugleich nahmen Konflikte mit den Deutschböhmen und Deutschmährern zu. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 unterstützte die NSDAP die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins.
Das Münchner Abkommen von 1938 führte zur Abtretung des Sudetenlands an das Deutsche Reich. Die tschechoslowakische Regierung war an den Verhandlungen nicht beteiligt, stimmte dem Ergebnis unter Edvard Beneš jedoch zu. Ungarn erhielt im Ersten Wiener Schiedsspruch 11.882 km² der südlichen Slowakei; Polen erhielt Teschen mit Umgebung, etwa 906 km², sowie Zips und Orava mit 226 km². Insgesamt betrugen die Gebietsverluste 41.442 km², etwa ein Viertel des Staatsgebiets.
Am 14. März 1939 erklärte sich der Slowakische Staat unter direktem Druck Hitlers unabhängig. Am 15. März besetzte die Wehrmacht die sogenannte Rest-Tschechei; daraus entstand das Protektorat Böhmen und Mähren unter deutscher Hoheit. Präsident Emil Hácha und seine Regierung standen unter der Aufsicht eines Reichsprotektors. Die Karpatenukraine wurde von Ungarn annektiert. Eine Exilregierung unter Beneš bildete sich ab 1940 in London. Tschechen und Slowaken kämpften mit den Westalliierten und der Roten Armee. Der Slowakische Nationalaufstand von 1944 richtete sich gegen die deutschen Besatzer und die kollaborierende Staatsregierung, wurde aber innerhalb von zwei Monaten niedergeschlagen.
Kommunistische Herrschaft und Teilung
1945 wurde die Republik in den Grenzen vor dem Münchner Abkommen wiedererrichtet, mit Ausnahme der an die Sowjetunion abgegebenen Karpatenukraine. Die deutsche Bevölkerung, vor allem im Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, wurde überwiegend vertrieben oder ausgesiedelt. Nach dem Februarumsturz 1948 folgte die ČSR uneingeschränkt der stalinistischen Politik der UdSSR. Präsident Edvard Beneš trat zurück, weil er die Verfassung vom 9. Mai 1948 nicht unterschreiben wollte; Klement Gottwald wurde Präsident. Es folgten Schauprozesse und stalinistische Säuberungen. Das Land wurde ein Satellitenstaat der UdSSR im Ostblock.
Die Verfassung von 1960 benannte den Staat in ČSSR um und schrieb den kommunistischen Führungsanspruch fest. 1968 versuchte Alexander Dubček im Prager Frühling eine „Vermenschlichung“ des kommunistischen Staates und einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Am 21. August 1968 schlugen die Sowjetunion und andere Staaten des Warschauer Vertrags die Reform mit Waffengewalt nieder. Dennoch wurde die Föderalisierung umgesetzt: Seit dem 28. Oktober 1968 bestand die ČSSR aus der Tschechischen und der Slowakischen Sozialistischen Republik. Die entscheidende Parteilinie blieb beim Zentralkomitee der KPČ in Prag.
Die anschließende „Normalisierung“ brachte Zensur, Säuberungen und Verfolgung einer Bürgerrechtsbewegung. Diese veröffentlichte 1977 die Petition Charta 77. Im November 1989 führten Demonstrationen in Prag, Bratislava und anderen Städten zur Samtenen Revolution. Die kommunistische Führung trat zurück; Anfang Dezember entstand unter Marián Čalfa eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung, und Ende Dezember wurde Václav Havel Präsident. Im Juni 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1945 statt.
Nach 1990 nahmen Konflikte zwischen den tschechischen und slowakischen Landesteilen zu. Die Bundesversammlung beschloss am 25. November 1992 ohne Referendum die Auflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992. Am 1. Januar 1993 entstanden Tschechien und die Slowakei.
Wirtschaft, Militär und Sport
In der Zwischenkriegszeit gehörte die Tschechoslowakei zu den fortschrittlichsten und stärksten Industriestaaten Europas. Die Schwerindustrie lag eher im Landesinnern, die Leichtindustrie vor allem in den überwiegend deutsch bewohnten Grenzregionen. Besonders die Waffenproduktion hatte Weltruf. Die Slowakei blieb bis in die 1960er Jahre wirtschaftlich deutlich schwächer als der westliche Landesteil. Die Karpatenukraine war 1918 praktisch industriefrei und hatte einen hohen Anteil von Analphabeten. Die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 führte zu etwa einer Million Arbeitslosen.
Die 1918 gegründete Tschechoslowakische Armee hieß ab 1954 Tschechoslowakische Volksarmee und trat 1955 dem Warschauer Pakt bei. 1990 erhielt sie wieder den Namen Tschechoslowakische Armee. 1993 wurde sie in die Streitkräfte der Tschechischen Republik und der Slowakischen Republik geteilt.
Im Sport waren Fußball und Eishockey besonders bedeutend. Die Fußballnationalmannschaft gewann die Europameisterschaft 1976, erreichte die WM-Endspiele 1934 und 1962 und gewann 1980 olympisches Gold. Die Eishockeynationalmannschaft wurde sechsmal Weltmeister und gewann bei Olympischen Spielen vier Silber- und vier Bronzemedaillen. Bei Olympischen Spielen gewann die Tschechoslowakei insgesamt 168 Medaillen, davon 51 goldene. Die erfolgreichste Olympionikin war die Kunstturnerin Věra Čáslavská mit sieben Gold- und vier Silbermedaillen; der Langstreckenläufer Emil Zátopek gewann vier Gold- und eine Silbermedaille.