Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ständegesellschaft
Ständegesellschaft bezeichnet in den Humanwissenschaften eine hierarchisch geordnete Gesellschaft mit voneinander abgegrenzten sozialen Gruppierungen – den …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und zentrale Merkmale
Eine Ständegesellschaft ist eine hierarchisch geordnete Gesellschaft. Sie besteht aus voneinander abgegrenzten sozialen Gruppierungen, den Ständen oder Geburtsständen. Diese Gruppen haben eigene rechtliche, soziale und kulturelle Normen. Ihr Zusammenhalt beruht auf Gemeinsamkeiten in Abstammung, Beruf, Besitz oder Bildung und Arbeit.
Ein Stand unterscheidet sich von einer sozialen Klasse und einer sozialen Schicht durch selbstdefinierte Unterscheidungsmerkmale, zum Beispiel Standesehre oder Standesethik. Solche Regeln können als Standesverfassung festgelegt sein. Stände besitzen häufig eine eigene Emblematik, etwa Siegel, Fahnen, Wappen und Insignien der Führungsfunktionen.
Während Klasse und Schicht eine soziale Rolle beschreiben, ist der Stand ein persönliches Attribut einer Person. Dadurch ähnelt die Ständegesellschaft der Kastenordnung. Die Zugehörigkeit zu einem Stand ist in der Regel dauerhaft und ein Wechsel meist nicht möglich. Klasse oder Schicht können sich dagegen durch veränderte Lebensumstände verändern. Stand und Kaste sind häufig erblich; dann handelt es sich um einen Geburtsstand.
Stände, Gruppen und Gesamtkultur
Ein einzelner Stand muss nicht Teil einer vollständig ständischen Gesellschaft sein. Wie bei der Kaste bezeichnet der Begriff zunächst das Funktionsprinzip einer Gruppe. Typische Beispiele sind militärische Stände, auch „Kriegerkasten“ genannt, und religiöse Stände.
Aus dem Auftreten eines bestimmten Standes kann jedoch nicht automatisch auf eine Ständegesellschaft geschlossen werden. Das gilt besonders für die Soziologie der Frühgeschichte, also der vorschriftlichen Kulturen. Ein Stand kann in sich vertikal oder horizontal gegliedert sein. Nach außen kann er eine bestimmte Position in einer Hierarchie oder Schichtung einnehmen und zugleich in eine insgesamt nicht ständische Gesellschaft eingebettet sein.
In einer Ständegesellschaft entwickelt jeder Stand eine eigene Standeskultur. Gleichzeitig trägt jeder Stand zur Gesamtkultur der Gesellschaft bei.
Abgrenzung zum Feudalismus
Ständegesellschaft und Feudalgesellschaft sind nicht gleichbedeutend, auch wenn eine Feudalgesellschaft meist zugleich eine Ständegesellschaft ist. Feudalismus bezeichnet vor allem das hierarchische Verhältnis zwischen Herr und Lehnsmann. Dieses Verhältnis war besonders in der herrschenden Schicht angesiedelt und konnte dort ständische Elemente hervorbringen. Es führte zu einer vertikalen Gliederung der Gesellschaft.
Die ständische Ordnung bewertet dagegen menschliches Handeln unterschiedlich in den Bereichen des Glaubens, der Arbeit und des Krieges. Die feudale Ordnung beruht auf der Verteilung von Grund und Boden und ist deshalb an eine vorwiegend agrarisch geprägte Gesellschaft gebunden. Stände können hingegen in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft entstehen.
Historische und politische Beispiele
Ein bekanntes Beispiel ist die mittelalterliche Ständeordnung. Sie unterschied:
- den Klerus als Lehrstand und ersten Stand,
- Adel und Patrizier als Wehrstand und zweiten Stand,
- das Bürgertum mit Handwerkern, Kaufleuten, Grundbesitzern und Beamten sowie den Bauernstand als Nährstand und dritten Stand.
Im Heiligen Römischen Reich waren Reichsstände diejenigen Personen und Korporationen, die Sitz und Stimme im Reichstag besaßen. Zünfte, Gilden und ab dem Hochmittelalter auch Bauhütten bildeten weitere ständisch geprägte Organisationsformen. In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Territorien vertraten die Landstände die Stände gegenüber dem Landesherrn.
Im politischen System der Schweiz werden die Kantone bis heute als Stände bezeichnet. Der Ständerat ist die föderative Kammer der Schweizerischen Bundesversammlung. Bei Volksentscheiden muss neben dem Volksmehr auch das Ständemehr der Kantone erreicht werden. Im parlamentarischen Sinn können Stände außerdem Interessenvertretungen in einem Parlament sein. Im vorrevolutionären Frankreich waren die Generalstände ein Vorläufer des Parlaments. Der Begriff Ständestaat war schließlich eine Selbstbezeichnung des Austrofaschismus, der sich auf die mittelalterlichen Stände bezog.
Bedeutung im heutigen Gebrauch
Im bürgerlichen Recht werden die Begriffe Personenstand oder Zivilstand und Familienstand verwendet. Auch das Standesamt entwickelte sich aus der mittelalterlichen Ständeordnung.
„Stand“ kann außerdem allgemein eine Berufsgruppe bezeichnen, besonders im Zusammenhang mit mittelalterlichen Zünften. In diesem Sinn spricht man vom Berufsstand. Das Standesrecht betrifft Berufsgruppen wie Anwälte, Ärzte, Apotheker, Notare und Wirtschaftstreuhänder. Diese Berufe sind mit besonderer Verantwortung verbunden und kennen auch heute ein eigenständiges Berufsethos. Entsprechend wird „Stand“ beziehungsweise „Standes-“ auch bei verantwortungsvollen Funktionen von Richtern und Rechtsanwälten, Lehrern oder Beamten verwendet.
Lernvideos zu Ständegesellschaft
2:36
Die Ständegesellschaft im Mittelalter kurz erklärt
Geschichte erzählt · 14.800 Aufrufe
2:36
Ständegesellschaft | Lehnswesen | Grundherrschaft
Jot Em · 1.530 Aufrufe
11:09
Die mittelalterliche Ständegesellschaft: Ordnung, Macht und Alltag | Geschichte Erklärvideo
MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule · 52 Aufrufe