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Sprichwort
Ein Sprichwort (auch Proverb, wissenschaftlich Parömie) ist eine traditionell-volkstümliche Aussage, die ein Verhalten, eine Verhaltensfolge oder einen …
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Kernbegriff
Ein Sprichwort, auch Proverb oder wissenschaftlich Parömie genannt, ist eine traditionell-volkstümliche Aussage. Sie betrifft ein Verhalten, eine Folge von Verhalten oder einen Zustand und stellt meistens eine Lebenserfahrung dar. Sprichwörter gehören wie Redewendungen zum wichtigen Wortschatz vieler Sprachen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprichwörtern heißt Parömiologie.
Mehrere Definitionen betonen Kürze, feste Form und allgemeine Geltung. Miguel de Cervantes beschreibt es als „ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet“. Das Lexikon sprachwissenschaftlicher Termini nennt es eine „knapp und treffend formulierte Lebensweisheit“, die gesellschaftliche Erfahrungen stark verallgemeinert; der Autor ist unbekannt, oft ist die Form bildhaft und volkstümlich. Wolfgang Mieder definiert: „Ein Sprichwort ist ein allgemein bekannter, fest geprägter Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt.“
Sprichwörter wirken oft nicht wie direkte Befehle, sondern wie Erfahrungssätze. Statt „Sei ehrlich“ heißt es zum Beispiel „Ehrlich währt am längsten“. Dadurch erscheinen Normen als Ergebnis von Lebenserfahrung. Die Abgrenzung zu Zitaten und geflügelten Worten ist nicht immer eindeutig: Zitate haben zunächst einen bekannten Urheber, können aber im Laufe der Zeit sprichwörtlich werden. Bei manchen geflügelten Worten geht das Wissen über die Herkunft verloren. Von der Redewendung wird das Sprichwort unter anderem dadurch unterschieden, dass es ein ganzer Satz ist, während eine Redewendung nur Satzbestandteil ist.
Form und sprachliche Merkmale
Ein Sprichwort hat in der Regel eine feste und unveränderliche Formulierung. Gerade diese feste Gestalt unterscheidet es von freier Rede und von vielen Redewendungen. Beispiele für solche festen Sätze sind „Hunger ist der beste Koch“, „Wer lang hustet, lebt lang“ und „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“.
Die Form kann durch Klangmittel besonders einprägsam werden. Dazu gehören Stabreim, Endreim oder Binnenreim. Beispiele sind „Glück und Glas – wie leicht bricht das“, „Trocken Brot macht Wangen rot“, „Je oller, desto doller!“ und „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Solche Reim- und Klangformen helfen, Sprichwörter zu merken und weiterzugeben.
Sprichwörter besitzen häufig eine generalisierende Form. Das bedeutet: Sie stellen etwas als allgemein gültig dar. Sie können einen imperativischen Anspruch haben, also wie eine allgemeine Aufforderung wirken, etwa „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!“ oder Formen mit „Man soll …“, „Man muss …“ und „Man darf …“. Inhaltlich können sie eine Alltagserfahrung, ein Urteil, eine Warnung, eine Vorschrift, eine Klugheitsregel oder eine Regel ausdrücken. Beispiele dafür sind „Neue Besen kehren gut“, „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ und „Wer nicht hören will, muss fühlen“.
Inhalte und Aussageweisen
Sprichwörter können sehr unterschiedliche Inhalte ausdrücken. Manche enthalten Sozialkritik, etwa „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ Andere enthalten Religionskritik, einfache Haushaltsregeln oder Vorurteile. Als Beispiel für eine Haushaltsregel nennt der Artikel „Ein gebranntes Kind scheut das Feuer“. Ein Beispiel für ein Vorurteil ist „Was der Mann mit dem Wagen einfährt, trägt die Frau mit der Schürze hinaus“.
Wichtig ist: Sprichwörter sind nicht immer logisch miteinander vereinbar. Sie können einander widersprechen, weil sie für verschiedene Situationen passende Deutungen anbieten. Wolf Schneider macht dies an den Sprüchen „Gleich und gleich gesellt sich gern“ und „Gegensätze ziehen sich an“ deutlich. Beide können je nach Lage passend erscheinen, obwohl sie Gegensätzliches behaupten. Für das Verständnis ist daher entscheidend, dass Sprichwörter oft soziale Erfahrung, Meinung oder Deutung ausdrücken, aber nicht automatisch wissenschaftlich beweisbare Regeln sind.
Herkunft und verwandte Formen
Ein echtes Sprichwort gilt meistens als anonym: Sein Autor ist unbekannt. Dennoch stammen manche Aussagen, die heute wie Sprichwörter wirken, aus nachweisbaren Quellen. Dazu gehören lateinische Autoren, die Bibel und literarische Werke. Viele biblische Wendungen kamen durch Martin Luthers Übersetzung in die deutsche Sprache. Auch Sätze aus der Literatur können so bekannt werden, dass sie wie Sprichwörter benutzt werden, obwohl ihre Herkunft bekannt ist, zum Beispiel „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“.
Ein dem Sprichwort ähnliches Zitat nennt man geflügeltes Wort. Nach André Jolles gehören Sprichwort und geflügeltes Wort zu den „einfachen Formen“. Die Grenze ist beweglich: Ein Zitat kann sprichwörtlich werden, wenn es oft wiederholt wird und im allgemeinen Sprachgebrauch eine feste Bedeutung erhält.
Die Bibel enthält mit dem Buch der Sprüche Salomos, hebräisch מִשְלֵי שְׁלֹמֹה (Mischle Schlomo), eine wichtige Sammlung von Weisheitssprüchen. Es gehört zu den Ketuvim, den Schriften der jüdischen Bibel, und geht auf die Zeit von Hiskija, dem König von Juda, bis in das vierte Jahrhundert v. Chr. zurück. Themen sind der Tun-Ergehen-Zusammenhang, Lebensweisheit, gesellschaftliche und familiäre Verbundenheit sowie soziale Gerechtigkeit. Als Motto nennt der Artikel Spr 1,7 EU: „Die Furcht des HERRN ist Anfang der Erkenntnis, nur Toren verachten Weisheit und Erziehung.“
Bedeutung im Mittelalter
Im Mittelalter wurde das Sprichwort in vielen Lebensbereichen als Ausdrucksmittel geschätzt. Seit dem 12. Jahrhundert empfahlen zahlreiche Lehrwerke der Rhetorik das Sprichwort als Stilmittel, besonders um die Beweiskraft didaktischer Schriften zu unterstützen. Auch mittelalterliche Predigten stellten Sprichwörter häufig neben Schriftwörter, also neben Aussagen aus religiösen Schriften.
Diese hohe Bedeutung hängt mit Denkweisen der Zeit zusammen. Der scholastische Realismus sah das Allgemeine und Universelle als besonders wirklich und beweiskräftig an. Dazu passte das Sprichwort, weil es eine einzelne Erfahrung als allgemeine Wahrheit formuliert. Johan Huizinga bezeichnete das Sprichwort deshalb als besonders typisch für die mittelalterliche Geisteskultur. Erst im Spätmittelalter, etwa bei Geoffrey Chaucer, wurde Skepsis gegenüber abstrakten sprachlichen Formen wie dem Sprichwort deutlicher.
Abwandlungen und Beispiele
Viele Sprichwörter wurden im Laufe der Zeit verändert, vermischt oder inhaltlich weiterentwickelt. Solche Fortentwicklungen sind laut Artikel in der Forschung noch nicht ausreichend aufgearbeitet. Viele Abwandlungen sind spöttisch gemeint. Sie können die Einfachheit oder Trivialität des ursprünglichen Sprichworts hervorheben oder karikieren.
Typische Veränderungen entstehen durch Vermischung bekannter Formeln. Aus „Das schlägt dem Fass den Boden aus“ und „Das setzt der Sache ja die Krone auf!“ wird etwa die komische Mischung „Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht“. Aus „Morgenstund hat Gold im Mund“ und „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ entsteht „Morgenstund ist aller Laster Anfang“.
Andere Beispiele verändern die Aussage direkt: Aus „Der Klügere gibt nach“ wird „Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist“. Eine weitere spöttische Weiterführung lautet: „Der Klügere gibt nach.“ -- „Stimmt. Deshalb sind überall die Idioten an der Macht.“ Solche Beispiele zeigen, dass Sprichwörter nicht nur bewahrt, sondern auch spielerisch umgebaut und kritisch kommentiert werden.