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Wilhelm Tell (Schiller)

Wilhelm Tell ist das letzte fertiggestellte Drama von Friedrich von Schiller. Er schloss das Werk 1804 ab, im Paratext bezeichnete er es schlicht als …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Aufbau
  2. 2. Handlung in fünf Aufzügen
  3. 3. Entstehung und Rezeption
  4. 4. Freiheit, Tell und Gessler
  5. 5. Widerstandsrecht und Frauen
  6. 6. Revolution von 1789 und Napoleon

Kern und Aufbau

Wilhelm Tell ist ein Schauspiel von Friedrich von Schiller, das 1804 abgeschlossen und am 17. März 1804 im Weimarer Hoftheater uraufgeführt wurde. Es verarbeitet den Schweizer Nationalmythos um Wilhelm Tell und den Rütlischwur. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Menschenwürde und der Widerstand gegen eine fremde Willkürherrschaft.

Schiller verknüpft drei Handlungsstränge: Erstens die Sage von Wilhelm Tell, der nach dem Apfelschuss den habsburgischen Reichsvogt Hermann Gessler erschießt. Zweitens den Zusammenschluss der Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden zur Befreiung von der österreichischen Herrschaft. Drittens die Liebesgeschichte zwischen Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz. Die beiden letzten Handlungen verbinden sich am Ende eng miteinander; Tells Geschichte bleibt mit ihnen nur lose verknüpft.

Handlung in fünf Aufzügen

Im 1. Aufzug rettet Wilhelm Tell gemeinsam mit dem Fischer Ruodi den Flüchtling Konrad Baumgarten über den stürmischen Vierwaldstättersee. Baumgarten hat den Burgvogt Wolfenschießen erschlagen, weil dieser seine Frau schänden wollte. Die habsburgischen Verfolger verwüsten daraufhin Hütten und Herden. Gertrud Stauffacher ermutigt ihren Mann Werner, sich mit Gleichgesinnten gegen die habsburgische Tyrannei zu verbünden. In Altdorf müssen Bauern und Handwerker Frondienst leisten, während die Zwingburg Zwing-Uri errichtet wird. Der Hut Gesslers wird auf eine Stange gesteckt und soll wie der Landvogt geehrt werden. Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold vom Melchthal schließen sich zur Vorbereitung eines Aufstands zusammen.

Der 2. Aufzug zeigt den Gegensatz zwischen dem alten Adel und dem Volk. Der greise Freiherr von Attinghausen hat Verständnis für den Unmut der Bevölkerung, während sein Neffe Ulrich von Rudenz zunächst auf die Seite Habsburgs tritt. Auf dem Rütli versammeln sich Verschworene aus Uri, Schwyz und Unterwalden unter einem Mondregenbogen. Unter der Leitung des Alt-Landammanns Itel Reding bilden sie eine Landsgemeinde und begründen die Eidgenossenschaft. Sie beschließen, die habsburgische Besatzungsmacht zu vertreiben. Tell nimmt an diesem gemeinsamen Schwur nicht teil.

Im 3. Aufzug repariert Tell auf seinem Hof selbst die Pforte; dabei fällt der Satz: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“. Er bricht mit seinem älteren Sohn Walther nach Altdorf auf, obwohl seine Frau Hedwig ihn aus Sorge zurückhalten will. Berta von Bruneck überzeugt Ulrich von Rudenz während einer Hofjagd, sich der eidgenössischen Sache anzuschließen. In Altdorf grüßt Tell den aufgestellten Hut Gesslers nicht. Gessler verhaftet ihn und zwingt ihn, einen Apfel vom Kopf seines eigenen Sohnes zu schießen. Tell entnimmt seinem Köcher zwei Pfeile und trifft den Apfel. Auf Gesslers Frage erklärt er, der zweite Pfeil sei für Gessler bestimmt gewesen, falls er seinen Sohn getroffen hätte. Trotz seines Versprechens, Tell freizulassen, lässt Gessler ihn fesseln.

Im 4. Aufzug entkommt Tell während eines Seesturms und springt an der Stelle der späteren Tellskapelle ans Ufer. Ein Fischerknabe zeigt ihm heimlich den Weg nach Küssnacht. Der sterbende Attinghausen erklärt, die Sonderstellung des Blutadels sei beendet; seine letzten Worte lauten: „Seid einig – einig – einig“. Rudenz tritt dem eidgenössischen Bund bei. In der Hohlen Gasse bei Küssnacht lauert Tell Gessler auf. Sein Monolog begründet den Entschluss, dem „teuflischen“ Treiben des Vogtes ein Ende zu setzen. Als Gessler die Bittstellerin Armgard überreiten will, tötet Tell ihn mit einem Pfeil.

Im 5. Aufzug wird die Zwingburg in Altdorf geschleift. Rudenz und Arnold vom Melchthal befreien Berta aus dem Verlies. Gleichzeitig wird bekannt, dass der habsburgische König Albrecht von seinem Neffen Johannes Parricida ermordet wurde, weil er ihm sein Erbe vorenthalten hatte. Tells Frau Hedwig wirft ihm vor, das Leben ihres Kindes gefährdet zu haben. Parricida bittet Tell als Tyrannenmörder um Hilfe. Tell weist jedoch darauf hin, dass Parricidas Tat aus Ehrgeiz und Tells Tat aus gerechter Notwehr begangen wurde. Er fordert Parricida auf, in Rom dem Papst seine Tat zu beichten. Am Ende bejubelt das Volk Tell. Berta verbindet sich mit Rudenz, und Rudenz erklärt zugleich alle seine Knechte für frei.

Entstehung und Rezeption

Charlotte von Lengefeld machte Schiller bereits 1789 mit der Tellsage bekannt. Goethe beschäftigte sich während seiner Reisen in die Innerschweiz mit dem Stoff und teilte Schiller 1797 sein Interesse mit. Schiller beschaffte sich die Schweizer Chronik von Tschudi. Von 1803 bis 1804 schrieb er das Drama in fünf Aufzügen und blieb in den ersten vier Aufzügen bis in Einzelheiten der Chronik treu. Obwohl er nie in der Schweiz war, verfügte er über genaue Ortskenntnisse. Goethe, damals Intendant des Weimarer Theaters, führte bei der Uraufführung Regie. Wilhelm Tell ist Schillers letztes vollendetes Bühnenwerk.

Im 19. Jahrhundert wurde der 5. Aufzug häufig stark gekürzt oder gar nicht aufgeführt. Seit Ludwig Börne verbreitete sich die Auffassung, Tell hätte statt des Apfelschusses unmittelbar auf Gessler schießen und den „Heldentod“ sterben sollen. Im „Dritten Reich“ wurde das Stück zunächst als Propagandawerk genutzt. Tell und Werner Stauffacher galten als ideale Führerpersönlichkeiten, und Tellzitate erschienen in vielen Lesebüchern. Wegen des Motivs des gerechtfertigten Tyrannenmords, der Reaktionen des Publikums und mehrerer Attentatspläne auf Hitler wurde das Stück jedoch am 3. Juni 1941 auf Anweisung Hitlers für Aufführungen und den Schulunterricht verboten.

Nach 1945 galt das Schauspiel wegen seines zivilisatorischen Gehalts und seiner künstlerischen Form als besonders wichtiges Werk des gymnasialen Deutschunterrichts. 1989 wurde eine Inszenierung des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin als offener Aufruf zur Revolution verstanden; am Abend des Mauerfalls wurde das Stück dort erneut aufgeführt. 2004 wurde es zum zweihundertjährigen Jubiläum erstmals auf dem Rütli gespielt. Eine Inszenierung von Samuel Schwarz im Theater St. Gallen thematisierte 2006 die nationalsozialistische Instrumentalisierung des Tellmythos und stellte Bezüge zu modernen Gewalttätern her.

Freiheit, Tell und Gessler

Schiller stellt den kollektiven und individuellen Freiheitskampf der innerschweizerischen Bevölkerung gegen die brutale Willkürherrschaft der habsburgischen Vögte dar. Alte und Junge, Frauen und Männer sowie Menschen verschiedener Stände und Schichten wirken am Widerstand mit.

Tell verkörpert den „natürlichen“, freiheitsliebenden Tatmenschen. Er handelt zunächst intuitiv und wortkarg und fasst seine Erfahrungen in volkstümlichen Sentenzen zusammen, etwa: „Wer gar zuviel bedenkt, wird wenig leisten“ oder „Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.“ Gessler steht dagegen für gefühlsrohe Machtgier. Der Zwang, auf den Kopf von Tells eigenem Kind zu schießen, zeigt seine „widernatürliche“ Verkommenheit.

Nach dem Gesslerschuss verändert sich Tell. Im 4. Aufzug erklärt er in einem Monolog sein Motiv für den Tyrannenmord. Durch die Tat verliert er seine natürliche Unschuld; seine Armbrust benutzt er danach nicht mehr. Im 5. Aufzug erscheint er als beinahe philosophische Gestalt. Sein Handeln wird von Schiller der Notwehr eines Vaters und dem Widerstand gegen eine unerträgliche Tyrannei zugeordnet.

Widerstandsrecht und Frauen

In der Rütlisszene formuliert Werner Stauffacher Schillers Auffassung vom Widerstandsrecht. Tyrannenmacht hat eine Grenze, wenn Unterdrückte nirgends Recht finden und die Last unerträglich wird. Dann dürfen sie ihre „ew’gen Rechte“ verteidigen; „zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben“. Die Freiheit der Innerschweizer wird damit als Teil ihrer Menschenwürde verstanden. „Der alte Urstand der Natur kehrt wieder“ verweist auf Schillers Naturrecht: Kein Mensch darf sich einem anderen Menschen vollständig unterwerfen.

Der Widerstand soll jedoch nicht in ungezügelte Gewalt umschlagen. Walter Fürst erklärt, man wolle die alten Rechte bewahren und die Vögte sowie ihre Burgen vertreiben, „doch, wenn es sein mag, ohne Blut“. Damit grenzt Schiller den Freiheitskampf von den brutalen Auswüchsen der Französischen Revolution und der jakobinischen Schreckensherrschaft von 1793–1794 ab.

Frauen handeln im Drama mehrfach besonders entschlossen. Die Bäuerin Gertrud Stauffacher ermutigt ihren Mann zum Widerstand und erklärt, auch Frauen hätten einen letzten Weg in die Freiheit. Die Adelige Berta gewinnt Rudenz für die eidgenössische Sache. Armgard, die Frau eines ohne Richterspruch eingekerkerten Kleinbauern, stellt sich mit ihren hungernden Kindern Gessler entgegen. Als er sie und die Kinder überreiten will, tötet Tell ihn. Als Hintergrund für den Zorn der Frauen dient die Vergewaltigung von Baumgartens Frau durch den Vogt Wolfenschießen.

Revolution von 1789 und Napoleon

Schiller behandelt die Französische Revolution nicht unmittelbar, obwohl Zeitgenossen dies erwarteten. Sein Thema ist allgemeiner: Er verbindet sittlich entwickelte Individualität mit rechtlich geordneter Gemeinschaft. Das Spannungsverhältnis von individueller Freiheit und Solidarität sowie das Recht auf Widerstand prägt mehrere Notsituationen des Dramas, von Baumgartens Rettung über den Rütlischwur und den Apfelschuss bis zur Begegnung mit Parricida.

Der historische Stoff war zugleich von den politischen Ereignissen um Napoleon geprägt. Frankreich hatte die Schweiz mit Schweizer Unterstützung „revolutioniert“ und die von Frankreich abhängige Helvetische Republik geschaffen, die von 1798 bis 1803/1815 bestand. Auch das Heilige Römische Reich deutscher Nation geriet zunehmend unter französischen Einfluss. Schiller schrieb 1803/1804 vor diesem Hintergrund über einen landfremden Herrscher, der die Bewohner von Schwyz, Uri und Unterwalden unterjochen will. Der Konflikt betrifft daher nicht nur den Gegensatz zwischen oben und unten, sondern auch zwischen Fremdherrschaft und einheimischer Freiheit. Der Tellmythos konnte so als Appell verstanden werden, sich von fremder Tyrannei zu befreien.

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