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Buch der Sprichwörter
Das Buch der Sprichwörter (so der Titel in der Einheitsübersetzung, Abkürzung: Spr) ist ein Buch der Bibel. In jüdischen Bibelübersetzungen lautet der Titel …
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Einordnung und Entstehung
Das Buch der Sprichwörter ist ein Buch der Bibel. In der Einheitsübersetzung heißt es „Buch der Sprichwörter“ und wird mit „Spr“ abgekürzt. In jüdischen Bibelübersetzungen lautet der Titel „Mischle“, nach dem Anfangswort des hebräischen Textes: מִשְלֵי שְׁלֹמֹה mišlej (šəlomoh), „Sprüche Salomos“. Im Tanach gehört Mischle zu den Ketuvim, also den „Schriften“, dem dritten Teil des jüdischen Bibelkanons. Im christlichen Alten Testament zählt es zur Dichtung und Weisheitsliteratur.
Nach jüdischer Tradition geht das gesamte Buch auf Hiskija, den König von Juda, zurück. Die heutige Forschung nimmt dagegen eine längere Entstehungszeit an: Die biblische Sprichwortsammlung wuchs vermutlich von der Zeit König Hiskijas bis in das 4., eventuell sogar 3. Jahrhundert v. Chr. Die Einzelsprüche sind kaum genau zu datieren; vieles kann in vorexilische Zeit zurückgehen. Die Endredaktion wird meist im 4./3. Jahrhundert v. Chr. vermutet. Jesus Sirach, der um 190 v. Chr. schrieb, scheint das Buch bereits gekannt zu haben.
Titel, Gattungen und Aufbau
Der hebräische Buchtitel hängt mit dem Wort „Maschal“ zusammen. Dieses Wort hat ein breites Bedeutungsspektrum: Es kann Sprichwort, Gleichniswort, Weisheitsspruch, Redensart oder Spottlied bedeuten. Deshalb gilt der Titel „Sprüche“ in manchen protestantischen Bibelübersetzungen als offener als „Sprichwörter“, weil er die Vielfalt der Textformen besser erfasst.
Im Buch begegnen vor allem zwei Grundgattungen. Sprichwörter formulieren in kurzer, oft zugespitzter Form, was in einer Gesellschaft als gesunder Menschenverstand gilt; sie können auch humorvoll sein und dienen einer „milden sozialen Kontrolle“. Mahnwörter richten sich meist in der 2. Person Singular an einen Schüler. Sie setzen eine Unterrichtssituation voraus, in der ein Lehrer dem Schüler verbindlich vorgibt, wie er sich verhalten soll.
Der masoretische hebräische Text zeigt selbst einen längeren Wachstumsprozess. Er ist durch sieben Überschriften gegliedert. Diese Siebenteiligkeit wird als bewusst gestaltet verstanden und mit Spr 9,1 verbunden, wo die Weisheit ihr Haus mit sieben Säulen baut. Spr 1,1–7 steht als Prolog am Anfang. Dort wird deutlich: Das Buch bietet Weisheit zunächst für Anfänger, genannt „Jugendliche“ und „Unerfahrene“, und dann für Fortgeschrittene, genannt „Weise“ und „Einsichtige“. Die letzten Kapitel 30 und 31 enthalten besonders anspruchsvolle Lehren.
Die sieben Teile sind sehr unterschiedlich lang. Besonders umfangreich sind die Sammlungen mit Salomo-Bezug: Spr 1–9 mit 256 Versen, Spr 10,1–22,16 mit 375 Versen und Spr 25–29 mit 138 Versen. Hinzu kommen kleinere Sammlungen: Spr 22,17–24,22 mit 70 Versen, Spr 24,23–34 mit 12 Versen, Spr 30,1–33 mit 33 Versen und Spr 31,1–31 mit 31 Versen. Spr 31 enthält eine Lehre und ein akrostichisches Gedicht, also ein Gedicht, dessen Zeilen nach einer Buchstabenfolge geordnet sind.
Griechische Übersetzung
Die Septuaginta ist die antike griechische Übersetzung des Sprüchebuchs. Sie wurde vermutlich um 170 v. Chr. von jüdischen Gelehrten in Alexandria angefertigt. Diese Übersetzung geht mit ihrer hebräischen Vorlage relativ frei um. Das Überschriftensystem des hebräischen Textes ist weitgehend entfernt; dadurch wird das ganze Buch stärker unter die Autorität König Salomos gestellt.
Die griechische Fassung enthält Zusätze und Auslassungen. Schwierige hebräische Stellen wurden von den Übersetzern kreativ auf ihre eigene Lebenswelt hin gedeutet. Umstritten ist, ob die hebräische Vorlage der Septuaginta weitgehend mit dem Masoretischen Text übereinstimmte und die Unterschiede vor allem auf die Übersetzer zurückgehen, oder ob die Vorlage einen anderen hebräischen Texttyp darstellte. Insgesamt ist die griechische Version etwa 130 Zeilen, sogenannte Stichen, länger als der Masoretische Text.
Ein bekannter Zusatz ist das Lob der Biene, das an das Lob der Ameise angeschlossen wurde. Die Biene wird dort als arbeitsam beschrieben; ihre Produkte dienen Königen und Privatleuten zur Gesundheit. Obwohl die Biene schwach ist, bringt sie es weit, weil sie die Weisheit achtet. Diese positive Bienen-Metaphorik war in der antiken Literatur verbreitet, fehlt aber in der Hebräischen Bibel. Autoren der Alten Kirche griffen gerade diese Passage später intensiv auf, um Christen mit Bienen zu vergleichen.
Zentrale Themen
Das Buch behandelt viele Themen der Lebensführung. Es geht um allgemeine Lebensweisheit, gesellschaftliche und familiäre Bindungen und soziale Gerechtigkeit. Ein wichtiger Gedanke ist, dass Menschen für Schwache eintreten sollen: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht, verschaff dem Bedürftigen und Armen Recht!“ (Spr 31,8–9).
Manche Sprüche wirken überzeitlich, weil sie Gedanken formulieren, die auch in späteren Sprichwörtern vorkommen. Ein Beispiel ist Spr 26,27: „Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück.“ Das ähnelt dem deutschen Sprichwort: „Wer dem andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Für die Wirkungsgeschichte der Erziehung ist Spr 13,24 wichtig: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“
Ein wichtiger Hintergrund ist die altägyptische Lehre des Amenemope. Schon bei der Erstedition des hieratischen Papyrus im Jahr 1923 fielen Ähnlichkeiten mit dem biblischen Sprüchebuch auf. Adolf Erman vermutete eine literarische Abhängigkeit des biblischen Textes von dieser ägyptischen Weisheitslehre. Nach Bernd Schipper kannte der Autor von Spr 22,17–24,22 die Lehre des Amenemope gut, übernahm Themen und gelegentlich Formulierungen, zitierte sie aber nicht einfach, sondern formulierte selbständig aus seiner eigenen religiösen Prägung heraus. Die historischen Bedingungen dafür sieht Schipper im Südreich Juda des späten 8. und frühen 7. Jahrhunderts, als sich die Kontakte zwischen Ägypten und Juda intensivierten.
Tun und Ergehen
Der Tun-Ergehen-Zusammenhang gilt als eine Art „Grundgesetz“ der Weisheit. Gemeint ist die Überzeugung, dass die Welt verlässlich geordnet ist: Gute Taten führen zu gutem Ergehen, böse Taten zu schlechtem Ergehen. Markus Witte beschreibt dies als Vertrauen in die „Verlässlichkeit der Welt“.
Anders als die Bücher Ijob und Kohelet sind die Verfasser des Sprüchebuchs grundsätzlich von diesem Zusammenhang überzeugt. Spr 11,31 formuliert: „Siehe, dem Gerechten wird vergolten auf Erden, wieviel mehr dem Gottlosen und Sünder!“ Gott gilt als Garant dieser Ordnung. Spr 10,3 sagt: „Der HERR lässt den Gerechten nicht Hunger leiden; aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.“
Gleichzeitig gibt es Sprüche, die betonen, dass Gottes Handeln für Menschen nicht verfügbar ist. Sie halten fest, dass Menschen planen können, Gott aber letztlich den Weg bestimmt. Ein Beispiel ist Spr 16,9: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“
Weisheit und Wirkung
In der vorliegenden Fassung ist das Buch theologisch gedeutet. Das zeigt besonders das Motto in Spr 1,7: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“ „Furcht des HERRN“ meint hier die ehrfürchtige Orientierung an Gott als Grundlage von Erkenntnis und Weisheit.
Die Weisheit erscheint im Buch auch personifiziert, also wie eine handelnde Person. Sie vermittelt zwischen Gott und Mensch. In Kapitel 1 tritt sie in der Rolle einer Prophetin auf; in Kapitel 8 erscheint sie als Schöpfungsmittlerin. Nach Spr 8,22–31 war sie bei der Erschaffung der Welt beteiligt und hatte Freude daran, bei den Menschen zu sein.
In der jüdischen Tradition wurde Mischle insgesamt wenig rezipiert. Einzelne Sprüche dienten im Midrasch als Grundlage für Predigten. Der Abschluss des Buches, Spr 31,10–31, heißt Eschet Chajil und lobt die „starke Frau“. Er wird in der häuslichen Feier am Freitagabend zur Begrüßung des Schabbat rezitiert. Dieser Brauch entstand in kabbalistischen Kreisen, die diese Frau mit der Schechina identifizierten.
Die Weisheit als Schöpfungsmittlerin wird in der rabbinischen Literatur mit der Tora identifiziert. Der Midrasch Bereschit Rabba leitet aus Spr 8,22 und Gen 1,1 ab, dass Gott die Welt durch die Weisheit schuf und dass diese Weisheit den Bauplan der Welt darstellt. Im Christentum wurde das Buch ebenfalls aufgenommen: Im Neuen Testament finden sich 35 Zitate oder Bezüge auf das Buch der Sprichwörter.