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Spanisches Kolonialreich

Nach der (Wieder-)Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus begann die Conquista (span. Eroberung) des Doppelkontinents. Die Erforschung, Eroberung …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Anfänge
  2. 2. Conquista und Aufbau der Kolonialherrschaft
  3. 3. Verwaltung unter Habsburgern und Bourbonen
  4. 4. Kolonialbehörden, Wirtschaft und Kirche
  5. 5. Niedergang, Restbesitz und heutige Situation

Überblick und Anfänge

Das spanische Kolonialreich (spanisch: Imperio español) war ein globales Reich, das vom 15. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestand. Es erstreckte sich über Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, mit einem territorialen Schwerpunkt in Amerika. Auf dem Höhepunkt seiner Macht war es eines der größten Reiche der Menschheitsgeschichte und eines der ersten globalen Reiche.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts suchte Kastilien im Wettbewerb mit Portugal einen neuen Seeweg zu den Waren des Orients, besonders zu Gewürzen und Seide. Die Osmanen blockierten wichtige Handelswege, während italienische Seemächte den Handel kontrollierten. Christoph Kolumbus wollte nach Westen segeln, um Cipango (Japan), China, Indien und den Orient zu erreichen. Seine Flotte erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, stieß aber 1492 auf den amerikanischen Kontinent. Damit begann die spanische Kolonisierung Amerikas.

Conquista und Aufbau der Kolonialherrschaft

Nach 1492 begann die Conquista, also die Erforschung, Eroberung, Besiedlung und Missionierung Amerikas. Einzelpersonen oder Gruppen erhielten vom König von Kastilien durch eine Capitulación einen Auftrag. Der Unternehmer musste die Expedition selbst ausrüsten sowie Seeleute, Priester und Soldaten anwerben. Die Konquistadoren waren meist keine regulären königlichen Soldaten, sondern Freiwillige, die sich für ihre Ausrüstung verschuldeten und auf möglichst hohe Gewinne hofften.

Das 1503 von Isabella I. gebilligte Encomienda-System verpflichtete Angehörige der indigenen Bevölkerung zur Arbeit für einen Encomendero. Nach Protesten, unter anderem durch Antonio de Montesinos in seiner Adventspredigt von 1511, erließ die Krone 1512/1513 die Leyes de Burgos. Sie verboten ausdrücklich Gewalt gegen die Indianer, wurden aber kaum durchgesetzt. Die Leyes Nuevas von 1542 stellten die Indianer unter den direkten Schutz der Krone. Auch diese Gesetze wurden nur schleppend umgesetzt und 1545 teilweise zurückgenommen; das Encomienda-System bestand de facto bis 1549 fort. Das Repartimiento-System sollte einen besseren Schutz ermöglichen: Sesshafte indigene Gemeinschaften mussten Männer für zeitlich begrenzte staatliche Arbeitsprojekte bereitstellen. Ihr Anteil an der männlichen Urbevölkerung betrug zwei bis vier Prozent. Gouverneure, Corregidores oder Alcaldes Mayores überwachten diese Einteilung und sollten die indigene Bevölkerung schützen.

Das Hauptziel der Konquistadoren war häufig die Suche nach Gold und anderen Schätzen. Mit überlegenen militärischen Mitteln und der Unterstützung unterworfener lokaler Volksstämme eroberten Hernán Cortés 1521 Tenochtitlan und das Reich der Azteken sowie Francisco Pizarro das Großreich der Inka. Auf den Grundlagen dieser Reiche entstanden die Vizekönigreiche Neuspanien und Peru.

Städte waren entscheidend für die Herrschaft. Sie dienten als Rückzugspunkte, Verwaltungs-, Bildungs- und Handelszentren. Santo Domingo war ab 1498 die erste dauerhafte spanische Siedlung in Amerika. Auf den Ruinen Tenochtitlans entstand Mexiko-Stadt, die Hauptstadt Neuspaniens; Cusco verlor nach seiner Zerstörung seine Hauptstadtfunktion an das 1535 gegründete Lima. Im 16. Jahrhundert gründeten die Spanier in Spanisch-Amerika mehr als 40 Städte. Universitäten entstanden 1538 in Santo Domingo sowie 1551 in Mexiko-Stadt und Lima.

Verwaltung unter Habsburgern und Bourbonen

Die Krone gründete 1535 das Vizekönigreich Neuspanien und 1542 das Vizekönigreich Peru. Der Vizekönig vertrat den Monarchen und übte die oberste Regierungsgewalt (Gobierno Superior) aus. Er war politische Autorität in strittigen Fällen, sollte Rechtsprechung überwachen, Sicherheit und Ordnung sichern, den katholischen Glauben verbreiten, Indianer schützen und integrieren sowie verdiente Konquistadoren belohnen. In Mexiko-Stadt und Lima war er zugleich Gouverneur, Präsident der dortigen Real Audiencia und Generalkapitän. Dadurch vereinigte er zivile, gerichtliche und militärische Aufgaben, blieb aber grundsätzlich an die Zuständigkeiten anderer Beamter gebunden.

Real Audiencias waren königliche Appellationsgerichtshöfe und wurden ab 1511 zunächst in Santo Domingo eingerichtet. Weitere Audiencias entstanden unter anderem 1527 in Mexiko-Stadt, 1535 in Panama, 1542 in Lima, 1542 in Guatemala, 1548 in Guadalajara und Bogotá, 1559 in Charcas, 1563 in Quito sowie 1583 in Manila. Unter Philipp II. erhielten sie den Status einer Chancillería und durften das königliche Siegel führen sowie Vollmachten und Verordnungen im Namen des Königs erlassen. Sie kontrollierten Gouverneure und Generalkapitäne und konnten bei Krankheit oder Tod eines Amtsträgers vorübergehend die zivile und militärische Verwaltung übernehmen.

Die Provinzen waren in Gobiernos sowie Corregimientos und Alcaldías Mayores gegliedert; außerdem bestanden Generalkapitanate und kirchliche Verwaltungseinheiten. Gouverneure waren für zivile Verwaltung, teilweise Rechtsprechung, Finanzen und Militär zuständig. In entfernten Gebieten wie Chile und auf den Philippinen waren sie zugleich Generalkapitäne. Corregidores leiteten Indianergemeinden oder spanische Städte. In Neuspanien wurden zwischen 1550 und 1570 40 Provincias Menores eingerichtet, die jeweils einem Alcalde Mayor unterstanden und mehrere Corregimientos umfassten. Wegen Ämterkauf, Korruption, Amtsmissbrauch und privaten Handelsgeschäften blieb die Bezirksverwaltung jedoch häufig ineffizient.

Die Städte verwaltete ein Cabildo mit den Ratsmännern (Regidores). Kleinere Städte mit dem Stadtrecht einer Villa hatten sechs Regidores, größere Städte mit dem Titel Ciudad zwölf. Seit Philipp II. waren die Ämter käuflich und vererbbar. Alcaldes Ordinarios übten die Rechtsprechung erster Instanz aus; weitere Ämter regelten Finanzen, Schriftverkehr, Archive, Versorgung, Maße und Gewichte.

Die Bourbonen führten im 18. Jahrhundert das Intendantensystem ein. 1782 begann die Neuordnung im Vizekönigreich Río de la Plata, 1784 folgte Peru und 1786 Neuspanien; Neugranada und die Real Audiencia de Quito blieben ausgenommen. Intendanten wurden direkt vom König ernannt, übernahmen die Finanzverwaltung und mussten jährlich eine Visitation durchführen. Die Rechtsprechung ging an juristische Assessoren (Asesores Letrados). Alcaldes Mayores und Corregidores wurden durch Subdelegados ersetzt, während Ortsrichter die Rechtsprechung übernahmen. Auch die Vizekönige verloren Militär- und Finanzzuständigkeiten an eigene Intendanten und sollten sich auf die politische Führung konzentrieren.

Das Vizekönigreich Peru wurde wegen seiner Größe und wirtschaftlichen Stagnation geteilt. Neugranada entstand erstmals 1717 und endgültig 1739 mit Bogotá als Hauptstadt. Das Vizekönigreich Río de la Plata wurde 1776 gegründet, um portugiesisches und britisches Vordringen einzudämmen und die Wirtschaft neu zu ordnen. Die Silberausfuhr verlief nun über Buenos Aires statt über Lima.

Kolonialbehörden, Wirtschaft und Kirche

Die Casa de Contratación wurde 1503 in Sevilla gegründet. Sie genehmigte Reisen, organisierte Flotten, nahm koloniale Handelseinnahmen entgegen und war Einwanderungs- und Zollbehörde. Ihre Gerichtsbarkeit umfasste Schiffe und Personen aus der Neuen Welt sowie Steuer- und Handelsstrafsachen. Sie regelte auch die Auswanderung und sammelte als Navigationszentrum nautische Kenntnisse. Der Consejo de Indias entstand um 1516 und wurde 1523 als selbstständige Behörde eingerichtet. Er war für die Kolonien in Amerika und Asien zuständig, übte die oberste Gerichtsbarkeit aus und hatte legislative und exekutive Aufgaben. 1595 kam die Junta de Hacienda de Indias für Wirtschaftsfragen hinzu, 1597 die Junta de Guerra de Indias für die militärische Verteidigung. Gesetzesvorschläge wurden dem König als consulta vorgelegt; nach Bestätigung entstanden unter anderem real cédulas. Das Cedulario Indiano von 1596 sammelte 3500 Gesetze.

Die habsburgische Wirtschaftspolitik sollte Einnahmen für die europäische Machtpolitik schaffen. Die Krone kontrollierte unter anderem Bergbau- und Salzmonopole; Fertigwaren wie Wein, Branntwein und Textilien waren grundsätzlich dem Mutterland vorbehalten. Haziendas versorgten Hauptstädte und Bergbauzentren. Besonders wichtig war der Silberabbau, vor allem in Potosí. Silber floss über Spanien in internationale Finanzzentren wie Genua und Amsterdam und über die Manila-Galeone sowie über Europa weiter nach Indien und China. Die hohen Kriegsausgaben, Inflation, Epidemien, der Bevölkerungsrückgang und die wirtschaftliche Abhängigkeit führten in Spanien trotz kolonialer Reichtümer zu Stagnation.

Die Bourbonen förderten den Bergbau durch deutsche Ingenieure, das Tribunal de Minería und die Banco de Rescate. Sie reformierten außerdem die Monopole für Zucker, Branntwein und Tabak und wollten den Sklavenhandel wieder stärker unter spanische Kontrolle bringen. 1765 wurde der comercio libre eingeführt. Zunächst durften bestimmte Häfen in Spanien und Amerika direkt miteinander handeln; 1778 umfasste das System zwölf spanische und 24 amerikanische Häfen, 1789 kamen Venezuela und Neuspanien hinzu. Der Handel und die Silberproduktion nahmen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlich zu.

Die katholische Kirche legitimierte die Herrschaft und übernahm in Hispanoamerika Bildungs- und Disziplinierungsaufgaben. Franziskaner, Dominikaner, Augustiner und Jesuiten missionierten; bis zum Ende des 16. Jahrhunderts entstanden 31 Bistümer. Die Mission veränderte Familien- und Gesellschaftsstrukturen, strebte aber keine vollständige Hispanisierung an. Indigene Gruppen übernahmen christliche Inhalte, Werte, Technologien und Produkte selektiv. 1767 wurden die Jesuiten aus Spanien und Spanisch-Amerika ausgewiesen; 2630 Jesuiten mussten Spanisch-Amerika verlassen. Dies verstärkte die Entfremdung der Kreolen vom Mutterland.

Niedergang, Restbesitz und heutige Situation

Der Niedergang wurde durch die Französische Revolution, die Haitianische Revolution von 1791, britische, französische und niederländische Expansion sowie die Unabhängigkeitskriege in Lateinamerika beschleunigt. Die napoleonische Besetzung Spaniens und die Einsetzung Josephs I. schwächten die Bindung der Kolonien an das Mutterland. 1810 wurde der Vizekönig des Río de la Plata in Buenos Aires abgesetzt; später folgten Unabhängigkeitserklärungen. Simón Bolívar und José de San Martín führten die militärische Befreiung großer Teile Südamerikas an. Neuspanien und Peru lösten sich 1821. Nach der Niederlage bei Ayacucho 1824 und der Kapitulation von San Juan de Ulúa 1825 verlor Spanien seine wichtigsten amerikanischen Besitzungen; 1826 fiel mit Ancud der letzte spanische Stützpunkt auf dem amerikanischen Festland. Rückeroberungsversuche, zuletzt von Kuba aus gegen Mexiko im September 1829, scheiterten.

Spanien erkannte die Unabhängigkeit Mexikos 1836 und Ecuadors 1840 sowie nach und nach die der übrigen amerikanischen Staaten an. Verkaufspläne für Kuba, die Philippinen und Fernando Póo scheiterten am Widerstand in Spanien oder an fehlenden Abkommen. Im 19. Jahrhundert versuchte Spanien, seine Stellung durch neue Kolonialabenteuer zu stärken: Santo Domingo war 1861–1865 nochmals spanisch. Der dritte Kubanische Unabhängigkeitskrieg führte 1898 zum Spanisch-Amerikanischen Krieg, in dem Spanien von den Vereinigten Staaten vernichtend geschlagen wurde. Dadurch verlor es Kuba, Puerto Rico, die Philippinen und weitere Besitzungen in Asien. Marianen und Karolinen wurden 1899 an das Deutsche Reich verkauft; die Marschall-Inseln waren bereits 1885 abgegeben worden. In Afrika scheiterten spanische Pläne an der Ostküste und am Roten Meer. Spanien behielt schließlich vor allem Kanarische Inseln, Spanisch-Guinea, Spanisch-Westafrika und Spanisch-Marokko. Nach dem Rif-Aufstand von 1921 konnte es sich erst 1926 mit französischer Hilfe behaupten.

Während der Konferenz von Hendaye wurden Franco territoriale Gewinne auf Kosten Frankreichs zugesagt, doch Spanien besetzte 1940 nur das international verwaltete Tanger und musste es bei Kriegsende wieder räumen. Äquatorialguinea wurde 1968 unabhängig, die Westsahara 1976 aufgegeben. Heute gehören nur noch die Kanarischen Inseln sowie Ceuta und Melilla zu Spanien. Sie sind autonome Regionen beziehungsweise autonome Städte und integrale Bestandteile Spaniens und der EU. Marokko beansprucht Ceuta und Melilla. Der Vertrag von Madrid gab Spanien nach Francos Tod Mauretanien und Marokko die vorläufige Hoheit über die Westsahara; laut Artikel gilt der Vertrag heute als illegal und ungültig, sodass die Westsahara de jure noch eine spanische Kolonie sei. Außerdem werden die mikronesischen Miniarchipele Guedes, Coroa, Pescadores und Ocea aufgrund des Deutsch-Spanischen Vertrags von 1899 als möglicherweise weiterhin spanisches Territorium bezeichnet; Spanien erhebt darauf wegen ihrer geringen Bedeutung keine Besitzansprüche.

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