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Reconquista

Verlauf · Anfang · Erste Phase (bis 1085) · Zweite Phase (1086–1212) · Letzte Phase (1213–1492).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Begriff
  2. 2. Verlauf bis zum Wendepunkt
  3. 3. Religionskrieg und militärische Entscheidung
  4. 4. Granada und Abschluss
  5. 5. Motive und Wiederbesiedlung
  6. 6. Gesellschaft und Folgen

Kern und Begriff

Die Reconquista bezeichnet das Entstehen und die Ausdehnung der christlichen Herrschaftsbereiche auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter, während der muslimische Machtbereich al-Andalus zurückgedrängt und schließlich erobert wurde. Als üblicher Beginn gilt die Schlacht von Covadonga im Jahr 722, als Endpunkt die Einnahme Granadas durch die Katholischen Könige am 2. Januar 1492.

Der Begriff bedeutet auf Kastilisch und Portugiesisch „Rückeroberung“. Er ist aber nicht zeitgenössisch, sondern wurde erst in der Neuzeit von der französischen Geschichtsforschung geprägt und später von der spanischen Historiographie übernommen. Kritisiert wird er, weil er ein einheitliches christliches Ziel der Rückeroberung nahelegen kann. Tatsächlich dauerte der Prozess etwa 770 Jahre, verlief nicht geradlinig und war von langen Stillstandsphasen geprägt. Außerdem verliefen die Konflikte nicht nur zwischen Christen und Muslimen: Christliche und muslimische Herrscher kämpften auch gegeneinander innerhalb ihrer eigenen Lager oder verbündeten sich mit Gegnern der anderen Religion. Ein bekanntes Beispiel ist El Cid, der zeitweise für islamische Herrscher kämpfte.

Verlauf bis zum Wendepunkt

Der Verlauf wird grob in drei Phasen gegliedert. Die erste Phase reicht von der christlichen Rebellion in Asturien ab 718 bis zur Rückeroberung Toledos 1085. Die zweite Phase von 1086 bis 1212 war durch das Eingreifen nordafrikanischer Mächte geprägt. Die dritte Phase von 1213 bis 1492 endete mit der Eroberung Granadas.

711 landete Tāriq ibn Ziyād mit einem Heer in der Region Algeciras/Gibraltar, um das Westgotenreich zu unterwerfen. In der Schlacht am Río Guadalete im Juli 711 wurden die Westgoten geschlagen, König Roderich starb. Bis 719 eroberten die Mauren die Iberische Halbinsel einschließlich Asturiens. Dort geriet Pelayo mit dem muslimischen Gouverneur Munuza in Konflikt, begann eine Rebellion und wurde von seinen Anhängern zum König oder Fürsten gewählt. 722, nach manchen Forschern schon 718, besiegte er bei Covadonga eine muslimische Streitmacht. Dieser Sieg gilt traditionell als Beginn der Reconquista, auch wenn nicht belegt ist, dass damals schon eine umfassende Rückeroberung geplant war.

Im 8. bis 11. Jahrhundert dehnten die Könige von Asturien und andere christliche Reiche ihre Herrschaft allmählich aus. Gleichzeitig bestanden wirtschaftliche, persönliche und militärische Verbindungen zwischen Christen und Muslimen. Christen handelten mit Muslimen, führten untereinander Kriege und schlossen Bündnisse mit muslimischen Herrschern. Ein religiöses Symbol der christlichen Seite wurde der Apostel Jakobus der Ältere, Santiago, dessen angebliches Grab in Santiago de Compostela zum Zentrum eines Kults wurde. Die Zerstörung Santiagos im Jahr 997 durch al-Mansûr wurde zu einem wichtigen Motiv im christlichen Kampf. Nach al-Mansûrs Tod 1002 nutzten die christlichen Reiche innere Konflikte auf muslimischer Seite und rückten weiter vor.

Religionskrieg und militärische Entscheidung

Mit der Eroberung von Barbastro 1064 und besonders mit dem Fall Toledos 1085 richtete sich die Reconquista stärker gegen Kerngebiete muslimischer Herrschaft. Für die muslimische Seite wurde dies als Existenzbedrohung wahrgenommen. 1086 riefen muslimische Herrscher die nordafrikanische Berberdynastie der Almoraviden ins Land. Diese erklärten den Dschihad zur Verteidigung des Islam, stoppten den christlichen Vormarsch vorübergehend und übernahmen selbst die Herrschaft im muslimischen Teil Spaniens.

Im Hochmittelalter wurde der Kampf von christlichen Herrschern Europas zunehmend als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg verstanden. Auf christlicher Seite entstanden Ritterorden nach dem Vorbild der Tempelritter, darunter der Santiagoorden, der Orden von Calatrava, der Alcántaraorden und der Orden von Montesa. Die Päpste riefen europäische Ritter zum Kreuzzug auf der Iberischen Halbinsel auf.

Der entscheidende militärische Wendepunkt war die Schlacht bei Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212. Truppen der verbündeten Königreiche Kastilien, Navarra, Aragón und León sowie französische Kontingente besiegten unter Alfons VIII. die Almohaden unter Kalif Muhammad an-Nasir. Danach lag das militärische Übergewicht endgültig bei den christlichen Reichen.

Granada und Abschluss

In der letzten Phase wurden wichtige muslimische Zentren erobert: Córdoba 1236 und Sevilla 1248 durch Kastilien, Valencia 1238 durch Aragón und die Algarve 1250 durch Portugal. Nach Aufständen und weiteren Kämpfen blieb schließlich nur das Nasriden-Emirat von Granada als muslimischer, aber kastilischer Vasallenstaat bestehen. Nordafrikanische Interventionen, etwa durch die Meriniden, scheiterten.

1340 besiegte eine christliche Allianz aus Kastilien, Aragón, französischen Hilfstruppen und letztmals auch Portugiesen in der Schlacht am Salado das Heer des marokkanischen Sultans Abu l-Hasan. Nach der Eroberung von Algeciras 1344 kam es zu keiner weiteren nordafrikanischen Intervention auf der Iberischen Halbinsel.

1482 begann Kastilien die mehrjährige Eroberung des Königreichs Granada. Málaga fiel im August 1487. Anfang 1489 umfasste das Emirat nur noch Gebiete um Guadix, Baza, Almería und die Hauptstadt Granada. Die Belagerung Granadas begann am 11. April 1491. Am 25. November kapitulierte Muhammad XII., genannt Boabdil, vor Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien. Am 2. Januar 1492 wurde Granada kampflos übergeben. Im selben Jahr erließen die Könige das Alhambra-Edikt, das die Vertreibung der Juden aus den Gebieten der Kronen Kastilien und Aragón zum 31. Juli anordnete, falls sie nicht zum Christentum übertraten.

Motive und Wiederbesiedlung

Die Motive der Reconquista sind in der Forschung umstritten. Eine traditionelle Sicht betont von Anfang an den religiösen Kampf gegen den Islam und zusätzlich einen Anspruch auf das Erbe des Westgotenreichs. Eine andere Deutung sieht den frühen Widerstand eher als regionales Streben nach Selbstbestimmung in Nordspanien, besonders bei kantabrischen und baskischen Gruppen. Eine weitere Auffassung erklärt die ersten Jahrhunderte vor allem mit dem Streben einzelner Herrscher nach Landgewinn; die religiöse Begründung habe anfangs eher der Rechtfertigung gedient und sei erst ab dem 11. Jahrhundert wichtiger geworden. Als Argument dafür gilt, dass Christen und Muslime oft Bündnisse gegen Glaubensgenossen eingingen.

Auf militärische Erfolge folgte die Repoblación, also die Wiederbesiedlung eroberter oder entvölkerter Gebiete mit Christen. Sie wurde meist von Königen, Adligen, Bischöfen oder Äbten organisiert. Besonders asturische Könige schufen zunächst durch Entvölkerung von Grenzgebieten einen Verwüstungsgürtel als Schutz vor Angriffen. Später wurden diese Gebiete neu besiedelt. Siedler kamen aus sicheren christlichen Gebieten oder waren Christen, die aus dem muslimischen Süden fortzogen. Auch zum Christentum bekehrte Muslime wurden angesiedelt. Im Spätmittelalter spielten Ritterorden dabei eine wichtige Rolle. Mit der Repoblación verbanden sich erneute Christianisierung sowie eine weitgehende Romanisierung beziehungsweise Kastilisierung der Halbinsel.

Gesellschaft und Folgen

Zur Zeit der Reconquista entstanden mehrere wichtige soziale Bezeichnungen. Mozaraber waren Christen unter muslimischer Herrschaft in Andalusien. Muladíes waren Christen, die nach der muslimischen Eroberung zum Islam übertraten. Renegados waren einzelne Christen, die den Islam annahmen und oft gegen frühere Glaubensgenossen kämpften. Mudéjares waren Muslime, die in christlich eroberten Gebieten blieben. Morisken waren zum Christentum konvertierte Mauren, die nach 1492 in Spanien blieben. Marranen war eine abwertende Bezeichnung für zum Christentum konvertierte Juden, die verdächtigt wurden, heimlich an jüdischen Traditionen festzuhalten.

Die Rede von einer „spanischen“ Reconquista ist nur eingeschränkt passend, weil es während der Epoche kein einheitliches Spanien gab. Auf christlicher Seite bestanden mehrere Reiche, darunter Kastilien, Navarra, die Krone von Aragón und Portugal. Auch die Ehe von Isabella I. und Ferdinand II. vereinte kurz vor dem Ende nicht die Reiche selbst, sondern brachte Kastilien und Aragón unter dasselbe Herrscherpaar.

Nach 1492 richtete sich der religiös begründete Kampf- und Expansionswille auch nach außen, etwa auf Amerika sowie nach Nordafrika mit der spanischen Besetzung von Melilla 1497 und Oran 1509. Mudéjares und Juden wurden im 15. und 16. Jahrhundert zur Taufe gedrängt oder ausgewiesen; Conversos und Morisken wurden verfolgt, wobei die Spanische Inquisition, eingerichtet 1478–1482, eine zentrale Rolle spielte. Die Abwanderung trug laut Artikel zum wirtschaftlichen Niedergang Spaniens bei. Die unterschiedlichen Eroberungsrichtungen der christlichen Reiche spiegeln sich bis heute in der Sprachverteilung der Iberischen Halbinsel wider: Portugiesisch, Kastilisch und Katalanisch.

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