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Spanische Literatur

Der Begriff Spanische Literatur umschreibt alle prosaischen, lyrischen, dramatischen oder anderweitig literarischen Werke, die in Spanien und in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Anfänge
  2. 2. Renaissance und Siglo de Oro
  3. 3. Aufklärung, Romantik und neue Öffentlichkeit
  4. 4. Realismus und Naturalismus
  5. 5. Das 20. Jahrhundert: Erneuerung, Krieg und Demokratie
  6. 6. Gegenwart, Krisen und sprachliche Vielfalt

Begriff und Anfänge

Spanische Literatur umfasst prosaische, lyrische, dramatische und andere literarische Werke, die in Spanien und in kastilischer Sprache entstanden sind. In einer weiteren Bedeutung könnten auch Spaniens regionalsprachliche Literatur, die lateinamerikanischen Literaturen und die Literaturen ehemaliger spanischer Kolonien dazugehören; der Artikel behandelt sie jedoch grundsätzlich nicht, abgesehen von einem Überblick über die heutigen Regionalsprachen.

Zu den frühesten Zeugnissen volkssprachlicher Dichtung gehören die Jarchas des 11. Jahrhunderts: altkastilische Schlusszeilen in Gedichtstrophen, die sonst auf klassischem Arabisch oder Hebräisch verfasst waren. Sie zeigen das Zusammenwirken christlicher, jüdischer und muslimischer Kultur. Eine umfassende volkssprachliche Literatur entstand erst im Hochmittelalter. Im 13. Jahrhundert übertrug die Übersetzerschule von Toledo unter Alfons X. zahlreiche Stoffe aus dem Lateinischen ins Kastilische; Alfons verfasste mit der Primera crónica general außerdem ein frühes Geschichtswerk Spaniens. Gonzalo de Berceo ist der erste namentlich bekannte spanische Dichter.

Von der kastilischen Heldenepik, dem cantar de gesta, ist vor allem der Cantar de mio Cid von etwa 1200 erhalten. Seine mehr als 3700 unregelmäßigen, durch Assonanz zu 152 Tiradas verbundenen Langzeilen schildern, wie El Cid, Rodrigo Díaz de Vivar († 1099), durch Verdienste im Kampf gegen die Mauren zum Herrn von Valencia aufsteigt. Ehre, Ruhm und Loyalität gegenüber dem König bilden die Hauptmotive. Das Werk beeinflusste spätere Ritterromane, Nachdichtungen und Dramen. In der Zeit der späten Reconquista entwickelte sich zudem der Romancero, eine volkstümliche gereimte Epik mit Einflüssen der Trobadorlyrik. Diese beliebte Form der Volksdichtung wurde bis ins 20. Jahrhundert gesungen.

Renaissance und Siglo de Oro

Mit der Vereinigung Kastiliens und Aragoniens 1479 entstand ein Staat, dessen Grenzen ungefähr denen des heutigen Spanien entsprachen. Als Beginn der spanischen Renaissance gilt meist 1492, das Jahr des Endes der Reconquista. Italienischer Humanismus und Autoren wie Dante, Petrarca und Boccaccio wirkten nun verstärkt auf Spanien ein. Ebenfalls 1492 veröffentlichte Antonio de Nebrija die erste Grammatik einer romanischen Sprache, nämlich des Spanischen. Garcilaso de la Vega erneuerte unter dem Einfluss Petrarcas und antiker Vorbilder die Lyrik. Fernando de Rojas verband in der Tragicomedia de Calisto y Melibea, auch La Celestina genannt (1499 oder 1500), sinnliche Liebe mit gesellschaftlichen Konflikten. Zugleich blieben spätmittelalterliche Metren und Formen in Spanien länger lebendig als in anderen europäischen Ländern.

Das Siglo de Oro, das „Goldene Jahrhundert“, bezeichnet die literarische Blüte von der Spätrenaissance (1550–1600) bis zum Barock (1600–1680). Die Bezeichnung verdeckt allerdings die Konflikte einer Epoche, in der religiöse Orthodoxie und die Forderung nach „rassischer Reinheit“ mit Kontrolle, Zensur und Verfolgung durchgesetzt wurden. Die Inquisition bestand bis 1833. Viele bedeutende Autoren waren Neuchristen, also bekehrte Juden oder Muslime. Schäfer- und Schelmenromane brachten teilweise Protest gegen gesellschaftliche Zwänge zum Ausdruck. Der Schelmenroman schildert das Leben gesellschaftlicher Außenseiter aus kritischer oder satirischer Perspektive.

Als wichtigstes Werk der Epoche gilt Miguel de Cervantes’ Don Quijote (1605; zweiter Teil 1615). Ein vom Lesen von Ritterromanen besessener Landedelmann sucht Ruhm und seine Dulcinea, kann aber Dichtung und Wirklichkeit nicht unterscheiden. Offen bleibt, ob seine Phantasien nur an der Realität scheitern oder ob sein Wahnsinn der Welt einen Spiegel vorhält. Don Quijote und sein Begleiter Sancho Pansa gewinnen schließlich an Weisheit.

Im Barock prägte Luis de Góngora einen schwer zugänglichen, mehrdeutigen Stil. Der Culteranismo arbeitete mit antiken Stoffen, der Conceptismo mit entfernten Metaphern und Allegorien. Verschlüsselung konnte auch dem Schutz vor kirchlicher Zensur dienen. Die wichtigste Gattung des 17. Jahrhunderts war das Theater: Von Lope de Vega sind 500 Stücke erhalten, Tirso de Molina werden 400 und Calderón 180 zugeschrieben. Die comedia nueva mischte Tragisches und Komisches, missachtete antike Regeln und verband Handlung mit Musik, Tanz, Akrobatik, Verkleidungen und Bühnentechnik. Das auto sacramental war ein meist zu Fronleichnam aufgeführtes einaktiges Spiel über Heilsgeschichte oder Heiligenlegenden; das verwandte auto mitológico deutete mythologische Stoffe christlich.

Aufklärung, Romantik und neue Öffentlichkeit

Im 18. Jahrhundert überlagerten sich Spätbarock, Neoklassizismus und Aufklärung. Der Spätbarock setzte bis etwa zur Jahrhundertmitte die Tradition Calderóns, Góngoras und Quevedos fort. Der französisch beeinflusste Neoklassizismus (ca. 1730–1809) wandte sich gegen barocken Schwulst und unwahrscheinliche Helden. Leandro Fernández de Moratín verstand das Theater als Mittel zur Vermittlung bürgerlicher Werte und stellte Probleme der Mittelschicht und der Frauen in den Mittelpunkt.

Die spanische Aufklärung, la ilustración, dauerte ungefähr von 1740 bis 1809 und war rational geprägt, aber weniger säkular als in anderen Ländern. Benito Jerónimo Feijoo bekämpfte im Teatro critico universal (1726–1740) Aberglauben, vermittelte experimentelle Wissenschaften und kritisierte den Allwissenheitsanspruch deduktiver Theologie. König Ferdinand VI. verbot klerikale Angriffe auf sein Werk. 1765 wurden die autos sacramentales aus Kostengründen verboten. Bald ging jedoch die Inquisition gegen die als französischer Einfluss betrachtete Aufklärung vor. Pablo de Olavide wurde 1778 nach einem Prozess ins Kloster verbannt. Deshalb brach die spanische Aufklärung nicht vollständig mit der Kirche.

Im 19. Jahrhundert folgten auf den Nachhall des Neoklassizismus (ca. 1800–1830) die Romantik (ca. 1830–1850), der Realismus (ca. 1850–1880) und der Naturalismus (ca. 1880–1914). Zeitungen und Zeitschriften ermöglichten neue Formen wie den journalistischen und costumbristischen Artikel, den historischen Roman und den Fortsetzungsroman. Der Costumbrismo stellte lokale Sitten, Milieus und folkloristische Eigenarten dar.

Die spanische Romantik erreichte nach der Rückkehr politischer Emigranten ab 1833 ihre Blüte; 1835 gelang Don Álvaro o la fuerza del sino des Duque de Rivas der Durchbruch. Romantische Literatur stellt Gefühl und individuelles Ich über Vernunft und feste Regeln. Typisch sind einsame Helden im Konflikt mit der Gesellschaft, Melancholie, Sehnsucht, Liebe, tragische Enden sowie mittelalterliche, ferne oder phantastische Schauplätze. Landschaften spiegeln häufig die seelische Lage. In Lyrik und Drama wurden Formen frei kombiniert; die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung verloren ihre Geltung. Eine konservative Richtung verherrlichte die nationale Vergangenheit, während José de Espronceda eine liberale, sozialromantische Strömung vertrat. Gustavo Adolfo Bécquer erneuerte mit den Rimas y Leyendas in schlichter, eindringlicher Sprache die Lyrik.

Realismus und Naturalismus

Der Realismus entwickelte sich im Isabellinischen Zeitalter von 1843 bis 1868 zunächst als „Prärealismus“ und erreichte während der Restauration von 1875 bis 1898 seinen Höhepunkt. Seit etwa 1885 ging er allmählich in den Naturalismus über; beide Richtungen lassen sich in Spanien nicht streng trennen. Auf der Grundlage von Positivismus und Empirismus wollte der Realismus beobachtbare gesellschaftliche Verhältnisse möglichst wirklichkeitsnah darstellen. Im Mittelpunkt standen Gegenwart, Alltag und „Menschen wie du und ich“ aus der Mittelschicht. Konkrete Orte wie Madrid, Kantabrien oder Andalusien, genaue Zeitangaben, psychologisch wahrscheinliche Figuren und Umgangssprache ersetzten romantische Ferne und Idealisierung. Regionalismen und Fachausdrücke verliehen der Figurenrede soziale und berufliche Merkmale. Die Hauptgattung war der oft sehr umfangreiche Roman. Trotz des Anspruchs auf objektive Darstellung blieben viele Werke moralisch oder politisch ausgerichtet; Benito Pérez Galdós verband Wirklichkeitsdarstellung etwa mit Humor, Ironie und liberal-antiklerikaler Kritik.

Der Naturalismus strebte eine noch unmittelbarere, scheinbar fotografisch genaue Wiedergabe der Wirklichkeit an, besonders von proletarischen Milieus, Arbeit, Krankheit, Alkoholismus, Degeneration, Wahnsinn und Körperlichkeit. Er blieb schwächer als in Frankreich, weil Spanien kaum industrialisiert war, um 1900 noch rund 70 % der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten und der Analphabetismus das Lesepublikum begrenzte. Katholische Kritiker lehnten den Determinismus ab, nach dem Menschen wesentlich durch Umwelt und historischen Zeitpunkt bestimmt werden. Der spanische „naturalismo mitigado“, der abgemilderte oder „katholische Naturalismus“, hielt deshalb stärker am freien Willen fest.

Naturalistische Autoren recherchierten häufig vor Ort; Emilia Pardo Bazán verbrachte vor La Tribuna einen Monat in der Tabakfabrik von A Coruña. Figuren entwickeln ihr Profil durch Worte und Handlungen, Kollektive oder Durchschnittsmenschen können im Zentrum stehen. Das Konzept des „trozo de vida“ zeigt einen unvollständigen Lebensabschnitt ohne deutlichen Anfang oder Abschluss. Häufig wird ein sozialer oder psychischer Abstieg geschildert. Claríns La Regenta (1884/85), beeinflusst von Madame Bovary, beschreibt den Einfluss der Kirche und die Enge einer Provinzstadt anhand einer reichen Frau, die schließlich ausgestoßen wird. Der Roman gilt als einer der wichtigsten psychologischen Romane des 19. Jahrhunderts.

Das 20. Jahrhundert: Erneuerung, Krieg und Demokratie

Das frühe 20. Jahrhundert bis 1936 wird als „silbernes Zeitalter“ bezeichnet. Nach dem „Desaster von 1898“ untersuchte die Generación del 98 Spaniens politische und kulturelle Rückständigkeit sowie seine Identität. Azorín kritisierte die Distanz zwischen offizieller Sprache und sozialer Wirklichkeit und stärkte durch die Beschäftigung mit klassischen Autoren ein gemeinsames kulturelles Bewusstsein. Parallel suchte der Modernismo Schönheit als Gegenwelt zum Alltag; Juan Ramón Jiménez erneuerte die spanische Lyrik.

Die Generación del 14 oder der Novecentismo reagierte auf politische Unruhe, den Rifkrieg, Gewalt und die Diktatur Miguel Primo de Riveras seit 1923 mit philosophischen, ethischen und essayistischen Entwürfen. Ihre Stile reichten von psychologischem Realismus bis zu Satire und Greguerías, kurzen, überraschenden Gedankenbildern. Die Generación del 27 verband Modernismo und Surrealismus, Filmimpulse und traditionelle Volkslyrik. Zu ihr gehörten unter anderem Vicente Aleixandre, Rafael Alberti und Federico García Lorca.

Der Bürgerkrieg bildete einen tiefen Einschnitt. García Lorca wurde 1936 von Franquisten ermordet; Autoren wie Ramón J. Sender und Fernando Arrabal gingen ins Exil. Andere mussten sich der Zensur anpassen. Kritik an Kirche und Franco, positive Darstellungen von Marxismus und Liberalismus sowie zahlreiche ausländische und spanische Autoren waren verboten; etwa 3000 Bücher standen auf dem Index. Die Zensur wurde 1966 gelockert und 1978 offiziell abgeschafft.

In den 1940er Jahren entstand der tremendismo, eine vom Krieg geprägte Darstellung von Gewalt und Grausamkeit, beispielhaft in Camilo José Celas La familia de Pascual Duarte (1942). In den 1950er und 1960er Jahren vertrat die Generación del 50 einen sozialkritischen Neorealismus. Celas La Colmena musste 1951 in Buenos Aires erscheinen; Juan Goytisolos Señas de identidad (1966) wurde wegen „antinationalen“ und „antikatolischen Inhalts“ in Mexiko gedruckt.

Nach Francos Tod 1975 öffnete die Transición von 1975 bis 1982 die Literatur für neue Formen und Themen. Kriminalromane konnten nun Verbrechen, Polizei und Korruption behandeln; Manuel Vázquez Montalbán begann 1977 seine Reihe um Pepe Carvalho. Feministische Werke wie Rosa Monteros Crónica del desamor (1979) erweiterten das Themenspektrum. In den 1990er Jahren gewannen Rafael Chirbes und Antonio Muñoz Molina auch international Beachtung. Die literarische Aufarbeitung des Franquismus und der unbestraften Diktaturverbrechen verlief dennoch lange langsam.

Gegenwart, Krisen und sprachliche Vielfalt

Im 21. Jahrhundert steht besonders die Verarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur im Mittelpunkt. Antonio Muñoz Molina verbindet in La noche de los tiempos (2009) historische Ereignisse vor dem Bürgerkrieg mit einer Liebes- und Familiengeschichte. Almudena Grandes untersucht in mehreren Romanen die langfristigen Folgen für Opfer, Täter und deren Nachkommen. Javier Cercas schildert fortbestehende gesellschaftliche Risse, während Aroa Moreno Durán in La hija del comunista (2017) das Schicksal einer in die DDR geflohenen kommunistischen Familie verfolgt. Der Bürgerkrieg bleibt damit eine traumatische Zäsur, deren literarische und politische Aufarbeitung andauert.

Die Finanzkrise seit 2008 wurde zu einem zweiten zentralen Thema. Der Buchmarktumsatz sank von 3,2 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 2,2 Milliarden 2013 und erholte sich bis 2020 nur auf 2,4 Milliarden Euro. Rafael Chirbes schildert in Crematorio (2007) und En la orilla (2013) Bauboom, Immobilienkrise, Zwangspfändungen und sozialen Abstieg. Isaac Rosa behandelt wirtschaftliche Unsicherheit, Angst und Misstrauen. Jüngere Literatur greift Arbeitslosigkeit – 2022 war fast jeder dritte spanische Jugendliche arbeitslos –, Migration, Drogenhandel, Sexismus, Gewalt gegen Frauen und Depressionen auf. Seit etwa 2010 prägen Autorinnen das literarische Leben besonders stark: Elvira Navarro beschreibt in La Trabajadora (2014) prekäre Heimarbeit, Ana Iris Simón in Feria die „verlorene Generation“ nach Finanzkrise und Corona, Elena Medel in Las Maravillas (2020) die Bedeutung des Geldes für prekär lebende Familien. Krisenerzählungen konzentrieren sich häufig auf subjektive Erfahrungen und Einzelschicksale; kollektive Protestbewegungen erscheinen seltener. 2022 war Spanien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Jährlich werden in Spanien zahlreiche Literaturpreise vergeben, ohne dass der Artikel einzelne Preise näher darstellt.

Neben dem Kastilischen bestehen mindestens vier regionale Schrift- und Amtssprachen: Katalanisch mit den Varietäten Valencianisch und Mallorquinisch, Galicisch, Baskisch und Aranesisch. Aranesisch ist eine von etwa 4000 Menschen im Val d’Aran gesprochene Varietät des Gascognischen. Etwa ein Viertel der Spanier verwendet Castellano im Alltag nicht vorrangig. Asturianisch oder Asturleonesisch, örtlich Bable genannt, ist keine Amtssprache, aber eine normierte Schriftsprache mit der 1980 gegründeten Academia de ia Liingua Asturiana. Aragonesisch besitzt die kleinste und am wenigsten standardisierte regionalsprachliche Literatur. Auf den Kanarischen Inseln schlägt sich ein andalusischer Dialekt mit Entlehnungen aus dem kubanischen, kolumbianischen und venezolanischen Spanisch in der Literatur nieder. Der zunehmende Sprachenpluralismus zeigt, dass neben der kastilischen Literatur mehrere eigenständige Literaturen Spaniens bestehen.

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