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Raum (Philosophie)
Raum (von ahd. und mhd. rûm, ursprünglich „das nicht Angefüllte“) wird in der Philosophie vor allem als leerer Raum und damit als Bedingung des Auseinander- …
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Grundbegriff und zentrale Fragen
Raum wird in der Philosophie vor allem als leerer Raum verstanden. Er ermöglicht, dass verschiedene ausgedehnte Dinge zur selben Zeit auseinander und nebeneinander bestehen. Der Begriff ist eng mit Materie als „substanzerfülltem Raum“ und mit Ausdehnung verbunden. Im Alltagsverständnis erscheint Raum daher häufig als allgemeinster Behälter, in dem sich Dinge befinden.
„Raum“ hat jedoch mehrere Bedeutungen. Er kann das persönliche Raumerleben des Menschen, mathematische Strukturen oder gesellschaftlich und kulturell gestaltete Räume bezeichnen. Die Philosophie des Raumes fragt unter anderem, ob Raum wirklich existiert oder nur eine Form der Anschauung ist, ob er endlich oder unendlich ist, ob es leeren Raum gibt, ob Raum unabhängig von Materie besteht oder nur Lagebeziehungen zwischen Gegenständen beschreibt und welche Bedeutung Raum für den Menschen besitzt.
Antike Raumvorstellungen
Bei Hesiod erscheint in der „Theogonie“ das Chaos als Anfang von allem. „Chaos“ bedeutet im Griechischen ursprünglich „Höhlung“ oder „Spalt“, nicht „Unordnung“. Erst danach entstehen Gaia, die Erde, und Uranos, der Himmel. Das Chaos bildet damit den Unterschied beziehungsweise Zwischenraum zwischen Erde und Himmel. Der Raum ist zugleich Behältnis und Trennung sowie Grenzverlauf.
Die Vorsokratiker suchten nach einer natürlichen Grundursache, der „arche“, ohne das Handeln von Göttern vorauszusetzen. Thales von Milet erklärte das Wasser zur Ursubstanz: Durch Verdichtung, Verdünnung oder Umwandlung sollte alles aus Wasser hervorgegangen sein. Anaximander bestimmte das „apeiron“ als Anfang und Ende der seienden Dinge. Das Apeiron ist das Unermessliche und Unvergängliche; wörtlich bezeichnet der Begriff etwas, das nicht von einem Ende zum anderen überquert werden kann.
Leukipp und Demokrit vertraten eine atomistische Raumlehre. Gegen Parmenides behaupteten sie die Existenz des Nicht-Seienden: „In Wahrheit gibt es nur Atome und Leere.“ Leerer Raum kann danach keine Grenze haben und existiert nicht nur innerhalb eines Kosmos, sondern auch außerhalb. In der grenzenlosen Leere können sich in unendlich langer Zeit unendlich viele Atome und unendlich viele kosmische Systeme bilden und wieder vergehen. Die Leere ermöglicht sowohl das Nebeneinander von Körpern als auch ihre Bewegung.
Platon bezeichnet den Raum im Dialog „Timaios“ als „chora“, also als das „Ausweichend-Platzmachende“. Er ist eine „dritte Gattung“ und die „Amme des Werdens“. Als vermittelnde Instanz steht die chora zwischen der unveränderlichen Welt der Ideen und der veränderlichen Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge. In Platons Elementenlehre werden Erde, Wasser, Feuer und Luft auf regelmäßige geometrische, später „platonische“ Körper übertragen.
Aristoteles konzentriert seine Raumtheorie im vierten Buch der „Physik“ auf den konkreten Ort, griechisch „topos“, eines Körpers. Der Ort ist das, was den materiellen Körper begrenzt. Aristoteles verneint die Existenz eines selbstständigen oder möglichen leeren Raumes. Da die Materie an der äußersten Himmelssphäre endet, endet dort auch der Raum. Außerhalb gibt es weder Materie noch Leere; der aristotelische Kosmos ist endlich. Die vier Elemente schichten sich geordnet um das Weltzentrum. Zusätzlich nimmt Aristoteles ein fünftes Element an, das später „quinta essentia“ oder „Äther“ genannt wird. In seiner Auseinandersetzung mit Zenons Bewegungsparadoxien betont er die beliebige Teilbarkeit einer Linie und entwickelt damit eine Theorie des räumlichen Kontinuums.
Neuzeit: Raum als Ausdehnung, Behälter oder Relation
In Spätmittelalter und Renaissance gewinnt die Vorstellung eines unendlichen Alls an Bedeutung. Nicolaus von Kues bringt die Unendlichkeit der Welt erneut in die Diskussion. Giordano Bruno zeigt, dass ein unendlicher Raum keinen Platz mehr für den Schöpfergott des Alls lasse; er wird deshalb von der Inquisition verbrannt. Beobachtungen von Galilei und Kepler bestätigen die von Kopernikus behauptete heliozentrische Ordnung.
Descartes macht die Ausdehnung, lateinisch „extensio“, zum zentralen Begriff für Raum und Materie. Raum als „ausgedehnte Sache“ („res extensa“) wird von der denkenden und nicht ausgedehnten Sache („res cogitans“) unterschieden. Geometrische Begriffe lassen sich dadurch auf Raum und Materie anwenden; beide werden beinahe gleichgesetzt. Körper können bei Bewegung ihren Raum wechseln, ein Vakuum gibt es jedoch nicht, weil jeder Raum durch Materie gefüllt ist. Descartes legt außerdem die Grundlagen des Koordinatensystems: Zur exakten Bestimmung eines Punktes im Raum benötigt man drei Werte, wodurch der Raum unserer Anschauung als dreidimensional bestimmt ist.
Newton löst den Raum aus der engen Verbindung mit Materie. Für ihn ist Raum ontologisch selbstständig und würde auch ohne Materie existieren. Er unterscheidet den absoluten Raum von relationalen Räumen beziehungsweise Bezugssystemen, in denen Abstände und Bewegungen in Bezug auf bestimmte Gegenstände gemessen werden. Der absolute Raum bleibt „vermöge seiner Natur auch ohne Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich“. Er ist ein immaterieller Behälter der Materie und wird von ihr nicht beeinflusst. Newton benötigt diese Vorstellung unter anderem zur Erklärung von Trägheitswirkungen bei Rotationen, etwa der Krümmung der Wasseroberfläche im Eimerexperiment.
Leibniz wendet sich im Briefwechsel mit Samuel Clarke gegen Newtons absoluten Raum. Nach seiner relationalen Theorie entsteht Raum aus den Lagebeziehungen gleichzeitig nebeneinander bestehender Dinge und aus ihren relativen Bewegungen. „Ohne Materie gibt es auch keinen Raum.“ Leibniz definiert Raum als „die Ordnung gleichzeitig existierender Dinge“, während Zeit „die Ordnung des Aufeinanderfolgenden“ ist. Ein endliches materielles Universum, das sich als Ganzes in einem unendlichen leeren Raum bewegt, sei nicht zulässig, weil eine solche Bewegung keine beobachtbare Veränderung hervorbringe. Der physikalische Raum ist für Leibniz relational; als abstrakter Raum ist er die „Ordnung aller als möglich angenommenen Stellen“.
Auch George Berkeley kritisiert Newtons absoluten Raum, weil absolute Orte und Geschwindigkeiten prinzipiell unbeobachtbar seien. Nach seinem Grundsatz „esse est percipi“ ist Wahrnehmbarkeit Voraussetzung für Existenz. Im englischen Empirismus von Locke und Hume rückt deshalb die psychologische Untersuchung der räumlichen Wahrnehmung und der Beitrag der Sinne zu räumlichen Vorstellungen in den Vordergrund. Diese Fragen werden im 19. und 20. Jahrhundert in Sinnesphysiologie und Gestaltpsychologie weiter untersucht.
Kants erkenntnistheoretische Raumauffassung
Immanuel Kant untersucht Raum und Zeit in der „Kritik der reinen Vernunft“ nicht als gewöhnliche Gegenstände, sondern als Voraussetzungen jeder Erfahrung. Raum ist „reine Anschauung“ und eine Form, in der das erkennende Subjekt äußere Gegenstände überhaupt erfahren kann. Raum und Zeit sind daher keine Eigenschaften, die unabhängig am Gegenstand „an sich“ haften, sondern notwendige, subjektive Bedingungen aller äußeren beziehungsweise inneren Erfahrung.
Kant argumentiert, dass Raum und Zeit keine Begriffe, sondern Anschauungsformen sind. Sie können nicht aus empirischer Erfahrung stammen, weil sonst Geometrie und reine Physik keine Aussagen a priori, also unabhängig von Erfahrung gültige Aussagen, machen könnten. Raum und Zeit gelten nur „für uns“, nicht für die Dinge „an sich“. Sie sind Formen der menschlichen Erkenntnisweise.
Raum lässt sich nach Kant nicht durch Zerlegung auf einen gedanklich einfacheren Begriff zurückführen. Auch wenn man das Ganze von Raum und Zeit immer weiter teilt, muss man in jedem Fuß und jeder Elle die Totalität des räumlichen Beisammenseins mitdenken. Entsprechendes gilt für jede Minute und Sekunde hinsichtlich des zeitlichen Nacheinanders.
Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Im 19. Jahrhundert werden nicht-euklidische Geometrien mathematisch begründet. Auf einer Kugeloberfläche lassen sich beispielsweise Dreiecke mit einer Winkelsumme kleiner oder größer als 180° konstruieren. Die Vielzahl möglicher Geometrien führt zur Unterscheidung zwischen formaler mathematischer Geometrie und der geometrischen Beschreibung des physikalischen Raumes. Damit bleibt die Frage offen, welche Geometrie die wahre Geometrie des physikalischen Raumes ist und wie dies festgestellt werden kann.
Newtons absoluter Raum, die absolute Zeit, relative Geschwindigkeit und der kartesische dreidimensionale Raum prägen Philosophie und Naturwissenschaften über 200 Jahre. Das Michelson-Morley-Experiment von 1887 widerlegt die Vorstellung eines Äthers und führt zur Entwicklung von Einsteins spezieller Relativitätstheorie. Wegen der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist die Distanz zwischen zwei Punkten nun nicht mehr absolut, sondern hängt vom jeweiligen Koordinatensystem beziehungsweise Bezugssystem ab.
Unabhängig von der Wahl des Bezugssystems ist die aus Raum- und Zeitkoordinaten zusammengesetzte vierdimensionale „Vierer-Distanz“. Der raumzeitliche Abstand zwischen zwei beliebigen Ereignissen bleibt in jedem Bezugssystem gleich. Raum und Zeit können deshalb nicht mehr unabhängig voneinander bestimmt werden; man spricht von vierdimensionaler Raumzeit oder Minkowski-Zeit, benannt nach Hermann Minkowski. Alles existiert in einem Punkt oder Gebiet der Raumzeit. Die zeitlose Vorstellung dieser Existenz wird als Blockuniversum bezeichnet.
Die allgemeine Relativitätstheorie beschreibt das Verhältnis von Raumzeit und Materie. Materie bestimmt die Geometrie der Raumzeit und krümmt sie. Die gekrümmte Bahn eines Körpers bildet dabei eine nicht-euklidische Gerade, eine „Geodätische“. Die raumzeitlichen Distanzen hängen von der Verteilung der Materie im Universum ab. Raumzeit und Materie lassen sich daher nicht mehr klar trennen; das Gravitationsfeld ist im metrischen Feld der Raumzeit enthalten.
In der Quantentheorie verlieren die Begriffe Raum und Zeit für die Beschreibung der mikrophysikalischen Struktur der Materie ihre bisherige Bedeutung. Gegenstand sind nicht kleine „Sandkörnchen“ wie Atome oder Elementarteilchen, sondern Quantenzustände. Diese befinden sich nicht mehr in der Raumzeit, sondern in einem abstrakten mathematischen Raum.
Die zeitgenössische Raumtheorie richtet sich zusätzlich auf den vom Menschen erlebten, „gefüllten“ Raum: auf räumlich strukturierte Lebenswelten, gestaltete Räume und ihre Erlebnisqualität. Lebens- und Existenzphilosophie, etwa bei Heidegger, sowie Phänomenologie, etwa bei Husserl, untersuchen unter anderem Wohnen, Eigenbewegung, Orientierung und die zentrale Rolle des menschlichen Körpers. Statt einer allgemeinen Theorie des einen Raumes entstehen Überlegungen zu unterschiedlichen räumlichen Beziehungen; psychologische und soziologische Zugänge sind dabei häufig besonders wichtig.
Der „Spatial turn“ beziehungsweise die „topologische Wende“ bezeichnet eine in den Jahren 1990–2000 hervorgetretene Betrachtungsweise, nach der Räume soziale Produkte sind. Dazu zählen architektonische und städtische Räume, Regionen, Schlafzimmer und virtuelle Räume. Die Funktionen dieser verschiedenen Räume müssen nach dieser Perspektive durch die jeweiligen Fachwissenschaften geklärt werden. Aufgabe der Philosophie ist vor allem, auf die angemessene Verwendung der Begriffe zu achten und erkenntnistheoretisch zu untersuchen, wie Wissen über Raum gewonnen wird.
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