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Geodeterminismus
Der Geodeterminismus war die dominierende theoretische Denkrichtung der Geographie, besonders der Humangeographie, des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts …
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Begriff und Einordnung
Geodeterminismus, auch Naturdeterminismus, Umweltdeterminismus oder Ökodeterminismus, ist ein Forschungsansatz der Wirtschaftsraumanalyse. Er erklärt unterschiedliche Wirtschaftsentwicklung in Weltregionen vor allem durch ihre natürliche Ausstattung.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war er besonders in der Humangeographie die vorherrschende theoretische Richtung; in Deutschland war er besonders stark vertreten. Sein Gegenentwurf ist der Geopossibilismus, dessen Vertreter vor allem in Frankreich tätig waren, etwa Paul Vidal de la Blache.
Nicht jede Aussage über die Bedeutung der Natur ist geodeterministisch: Dass Menschen sich an ihre Umwelt anpassen, sie nutzen und etwa von Boden oder Wasser abhängig sind, genügt dafür noch nicht.
Zentrale Annahmen
Der Geodeterminismus nimmt eine organische Verbindung zwischen Raum und Mensch an. Der absolute Raum „an sich“ wird dabei als eigenständig wirksam verstanden: Er beeinflusst menschliches Handeln nicht nur, sondern bestimmt Kultur und Gesellschaft. Diese Auffassung wird als Vulgärmaterialismus bezeichnet.
Benno Werlen fasst die Grundthese so zusammen: „Gemäß der Grundthesen des Geodeterminismus sind alle menschlichen Kulturen und Gesellschaften als Ausdrucksformen natürlicher Bedingungen anzusehen und ursächlich auf diese zurückzuführen.“ Kritisch wird eingewandt, die Raumvorstellung täusche eine organische Einheit von Mensch und Raum vor. Sie spielte auch im Nationalsozialismus eine Rolle. Ratzel und die Gebrüder Haushofer begründeten dabei eine umstrittene Politische Geographie, die weltweit aufgenommen und besonders in angelsächsischen Ländern weiterentwickelt wurde.
Erklärungen für Unterentwicklung
In der Entwicklungsländerforschung führen geodeterministische Ansätze Armut und Hunger in Afrika, Asien und Lateinamerika vorwiegend auf ungünstige Naturbedingungen zurück. Genannt werden Mangel an bebaubarem Land und sauberem Wasser in Verbindung mit Überbevölkerung, ungünstiges Klima mit Dürren oder Überschwemmungen, Desertifikation, Tropenkrankheiten, fehlende Bodenschätze und die Isolierung durch eine Binnenlage.
Jared Diamond nennt in „Arm und Reich“ („Guns, Germs and Steel“) als Grundlagen der europäischen Wirtschaftsentwicklung geeignete Pflanzen und Tierarten für Landwirtschaft und Nutztierhaltung, Handel und Austausch über das Mittelmeer und die Landbrücke nach Asien sowie die Anpassung an Krankheitserreger aus der Nutztierhaltung.
Auch Begriffe wie „Entwicklungsländer ohne Meereszugang“ – 31 arme, abseits der Meere gelegene Länder – und „Vierte Welt“ für rohstoffarme, ärmste Länder drücken diese Sicht aus. Die weniger verbreitete Bezeichnung „Fünfte Welt“ meint innerhalb der Vierten Welt Länder ohne Bodenschätze und ohne Zugang zum Meer.
Als Beispiel gelten Länder der Sahelzone: Sie sind von Desertifikation und natürlichen Klimaschwankungen betroffen, haben wenige Bodenschätze und sind überwiegend Binnenländer. Andere Erklärungen setzen andere Schwerpunkte: Axelle Kabou verweist auf ein durch jahrhundertelangen Sklavenhandel geprägtes Unvermögen zu langfristiger Wirtschaftsplanung. Max Weber betonte die Bedeutung der Religion, besonders des Protestantismus, auch für wirtschaftliche Entwicklung in klimatisch ungünstigen Regionen wie Skandinavien. John Kenneth Galbraith hob für den deutschen Wiederaufbau nach 1945 die hohe Motivation von Flüchtlingen und den Bildungsstand hervor und verglich dies positiv mit den Sikhs im indischen Punjab und Auslandschinesen.
Kritik und Gegenbeispiele
Die Kritik betont, dass Hunger und Armut meist aus dem Zusammenwirken natürlicher und menschengemachter Faktoren entstehen. Schwankende Niederschläge können beispielsweise durch Entwaldung und Übernutzung der Böden verschärft werden. Landmangel entsteht oft auch dadurch, dass Großgrundbesitzer die fruchtbarsten Böden für Exportprodukte, sogenannte export-oriented cash crops, nutzen. Kleinbäuerliche Produktion von Grundnahrungsmitteln, food crops, bleibt dann häufig auf schlechtere Böden beschränkt.
Als interne Ursachen werden außerdem Korruption, unzureichende Verwaltungsstrukturen und demokratische Mitbestimmung, mangelnde Bildung sowie religiös-kulturell bedingte Defizite genannt. Externe Ursachen können Terms of Trade, kriegerische Auseinandersetzungen und internationale Vorgaben sein.
Wirtschaftlicher Erfolg trotz ungünstiger Naturbedingungen widerspricht einer einfachen geodeterministischen Erklärung. Beispiele sind die Schweiz als gebirgiges Binnenland ohne nennenswerte Bodenschätze sowie Singapur, Israel, Utah und Arizona. Umgekehrt gehören rohstoffreiche Staaten wie die Demokratische Republik Kongo, Angola und der Sudan zu den ärmsten Ländern. Als „Ressourcenfluch“ wird bezeichnet, dass Erdöl oder Diamanten zusammen mit unzureichender Good Governance die allgemeine Wirtschaftsentwicklung eher hemmen als fördern können. Als Gegenbeispiel wird die Grenze zwischen Norwegen und Russland genannt: Sie weist das weltweit höchste Wohlstandsgefälle und große umstrittene maritime Rohstoffvorkommen auf, gilt aber nicht als Krisengebiet.