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Blut-und-Boden-Ideologie
„Blut und Boden“ war ein zentrales Schlagwort der nationalsozialistischen Ideologie. Auf die völkische Ideologie der Artamanen und die Schriften Walther Darrés …
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Kern und Bedeutung
Die Blut-und-Boden-Ideologie ist eine agrarpolitische und rassistische Ideologie. Sie behauptet eine untrennbare Einheit zwischen einem rassisch definierten „Volkskörper“ – also einer angeblich durch Abstammung bestimmten Bevölkerung – und dessen Siedlungsgebiet. Bäuerliche Lebensformen werden idealisiert und als Gegenmodell zum Leben in der Stadt dargestellt.
Diese Vorstellung verbindet Landwirtschaft und Siedlungspolitik mit Antisemitismus: Ein angeblich sesshaftes germanisch-nordisches Bauerntum wird einem angeblichen jüdischen Nomadentum gegenübergestellt. Zur angestrebten „Verbäuerlichung“ der Gesellschaft sollten für das als „Volk ohne Raum“ bezeichnete deutsche Volk neue Siedlungsgebiete erobert werden. Diese Gebiete wurden als „Lebensraum im Osten“ verstanden.
„Blut und Boden“ wurde zu einem zentralen Schlagwort des Nationalsozialismus. Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Baldur von Schirach griffen diese Ideen auf. Sie beeinflussten besonders die nationalsozialistische Agrarpolitik. Das Reichserbhofgesetz von 1933, das landwirtschaftliche Höfe nach nationalsozialistischen Vorstellungen dauerhaft an bestimmte bäuerliche Familien binden sollte, gilt als wichtiger Ausdruck dieser Ideologie.
Entstehung und nationalsozialistische Ausformung
Das Begriffspaar „Blut und Boden“ ist bereits vor der nationalsozialistischen Herrschaft nachweisbar. Oswald Spengler schrieb 1922 in Der Untergang des Abendlandes vom „Kampf zwischen Blut und Boden um die innere Form einer verpflanzten Tier- und Menschenart“, verstand beide Begriffe aber noch nicht als Einheit. Max Wundt erwähnte 1924 in „Was heißt völkisch?“ die „natürlichen Wurzeln unseres Volkstums in Blut und Boden“. Auch der Verlag Eugen Diederichs und der Schriftsteller August Winnig verwendeten die Formulierung in den 1920er Jahren.
1929 übernahm der Artamanenführer August Georg Kenstler die Herausgabe der Zeitschrift „Blut und Boden. Monatsschrift für wurzelstarkes Bauerntum, für deutsche Wesensart und nationale Freiheit“. Die Artamanen waren eine völkische Bewegung, die bäuerliche Arbeit, ländliche Siedlung und nationalistische Vorstellungen miteinander verband.
Entscheidend für die nationalsozialistische Ausformung war Walther Darré, ebenfalls Mitglied der Artamanen. Mit seinem 1930 erschienenen Buch Neuadel aus Blut und Boden machte er die Formel zu einem Zentralbegriff der NS-Ideologie. Sie sollte einen inneren Zusammenhang zwischen rassenpolitischen, wirtschaftspolitischen und agrarpolitischen Vorstellungen herstellen.
Darré versuchte sein Siedlungs- und „Auslese“-Konzept in mehreren Machtpositionen umzusetzen: als Leiter des Reichsamts für Agrarpolitik, Reichsbauernführer, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS. Dadurch prägte er besonders die Vorstellungen der SS. Von 1933 bis 1945 bestand außerdem ein „Blut und Boden Verlag“ in der sogenannten „Reichsbauernstadt Goslar“. Sein Geschäftsführer Rudolf Damm veröffentlichte auch nach 1945 weiterhin Schriften über das Bauerntum auf Grundlage dieser Ideologie.
Debatte über ökologische Kontinuitäten
Umstritten ist, ob zwischen der Blut-und-Boden-Ideologie und späterem ökologischem Denken eine direkte Kontinuität besteht. Die britische Historikerin Anna Bramwell behauptete 1985 in ihrer Darré-Biographie Blood and Soil, Argumente der Umweltbewegung der 1980er Jahre hätten in Inhalt und Formulierung Darrés Thesen geähnelt. Darré und seine Anhänger hätten das ökologische Denken des 20. Jahrhunderts geprägt; das gegenwärtige „grüne Denken“ stehe direkt in dieser Tradition. Bramwell stellte Darré eher als Anhänger organischer Landwirtschaft denn als überzeugten Nationalsozialisten dar.
Diese Darstellung wurde scharf kritisiert. Bramwells Porträt gilt in der Forschung als apologetisch, also als beschönigend, und ihre Darstellung der nationalsozialistischen „Ökologie“ als unkritisch. Piers Stephens bemängelte, dass sie die Bedeutung des Sozialdarwinismus vernachlässige. Nach verbreiteter Forschungsmeinung stand im Zentrum von Darrés Denken nicht der „Boden“, sondern das „Blut“: Sein Hauptziel sei eine rassische Erneuerung des deutschen Volkes vom Land aus gewesen. Auch Bramwells Behauptung, Darré habe Rudolf Steiner und dessen anthroposophische Landwirtschaft unterstützt, wird als unbelegt zurückgewiesen.
Thomas Rohkrämer stellte 2007 fest, in der Forschung bestehe weitgehend Einigkeit darüber, dass es keinen „grünen Flügel“ der NSDAP gegeben habe. Peter Staudenmaier vertrat eine differenziertere Auffassung: Eine geschlossene Fraktion oder ein einheitlicher Kreis habe zwar nicht bestanden, im NS-Regime und in der nationalsozialistischen Bewegung habe es aber mehrere Aktivisten und Funktionäre gegeben, die nach heutigen Maßstäben als Umweltschützer gelten könnten. Er sah außerdem deutliche Übereinstimmungen zwischen der Philosophie der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und der Blut-und-Boden-Ideologie. Diese Verbindungen reichten in die Zeit vor dem Nationalsozialismus zurück. Germanozentrik, also die besondere Ausrichtung auf das Deutschtum, und Rassentheorie seien schon vor Hitlers Aufstieg Bestandteile der Anthroposophie gewesen; wichtige Vertreter biologisch-dynamischer Lehren hätten sich zudem in Einrichtungen der nationalsozialistischen Rassenpolitik engagiert.