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Friedrich Ratzel

Er gilt gemeinhin als Begründer der Anthropogeographie, des Diffusionismus und der Politischen Geographie sowie auch als einflussreicher Wegbereiter der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und frühe Laufbahn
  3. 3. Professor und wissenschaftliches Umfeld
  4. 4. Anthropogeographie und Menschenbild
  5. 5. Staat, Raum und spätere Wirkung
  6. 6. Wichtige Werke und Nachlass

Einordnung und Bedeutung

Friedrich Ratzel (* 30. August 1844 in Karlsruhe; † 9. August 1904 in Ammerland am Starnberger See) war ein deutscher Zoologe und Geograph. Er gilt gemeinhin als Begründer der Anthropogeographie, des Diffusionismus und der Politischen Geographie sowie als einflussreicher Wegbereiter der Geopolitik.

Anthropogeographie, auch Humangeographie genannt, untersucht die Beziehungen zwischen Menschen, Gesellschaften und räumlichen Bedingungen. Politische Geographie betrachtet politische Ordnungen, Staaten und Machtverhältnisse in ihrer räumlichen Dimension. Ratzels Bedeutung liegt vor allem darin, dass seine Schriften diesen Feldern große, auch internationale Aufmerksamkeit verschafften. Der Artikel betont aber, dass er die Begriffe „Anthropogeographie“ und „Politische Geographie“ nicht selbst geprägt hatte; beide waren bereits seit den 1840er Jahren in Gebrauch. Auch seine Grundideen waren nicht völlig neu, sondern standen in einer Entwicklung, zu der unter anderem Wilhelm Butte, Johann Georg Kohl und besonders Hermann Schaaffhausen beigetragen hatten.

Ausbildung und frühe Laufbahn

Ratzel wurde als jüngstes von vier Kindern geboren. Sein Vater Carl Ratzel diente als Kammerdiener am Hof des Karlsruher Markgrafen. Ratzel wuchs in einer Hofbeamtenfamilie behütet und sorgenfrei auf.

Nach der Schulzeit begann er in Eichtersheim eine Ausbildung zum Apotheker. 1863 legte er seine pharmazeutische Prüfung ab und arbeitete danach einige Jahre als Apothekergehilfe. In dieser Zeit wuchs sein Interesse an naturwissenschaftlichen und philologischen Studien. Mit 21 Jahren begann er schließlich, Geologie und Zoologie in Heidelberg, Jena und Berlin zu studieren. 1868 wurde er an der Universität Heidelberg im Fach Zoologie promoviert.

Geldmangel führte dazu, dass er von einem Reiseziel in Südfrankreich Reisebriefe unter dem Titel Mittelmeer an die Kölnische Zeitung schickte. Diese Reiseberichte wurden von der Leserschaft gut aufgenommen, sodass er fest angestellt wurde. Danach unternahm er weitere Studienreisen nach Italien, Kuba, Mexiko, Ungarn und in die USA.

Professor und wissenschaftliches Umfeld

1871 ging Ratzel an die Technische Hochschule München, um seine naturwissenschaftlichen Studien fortzuführen. Dabei wurde die Geographie für ihn immer wichtiger. 1875 beendete er seine Reisen und begann an der Technischen Hochschule München als Privatdozent für Geographie. Ein Jahr später erhielt er eine außerordentliche Professur in Geographie.

In München veröffentlichte er unter anderem Die Erde in 24 gemeinverständlichen Vorträgen über allgemeine Erdkunde (1881) und Die Vereinigten Staaten von Amerika (2 Bände, 1878–1880). Diese Arbeiten gelten im Artikel als Beginn der Anthropogeographie als eigener Fachrichtung.

1877 heiratete Ratzel Marie Wingens, eine Reisebekanntschaft aus England. 1879 und 1881 wurden seine Töchter Hedwig und Lila geboren. 1883 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, 1885 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und im Dezember 1886 ordentliches Mitglied der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften.

1886 wurde Ratzel an die Universität Leipzig berufen. Dort erhielt er den Lehrstuhl für Geographie, der durch das Ausscheiden von Ferdinand von Richthofen frei geworden war. In Leipzig arbeitete und forschte er 18 Jahre lang. Er fand einflussreiche Freunde, darunter den Nationalökonomen und Historiker Wilhelm Roscher, den Chemiker Wilhelm Ostwald sowie den Psychologen und Philosophen Wilhelm Wundt. Er setzte sich für eine größere Bibliothek und für den Ausbau des Seminarbetriebs ein. Wegen seiner Beliebtheit bei den Studierenden stieg die Zahl der Hörer seiner geographischen Vorlesungen rasch.

Anthropogeographie und Menschenbild

Ratzel sah die Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch als zentrale Aufgabe der Anthropogeographie. Mit „Wechselwirkungen“ sind gegenseitige Einflüsse gemeint: Menschen leben unter bestimmten natürlichen Bedingungen, verändern aber zugleich ihre Umwelt und schaffen Kulturleistungen. Ratzel hoffte, durch die Untersuchung solcher Zusammenhänge größere Gesetzmäßigkeiten zu erkennen.

Er ging von der Einheit der Menschheit aus. Im Artikel wird dazu eine Aussage Ratzels zitiert: „So weit die Erde für den Menschen bewohnbar ist, finden wir also Völker, die Glieder einer und derselben Menschheit sind. Die Einheit des Menschengeschlechts ist also das tellurische oder planetarische Merkmal, das der höchsten Stufe der Schöpfung ausgeprägt ist. Es gibt nur eine einzige Menschenart, deren Abwandlungen zahlreich, aber gering von Betrag sind.“

Gleichzeitig standen die damaligen geographischen Überlegungen in enger Beziehung zu Rassentheorien und zur jungen Evolutionslehre Darwins. Ratzel orientierte sich stark an Charles Darwins Evolutionstheorie, am Sozialdarwinismus und an einer „Kulturklimatologie“. Sozialdarwinismus überträgt Vorstellungen von Konkurrenz und Auslese aus der Biologie auf Gesellschaften; Kulturklimatologie stellt Zusammenhänge zwischen menschlichen Eigenschaften und Klimazonen her. Der Artikel beschreibt diese Bezüge als wichtig für das Verständnis von Ratzels Werk.

Staat, Raum und spätere Wirkung

Für die Beschreibung der Entwicklung von Staaten verwendete Ratzel biologistische Begriffe, also Begriffe aus der Biologie. Er verglich den Staat mit einem biologischen Organismus. Wachstum und Schrumpfen von Staaten erklärte er mit dem „Gesetz der wachsenden Räume“. Dieses verknüpfte er laut Artikel allerdings irreführend mit Darwins „Kampf ums Dasein“.

Kriege sah Ratzel als ein „rasch verlaufendes Experiment“, das über die Zukunft der Völker und ihre Rolle in der Geschichte entscheide. Solche Ideen machten ihn zu einem wichtigen Wegbereiter der Geopolitik in Deutschland. Geopolitik meint hier die Deutung politischer Macht und staatlicher Entwicklung über geographische Räume und Bedingungen.

1901 prägte Ratzel in einer Studie den Begriff „Lebensraum“. Der Artikel weist darauf hin, dass sich später die Nationalsozialisten diesen Begriff zu eigen machten. Ratzels Ideen wurden später von zahlreichen Geographen weiterentwickelt und von Karl Haushofer instrumentalisiert. Sie gelten als wichtiger Impuls für die „Lebensraum“-Ideologie im Nationalsozialismus. Damit ist Ratzels Wirkungsgeschichte auch problematisch: Seine geographischen und politischen Vorstellungen wurden später in ideologischen Zusammenhängen genutzt, die weitreichende Folgen hatten.

Wichtige Werke und Nachlass

Zu Ratzels wichtigsten Werken gehören Die Vereinigten Staaten von Amerika (1878–1880), Anthropogeographie. Die geographische Verbreitung des Menschen (1882–1891), Völkerkunde (3 Bände, 1885–1901) und Politische Geographie (1897). Weitere genannte Werke sind Deutschland. Einführung in die Heimatkunde (1898), Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie (1901), Die Erde und das Leben (1902) sowie Über Naturschilderung (1904).

Nach seinem Tod erschienen außerdem Glücksinseln und Träume. Gesammelte Aufsätze aus den Grenzboten (1905), Erdenmacht und Völkerschicksal. Eine Auswahl aus seinen Werken, herausgegeben und mit einer Einleitung von Karl Haushofer (1940), sowie Jugenderinnerungen, herausgegeben von Friedhelm Kemp (1966).

Ratzel starb am 9. August 1904 kurz vor seinem 60. Geburtstag während seines Sommerurlaubs in Ammerland am Starnberger See. An seinem Geburtshaus in Karlsruhe, heute Kaiserstraße 123, wurde 1927 eine Gedenktafel angebracht. Ein umfangreicher Teil seines wissenschaftlichen Nachlasses befindet sich im Archiv für Geographie des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig.

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