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Émile Durkheim
Die Selbsttötungsrate bei Männern ist höher als bei Frauen. · Alleinstehende haben eine höhere Rate als Verheiratete. · Kinderlose Ehepaare zeigen eine höhere …
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Bedeutung und Grundidee
Émile Durkheim (15. April 1858 in Épinal; 15. November 1917 in Paris) war ein französischer Soziologe und Ethnologe. Er gilt als Klassiker der Soziologie, weil er die Soziologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin begründen wollte. 1887 erhielt er in Bordeaux als Erster eine akademische Stelle für Soziologie an einer französischen Universität; 1896 wurde er dort Professor für Pädagogik und Soziologie.
Im Mittelpunkt seines Denkens steht die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht. Durkheim untersucht dafür soziale Regeln, Arbeitsteilung, Selbsttötung und Religion. Seine Studie Der Selbstmord (1897), die empirische Daten und Vergleiche nutzt, wurde zu einem Paradigma empirischer Soziologie.
Solidarität und Arbeitsteilung
In Über soziale Arbeitsteilung (1893) fragt Durkheim, wie Menschen zugleich persönlicher und autonomer werden können, obwohl ihre Abhängigkeit von der Gesellschaft wächst. Seine Antwort lautet: Mit stärkerer Arbeitsteilung verändert sich die soziale Solidarität, also der Zusammenhalt einer Gesellschaft.
Mechanische Solidarität prägt vor allem ältere und weniger gegliederte Gesellschaften. Sie beruht auf gemeinsamen Anschauungen, Gefühlen, Traditionen und Sitten. Durkheim nennt solche Kollektive „segmentäre“ Gesellschaften. Ihr Recht ist repressiv: Bestraft wird ein Verstoß gegen das Kollektivbewusstsein.
Organische Solidarität kennzeichnet moderne, arbeitsteilige Gesellschaften. Menschen übernehmen unterschiedliche Aufgaben und sind dadurch stark voneinander abhängig. Der Zusammenhalt beruht auf diesen Beziehungen und auf kontraktuellen Strukturen der Arbeitsteilung. Gemeinsame Anschauungen verschwinden dabei nicht, treten aber stärker in den Hintergrund. Durkheim nennt moderne Kollektive „nicht-segmentäre“ Gesellschaften. Er beschreibt als Paradoxon der Industriegesellschaft, dass die tatsächliche Abhängigkeit der Einzelnen wächst, während eine Ideologie des Individualismus das Gegenteil behauptet.
Soziale Fakten und vergleichende Methode
Durkheim fordert, „soziale Fakten als Dinge“ zu behandeln. Ein sozialer Fakt ist keine bloße Nebenerscheinung des Zusammenlebens, sondern eine soziale Struktur mit eigenem Stellenwert. Sie lässt sich nicht aus der Summe der Vorstellungen einzelner Menschen erklären, sondern besteht unabhängig von den Personen, die sie geschaffen haben. Dieses Entstehen einer eigenständigen Struktur nennt der Text ein Emergenzphänomen.
Soziale Strukturen wirken als Gesellschaft auf Menschen ein. Sie sollen sowohl funktional, also nach ihrer Wirkung, als auch historisch, also nach ihrer Entstehung, erklärt werden. Durkheim nennt drei Merkmale sozialer Strukturen:
- Allgemeinheit: Die Regeln gelten für alle Menschen, die innerhalb der Struktur handeln.
- Äußerlichkeit: Die Struktur wird als von der eigenen Person unabhängig erlebt.
- Zwang: Einzelne können sich ihr nicht einfach widersetzen; Regelverletzungen können Sanktionen nach sich ziehen.
Das kollektive Gewissen oder kollektive Bewusstsein (conscience collective) umfasst gemeinsame religiöse Überzeugungen und Gefühle einer Gesellschaft. Es wird durch Erziehung vermittelt und zeigt sich in Moral, Sitten und Glauben. Wird abweichendes Verhalten nicht mehr wirksam sanktioniert und zur Regel, liegt Anomie vor: Die Gesellschaft ist dann vom „Normalzustand“ in einen „pathologischen“ Zustand übergegangen.
Für die Soziologie hält Durkheim die kulturvergleichende Sozialforschung für die einzige passende Methode. Von vier Verfahren – Methode der Residuen, Methode der Konkordanz, Methode der Differenz und Methode der parallelen (konkomitanten) Variationen – bewertet er nur die parallelen Variationen als besonders geeignet, weil soziale Phänomene zu komplex für die ersten drei Verfahren seien.
Selbsttötung, Integration und Anomie
In Le suicide untersucht Durkheim unterschiedliche Selbsttötungsraten mit empirischen Daten, vor allem Moralstatistiken. Er vergleicht unter anderem Konfession, Berufs- und Vermögensstand, Wetter, Jahreszeit und Wirtschaftslage. Er erklärt die niedrigere Rate bei Katholiken mit stärkerer sozialer Kontrolle und Integration. Der Text weist jedoch darauf hin, dass die Quellen vorsichtiger urteilten und der Unterschied zwischen Konfessionen nur in deutschsprachigen Gebieten Mitteleuropas beobachtbar war; andere Faktoren könnten daher beteiligt gewesen sein.
Zu seinen Ergebnissen gehören: Männer weisen höhere Raten auf als Frauen; Alleinstehende höhere als Verheiratete; kinderlose Ehepaare höhere als Familien; Protestanten höhere als Katholiken und Juden; Soldaten höhere als Zivilisten. In Friedenszeiten ist die Zahl höher als im Krieg, in skandinavischen Ländern höher als sonst in Europa. Die Wahrscheinlichkeit wächst mit dem Bildungsgrad, doch die Korrelation mit Religion sei stärker.
Durkheim versteht den Menschen als homo duplex, als „Doppelwesen“: Ein natürlicher, triebhafter Teil strebt nach Bedürfnisbefriedigung, während ein sozialer Teil ihn durch Sitten, Moral und Normen reglementiert. Gesellschaften sollen das Spannungsverhältnis zwischen beiden Teilen ausgleichen.
Anomie ist für Durkheim eine Situation, in der soziale oder moralische Normen unklar sind oder fehlen. Sie führt zu abweichendem Verhalten. Seine Idealtypen der Selbsttötung beruhen auf einem Ungleichgewicht von Integration und moralischer Regulierung:
- Egoistische Selbsttötung entsteht bei zu geringer Integration und geschwächten sozialen Bindungen; Durkheim nennt besonders unverheiratete Männer als Beispiel.
- Altruistische Selbsttötung entsteht bei zu starker Bindung an Gruppennormen, wenn individuelle Bedürfnisse den Zielen der Gemeinschaft untergeordnet werden.
- Anomische Selbsttötung entsteht durch moralische Desorientierung, etwa bei wirtschaftlichem Ruin oder plötzlichem Reichtum. Menschen kennen dann Grenzen ihrer Bedürfnisse und ihren Platz in der Gesellschaft nicht mehr.
- Fatalistische Selbsttötung erwähnt Durkheim nur in einer Fußnote. Sie ist das Gegenteil der anomischen Selbsttötung: Menschen sind extrem eingeschränkt, erleben ihre Zukunft als vorbestimmt und ziehen den Tod einem nicht veränderbaren Leben vor. Als Beispiel nennt er Gefängnisinsassen.
Religion als gesellschaftlicher Zusammenhalt
In Die elementaren Formen des religiösen Lebens (1912) fragt Durkheim nach dem Wesen der Religion. Er begründet eine funktionalistische Betrachtung: Entscheidend ist die Funktion der Religion, gesellschaftlichen Zusammenhalt und gesellschaftliche Identität zu stiften.
Seine Untersuchung des Totemismus der australischen Arrernte (Aranda) führte ihn zu der Annahme, darin die „Urreligion“ der Menschheit gefunden zu haben. Diese evolutionistische Theorie gilt heute als überholt. An Durkheim anschließend deuten einzelne Vertreter der Religionssoziologie alles als Religion, was in Gesellschaften die genannte Integrationsfunktion erfüllt. Davon unterscheidet sich ein substanzieller Religionsbegriff, der Religion über inhaltliche Merkmale bestimmt, etwa Vorstellungen von Transzendenz oder Priesterrollen.