Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Soziale Mobilität

Soziale Mobilität bezeichnet die Bewegung von Einzelpersonen oder Gruppen zwischen unterschiedlichen sozio-ökonomischen Positionen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Formen
  2. 2. Durchlässigkeit und Ursachen
  3. 3. Mobilität innerhalb und zwischen Generationen
  4. 4. Forschung zu Entwicklung und Offenheit
  5. 5. Messung und Vergleichbarkeit

Bedeutung und Formen

Soziale Mobilität bezeichnet die Bewegung von Einzelpersonen oder Gruppen zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Positionen. Sie ist eine Erscheinungsform des sozialen Wandels. Eine Änderung von Beruf oder Stellung im Berufsleben kann den sozialen Beziehungsraum verändern und als Aufstieg oder Abstieg in einer gedachten Ordnung von sozialer Klasse oder sozialer Schichtung erscheinen. Dies heißt vertikale Mobilität.

Horizontale Mobilität liegt vor, wenn sich Beruf oder Tätigkeit ändern, ohne dass sich die Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Schicht verändert. Davon zu unterscheiden ist räumliche oder territoriale Mobilität: Sie meint die Bewegung von Menschen im geographischen Raum, etwa Migration oder Auswanderung.

Durchlässigkeit und Ursachen

Pitirim Sorokin prägte den Begriff „Soziale Mobilität“ 1929. Er meinte damit Auf- und Abwärtsbewegungen sowie seitliche Bewegungen im „sozialen Raum“.

Mobilität vollzieht sich auf der Grundlage von Veränderungen der Wirtschafts-, Klassen-, Berufs- und Siedlungsstrukturen, beispielsweise Industrialisierung, Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft, Verstädterung und Zunahme abhängig Beschäftigter. Auch demographische Verschiebungen, etwa eine veränderte durchschnittliche Kinderzahl oder ein veränderter Generationenabstand, sowie Veränderungen des Bildungssystems können eine Rolle spielen.

Soziale Durchlässigkeit bedeutet, dass Mobilität in einer Klassen- oder Schichtenordnung leichter möglich oder wahrscheinlicher wird. Sie kann durch bessere Bildungschancen, den Verlust des Einflusses von Oligarchien und Eliten oder politische Eingriffe wie das Verbot der Diskriminierung unterprivilegierter Ethnien oder Kasten steigen. Ob eine Bewegung als Auf- oder Abstieg gilt, kann sich auch nach dem Prestige einer Position und ihren Gratifikationen, zum Beispiel dem Einkommen, richten.

Mobilität innerhalb und zwischen Generationen

Intragenerationenmobilität findet innerhalb eines Menschenlebens statt. Die soziale Stellung kann sich durch Ausbildung, Beförderung, Erbschaft von der Elterngeneration oder wirtschaftliche Strukturveränderungen ändern. Als Beispiel nennt der Artikel die Schließung von Kohlengruben und den Übergang in Ersatz-Erwerbszweige. Intragenerationenmobilität ist nicht selten mit räumlicher Mobilität verbunden.

Intergenerationenmobilität ist soziale Mobilität im engeren Sinn: der soziale Aufstieg oder Abstieg von einer Generation zur nächsten. Im weiteren Sinn kann sie mehrere Generationen umfassen. Als Beispiel wird für das 19. und 20. Jahrhundert die Berufsabfolge Landwirt → Volksschullehrer → Arzt genannt. Die Sozialforschung maß Mobilität häufig nur als Vater-Sohn- beziehungsweise Mutter-Tochter-Mobilität.

Forschung zu Entwicklung und Offenheit

Die Untersuchung von Trends sozialer Mobilität führt in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und sollte Ursachenforschung einschließen; Mobilitätsforschung bleibt jedoch oft bei der Beschreibung stehen. Für die industrielle Revolution vermittelten viele Studien den Eindruck einer besonderen Entwicklung mit hohem Niveau mindestens bis zum Ersten Weltkrieg. Die Werte für aufwärts gerichtete vertikale Mobilität lagen in den USA bei etwa 80 %, in England und Wales hoch, in Frankreich bei knapp 50 % und im weniger industrialisierten Schweden bei knapp 30 %. In Deutschland erreichte diese Form der Mobilität erst zwischen 1901 und 1905 mit 50 % ein Maximum.

Diese Deutung ist umstritten. Räumliche Mobilität scheint damals wesentlich stärker gewesen zu sein als soziale Mobilität. Zudem konzentrierte sich die Forschung stark auf Handels- und Hafenstädte wie Köln, Marseille oder Boston. Stephan Thernstrom fand für Newburyport in Neuengland zwischen 1850 und 1880 trotz Zuwanderung irischer Arbeiter eine geringe intergenerationale Aufwärtsmobilität bei guter sozialer Integration. Für das 20. Jahrhundert gehen die meisten Studien von einer Stagnation auf relativ hohem Niveau bis Ende der 1950er Jahre aus; danach stieg die Mobilität wieder.

Wichtige Fragen der jüngeren Forschung sind der Zusammenhang von Industrialisierung, Berufsstrukturwandel und beruflicher Mobilität, die Offenheit für Elitepositionen durch berufliche Rekrutierung und Heiratskreise sowie die Folgen von Aufstiegschancen und -barrieren für Lebenschancen, Bewusstsein und Bewegung der Arbeiterklasse. Geringe Durchlässigkeit heißt hohe Selbstrekrutierung von Eliten oder Berufsgruppen. Häufige berufliche Mobilität oder Heiraten zwischen Gruppen können soziale Nähe ausdrücken; geringe oder abnehmende Mobilität soziale Distanz.

Die These einer „Meritokratisierung“, nach der Bildung den Aufstieg bestimmt, trifft für die bis 1969 Geborenen in Westdeutschland nicht zu: Der Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Positionierung blieb über mehrere Kohorten weitgehend stabil und nimmt in der jüngsten Kohorte sogar ab. Die jüngere Zunahme sozialer Mobilität in den meisten Industrieländern verringerte Chancenungleichheit nicht grundsätzlich. Migration ist häufig zunächst mit Abwärtsmobilität verbunden, weil Human- und Sozialkapital teilweise entwertet werden; auch steigende räumliche Binnenmigration in Europa ist nicht mit sozialem Aufstieg verbunden.

Messung und Vergleichbarkeit

Die Messung der Intergenerationenmobilität ist schwierig, weil Klassen, Schichten, Berufe und Beschäftigte in Wirtschaftszweigen dynamische Kategorien sind, deren Umfang sich ständig verändert. Als Nominalskalen erlauben diese Kategorien keine direkten Vergleiche von Ländern oder Generationen. Trotz verschiedener Versuche ist auf diesem Skalierungsniveau – abgesehen von Teillösungen – keine vollständige Vergleichbarkeit erreichbar.

Besser vergleichbar sind Ordinalskalen oder quasimetrische Skalen, etwa Einkommen, Bildungsjahre, Besitz und Steuerklasse. Daraus werden häufig synthetische Skalen wie Sozialprestige und Sozialstatus gebildet, die diese Kriterien statistisch zusammenfassen. Es gibt daher keine „soziale Mobilität an sich“, sondern nur Mobilität auf oder in einer festgelegten Skala. Um Veränderungen auf einer Bildungsskala festzustellen, muss diese anhand von Bildungsjahren und Qualifikationsstufen auf Standardwerte normiert werden. Die Mobilitätsforschung arbeitete allerdings nie ausschließlich mit quantitativen Verfahren.

Weiterlesen

Beruf Unter „Beruf“ wird oft eine systematisch erlernte, spezialisierte, meistens mit einem Qualifikationsnachweis versehene Tätigkeit verstanden. Der Begriff ist … Soziale Klasse Der Klassenbegriff ist vor allem in seinen polemisch-politischen Auswirkungen umstritten (siehe dazu verschiedene Definitionen von sozialer Ungleichheit). Migration Als Migration wird eine auf Dauer angelegte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen verstanden. Auswanderung Meist wandern Einzelpersonen oder einzelne Familien aus; in der Geschichte gab es aber auch Auswanderungen von großen Bevölkerungsgruppen. Deutsche Emigranten … Kaste Ein Kastenwesen im eigentlichen Sinne findet sich insbesondere in Indien und Nepal, auf den Inseln Sri Lanka und Bali, sowie bei der ethno-religiösen Gruppe der … Industrielle Revolution Jahrhunderts begann und verstärkt im 19. Jahrhundert, zunächst in England, dann in ganz Westeuropa und den USA, seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Arbeit (Philosophie) Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die … Boston Boston [[ˈbɔstən]] ist die größte Stadt Neuenglands, eines Gebiets im Nordosten der Vereinigten Staaten, und Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts an … Neuengland Die Region Neuengland umfasst die heutigen sechs Bundesstaaten Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Südwestlich schließen … Industrialisierung Dieser Artikel behandelt die Industrialisierung. Zum historischen Epochenbegriff der Industriellen Revolution, die in England ihren Ausgang nahm, siehe … Messung Eine Messung ist der experimentelle Vorgang, durch den ein spezieller Wert einer physikalischen Größe als Vielfaches einer Einheit oder eines Bezugswertes …