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Öffentliche Meinung
Öffentliche Meinung (Lehnübersetzung von französisch opinion publique) bezeichnet in der Publizistik meist die in einer Gesellschaft insgesamt …
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Begriff und Grundverständnis
Öffentliche Meinung bezeichnet in der Publizistik meist die in einer Gesellschaft vorherrschenden Urteile zu bestimmten Sachverhalten und den damit verbundenen Konformitätsdruck. Sie ist weder mit der Meinung eines Einzelnen noch mit der Summe aller Einzelmeinungen oder mit der Regierungsmeinung gleichzusetzen, steht aber mit ihnen in Wechselwirkung. Häufig wird sie von der veröffentlichten Meinung, also öffentlich verbreiteten und insbesondere journalistisch gefilterten Sichtweisen, sowie von der Mehrheitsmeinung unterschieden. Teilweise werden diese Begriffe jedoch auch gleichgesetzt.
Eine allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht. Der Duden versteht öffentliche Meinung als die „im Bewusstsein der Allgemeinheit [vor]herrschende[n] Auffassungen hinsichtlich bestimmter [politischer] Sachverhalte“. Nach Elisabeth Noelle-Neumann handelt es sich um wertgeladene, besonders moralisch aufgeladene Meinungen und Verhaltensweisen, die man öffentlich zeigen muss, wenn man sich nicht isolieren will. Klaus Schubert und Martina Klein fassen den Begriff als empirisch erhobene Meinungen oder Einstellungen sowie als publizierte Sichtweisen darauf. Ulrich Sarcinelli betont, dass Öffentlichkeit im politischen Sinn die „Sache aller“ betrifft und in einer Demokratie Transparenz, Diskurs und Orientierung in der Meinungsvielfalt ermöglichen soll.
Öffentliche Meinung kann deshalb sowohl eine tatsächlich beobachtbare Verteilung von Einstellungen als auch ein normatives Ideal bezeichnen: die Vorstellung einer informierten, selbstständig urteilenden Bürgerschaft, die politische Herrschaft kritisch begleitet.
Verhältnis zum Volkswillen
Öffentliche Meinung wird häufig ähnlich wie der Volkswille verstanden. Der Begriff Volkswille ist jedoch unklar und hat zwei zentrale Bedeutungen:
- Der empirische Volkswille ist eine messbare kollektive Meinungsäußerung, die auf einer Mehrheit individueller Meinungen beruht.
- Der hypothetische Volkswille bezeichnet die politische Vorstellung, dass sich ein objektives Gesamtinteresse der Bevölkerung angeben lässt.
Die zweite Bedeutung setzt meist eine weitgehende gesellschaftliche Homogenität und Harmonie voraus. Solche Vorstellungen gelten als unrealistisch, weil Gesellschaften von unterschiedlichen Interessen und Meinungen geprägt sind.
Historische Entwicklung und Medien
In den freien antiken Stadtstaaten Kleinasiens, Griechenlands und Roms äußerten Vollbürger ihre Meinungen öffentlich auf dem Marktplatz, in Volksversammlungen und Volksgerichten. In Griechenland war dafür die Agora, in Rom das Forum der zentrale Ort. Ein Beispiel ist die attische Demokratie.
Nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern standen bereits zur Zeit der Reformation frühe Massenmedien wie Flugblätter zur Verfügung. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen Zeitungen, sogenannte Intelligenzblätter, und das Theater hinzu. Im 20. Jahrhundert erweiterten Film, Hörfunk, Fernsehen und später das Internet die Möglichkeiten öffentlicher Meinungsbildung. Der Buchmarkt war während der gesamten Entwicklung ebenfalls wichtig.
Im Europa des 18. Jahrhunderts entwickelte sich öffentliche Meinung im heutigen Sinn zu einem Meinungsmarkt und zu einer neuen politischen Autorität. Das aufsteigende Bürgertum nutzte sie zunächst, um seine Rechte auszuweiten, später auch, um seine eigenen Privilegien gegenüber nichtbürgerlichen Schichten zu schützen. Dadurch wurden das Meinungsmonopol absolutistischer Regierungen und das religiöse Monopol des Klerus geschwächt.
Der erste Nachweis des deutschen Begriffs findet sich 1712 in einer Übersetzung einer lateinischen Schrift Christian Thomasius’ über Hexenprozesse. In Frankreich verwendete Jean-Jacques Rousseau 1750 in seinem Discours sur les Sciences et les Arts erstmals den Ausdruck opinion publique, allerdings kritisch gegenüber einer veröffentlichten Meinung, die seiner Ansicht nach die Tugend zerstören konnte. Im Englischen ist public opinion für 1781 belegt; die Entwicklung verlief über public spirit und general opinion.
Mit der Arbeiterbewegung, der Entstehung einer „proletarischen Öffentlichkeit“ und der zunehmenden Demokratisierung gewann öffentliche Meinung weiter an politischem Gewicht. Unterdrückte kirchliche oder staatliche Meinungsführer konnten sich durch eigene Teilöffentlichkeiten Gehör verschaffen, etwa durch Flugblätter in der Reformation oder Broschüren im 19. Jahrhundert. In Deutschland bestanden wegen der verspäteten Demokratieentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts lange Zurückhaltung und Ablehnung gegenüber dem Begriff.
Wissenschaftliche Zugänge
Die öffentliche Meinung wird in mehreren Fachgebieten untersucht, darunter Soziologie, Politikwissenschaft, Kommunikationssoziologie, politische Soziologie, Medien- und Literaturwissenschaft, Werbeforschung sowie Volkskunde. Wichtige Arbeiten stammen unter anderem von Ferdinand Tönnies (1922), Walter Lippmann (Public Opinion, ebenfalls 1922), Jürgen Habermas (1962) sowie Oskar Negt und Alexander Kluge (1972).
In der Forschung lassen sich drei Hauptauffassungen unterscheiden:
- Der soziologisch-analytische Begriff geht vor allem auf Ferdinand Tönnies’ Kritik der öffentlichen Meinung (1922) zurück. Öffentliche Meinung gilt hier als mentale Dimension des Zusammenhalts moderner Gesellschaften neben politischen und wirtschaftlichen Dimensionen. Sie reicht von relativ festen Urteilen, etwa wissenschaftlichen Auffassungen, über langsam wandelbare herrschende Meinungen in den Medien bis zu leicht veränderbaren Gerüchten.
- Der staatswissenschaftliche und sozialphilosophische Begriff ist normativ. Er stellt Anforderungen an die Träger, Gegenstände und Entstehungsbedingungen öffentlicher Meinung, etwa Informiertheit, Bildung, Gemeinwohlbezug und rationalen Diskurs. Ein bekannter Vertreter ist Jürgen Habermas.
- Bei der Auffassung öffentliche Meinung als Gegenstand und Ergebnis von Meinungsumfragen geht es um die empirisch erhobenen Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung. Teilweise wird dabei eine Mehrheit oder ein bestimmter Grad der Übereinstimmung vorausgesetzt.
Elisabeth Noelle-Neumann entwickelte aus der Demoskopie einen sozialpsychologischen Ansatz. Ihre Theorie wird auch Integrationskonzept genannt, weil öffentliche Meinung dabei die Gesellschaft zusammenhält. Das Konzept der Schweigespirale erklärt, wie sich Meinungen in emotional aufgeladenen Konflikten verändern können: Menschen zeigen bestimmte Ansichten öffentlich, wenn sie dadurch keine soziale Isolation befürchten müssen. Die Theorie ist empirisch-analytisch und kann grundsätzlich durch Sozialforschung überprüft werden, auch wenn dies praktisch schwierig ist.
Politische Bedeutung und Konformitätsdruck
Öffentliche Meinung erfüllt im politischen Geschehen vor allem Motivations-, Legitimations- und Kontrollfunktionen. David Hume schrieb 1741/42, die Regierenden könnten sich auf „nichts anderes“ stützen als auf Meinung. Die politische Bedeutung öffentlicher Meinung hängt eng mit dem jeweiligen politischen System zusammen.
In autoritären Systemen versuchen Herrschende typischerweise, öffentliche Meinung zentral zu lenken, entweder aus machtpolitischen Gründen oder weil sie sich im Besitz religiöser oder säkularer Wahrheiten sehen. In freiheitlichen Staaten wird freie Meinungsbildung rechtlich gewährleistet. Die tatsächliche Bildung öffentlicher Meinung ist jedoch ein vielfältiger Prozess, in dem Meinungen unterschiedlich viel Gewicht und Einfluss besitzen.
Redaktionen von Massenmedien, Kirchen, weltliche Verbände, prominente Politiker und andere „Sinn- und Weltbildproduzenten“ wirken als Stichwortgeber und Verstärker. Wegen ihrer gegenseitigen Konkurrenz bleibt ihr Einfluss zugleich begrenzt und kontrolliert.
Öffentliche Meinung erzeugt Konformitätsdruck. Menschen orientieren sich an vorherrschenden Auffassungen, weil sie nach Orientierungssicherheit suchen und belastende Widersprüche zwischen eigenen Überzeugungen und dem Umfeld vermeiden möchten. Dadurch beeinflusst öffentliche Meinung auch, was als mit „political correctness“ vereinbar gilt. Wer solche Grenzen überschreitet, muss zwar kein Ketzergericht fürchten, kann aber mit sozialen Nachteilen und Behinderungen seiner politischen Laufbahn rechnen.
Prägnante Einordnungen
Die Zitate im Artikel unterstreichen die Spannungen des Begriffs. Walter Phillips Davison stellte 1968 fest, dass es keine allgemein akzeptierte Definition gebe und öffentliche Meinung eher eine Klassifizierung verschiedener Sachverhalte als eine eindeutig bestimmbare einzelne Größe sei. Ferdinand Tönnies’ Ansatz wurde von Alexander Deichsel zugespitzt: Öffentliche Meinung übernehme in modernen Gesellschaften teilweise die regulierende Funktion, die in Gemeinschaften die Religion habe. Arthur Schopenhauer formulierte kritisch: „Die öffentliche Meinung ist eine Ansicht, der es an Einsicht mangelt.“