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Polnische Sprache

Das Polnische verfügt über ein ausgeprägtes Formensystem und hat das urslawische Kasussystem bewahrt: Sechs Kasus für Nomen ... Satzanfängen und Eigennamen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Verbreitung
  2. 2. Geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Alphabet, Lautsystem und Dialekte
  4. 4. Grammatische Grundstrukturen
  5. 5. Namen, Sprachkontakte und Sprachwandel

Einordnung und Verbreitung

Polnisch (język polski, polska mowa oder polszczyzna) ist eine westslawische Sprache aus dem slawischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Eng verwandt ist sie mit dem Kaschubischen und den sorbischen Sprachen; große Ähnlichkeiten bestehen außerdem mit dem Tschechischen und Slowakischen.

Polnisch ist Amtssprache in Polen und seit 2004 eine der 24 Amtssprachen der Europäischen Union. Mit etwa 48 bis 55 Millionen Sprechern ist es nach dem Russischen und vor dem Ukrainischen die slawische Sprache mit der zweitgrößten Sprecherzahl. Für die weltweite Verbreitung werden 38 Millionen Sprecher in Polen, 2 Millionen in Europa außerhalb Polens und etwa 8 Millionen Muttersprachler außerhalb Europas genannt. Damit gehört Polnisch zu den 25 größten Sprachen der Welt.

In Polen wird die Sprache wegen der relativen Homogenität der Bevölkerung von fast allen Bürgern gesprochen. Als Minderheiten- oder Regionalsprache ist sie unter anderem in Belarus, Lettland, Litauen, Rumänien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn und der Ukraine anerkannt. Besonders stark ist sie in Litauen verbreitet: Dort stellen Polen mit 6,3 % der Bevölkerung die größte Minderheit. Im Raum Vilnius gibt es Gemeinden mit polnischer Mehrheit; das dortige litauische Polnisch ist eine Varietät des Hochpolnischen. Weitere regionale Formen sind unter anderem das Polnische im Raum Grodno in Belarus und die Lemberger Färbung in der Ukraine.

Durch Auswanderung wird Polnisch außerdem in Deutschland, Großbritannien und Frankreich sowie in Skandinavien gesprochen. In Deutschland haben etwa 1,5 Millionen Menschen einen polnischen Migrationshintergrund, von denen ein großer Teil Polnisch spricht. In England und Wales war Polnisch laut Volkszählung von 2011 mit über einer halben Million Sprechern nach Englisch die zweithäufigste Erstsprache. Außerhalb Europas gibt es größere polnischsprachige Gruppen in den Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien, Argentinien, Australien und Israel. In den USA sprechen von geschätzten zehn Millionen Polish Americans weniger als eine Million Polnisch.

In Deutschland wird Polnisch als ordentliches Schulfach vor allem in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern angeboten. An mehreren Hochschulen kann Polonistik, also die Wissenschaft von polnischer Sprache, Literatur und Kultur, studiert werden. Die Pflege der polnischen Sprache übernimmt der Polnische Sprachrat. Die Sprachcodes lauten ISO 639-1: pl, ISO 639-2: pol und ISO 639-3: pol.

Geschichtliche Entwicklung

Die ältesten bekannten polnischen Schriftzeugnisse sind Namen und Glossen in lateinischen Dokumenten, besonders in der Bulle von Gnesen von 1136. Sie enthält fast 400 polnische Orts- und Personennamen. Der früheste vollständig überlieferte polnische Satz steht in der Chronik des Klosters Heinrichau bei Breslau. In einem Eintrag aus dem Jahr 1270 erscheint die Aufforderung „Day ut ia pobrusa. a ti poziwai“, heute ungefähr „Daj, ać ja pobruszę, a ty poczywaj“: „Lass mich jetzt mahlen, und du ruh dich aus.“

Zu den frühen Sprachdenkmälern gehören die Bogurodzica, die erste polnische Hymne, die „Heilig-Kreuz-Predigten“ und die „Gnesener Predigten“. Religiöse Texte wurden aus dem Lateinischen ins Polnische übertragen, darunter der Florianer Psalter aus dem 14. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert wurde der Einfluss des Tschechischen zurückgedrängt, und das Schriftpolnische löste sich zunehmend vom Lateinischen. Nachdem zunächst vor allem Geistliche Polnisch schrieben, wurde die Sprache später auch von Adel und Bürgertum verwendet.

Die moderne polnische Literatursprache entstand im 16. Jahrhundert auf Grundlage von Dialekten aus Großpolen, besonders aus der Gegend um Gnesen und Posen. Werke von Marcin Bielski und Mikołaj Rej zeigen bereits ein hohes sprachliches Niveau. Polnisch wurde am Königshof, in der Verwaltung sowie in weltlicher und kirchlicher Rhetorik verwendet. Renaissancegelehrte setzten sich für seine Weiterentwicklung und gegen die Vorherrschaft des Lateins ein. Mikołaj Rejs Maxime von 1562 lautete: „Die Völker außerhalb aber sollen wissen, dass die Polen keine Gänsesprache, sondern ihre eigene Sprache haben!“ Mit „Gänsesprache“ war Latein gemeint.

Im 18. Jahrhundert und später prägten große Nationaldichter wie Ignacy Krasicki, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki, Aleksander Fredro, Henryk Sienkiewicz und Bolesław Prus das Sprachbewusstsein und die Entwicklung der Sprache.

Das Altpolnische (język staropolski) wurde zwischen dem 9. und 16. Jahrhundert gesprochen. Es besaß zunächst die Tempusformen Aorist und Imperfekt; beide verschwanden im 14. und 15. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert verschwand außerdem der Dual. Auch die Aussprache änderte sich: Ł wurde wie ein dunkles „l“ ([ɫ]) gesprochen, Ą wie ein nasales „a“ ([ã]) und Ó wie ein langes „o“ ([o:]) statt wie das heutige [u].

Das Mittelpolnische (język średniopolski) bezeichnet die Sprachstufe vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Das von Jan Kochanowski vorgeschlagene Alphabet umfasste 48 Buchstaben. Einige damalige Zeichen entsprechen heutigen Laut- oder Buchstabenfolgen: ç entspricht cz, θ dz, θ´ dź, θ˙ dż, ŗ rz, σ ś und ß sz. In dieser Zeit verschwanden die geneigten Vokale [ɑ]/[ɒ] (a), [e] (é) und [o:] (ó). Seit dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert wird ą wie ein nasaliertes „o“ [ɔ̃] gesprochen.

Alphabet, Lautsystem und Dialekte

Polnisch wird seit seiner frühesten Entwicklung mit dem lateinischen Alphabet geschrieben. Zur Kennzeichnung besonderer Laute dienen diakritische Zeichen. Das Alphabet hat 32 Buchstaben: A, Ą, B, C, Ć, D, E, Ę, F, G, H, I, J, K, L, Ł, M, N, Ń, O, Ó, P, R, S, Ś, T, U, W, Y, Z, Ź, Ż. Q, V und X kommen nur in Fremdwörtern oder in Bildungen vor, die mit Fremdwörtern verbunden sind. Ą, Ę, Ń und Y stehen grundsätzlich nicht am Wortanfang; Y erscheint dort nur in Fremdwörtern. Jedem Buchstaben ist grundsätzlich ein bestimmter Laut zugeordnet. Ausnahmen beziehungsweise besondere Buchstabenverbindungen sind ci, rz, si, sz, szcz und zi.

Das Polnische besitzt neun Monophthonge, also einfache Vokale. Zu ihnen gehören unter anderem i, ɨ, u, ɛ, ɛ̃, ɔ, ɔ̃ und a; e ist ein Allophon von ɛ in palatalisierter Umgebung. Die nasalierten Vokale [ɛ̃] und [ɔ̃] werden häufig in Richtung [ɛ̃ɯ̃] beziehungsweise [ɔ̃ũ] diphthongiert. Betonte und unbetonte Vokale werden gleich lang und deutlich ausgesprochen; reduzierte Vokale und Murmellaute gibt es nicht. Der Wortakzent liegt meistens auf der vorletzten Silbe, der Pänultima. Bei manchen Fremdwörtern und in verbunden gesprochenen Präpositionalphrasen kann auch die letzte oder drittletzte Silbe betont sein.

Die Standardsprache hat 29 konsonantische Phoneme und zwei Halbvokale beziehungsweise Approximanten. Zusammen mit Dialektvarianten sind es 35 konsonantische Phoneme. Zu den Lautklassen gehören Nasale, Okklusive, Frikative, Affrikaten, Approximanten und Trills. Eingeklammerte Laute der Lauttabelle sind dialektale Varianten; r̥ und r sowie x und ʁ können als Allophone in bestimmten Konsonantenverbindungen auftreten.

Nach der Einteilung des Sprachwissenschaftlers Stanisław Urbańczyk werden sechs Dialekte unterschieden: der großpolnische Dialekt um Posen und Bromberg bis zur Weichselmündung, der kleinpolnische Dialekt im Süden und Südosten, der masowische Dialekt um Warschau und im Nordosten, neue Mischdialekte im Westen, Nordwesten und in Masuren, der schlesische Dialekt in Oberschlesien sowie die kaschubische Sprache im Raum Danzig. Das Kaschubische gilt inzwischen offiziell als eigenständige Sprache innerhalb der lechischen Sprachen; auch einige Sprecher des Schlesischen streben diesen Status an. Dialekte dienen meist der familiären Kommunikation oder der literarischen Stilisierung. In Schlesien und der Kaschubei sind sie zusätzlich wichtige Formen kultureller Identifikation.

Grammatische Grundstrukturen

Das Polnische hat eine sehr freie Wortstellung, mit einer Tendenz zur Verbzweitstellung. Es gibt drei Numeri: Singular, kleiner Plural und großer Plural. Der kleine Plural steht beispielsweise in dwa piwa („zwei Biere“), der große Plural in pięć piw („fünf Biere“). Historisch gab es bis etwa zum 16. Jahrhundert Singular, Dual und Plural. Spuren des Duals finden sich noch im Wortschatz und in Formen für paarweise vorkommende Körperteile. Bei ręka („Hand“) lautet der Plural ręce; im Instrumental stehen ręką im Singular, rękoma im historischen Dual und rękami im Plural.

Grundsätzlich werden Maskulinum, Femininum und Neutrum unterschieden. Wegen der Belebtheitskategorie unterscheiden moderne Grammatiken im Maskulinum häufig drei Gruppen: personales Maskulinum für männliche Personen, belebtes nichtpersonales Maskulinum für Tiere und umgangssprachlich auch bestimmte Gegenstände sowie unbelebtes Maskulinum für Gegenstände. Dadurch werden bis zu fünf Genera angesetzt. Die Belebtheit beeinflusst vor allem die Formen des Akkusativs und des Nominativs Plural. Beim personalen Maskulinum gleicht sich der Akkusativ Singular dem Genitiv an und der Nominativ Plural erhält besondere Formen: nauczyciel („Lehrer“) – Akkusativ nowego, Nominativ Plural nowi, Akkusativ Plural nowych. Beim unbelebten Maskulinum entspricht der Akkusativ Singular dem Nominativ, etwa stół („Tisch“) – nowy stół.

Das Polnische bewahrt sechs Kasus für Nomen, Pronomen und Adjektive sowie einen siebten Kasus für Nomen, den Vokativ. Der Nominativ bezeichnet typischerweise das Subjekt, der Genitiv Besitz und bei Verneinung auch das direkte Objekt. Der Dativ bezeichnet das indirekte, der Akkusativ das direkte Objekt. Der Instrumental wird besonders mit Präpositionen oder zur Bezeichnung eines Instruments verwendet, etwa bronię cię mieczem („ich verteidige dich mit dem Schwert“). Der Lokativ steht ausschließlich mit Präpositionen, der Vokativ in der direkten höflichen Anrede, etwa Janie Kowalski! Präpositionen können je nach statischem Zustand oder Bewegung unterschiedliche Kasus verlangen.

Substantive werden grundsätzlich kleingeschrieben, außer am Satzanfang und bei Eigennamen. Adjektive werden dekliniert. Weichstämmige Adjektive enden im maskulinen Nominativ auf -i; hartstämmige, also die übrigen, auf -y. Verben werden nach Person, Numerus und Genus flektiert und besitzen ein komplexes Aspektsystem. Das Tempussystem wurde vereinfacht: Aorist, Imperfekt und Plusquamperfekt wurden aufgegeben. Das Präteritum ist die einzige allgemein verbliebene Vergangenheitsform; das Plusquamperfekt kommt vereinzelt in der Schriftsprache vor, gilt aber als überholt.

Namen, Sprachkontakte und Sprachwandel

Feminine Formen von Berufs- und Funktionsbezeichnungen sind im Polnischen weniger verbreitet als im Deutschen. Mit dem Suffix -ka kann beispielsweise aus słuchacz („Zuhörer“) słuchaczka („Zuhörerin“) gebildet werden. Viele Muttersprachler empfinden jedoch Formulierungen wie Drodzy słuchacze, drogie słuchaczki („Liebe Zuhörer, liebe Zuhörerinnen“) als gekünstelt und verwenden das Maskulinum als generische Form. Bei höheren Berufsbezeichnungen sind pani dyrektor und pani profesor („Frau Direktor“, „Frau Professor“) üblich; der Titel wird dabei nicht flektiert. Formen wie policjantka oder sekretarka sind im Alltag ebenfalls gebräuchlich.

Eine Besonderheit sind feminine Nachnamenformen. Aus Suchocki wird für Ehefrau und Tochter Suchocka. Früher entstanden auch Formen wie Sucha oder Chuda aus Suchy beziehungsweise Chudy. Andere Nachnamen erhielten für verheiratete Frauen -owa oder -yna und für unverheiratete Frauen -ówna oder -anka, etwa Łasiewiczowa und Łasiewiczówna sowie Skarżyna und Skarżanka. Außer bei Namen auf -ski und -cki geht dieser Gebrauch zurück und ist nicht mehr amtlich. Nicht feminisierte, männlich klingende Nachnamen von Frauen werden meist nicht flektiert, etwa postulaty pani Steinbach („die Forderungen von Frau Steinbach“). Gelegentlich wird zur Vermeidung unnatürlicher Formen wieder eine ältere feminine Form wie Chudej verwendet.

Polnisch enthält Lehnwörter aus dem Alttschechischen, Mittelhochdeutschen, Lateinischen und Griechischen. Später wirkten unter anderem Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Ukrainisch, Belarussisch, Ungarisch und Türkisch ein; einige wenige Wörter stammen aus dem Russischen und Jiddischen. Im 16. Jahrhundert nahmen italienische und französische Einflüsse zu, seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert das Englische besonders in Technologie, Wissenschaft, Wirtschaft, Sport, Freizeit und Alltag.

Der deutsche Einfluss war im Mittelalter wegen der deutschen Ostsiedlung besonders stark, vor allem in Bauhandwerk, Wirtschaft und Verwaltung. Eine zweite Phase folgte während der polnischen Teilungen von 1772 bis 1918. Beispiele deutscher Lehnwörter sind dach („Dach“), mur („Mauer“), burmistrz („Bürgermeister“), szpital („Krankenhaus“), rynek („Marktplatz“), warsztat („Werkstatt“) und urlop („Urlaub“). Umgekehrt gelangten unter anderem Grenze, Gurke, Säbel, Stieglitz, dalli, Penunze und im Ruhrdeutschen Mottek aus dem Polnischen ins Deutsche; bei Gurke wird allerdings eine mittelgriechische Herkunft angegeben.

Gegenwärtig werden viele englische Wörter übernommen, während französische und russische Fremdwörter teilweise verschwinden. Manche französischen Wörter werden englisch ausgesprochen, etwa image als imidż statt imaż. In der Grammatik wird die maskuline unbelebte Sachform zunehmend durch die belebte Sachform ersetzt: umgangssprachlich heißt es etwa mieć pomysła („eine Idee haben“) oder obejrzeć filma („einen Film ansehen“); auch dostać e-maila/SMSa („eine E-Mail/SMS bekommen“) kommt in der offiziellen Sprache vor. Durch englische Lehnwörter verbreiten sich neue Lautverbindungen, etwa in tir, didżej und ring. Die Dialekte gleichen sich durch Umsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg, Verstädterung, Massenmedien und Bildung an. Besonders der goralische und der schlesische Dialekt gelten gegenwärtig nicht als vom Aussterben bedroht.

Ein Sprachbeispiel aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lautet: „Wszyscy ludzie rodzą się wolni i równi pod względem swej godności i swych praw. Są oni obdarzeni rozumem i sumieniem i powinni postępować wobec innych w duchu braterstwa.“ Auf Deutsch: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

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