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Galizien

(1741–1790) strebte die Verwaltung die Deurbanisierung des Kronlandes an, um diese Orte unter die adelige Jurisdiktion zu bringen. Dritte Teilung Polens.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und geografische Lage
  2. 2. Von den mittelalterlichen Fürstentümern zur habsburgischen Herrschaft
  3. 3. Bevölkerung, Religion und soziale Gegensätze
  4. 4. Modernisierung, Wirtschaft und Bildung unter Österreich
  5. 5. Autonomie, Nationalitätenkonflikt und Erster Weltkrieg
  6. 6. Auflösung der Monarchie und Folgen bis zur Gegenwart

Überblick und geografische Lage

Galizien ist eine historische Landschaft im Süden Polens und im Westen der Ukraine. Hauptstadt war Lemberg (polnisch Lwów, ukrainisch Lwiw). Als Königreich Galizien und Lodomerien gehörte das Gebiet von 1772 bis 1918 zur Habsburgermonarchie, ab 1804 zum Kaisertum Österreich und von 1867 bis 1918 zum cisleithanischen Teil Österreich-Ungarns. 1914 umfasste das Kronland 78.497 km²; eine geografische Angabe nennt 78.502 km². Heute liegen Teile Galiziens in den polnischen Woiwodschaften Schlesien, Kleinpolen und Karpatenvorland sowie in den ukrainischen Oblasten Lwiw, Iwano-Frankiwsk und Ternopil.

Galizien war ein Vielvölkergebiet mit Polen, Ruthenen beziehungsweise Ukrainern, Juden, Deutschen, Armeniern, Moldauern, Ungarn, Roma, Lipowanern und anderen Gruppen. Westgalizien war überwiegend polnisch, Ostgalizien überwiegend ruthenisch beziehungsweise ukrainisch besiedelt. Diese ethnische, sprachliche, religiöse und soziale Vielfalt prägte die Geschichte des Landes, führte aber auch zu tiefen politischen Gegensätzen.

Das offizielle Wappen des Königreichs zeigte in einem blauen Schild oben eine schwarze Dohle und unten drei goldene Königskronen, getrennt durch einen roten Balken. Der Name Galizien geht auf Halytsch, Lodomerien auf Wolodymyr zurück; beide Namen wurden aus der ungarischen Königstitulatur übernommen.

Von den mittelalterlichen Fürstentümern zur habsburgischen Herrschaft

Nach dem Abzug der germanischen Lugier und Gepiden wurde das Gebiet seit der Mitte des 6. Jahrhunderts von Slawen besiedelt. Westlich des San lebten westslawische, östlich davon ostslawische Gruppen. Im 12. Jahrhundert entstanden die Fürstentümer Halytsch und Wolodymyr. 1199 vereinigte Roman Mstislawitsch beide zum Fürstentum Halytsch-Wolhynien. Nach dem Mongolensturm von 1241 geriet das Land unter den Einfluss der Goldenen Horde; Fürst Daniel ließ sich 1253 vom Papst zum „König der Rus“ krönen.

Im 14. Jahrhundert setzte sich Polen gegen Litauen und die Goldene Horde durch. Unter Kasimir dem Großen begann eine zunehmende Polonisierung und die stärkere Durchsetzung der katholischen Kirche. 1387 eroberte Polen Galizien erneut; dort blieb es bis zur Ersten Teilung Polens 1772. Nach der Union von Lublin 1569 war Galizien in mehrere Woiwodschaften der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik gegliedert. Wirtschaftliche Krisen und Kriege ab dem 17. Jahrhundert schwächten das Gebiet.

Im Zuge der Ersten Teilung Polens besetzten österreichische Truppen 1772 das Gebiet. Das Petersburger Abkommen zwischen Preußen, Russland und Österreich wurde im Februar 1772 geschlossen; die Teilung wurde am 5. August 1772 gebilligt. Österreich setzte in Lemberg Johann Anton von Pergen als ersten Gouverneur ein. Das neue Kronland vereinigte unter anderem die Woiwodschaft Ruthenien, Teile Kleinpolens und die zuvor besetzten Gebiete um Nowy Targ, Czorsztyn und Nowy Sącz. 1773 hatte Galizien etwa 2,65 Millionen Einwohner auf 83.000 km². Mehr als 70 % waren unfreie Einwohner, von denen 84 % nur geringen oder keinen Besitz hatten.

Die Verwaltung löste die bisherigen Starosteien und Woiwodschaften auf und führte eine österreichische Rechts- und Verwaltungsordnung ein. Aus zunächst 59 Kreisdistrikten wurden 1782 18 Kreise. 1775 entstand ein Galizischer Landtag als Adelsparlament. Österreich stellte den polnischen Adel besonders bevorzugt und erhob viele Angehörige gegen eine ermäßigte Taxe in den Grafenstand, um loyale Partner zu gewinnen. Für die unfreien, vielfach ruthenischen Bauern änderte sich zunächst wenig.

Bevölkerung, Religion und soziale Gegensätze

Galizien wuchs von 4.555.477 Einwohnern im Jahr 1851 auf 8.025.675 im Jahr 1910. Nach der Umgangssprache waren 1910 4.672.500 Personen polnischsprachig (58,22 %), 3.208.092 ukrainischsprachig (39,97 %) und 90.114 deutschsprachig (1,12 %). Die Zahlen sind nur eingeschränkt mit ethnischen Nationalitäten gleichzusetzen, weil die österreichischen Volkszählungen die Umgangssprache und nicht die Nationalität erhoben. 1851 wurden 312.962 Juden (6,87 %) noch gesondert ausgewiesen; jiddischsprachige Juden wurden später überwiegend als Deutschsprachige gezählt.

Nach der Religion waren 1910 3.732.569 Personen römisch-katholisch (46,51 %), 3.379.613 griechisch-katholisch (42,11 %), 871.895 israelitisch (10,86 %) und 33.209 evangelisch A. B. (0,41 %). Römisch-katholische Polen lebten vor allem im Westen, griechisch-katholische Ruthenen beziehungsweise Ukrainer überwiegend im Osten. Die griechisch-katholischen Kirchen standen in Union mit dem Papst, behielten aber ihre traditionelle Liturgie bei.

Die jüdische Bevölkerung stieg von 171.851 Personen (6,4 %) im Jahr 1772 auf 871.895 (10,9 %) im Jahr 1910. Viele Juden lebten in eigenen Stadtvierteln und Schtetln, verwendeten Jiddisch und waren im Handel und Handwerk tätig. Unter Joseph II. wurden jüdische Schulen germanisiert und deutsche Namen eingeführt. Seit den 1870er Jahren nahmen wirtschaftliche Boykotte und in den 1890er Jahren gewalttätige Übergriffe zu. Wirtschaftliche Benachteiligung, Armut und Antisemitismus verstärkten die Auswanderung; zwischen 1880 und 1910 gingen 236.504 galizische Juden in die Vereinigten Staaten.

Die Bauern litten unter Großgrundbesitz, niedrigen Erträgen und Abgaben. Vor der Reform mussten sie Robot, also Zwangsarbeit, leisten; im Landesdurchschnitt etwa zwei Monate pro Jahr. 1900 befanden sich 40 % des Landes im Besitz von Großgrundbesitzern. Seit 1880 wanderten viele Ukrainer nach Übersee aus. 1902 beteiligten sich mehr als 200.000 Bauern an einem großen Landarbeiterstreik. Bis 1914 wanderten insgesamt 380.000 Einwohner aus oder arbeiteten als Saisonarbeiter im Ausland.

Modernisierung, Wirtschaft und Bildung unter Österreich

Joseph II. erließ am 17. September 1781 das Ansiedlungspatent. Gewerbetreibende, Handwerker und Bauern, besonders aus der Pfalz, sollten die Landwirtschaft und das Handwerk durch ihre Kenntnisse verbessern. Vom Juni 1782 bis Januar 1786 kamen 14.735 Kolonisten. Sie erhielten Land, Wohnhaus, Stall, Vieh und Geräte, waren zehn Jahre abgabenfrei und teilweise vom Militärdienst befreit. Die Höfe umfassten etwa 4, 8 oder 15 Hektar. 1783 folgte eine Steuerreform, die die Lasten unabhängig von Adelsprivilegien gerechter verteilen sollte.

Die Landwirtschaft blieb dennoch lange rückständig. Bewirtschaftet wurden wenig mehr als 11 % der Gesamtfläche; die Hälfte bestand aus Weiden und Wiesen. Die Dreifelderwirtschaft, fehlende Futterpflanzen und geringe Düngung führten häufig nur zum Doppelten der Aussaat. Die Roggenmenge betrug etwa 190 Liter pro Einwohner, weshalb Brot vielfach aus Hafer und Gerste hergestellt wurde. Industrie und Bergbau waren zunächst kaum entwickelt. Bedeutend waren Salzgewinnung, einzelne Glashütten, Heimweberei und später die Erdölförderung. Galizien war 1910 mit 2,1 Millionen Tonnen Erdöl das zweitgrößte Erdölproduktionsgebiet Europas nach Russland und lieferte etwa fünf Prozent der Weltproduktion.

Die Verwaltung baute eine Bürokratie auf: 1776 gab es 724 Beamte, vier Jahre später 17.135. In Lemberg entstand das Gubernium. Straßen und Eisenbahnen verbesserten die Verbindung mit dem österreichischen Kernland. Zwischen 1780 und 1785 wurde die Wiener Hauptstraße nach Lemberg gebaut; Johann Gross errichtete in den ersten 30 Jahren fast 2.000 km feste Straßen. Die erste Eisenbahnlinie wurde 1847 eröffnet. 1892 umfasste das galizische Eisenbahnnetz 2.704 km. Zusätzlich gab es rund 13.000 km Landstraßen und mehr als 2.000 km Wasserstraßen.

Das Bildungswesen entwickelte sich langsam. Die Universitäten Krakau und Lemberg hatten zusammen etwa 2.500 Studenten und lehrten auf Polnisch. Um 1890 gab es 28 Gymnasien, zwei Realgymnasien und vier Realschulen. Von etwa einer Million schulpflichtiger Kinder besuchten weniger als eine halbe Million die Schule; 1885 gab es in 2.376 Gemeinden keine Schule. 1890 waren 80 % der Bevölkerung Analphabeten, 1914 noch 64 %. Das Landesschulgesetz von 1873 verdoppelte die Zahl der Volksschulen. Nach 1867 wurde Deutsch als Unterrichtssprache weitgehend durch Polnisch ersetzt; nur 0,5 % der rund 5.000 Volksschulen hatten deutsche Unterrichtssprache.

Autonomie, Nationalitätenkonflikt und Erster Weltkrieg

Nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 gehörte Galizien zur cisleithanischen Reichshälfte. Alle Einwohner besaßen die gleiche österreichische Staatsbürgerschaft; formal waren Ethnien und Religionen gleichberechtigt. Tatsächlich erhielten die Polen weitreichenden Einfluss. Polnisch wurde 1866 Amtssprache und war ab 1869 in offiziellen Angelegenheiten verpflichtend. Ab 1873 besaß Galizien unter polnischer Führung vollständige Autonomie; Landtag und Landesausschuss bildeten die Selbstverwaltung, während die k.k. Statthalterei in Lemberg die staatliche Verwaltung leitete. Die 74 Bezirkshauptmannschaften unterstanden ihr.

Der galizische Landtag hatte 1894 151 Mitglieder. Galizien entsandte 63 Abgeordnete in den österreichischen Reichsrat. Durch das Kurienwahlrecht dominierten Polen den Landtag. Die Polonisierung von Verwaltung und Schulwesen benachteiligte Ruthenen beziehungsweise Ukrainer und die deutsche Minderheit. Ukrainische Parteien forderten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Beseitigung der polnischen Vorherrschaft. Nach dem allgemeinen Männerwahlrecht von 1907 wuchs ihr Einfluss. Ein geplanter Ausgleich sollte getrennte polnische, ukrainische und deutsche Mandate, eine ukrainische Universität in Lemberg und Ukrainisch als zusätzliche Amtssprache ermöglichen. Der Landtag beschloss die Reform, und am 8. Juli 1914 lag die kaiserliche Genehmigung vor; wegen des Kriegs wurde sie nicht umgesetzt.

Im Ersten Weltkrieg besetzten russische Truppen Galizien vom 24. August bis 11. September 1914. Österreich-Ungarn zog sich in die Karpaten zurück und zerstörte beim Rückzug Dörfer nach dem Prinzip der verbrannten Erde. Dadurch entstand eine große Flüchtlingswelle. Die Mittelmächte eroberten Ostgalizien 1917 zurück. Im Brotfrieden von Brest-Litowsk verpflichtete sich Österreich-Ungarn 1918, Ostgalizien und die Bukowina zu einem autonomen Kronland zusammenzufassen. Der Plan wurde nicht umgesetzt; Österreich-Ungarn kündigte das Abkommen am 4. Juli 1918.

Auflösung der Monarchie und Folgen bis zur Gegenwart

Galizien schied am 30. Oktober 1918 aus Österreich-Ungarn aus. Polen beanspruchte das gesamte ehemalige Kronland, während Ukrainer Ostgalizien forderten. Ende 1918 wurde in Lemberg die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen. Sie unterlag im Polnisch-Ukrainischen Krieg; im Mai 1919 wurde auch Ostgalizien polnisch. Der Vertrag von Saint-Germain vom 16. Juli 1920 sprach ganz Galizien Polen zu. Das Gebiet wurde in die Woiwodschaften Krakau, Lwów, Stanisławów und Tarnopol geteilt.

1921 lebten dort 7,487 Millionen Menschen: 4,333 Millionen Polen (57,9 %), 2,680 Millionen Ukrainer (35,8 %) und 428.000 Juden (5,7 %). 1931 waren es 8,509 Millionen, darunter 5,901 Millionen Polen (59 %), 2,874 Millionen Ukrainer (33,8 %) und 549.000 Juden (6,5 %). Die polnische Verwaltung betrieb vielfach eine Polonisierung; ukrainische Institutionen wurden benachteiligt. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten verübte Terroranschläge, worauf polnische Behörden mit Verhaftungen und sogenannten Befriedungsaktionen reagierten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Westgalizien zunächst als Distrikt Krakau dem Generalgouvernement zugeschlagen, während Ostgalizien an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik kam. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde auch Ostgalizien in das Generalgouvernement eingegliedert. Die Ukrainische Aufständische Armee ermordete 1943 bis 1945 allein in Ostgalizien 20.000–25.000 polnische Zivilisten. Nach der Festlegung der Curzon-Linie in Jalta fiel der östliche Teil mit Lemberg an die Ukraine, der westliche an Polen. 1944 bis 1946 wurden Polen aus Ostgalizien in westpolnische Gebiete umgesiedelt oder vertrieben und Ukrainer aus Polen in die Westukraine umgesiedelt. Dadurch wurde Ostgalizien erstmals nahezu geschlossen ukrainisch besiedelt.

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