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Sigmund Freud | Religionskritik

Ethik-Abi by BOE21:27 53.495 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Für den berühmten Arzt und Psychologen Sigmund Freud ist Religion eine psychische Erkrankung, genauer eine Zwangsneurose. Wie diese Erkrankung zustande kommt und ob
  2. sie laut Freud geheilt werden kann, erfährst du in diesem Clip. Sigmund Freud (1856-1939) war ein berühmter Arzt und Psychologe und gilt als der Begründer
  3. der Psychoanalyse. Obwohl seine psychoanalytischen Theorien und Methoden heute umstritten sind, zählt er immer noch zu den einflussreichsten Denkern
  4. des 20. Jahrhunderts. Freud wird 1856 als Sohn jüdischer Eltern in Freiberg in Mähren - im heutigen Tschechien - geboren. Er ist das älteste von 8 Kindern.
  5. Obwohl Freud später Atheist wird, betont er stets die Bedeutung, die das Judentum für ihn hat. Sein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, ist ein Patriarch, eine Autorität, zu der
  6. der junge Sigmund hinaufblickt. Zu seiner jungen Mutter entwickelt er eine emotionale Beziehung. Freud verbringt Kindheit und Jugend in Wien.
  7. Dort ist er immer wieder mit den antisemitischen Vorurteilen seiner christlichen Mitschüler konfrontiert, fühlt sich gedemütigt. Nach dem Abitur beginnt er ein Medizinstudium,
  8. wird bereits 1885 Privatdozent und arbeitet ein Jahr später als Neurologe, also als Facharzt für Nervenleiden. Er heiratet und hat sechs Kinder.
  9. Freud beginnt, die Beziehungen zwischen körperlichen und seelischen Leiden zu erforschen und konzentriert sich dabei vor allem auf unbewusste Vorgänge. Er begründet die Tiefenpsychologie
  10. und entwickelt das Strukturmodell der Psyche. Nachdem die Nationalsozialisten in Österreich an die Macht kommen wandert Freud 1938 nach London aus und stirbt dort ein Jahr später.
  11. Religion ist ebenso wie Technik, Wissenschaft und Moral ein Teil der Kultur. Zur Kultur gehört alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Sie erfüllt im Wesentlichen 3 Funktionen:
  12. Sie stillt die Wissbegierde des Menschen, spendet Trost und Sicherheit und regelt das gesellschaftliche Miteinander. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Menschen gegen
  13. die Natur zu verteidigen und zwar auch gegen die eigene triebgesteuerte und somit gesellschaftsschädliche Natur des Menschen. Kultur beschützt also einerseits den Menschen
  14. vor der außermenschlichen Natur, indem sie diese erklärt und damit beherrschbar macht. Und sie sichert ein gesellschaftliches Zusammenleben, indem sie den Menschen dazu bringt, die eigenen
  15. Bedürfnisse und Triebe zum Wohle der Gemeinschaft zu unterdrücken und moralische Verbote und Pflichten zu akzeptieren. Da Kultur jedoch in hohem Maße auf individuellem Triebverzicht
  16. aufgebaut ist, entwickelt der Mensch eine Feindschaft ihr gegenüber. Religion wird als das höchste aller Kulturgüter angesehen. Sie ist laut Freud eine logische
  17. Folge der Kulturentwicklung: Anfangs vermenschlichten die Menschen die Natur, um sie besser zu verstehen und weniger Angst vor ihr zu haben. Sie personifizierten die Natur zu einer göttlichen Vaterfigur,
  18. die mächtiger war als sie selbst. Mit der Entstehung der Naturwissenschaften konnten natürliche Phänomene wissenschaftlich erklärt und durch Technik beherrscht werden. Religion
  19. diente nun dazu, angesichts der Leiden Trost zu spenden, einen jenseitigen Ausgleich für diesseitige Ungerechtigkeiten zu schaffen und das menschliche Zusammenleben zu regeln.
  20. Religion erfüllt die Funktionen der Kultur jedoch nur scheinbar. Die Wissbegierde des Menschen kann sie nicht wirklich stillen, da ihre Antworten auf die
  21. ungelösten Fragen falsch sind. Sie kann keinen wirklichen Trost und keine wirkliche Sicherheit spenden, da sie auf einer falschen Verheißung beruht.
  22. Zudem fordert sie einen viel größeren Triebverzicht, als es für ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander notwendig wäre. Religion hindert den Menschen an der Entfaltung
  23. und Erkenntnis seiner Persönlichkeit und führt zur intellektuellen Verkümmerung, da sie die Menschen zum bedingungslosen Glauben an irrationale Inhalte zwingt und Denkverbote
  24. erteilt. Freud stellt sich die Frage: Welche psychologische Erklärung gibt es für das kulturelle Phänomen der Religion?
  25. Grundlage für Freuds Religionskritik ist die Projektionstheorie von Ludwig Feuerbach. Ebenso wie Feuerbach und später Marx hält auch Freud Religion für eine Projektion des
  26. Menschen. Im Gegensatz zu Marx sieht Freud den Ursprung der religiösen Illusion jedoch nicht in der gesellschaftlichen Ordnung, sondern wieder - wie Feuerbach - im Individuum. Freud
  27. versucht nun, Feuerbachs Theorie psychologisch zu untermauern. Die Entstehung von Religion ist seiner Ansicht nach nämlich ein psychologisches Phänomen:
  28. „Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit gelehrt, hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott nichts anderes ist als ein erhöhter
  29. Vater, und führt uns täglich vor Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren, sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im Elternkomplex
  30. erkennen wir also die Wurzel des religiösen Bedürfnisses.“ (Sigmund Freud. 1910. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci.) Ausgangspunkt von Freuds Religionskritik ist
  31. die Frage: „Warum glauben immer noch so viele Menschen an Gott, obwohl die Aussagen der Religion so absurd sind?“ Freud geht davon aus, dass Menschen deshalb
  32. an einen Gott glauben, weil sie nicht erwachsen werden wollen. Sie suchen wie ein Kind Trost und Hilfe bei einem imaginären Vater im Himmel. Religion ist aus psychologischer Sicht Ausdruck
  33. des kindlichen Wunsches nach bedingungsloser Sicherheit und Geborgenheit. Als kleines Kind macht der Mensch die Erfahrung, vollkommen schutzlos einer gefährlichen und
  34. feindseligen Welt ausgesetzt zu sein. Er wünscht sich Schutz und Sicherheit, die er bei seinem Vater findet. Als erwachsener Mensch muss er dann jedoch feststellen, dass die Macht
  35. des Vaters begrenzt ist und nicht ausreicht, um ihn vor allen Gefahren des Lebens zu schützen. Er bemerkt, dass der reale Vater nicht allmächtig ist. Vor allem angesichts der eigenen Sterblichkeit
  36. erkennt er, dass es immer noch Gefahren gibt, denen er schutzlos ausgeliefert ist. Aus dieser frustrierenden Einsicht entwickelt sich Freuds Ansicht nach die religiöse Illusion. Der
  37. Mensch schafft sich einen Über-Vater, indem er seinen realen Vater ins Unendliche überhöht, ihn umwandelt in einen allmächtigen, himmlischen Vater - Gott.
  38. Beim Menschen entwickelt sich ein solcher Vaterkomplex deshalb, da er unter allen Tierarten am längsten hilflos und von der Fürsorge der Eltern abhängig ist. Dadurch prägt sich
  39. früh ein psychologisches Schutzbedürfnis aus, das wieder erstarkt, sobald der Erwachsene seine Hilflosigkeit gegenüber den „großen Mächten des Lebens“ erkennt.
  40. Der erwachsene Mensch fühlt sich hilflos und schutzbedürftig, da er Angst vor der Zukunft und dem Tod hat. Religion beschwichtigt diese Ängste und erfüllt gleichzeitig die
  41. stärksten Wünsche des Menschen. Von der Illusion Gottes erhofft sich der Mensch Gerechtigkeit, Antworten auf schwierige Fragen wie z.B. nach der Entstehung der Welt oder
  42. einem Leben nach dem Tod sowie vor allem Schutz und Halt. Die Stärke der Religion erklärt sich laut Freud aus der Stärke dieser Wünsche und Hoffnungen.
  43. Er schreibt: „(Religiöse Vorstellungen), die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen
  44. der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“ (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion).
  45. Gott als überhöhte Vaterfigur kann den Menschen aus den Gefahren des Lebens retten und in einem ewigen Leben nach dem Tod alle diesseitigen Leiden und Ungerechtigkeiten wiedergutmachen.
  46. Religion ist für den Menschen laut Freud eine „hilfreiche Illusion“. Sie bringt zwar keine wirkliche Hilfe, wohl aber eine seelische Entlastung. Freud nennt sie „eine
  47. großartige Erleichterung für die Einzelpsyche“. (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion) Die Religion ist für Freud als infantile Illusion weder beweisbar noch widerlegbar,
  48. jedoch sehr unwahrscheinlich. Er schreibt: „Es wäre ja schön, wenn es einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges
  49. Leben, aber es ist doch sehr auffällig, dass dies alles so ist, wie wir es uns wünschen müssen." (Sigmund Freud. 1927. Die Zukunft einer Illusion)
  50. Religion ist also höchstwahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein. Freud geht davon aus, dass mit wachsender wissenschaftlicher Erkenntnis mehr und mehr
  51. Menschen vom Glauben abfallen werden. Durch die Wissenschaft wird sich der Mensch nämlich mehr und mehr seiner Geringfügigkeit bewusst. Freud bezeichnet Religion aber nicht nur als
  52. Projektion oder Illusion, sondern außerdem als „universelle Zwangsneurose“. Um zu verstehen, was er damit meint, betrachten wir zunächst sein Menschenbild, genauer sein
  53. berühmtes Strukturmodell der Psyche. Laut Freud wird sich der Mensch mit zunehmendem wissenschaftlichem Fortschritt mehr und mehr bewusst, wie klein und unbedeutend er eigentlich
  54. ist. Bereits drei Kränkungen durch die Wissenschaft musste er hinnehmen. Die erste Kränkung (kosmologische Kränkung) war die kopernikanische Wende: Die Erde - und
  55. damit auch der Mensch - ist nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, sondern nur ein winziger Teil davon. Damit verliert auch die katholische Kirche und das christliche Menschenbild, welches
  56. den Menschen als Krone der Schöpfung betrachtet, an Glaubwürdigkeit. Die zweite Kränkung (biologische Kränkung) erfuhr der Mensch von der Biologie. Die Evolutionstheorie
  57. lehrt nämlich, dass der Mensch gemeinsame Vorfahren mit dem Affen hat. Damit verliert der Mensch seine Sonderstellung und wird zum „Tier unter Tieren“.
  58. Die dritte Kränkung (psychologische Kränkung) nun stammt von der Psychologie. Diese hat erkannt, dass der Mensch vom Unbewussten, von seinen Trieben gesteuert ist. Der Mensch
  59. ist damit nicht mehr „Herr im eigenen Haus“. Die dritte Kränkung ist für Freud die empfindlichste, denn sie greift den Menschen als Individuum an und stellt das eigenständige Denken und
  60. Handeln, die Vernunft, die Freiheit des Menschen und damit auch seine Verantwortung in Frage. Sigmund Freud ist Begründer der Psychoanalyse, einer neuen Wissenschaft, welche erstmals
  61. systematisch untersucht, wie Bewusstes und Unbewusstes beim Menschen zusammen hängen. Freuds Strukturmodell der Psyche setzt sich aus 3 Instanzen, dem Ich, dem Über-Ich und
  62. dem Es zusammen. Alle Instanzen erfüllen eine spezifische Funktion und nehmen Einfluss auf das Verhalten des Menschen.
  63. Bei seiner Geburt besteht der Mensch nur aus dem Es. Das Es ist das Unbewusste: psychischer Ausdruck der Triebe, Bedürfnisse und Affekte. Es strebt nach dem Lustprinzip und fordert
  64. sofortige Bedürfnisbefriedigung. Laut Freud ist der Mensch von zwei Grundtrieben beherrscht, dem Lebenstrieb „Eros“ (libidinös, sexuell) und dem Zerstörungstrieb „Destrudo“ (destruktiv,
  65. aggressiv). Zum Lebenstrieb gehören alle Prozesse, die Lustgewinn zum Ziel haben, vor allem die Sexualität, aber auch Nahrungsaufnahme usw. Der Zerstörungstrieb
  66. umfasst bedrohliche Aspekte, wie beispielsweise Aggression. Erst durch Interaktion mit der Außenwelt entwickelt sich das Ich und schließlich - durch
  67. den Einfluss der Eltern und anderer Autoritäten - das Über-Ich. Das Über-Ich ist die Orientierung am Moralitätsprinzip, also an sozialen Normen, Werten, Ge- und Verboten,
  68. die seit der Kindheit erlernt und internalisiert wurden. Es verlangt Gehorsam und sagt uns, was wir tun sollen bzw. nicht tun dürfen. Hier finden wir das, was wir umgangssprachlich
  69. Gewissen nennen, aber auch das Ich-Ideal, also das Idealbild, welches der Mensch von sich selbst hat. Das Über-Ich repräsentiert den gesellschaftlichen Normenkatalog, den
  70. der Mensch zur eigenen Orientierung und Sanktionierung nutzen kann. Es strebt danach, moralische Ansprüche zu erfüllen. Das Über-Ich ist u.a. von der Religion geprägt, es enthält
  71. also auch verinnerlichte religiöse Ge- und Verbote. Zwischen Es und Über-Ich besteht ein Konflikt. Das Ich steht in der Mitte und vermittelt
  72. zwischen den Instanzen Es und Über-Ich. Es entspricht dem bewussten Denken, ist aber nicht ausschließlich bewusst. Das Ich funktioniert nach dem Realitätsprinzip. Es versucht, vernünftig
  73. zu handeln und die Wünsche des Es mit den Forderungen des Über-Ichs und der Außenwelt in Einklang zu bringen. Das ist gar nicht so leicht.
  74. Ein gesunder Mensch verfügt über Ich-Stärke, also einen gelingenden Ausgleich zwischen Es und Über-Ich. Das Ich kann hier mit vernünftigen und realitätsgerechten Entscheidungen zwischen
  75. den divergierenden Anforderungen von Es und Über-Ich vermitteln. Gelingt dieser Ausgleich nicht, so wird der Mensch psychisch krank, entwickelt beispielsweise
  76. eine Neurose. Eine solche Neurose sieht Freud bei religiösen Menschen. Doch wie kommt er zu dieser Diagnose? Religion ist laut Freud eine kollektive Zwangsneurose.
  77. Eine Neurose ist eine Zwangshandlung, beispielsweise ein Waschzwang. Sie entsteht, wenn Triebe unterdrückt oder verdrängt werden. Da die Verdrängung der Triebe immer nur unvollkommen
  78. gelingt, verspürt der Mensch Angst und kompensiert seine Ängste durch neurotische Zwangshandlungen. Freud stellt fest, dass es auffällige Gemeinsamkeiten zwischen den Handlungen von Zwangsneurotikern
  79. und rituellen religiösen Handlungen gibt. So haben religiöse Menschen beispielsweise ein schlechtes Gewissen, wenn sie ein Ritual nicht ausführen. Sie wollen den Ablauf des
  80. Rituals unbedingt vor äußeren Störungen schützen. Sie sind extrem gewissenhaft in der Ausführung des Rituals und steigern es zu einem immer komplizierteren Zeremoniell.
  81. Es gibt Bußhandlungen, um mögliche Strafen bei Fehlern oder Mängeln zu vermeiden. Und nach Vollzug des Rituals schlägt die kurzfristige Befriedigung schnell in ein neues, starkes
  82. Schuldgefühl um. Freud schreibt: „Nach diesen Übereinstimmungen kann man die Zwangsneurose als pathologisches Gegenstück
  83. zur Religionsausübung auffassen, (…) die Religion als eine universelle Zwangsneurose." (Freud. 1907. Zwangshandlungen und Religionsübungen) Ebenso wie eine Neurose entstand laut Freud
  84. auch die Religion durch die ständige Verdrängung der menschlichen Triebe (Es). Im Unterschied zur Neurose werden bei der Religion nicht nur sexuelle Triebe, sondern auch egoistische,
  85. sozialschädliche Triebe unterdrückt, was prinzipiell sinnvoll ist. Jedoch übertreibt die Religion und stellt übertrieben hohe, sinnlose moralische Forderungen an den Menschen.
  86. Sie macht dem Menschen ein schlechtes Gewissen und droht bei Übertretung der Normen mit höllischen Strafen. Auf berechtigte Widerstände hiergegen antwortet sie mit Denkverboten.
  87. So bändigt Religion zwar asoziale Triebe und sichert das gesellschaftliche Miteinander. Gleichzeitig entsteht beim Menschen aber ein überstarkes Über-Ich.
  88. Das Ich kann zwischen der übertriebenen religiösen Moral des Über-Ich und den Trieben des Es keinen sinnvollen Ausgleich herstellen und unterdrückt demzufolge immer stärker die
  89. Triebe des Es. Zudem hält sie den Menschen durch eine verzerrte Wahrnehmung und die Illusion eines übermächtigen Vaters davon ab, sich mit seinen Ängsten
  90. auseinandersetzen zu müssen. So entwickelt der Mensch bzw. die ganze religiöse Menschheit eine Neurose, eine kollektive Zwangsneurose. Freud fordert ein Überwinden der kollektiven
  91. Zwangsneurose Religion. So wie jeder einzelne Mensch im Laufe seiner Entwicklung seine Neurosen überwindet, soll auch die Kultur das neurotische Stadium der Religiosität überwinden. Die
  92. Menschheit muss sich aus der kollektiven Neurose der Religion befreien, indem sie einsieht, dass es sich dabei nur um eine Illusion handelt. Freud ist davon überzeugt, dass nur die Wissenschaft,
  93. als Teil der Kultur, dazu fähig ist, die Funktionen von Wissbegier, Trost und Sicherheit sowie einem geregelten gesellschaftlichem Miteinander wirklich zu erfüllen.
  94. Denn die Wissenschaft ist keine Illusion, sondern bietet wirkliche Lösungen für die Probleme des Menschen an. Nur die Kraft der menschlichen Vernunft kann
  95. die Probleme wirklich lösen, für die vorher die Religion nur scheinbare Lösungen anbot. Freud fordert, dass der Mensch endlich erwachsen werden soll. Die Religion soll nicht länger
  96. die Triebwünsche des Menschen bändigen, sondern der Mensch selbst durch seine Vernunft. Der Mensch soll sich vom Jenseits lösen und sich mit all seinen Fähigkeiten und Kräften
  97. aufs Diesseits konzentrieren. Freud schreibt: „Dadurch, dass er seine Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das irdische Leben
  98. konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, dass das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt.“ Religion soll durch Rationalität ersetzt
  99. werden. Der Mensch soll seine Kräfte und Fähigkeiten vom Jenseits lösen und auf seine diesseitige Existenz konzentrieren. Freud plädiert damit für eine rationale, wissenschaftlich
  100. aufgeklärte Lebenshaltung und ein Engagement für eine bessere Welt im Hier und Jetzt. Religion lähmt nämlich den Fortschritt. Die Menschheit muss ihre religiösen Illusionen
  101. aufgeben, um im Hier und Jetzt wirkungsvoll tätig zu werden. Doch was bedeutet das nun ganz konkret? Zunächst einmal sollten kulturelle Normen
  102. rational begründet werden und nicht durch einen angeblichen Willen Gottes. Menschen könnten so ihre Normen selbst gestalten und auf Grund der rationalen Einsicht in ihre
  103. Notwendigkeit einhalten. Kultur wäre dementsprechend kein von oben auferlegter Zwang mehr, sondern etwas, was im vernünftigen Interesse aller liegt.
  104. Gesellschaftsschädigende Triebe müssten nicht länger unterdrückt, sondern könnten rational durchdacht und aufgearbeitet werden. Der Mensch soll seine Triebhaftigkeit zur
  105. Kenntnis nehmen und sie nicht verleugnen und ins Unbewusste verdrängen. Ansonsten entwickelt er nämlich eine Neurose. Freud möchte Menschen nicht zu einer plötzlichen
  106. Aufgabe ihrer Religion zwingen. Niemand kann einen Gläubigen dazu überreden, seinen Glauben aufzugeben. Und man kann von niemandem verlangen, sein Leben von heute auf morgen ohne die Hilfe
  107. und den Trost seiner Religion zu meistern. Wie ein Kind langsam erwachsen wird, muss der Mensch sich laut Freud Schritt für Schritt an ein selbstbestimmtes Leben ohne Religion
  108. gewöhnen. Hierzu ist rationale Aufklärung nötig. Denn nur diese ermöglicht dem Menschen ein selbstbestimmtes und freies Leben.
  109. Aber ist nicht der Glaube an die Wissenschaft selbst eine Illusion? „Unwahrscheinlich“, sagt Freud. Denn im Gegensatz zur Religion ist Wissenschaft für
  110. Widerlegungen offen und hat sich schon häufig praktisch bewiesen. Sie hat bereits viele Probleme der Menschheit gelöst, rationale Erklärungen für verschiedenste Phänomene
  111. gefunden und sie entwickelt sich ständig weiter. Freud ist davon überzeugt, dass sich die rationale und überprüfbare Wissenschaft
  112. gegenüber der Religion durchsetzen wird, da vernünftiges Denken mehr Stabilität geben kann als bloßes Glauben und Hoffen. Auch an Freuds Religionskritik lässt sich
  113. einiges kritisieren. Hier die wichtigsten 3 Kritikpunkte. Freud stützt seine Theorie von der Religion als kollektive Zwangsneurose hauptsächlich
  114. auf Beobachtungen zu religiösen Vorstellungen und Verhaltensweisen, die er bei seinen Patienten machte. Hierbei handelt es sich um eine unzulässige Generalisierung. Aus Fehlformen religiöser
  115. Praxis kann man nicht auf einen wesensmäßigen Zusammenhang von Religion und Neurose schließen. Freuds Gottesbild - Gott als autoritäre Vaterfigur - steht dem Gott der Bibel, v.a. des Neuen
  116. Testaments, entgegen. Dieser wird beschrieben als liebevoller und vergebender Gott, der gerade nicht unbedingten Gehorsam einfordert, sondern in seinem Sohn Jesus Christus Mensch
  117. wurde und für die Sünden der Menschen den Kreuzestod starb. Nicht-theistische Religionen oder Religionen mit Muttergottheiten lassen sich ebenfalls nicht mit Freuds Theorie erklären.
  118. Den dritten wichtigen Kritikpunkt kennen wir wieder von der Kritik an Feuerbach. Dass es sich bei Gott um eine Projektion menschlicher Wünsche handelt, widerlegt nicht, dass er
  119. in Realität tatsächlich existieren kann. Wie ist deine Meinung? Ist Religion tatsächlich eine psychische Erkrankung? Und: Kann Wissenschaft Religion wirklich ersetzen?
  120. Schreibe deine Gedanken zu diesem spannenden Thema sehr gerne unten in die Kommentare. Mit dem Quizlet-Lernset „Sigmund Freud (Klassische Religionskritik)“ kannst du dein Wissen
  121. jetzt überprüfen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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