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Sieben Sendschreiben

Als die Sieben Sendschreiben werden sieben Briefe bezeichnet, die in der Offenbarung des Johannes im 2. und 3. Kapitel überliefert sind. Dem Textduktus nach …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Aufbau
  2. 2. Ephesus, Smyrna und Pergamon
  3. 3. Thyateira, Sardes, Philadelphia und Laodizea
  4. 4. Literarische Bedeutung
  5. 5. Auslegung im Lauf der Geschichte

Überblick und Aufbau

Als Sieben Sendschreiben bezeichnet man sieben Briefe in den Kapiteln 2 und 3 der Offenbarung des Johannes. Dem Text zufolge wurden sie Johannes, dem Verfasser der Offenbarung, auf der Insel Patmos von Jesus Christus diktiert. Sie sollen frühchristliche Gemeinden ermutigen, loben, warnen und zur Umkehr aufrufen. Alle angesprochenen Gemeinden lagen in der römischen Provinz Asia auf dem Gebiet der heutigen Türkei.

Die Briefe behandeln konkrete Probleme der Gemeinden: staatliche Verfolgung, äußere Armut, falsche Lehren, religiöse Vermischung, innere Spaltung, Selbsttäuschung und geistliche Gleichgültigkeit. Zugleich fordern sie zu Treue, Standhaftigkeit und einem glaubwürdigen christlichen Leben auf.

Ephesus, Smyrna und Pergamon

Ephesus: Die zwischen 52 und 55 durch Paulus gegründete Gemeinde ist standhaft geblieben, hat jedoch ihre „erste Liebe“ zu Christus verlassen. Sie soll daran denken, wovon sie abgefallen ist, umkehren und ihre früheren Werke wieder aufnehmen (Offb 2,4–5). Die wirtschaftlich und militärisch wichtige Hafenstadt bot zahlreiche Versuchungen. Die feierliche Formulierung „dies sagt der, welcher“ erinnert an amtliche Verlautbarungen und hebt die Majestät Christi hervor.

Smyrna: Christus kennt die Bedrängnis und äußere Armut der Gemeinde, bezeichnet sie aber als reich (Offb 2,9). Sie soll „getreu bis an den Tod“ bleiben und erhält dafür die Verheißung der „Krone des Lebens“ (Offb 2,10). Die Christen waren dort besonders lang und hartnäckig verfolgt. Der Kaiserkult verlangte jährlich eine Huldigung des Kaisers und brachte Christen in einen Gewissenskonflikt. Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde Polykarp von Smyrna dort getötet.

Pergamon: Die Stadt war von römischem Imperialismus, Intellektualismus und religiösem Synkretismus geprägt. Synkretismus bedeutet hier die Vermischung unterschiedlicher religiöser Vorstellungen. Trotzdem hielt die Gemeinde am Namen Christi fest und verleugnete ihren Glauben nicht (Offb 2,13). Kritisiert werden Anhänger der Lehren Bileams und der Nikolaiten. Der sogenannte Bileamismus wird als gefährliche Vermischung von Christen und Heiden beschrieben. James Allen deutet das Nikolaitentum als Ansatz zu einem Klerikalismus, bei dem ein hierarchisches Amtssystem an die Stelle der Leitung durch einen kleinen Kreis von Ältesten tritt. Die Irrlehrer werden zur Umkehr aufgefordert.

Thyateira, Sardes, Philadelphia und Laodizea

Thyateira: Eine Frau, die sich Prophetin nennt und als „Isebel“ bezeichnet wird, verführt Gemeindemitglieder zu sexueller Unmoral und zum Essen von Götzenopferfleisch (Offb 2,20). Trotz dieser gefährlichen Entwicklung werden Glaube, Dienst und Standhaftigkeit der Gemeinde gelobt. Christus wird als allgegenwärtig, allwissend und allmächtig dargestellt. Die Gemeinde soll an dem festhalten, was sie bereits erreicht hat.

Sardes: Die Gemeinde besitzt den Ruf, lebendig zu sein, gilt geistlich aber als tot. Sie soll wach werden und das stärken, was noch zu sterben droht, weil ihre Werke vor Gott nicht als vollkommen gelten (Offb 3,1–2). Der Brief warnt damit vor einem rein äußerlichen Christentum und ruft zu Umkehr und Standhaftigkeit auf. Sardes und Laodizea sind die einzigen Gemeinden, die kein Lob erhalten. Nach Offb 3,5 ist das Überwinden eine Voraussetzung dafür, ewiges Leben zu erhalten.

Philadelphia: Die vermutlich zwischen 52 und 55 n. Chr., möglicherweise durch Paulus, entstandene Gemeinde wird für ihre Standhaftigkeit gelobt. Christus habe vor ihr eine Tür geöffnet, die niemand schließen könne (Offb 3,8). In dem vom Weinbau und vom Dionysoskult geprägten Umfeld war ihre Lage schwierig; außerdem wurde sie von Menschen angegriffen, die sich als Juden verstanden, es dem Brief zufolge aber nicht waren. Weil die Gemeinde standhaft geblieben ist, soll sie in der „großen Versuchung“ bewahrt werden (Offb 3,10). Damit ist vermutlich die Zeit der großen Trübsal gemeint.

Laodizea: Die wohl zwischen 52 und 55 durch Epaphras gegründete Gemeinde erscheint äußerlich geordnet, ist aber geistlich tot. Christus nennt sie weder kalt noch warm, sondern „lauwarm“ und kündigt an, sie aus seinem Mund auszuspucken (Offb 3,14–16). Das Bild verweist indirekt auf das von weit herangeführte, lauwarme Trinkwasser der Stadt. Laodizea war durch Banken, Medizin, besonders Augenheilkunde, und die Verarbeitung schwarzer Wolle reich geworden. Nach einem Erdbeben im Jahr 60 n. Chr. bauten die Bürger die Stadt ohne Hilfe des römischen Zentralstaats wieder auf. Diese Selbstgenügsamkeit hatte auch die Christen erfasst. Obwohl sie sich reich fühlten, werden sie als armselig, bemitleidenswert, arm, blind und nackt bezeichnet. Sie sollen „reines Gold“ im geistlichen Sinn erwerben. Zugleich steht Christus vor der Tür und klopft an (Offb 3,20). Die Abfassung des Briefes wird auf die 90er Jahre des ersten Jahrhunderts geschätzt.

Literarische Bedeutung

Innerhalb der Offenbarung nehmen die Sendschreiben eine Sonderstellung ein: Sie sind keine Visionen, sondern als Briefe an historisch konkrete Gemeinden gestaltet. Philadelphia erhält besonders viel Lob, Laodizea besonders deutlichen Tadel. Die geschilderten Gemeinden leiden unter staatlichen Repressionen, abweichenden Lehren und drohender Spaltung.

Die Zahl Sieben zeigt, dass die konkreten Gemeinden zugleich als Vertreter aller christlichen Gemeinden verstanden werden. Einige Forscher schließen aus Sprache und Sprachrhythmus, dass die Sendschreiben ebenso wie Anfang und Schluss der Offenbarung auf einen abschließenden Redaktor zurückgehen. Ein Redaktor ist ein Bearbeiter, der einen Text in seine endgültige Form bringt.

Auslegung im Lauf der Geschichte

Seit dem Hochmittelalter wurden die sieben Briefe besonders von kirchenkritischen Theologen als Darstellung von sieben aufeinanderfolgenden Zeitaltern der Welt- und Kirchengeschichte gelesen. Gemeinsam ist solchen Deutungen eine starke Erwartung des nahen Gerichts und des Neuen Jerusalems. Daher ordneten viele Ausleger ihre eigene Gegenwart der sechsten oder siebten Gemeinde zu.

Fra Dolcino († 1307), beeinflusst von Joachim von Fiore (um 1130/1135–1202), verstand die sieben Engel der Gemeinden als Initiatoren verschiedener Heilszeiten. Er selbst sah sich als Engel von Thyateira; für Philadelphia erwartete er einen zukünftigen Engelspapst.

Unter reformierten Theologen des 16. und 17. Jahrhunderts wurde die Einteilung der Kirchengeschichte in sieben Perioden verbreitet. Johannes Coccejus (1603–1659) unterschied unter dem Einfluss Johann Lampadius’ (1569–1621) sieben „aetates ecclesiae“, also Kirchenzeitalter: von der apostolischen Kirche und der Kirche der Märtyrer über Perioden des Gegensatzes zum Papsttum bis zu einer erwarteten Blütezeit, auf die Christi Wiederkunft zum Gericht folgen sollte. Auch Thomas Brightman, Campegius Vitringa der Ältere, Elias Eller und im frühen 20. Jahrhundert Cyrus I. Scofield deuteten die Briefe als Epochen der Kirchengeschichte. Die Zuordnungen unterschieden sich erheblich: Sardes konnte etwa für die Reformation stehen, während Laodizea als Blütezeit, als selbstzufriedene Namenschristenheit oder als Church of England des 17. Jahrhunderts verstanden wurde. Johann Albrecht Bengel widersprach dieser Epochendeutung und bezog die Schreiben konsequent auf die sieben historischen Gemeinden.

Einen historisch-kritischen Zugang vertrat William M. Ramsay 1904. Er zeigte zahlreiche Verbindungen zwischen den Aussagen der Briefe und den örtlichen Verhältnissen der jeweiligen Städte auf. Dieser Ansatz beeinflusste die weitere Forschung stark. Nach heutiger Forschung vernachlässigte Ramsay jedoch deutliche Bezüge zum Alten Testament, etwa bei den Christusattributen am Beginn der einzelnen Schreiben.

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