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Offenbarung des Johannes
Die Offenbarung diente für unterdrückte Christen als eine Trost- und Hoffnungsschrift während der Christenverfolgungen im Römischen Reich. Der Verfasser …
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Grundcharakter und Ziel
Die Offenbarung des Johannes, auch Apokalypse genannt, ist das letzte Buch des Neuen Testaments. Das griechische Wort apokalypsis bedeutet „Enthüllung“. Das Buch versteht sich als Offenbarung Jesu Christi durch Johannes und ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments. Zusammen mit dem Danielbuch gehört es zu den beiden apokalyptischen Schriften der christlichen Bibel. Apokalyptisch heißt hier: In symbolischen Visionen wird Gottes verborgenes Handeln in Geschichte, Gericht und Zukunft gezeigt.
Die Schrift diente unterdrückten Christen als Trost- und Hoffnungsschrift während der Christenverfolgungen im Römischen Reich. Sie ist in Briefform gestaltet. Der Ich-Erzähler Johannes richtet sich zunächst in sieben Sendschreiben an sieben Gemeinden in Kleinasien, die von Paulus theologisch geprägt waren und unter Verfolgung oder starken Einschränkungen litten. Seit der mittelalterlichen Kapiteleinteilung besteht die Offenbarung aus 22 Kapiteln.
Autor, Adressaten und Entstehungszeit
In der frühen Kirche wurde der Verfasser oft mit dem Apostel Johannes oder dem Evangelisten Johannes gleichgesetzt. Papias, Justin der Märtyrer, Irenäus, Clemens von Alexandria, Tertullian und Origenes unterstützten auf verschiedene Weise einen apostolischen Ursprung. In der Ostkirche blieb dies jedoch umstritten, und die Offenbarung gehörte dort lange nicht eindeutig zu den kanonischen Schriften.
In der heutigen kontinentaleuropäischen Exegese wird diese Gleichsetzung praktisch nicht mehr vertreten. Genannt werden sprachliche, inhaltliche und formale Unterschiede zum Johannesevangelium. Der Verfasser nennt dreimal seinen Namen, während der Autor des Johannesevangeliums seinen Namen vermeidet. Mehrheitlich gilt der Autor heute als frühchristlicher Prophet aus dem Umfeld des palästinischen Judenchristentums. Nach eigener Darstellung lebte er auf der Insel Patmos vor Ephesus in der Verbannung; deshalb wird er im englischen Sprachraum John of Patmos genannt.
Die Schrift richtet sich ausdrücklich an sieben Gemeinden im westlichen Kleinasien: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Wegen der Seligpreisungen, des Buchabschlusses und der Symbolik der Siebenzahl wird aber ein weiterer Adressatenkreis angenommen.
Die Datierung ist umstritten. Eine Frühdatierung setzt die Entstehung vor 70 n. Chr. oder um 68/69 n. Chr. an, unter anderem wegen der Erwähnung des Tempels und der Deutung Neros als Gegenbild zu Jesus. Friedrich Engels datierte die Schrift 1883 in die Regierungszeit Galbas, also vom 9. Juni 68 bis 15. Januar 69. Seit dem 20. Jahrhundert wird häufiger die Regierungszeit Domitians, 81 bis 96 n. Chr., bevorzugt. Ulrike Riemer nennt die Datierung um 95 n. Chr. gut begründet; Traugott Holtz hält ca. 95 n. Chr. weitgehend für zutreffend, lässt aber ältere eingearbeitete Textstücke zu. Akira Satake stützt sich ebenfalls auf Irenäus und weitere Kirchenväter. Als spätere Datierung werden trajanische Zeit, 98 bis 125, oder sogar die Zeit Hadrians um 132 n. Chr. genannt, doch Satake hält diese Argumentation für nicht überzeugend.
Aufbau und wichtigste Visionen
Die Offenbarung beginnt mit einem Vorwort und den sieben Sendschreiben. Johannes erhält in einer Vision vom himmlischen Christus den Auftrag, alles aufzuschreiben. Danach folgen große prophetische Visionen. Zuerst sieht Johannes Gott auf dem Thron im Himmel. Um den Thron stehen 24 Throne mit 24 Ältesten, sieben Fackeln und vier Lebewesen voller Augen in Gestalt von Löwe, Stier, Mensch und Adler. Ein Lamm erhält von Gott eine Buchrolle mit sieben Siegeln.
Beim Öffnen der sieben Siegel erscheinen unter anderem die vier apokalyptischen Reiter: ein weißes Pferd mit einem siegreichen Reiter und Bogen, ein feuerrotes Pferd mit einem Reiter und Schwert, ein schwarzes Pferd mit einem Reiter und Waage sowie ein fahles Pferd, dessen Reiter „der Tod“ heißt und Macht erhält, ein Viertel der Erde zu töten. Weitere Siegel zeigen die Seelen der Märtyrer, kosmische Erschütterungen, die Bewahrung von 144000 Gottesknechten aus zwölf Stämmen Israels und schließlich eine halbe Stunde Stille im Himmel.
Darauf folgen sieben Posaunen. Sie bringen Katastrophen über Erde, Meer, Wasser, Himmelskörper und Menschen. Beim fünften Posaunensignal quälen Heuschrecken aus dem Abgrund Menschen ohne Gottessiegel fünf Monate lang; ihr König heißt Abaddon. Bei der sechsten Posaune wird ein Drittel der Menschheit durch Feuer, Rauch und Schwefel getötet. Zwei Propheten legen 1260 Tage lang Zeugnis ab, werden getötet, nach dreieinhalb Tagen auferweckt und steigen in den Himmel auf. Die siebte Posaune kündigt Gottes Herrschaft an.
Ein weiterer großer Abschnitt beschreibt den Kampf Satans gegen Gottes Volk. Eine gebärende Frau erscheint, dazu ein Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Michael und seine Engel besiegen den Drachen und stürzen ihn auf die Erde. Danach treten zwei Tiere auf: eines steigt aus dem Meer, erhält 42 Monate Macht über die Völker und bekämpft die Heiligen; ein zweites Tier aus der Erde, der falsche Prophet, bringt Menschen dazu, das erste Tier anzubeten und sich mit der Zahl seines Namens, 666, kennzeichnen zu lassen. Dem gegenüber steht das Lamm auf dem Berg Zion mit 144000 Menschen, die seinen und seines Vaters Namen auf der Stirn tragen.
Es folgen Gerichtsbilder: Engel kündigen das jüngste Gericht, den Fall Babylons und die Strafe für die Anbeter des Tieres an. Die sieben Schalen des Zorns Gottes bringen Geschwüre, Blut im Meer und in den Flüssen, brennende Hitze, Finsternis, das Austrocknen des Euphrat und schließlich Erdbeben, Hagel und den Zusammenbruch der Städte. Babylon, dargestellt als Hure auf einem scharlachroten Tier, fällt. Christus erscheint als Reiter auf dem weißen Pferd, genannt „Der Treue und Wahrhaftige“, „Das Wort Gottes“ und „König der Könige und Herr der Herren“, und besiegt das Tier und den falschen Propheten.
Am Ende steht das Tausendjährige Reich: Satan wird für 1000 Jahre gebunden, die getöteten Zeugen Jesu gelangen zum Leben und herrschen mit Christus. Nach 1000 Jahren wird Satan noch einmal freigelassen, aber endgültig besiegt und in den Feuersee geworfen. Beim Weltgericht werden die Toten nach ihren Werken gerichtet; wer nicht im Buch des Lebens steht, wird in den Feuersee geworfen. Danach entstehen ein neuer Himmel, eine neue Erde und das neue Jerusalem. Gott wohnt bei seinem Volk; es gibt weder Tod noch Leid, auch keinen Tempel, denn Gott selbst ist der Tempel. Der Epilog mahnt, die Worte des Buches zu bewahren und nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen.
Symbole und Deutung
Die Offenbarung ist eine zusammenhängende allegorische Komposition. Allegorisch bedeutet: Bilder und Erzählungen stehen für eine weitere Bedeutung. Der Autor nutzt Symbolwerte von Tieren, Farben und Zahlen, die damals verständlich sein konnten, aber nicht immer eindeutig biblisch festgelegt sind. Er greift stark auf alttestamentliche Prophetie zurück, besonders auf Jesaja, Ezechiel und Daniel, sowie auf frühjüdische apokalyptische Motive.
Viele Deutungen einzelner Bilder sind umstritten. Die Zahl 4 kann für kosmische Gesamtheit stehen. Die Zahl 7 steht für Vollkommenheit; daher können die sieben Gemeinden auch als Stellvertreter der gesamten Christenheit verstanden werden. Die Zahl 3,5 erscheint als „Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“, 3,5 Jahre, 42 Monate oder 1260 Tage und wird mit der zweiten Hälfte der letzten Jahrwoche aus Daniel 11 und 12 verbunden. Die Zahl 12 verweist auf das in der Antike wichtige Zwölfersystem sowie auf die zwölf Stämme Israels und die zwölf Jünger Jesu. Die 42 Monate der Herrschaft des Tieres können als Hälfte eines siebenjährigen Sabbatjahreszyklus verstanden werden.
Die Zahl 666 verschlüsselt nach Offb 13,17–18 den Namen des Tieres. In der Exegese ist die Deutung auf Kaiser Nero weit verbreitet: Rechnet man die Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben seines Namens mit dem Titel Kaiser, נרון קסר (neron kesar), zusammen, ergibt sich 666. Der Drache steht im Text für Satan, alte Schlange und Teufel. Das Tier aus dem Meer kann als „totalitäre endzeitliche Staatsmacht“ verstanden werden, das Tier vom Land als „Personifizierung des politischen Propagandaapparats“.
Kanon, Überlieferung und Wirkung
Die Aufnahme der Offenbarung in den biblischen Kanon war in der alten Kirche umstritten, besonders im Osten des Römischen Reichs. Eusebius von Caesarea berichtete im 4. Jahrhundert, manche hätten sie zu den „unechten Schriften“ gezählt, andere zu den anerkannten. Dionysius von Alexandria verwarf das Buch nicht, obwohl er es für unverständlich hielt, weil viele es hochschätzten. Mit dem 39. Osterfestbrief des Athanasius im Jahr 367 wurde die Apokalypse von fast allen damaligen Christen im Westen als gültiger Teil des Bibelkanons anerkannt. In den heutigen byzantinisch- und russisch-orthodoxen Ostkirchen wird sie als einzige neutestamentliche Schrift nie im Gottesdienst verlesen. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche erkennt sie nicht an und druckt sie nicht in ihren Bibeln ab.
Wegen der Diskussion um ihre Kanonizität wurde die Offenbarung wohl seltener abgeschrieben als andere neutestamentliche Bücher. Von 320 erhaltenen Unzialen bieten nur etwa ein Dutzend Texte aus der Offenbarung, nur wenige davon vollständig. Ihr Griechisch enthält Semitismen und weicht öfter von der üblichen Grammatik der Koiné ab. Stil und Wortwahl unterscheiden sich von allen anderen Büchern des Neuen Testaments. Weil die Aussagen schwer deutbar sind, wurde beim Abschreiben häufiger eingegriffen; deshalb hat die Offenbarung die größten textkritischen Probleme im Neuen Testament. Als wichtigster Textzeuge gilt hier der Codex Alexandrinus vor dem Codex Sinaiticus; beim Codex Vaticanus fehlt der Schluss, sodass die Offenbarung dort nicht erhalten ist.
Die Wirkung der Offenbarung ist groß. In den allgemeinen Sprachschatz eingegangen sind „Buch mit sieben Siegeln“, „Das A und O“, „Lamm Gottes“ und die „Zahl des Tieres“, 666. In der Theologie blieb ihre Bedeutung umstritten. Martin Luther hielt sie „weder für apostolisch noch für prophetisch“ und konnte mit ihr wenig anfangen. Der Begriff des Tausendjährigen Reichs aus Offb 20,4 spielte in verschiedenen Gruppen eine besondere Rolle und wurde im Nationalsozialismus politisch umgedeutet. Heute ist die Offenbarung besonders wichtig für chiliastische Gruppierungen wie Zeugen Jehovas, Christadelphians und Adventisten. Neben Daniel, Ezechiel, den Endzeitreden Jesu und den Thessalonicherbriefen hat sie großen Einfluss auf die Eschatologie, also die Lehre von den letzten Dingen.
Kritik und Auslegungstraditionen
Die Offenbarung wurde nicht nur theologisch, sondern auch nichttheologisch interpretiert. Ihre Bildersprache regte über Jahrhunderte Kirchenväter, Theologen, weltliche Schriftsteller und Künstler zu Deutungen an. Friedrich Engels sah in ihr ein besonders klares Bild des Christentums im Jahr 68. Für ihn hatten die Prophezeiungen zwar ihre Bedeutung verloren, außer für Menschen, die den Tag des letzten Gerichts berechnen wollten; als Bild eines frühen Christentums hielt er das Buch aber für sehr wertvoll.
Dogmatische Kritik entstand schon früh, besonders im Streit um die „neue Prophetie“ des Montanismus. Gegner apokalyptischer Schriften bestritten die apostolische Verfasserschaft. Später wurde erneut diskutiert, ob die Offenbarung zu verwerfen sei, wenn Evangelist und Apokalyptiker verschiedene Personen waren. Im Mittelalter verstummte diese Kritik weitgehend und lebte in der Reformationszeit wieder auf. Heute steht in der Kritik stärker der Gottesbegriff im Mittelpunkt. Georg Baudler deutete die Apokalypse als Rückfall hinter das Wirken Jesu, weil sie einen dualistischen Kampf zeige, etwa in Offb 20,10.
Charles C. Ryrie unterschied vier Auslegungstraditionen: Die präteristische Auslegung nimmt an, dass sich die Aussagen der Offenbarung bereits in den ersten christlichen Jahrhunderten erfüllt haben. Die historische Auslegung bezieht sie auf die gesamte Kirchengeschichte bis zum Ende der Zeiten. Die idealistische Auslegung versteht sie als bildhafte Darstellung geistlicher Prinzipien. Die futuristische oder wörtliche Auslegung sieht das Buch ab Kapitel 4 als Bericht über Ereignisse, die heute noch nicht eingetroffen sind.