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Calvinismus
Die fünf Punkte des Calvinismus · Völlige Verdorbenheit/Unfähigkeit (Total depravity) · Bedingungslose Erwählung (Unconditional election) · Begrenzte Versöhnung/ …
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Begriff und Bedeutung
Calvinismus bezeichnet uneinheitlich sowohl das theologische System Johannes Calvins (1509–1564) und der Genfer Akademie als auch die aus der Schweizer Reformation hervorgegangene reformierte Kirchenfamilie. Zu ihr gehören unter anderem presbyterianische Kirchen und Kongregationalisten. Die reformierte Theologie wurde nicht nur von Calvin, sondern auch von Huldrych Zwingli, Heinrich Bullinger, Martin Bucer und Philipp Melanchthon geprägt. Im weiteren Sinn umfasst der Begriff auch konservative und innovative Entwicklungen reformierter Kirchen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur.
Der Calvinismus entstand im französischen Sprachraum der Alten Eidgenossenschaft und Frankreichs. Besonders großen Einfluss gewann er in den Niederlanden, in Schottland, im Osten Ungarns und in den USA. Mit ihm werden eine starke Ehrfurcht vor Gott und der Bibel, hohe Arbeitsmoral, persönlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung verbunden.
Die Bezeichnung „Calvinismus“ wurde 1552 vom Gnesiolutheraner Joachim Westphal geprägt und von Calvin selbst entschieden abgelehnt. Reformierte Christen bezeichneten sich als Angehörige „reformierter Kirchen“. Damit betonten sie, dass sie sich nicht als Neugründung durch eine einzelne Person des 16. Jahrhunderts verstanden, sondern als Teil der seit der Zeit der Apostel bestehenden Kirche. Der Name wurde im Friedensvertrag von Osnabrück 1648 reichsrechtlich anerkannt; „Calvinistae“ und „Calviner“ waren zuvor polemische Fremdbezeichnungen von Katholiken und Lutheranern. Der Kryptocalvinismus bezeichnete reformierte Personen im Deutschen Reich des 16. und 17. Jahrhunderts, die sich gegenüber dem vorherrschenden Luthertum weitgehend verdeckt halten mussten.
Theologische Grundlagen
Im Mittelpunkt der Theologie Calvins steht die unbedingte Heiligkeit und Souveränität Gottes. Menschliches Handeln, die Glaubensentscheidung und katholische Formen des Kultus wie Sakramente, Reliquien und Ablass erscheinen aus dieser Sicht als Versuche, Gottes Souveränität einzuschränken oder an Irdisches zu binden. Besonders wichtig ist die Lehre von der doppelten Prädestination: Gott habe vorherbestimmt, welche Menschen zur ewigen Seligkeit und welche zur ewigen Verdammnis gelangen.
Die vier reformatorischen „Soli“ bilden eine wichtige Grundlage:
- sola scriptura: Allein die Heilige Schrift ist Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die Tradition.
- solus Christus: Allein Christus besitzt Autorität über die Gläubigen, nicht die Kirche.
- sola fide: Der Mensch wird allein durch den Glauben gerechtfertigt, nicht durch gute Werke.
- sola gratia: Der Mensch wird allein durch Gottes Gnade gerettet.
Weitere kennzeichnende Merkmale sind eine stark ausgeprägte Bundestheologie, protestantische Askese, strenge Kirchenzucht, Unabhängigkeit vom Staat und eine nicht hierarchische Kirchenordnung im Sinn des allgemeinen Priestertums. Das Abendmahl wird als Erinnerungsfeier verstanden; an die Realpräsenz, also die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl, wird nicht geglaubt. Wirtschaftlicher Wohlstand konnte in der protestantischen Ethik mitunter als Zeichen der Erwählung gedeutet werden.
TULIP und seine Grenzen
Im frühen 20. Jahrhundert entstand in den Vereinigten Staaten eine populäre Kurzfassung des Calvinismus unter dem Akronym TULIP. Die Buchstaben stehen für Total depravity, Unconditional election, Limited atonement, Irresistible grace und Perseverance of the saints. TULIP vereinfacht die Lehrregeln der Dordrechter Synode und ordnet ihre Themen teilweise anders. Der klassische Calvinismus lässt sich jedoch nicht auf fünf Punkte reduzieren, und nicht alle Formulierungen stammen von Calvin.
Total depravity bedeutet „völlige Verdorbenheit“ oder „Unfähigkeit“. Seit dem Sündenfall beherrscht die Sünde den ganzen Menschen, also Denken, Gefühle und Willen. Der natürliche Mensch kann die Botschaft des Evangeliums nicht aus eigener Kraft verstehen und ist geistlich hilflos. Erst der Heilige Geist befähigt ihn dazu. Die Canones von Dordrecht behaupten dabei nicht, dass der Mensch überhaupt nichts Gutes tun könne, sondern dass er seine Erlösung nicht durch eigene Anstrengung erreichen kann.
Unconditional election bezeichnet die „bedingungslose Erwählung“. Gott erwählt nach seinem ewigen Ratschluss aus Barmherzigkeit einige Menschen und bestimmt sie zum Glauben, nicht aufgrund des vorhergesehenen Lebenswandels oder guter Werke. Die übrigen Menschen überlässt er ihrer eigenen Bosheit. Warum Gott einige erwählt und andere nicht, bleibt unbekannt. Calvin vertrat eine supralapsarische Fassung der doppelten Prädestination, während die Dordrechter Synode eine infralapsarische Fassung entwickelte.
Limited atonement bedeutet „begrenzte Versöhnung“ oder „begrenzte Sühne“. Nach dieser Darstellung starb Jesus Christus nicht mit dem Ziel, alle Menschen zu retten, sondern sein Erlösungswerk richtet sich auf die erwählten Sünder. Die Formulierung gilt als missverständlich, weil die Canones von Dordrecht zugleich die universale Dimension des Kreuzes Christi betonen.
Irresistible grace, die „unwiderstehliche Gnade“, besagt, dass die Gnade der Erwählung nicht ausgeschlagen werden kann. Der Mensch besitzt in dieser Hinsicht keinen freien Willen, weil er geistlich tot und nicht aus eigener Macht fähig ist, sich für Gott zu entscheiden. Gottes Ruf erweckt den Erwählten geistlich zum Leben; jeder von Gott Erwählte wird Gott erkennen. Auch diese Formulierung ist verkürzend: Dordrecht lehrt nicht, dass Gnade ohne menschliche Widerstände wirke, sondern dass Gottes Gnade trotz dieser Widerstände ihr Ziel erreicht.
Perseverance of the saints bezeichnet die „Beharrlichkeit der Heiligen“ oder Perseveranz. Wer einmal gerettet ist, bleibt gerettet und kann Gottes Gnade nicht wieder verlieren. Die Canones von Dordrecht betonen dabei stärker Gottes gnädige Bewahrung als das menschliche Ausharren.
Historisch wurden die Lehrregeln von Dordrecht 1619 den Confessio Belgica und dem Heidelberger Katechismus hinzugefügt. Diese beiden älteren Bekenntnisse behandeln das gesamte Spektrum des reformierten Glaubens, während Dordrecht vor allem aktuelle Streitfragen zur Prädestination verbindlich klärte. Die Lehrregeln stärkten die konfessionelle Identität des Reformiertentums gegenüber dem Luthertum. Die Fünf-Punkte-Darstellung ist daher eine spätere, rückblickende Identitätsbestimmung und keine vollständige Wiedergabe der reformierten Lehre.
Kirche und theologische Kontroversen
Calvin entwarf eine Kirchenordnung, die auf der örtlichen Kirchengemeinde beruhte. Die Leitung wurde von Gemeindemitgliedern gewählt und nicht allein dem Priestertum überlassen. Über der lokalen Gemeinde standen drei Hierarchiestufen; die nationale oder Generalversammlung war die höchste Instanz. Die Organisation war krisensicher: Auch wenn höhere Leitungsorgane nicht zusammentreten konnten oder die Kirchenführung verhaftet wurde, konnten lokale Gemeinden weiterbestehen und eine neue Führung wählen. Das trug dazu bei, dass calvinistische Kirchen trotz Kriegen und Verfolgungen schwer auszurotten waren.
Die Beteiligung der Mitglieder an Entscheidungen sollte ihr Engagement stärken. Das Kirchenmodell beeinflusste die Entwicklung repräsentativ-demokratischer Strukturen. In der Vierämterlehre wählten erwachsene männliche Gemeindeglieder Älteste, sogenannte Presbyter oder Kirchengemeinderäte, die zusammen mit Geistlichen die Gemeinde leiteten. In Genf gehörten die Ältesten zugleich dem Stadtrat an. Die Hugenotten ergänzten dieses Presbyterialsystem durch regionale und nationale Synoden, in denen Laien und Geistliche gleichberechtigt waren. Im 20. Jahrhundert erhielten Frauen ebenfalls das aktive und passive kirchliche Wahlrecht.
Die Prädestinationslehre wurde kontrovers beurteilt. Calvin sah in ihr Gewissheit, Demut und Dankbarkeit. Kritiker bezweifeln jedoch, dass ein Mensch aus seinem Leben sicher erkennen könne, ob er gerettet sei. Sie wenden außerdem ein, dass die Lehre die vom Menschen von Gott verliehene Entscheidungsfähigkeit bestreite und eine problematische Vorstellung eines Gottes erzeuge, der einige Menschen ohne erkennbare Gründe rettet und andere verwirft. Sie berufen sich auf Bibelstellen, nach denen Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, etwa 2 Petr 3,9, 1 Tim 2,4, Tit 2,11 und Mt 28,19.
Der Arminianismus der Remonstranten bildete im 17. Jahrhundert eine ausdrückliche Gegenposition innerhalb der calvinistisch geprägten Gebiete Nordwesteuropas und der englischsprachigen Staaten. Liberale Christen kritisieren die streng calvinistische Lehre als antiliberal und intolerant. Katholiken lehnen alle fünf TULIP-Punkte sowie weitere Lehren über Kirche und Sakramente ab. Orthodoxe Kirchen betonen den freien Willen und eine andauernde Zusammenarbeit des Heiligen Geistes mit den Gläubigen. Methodisten lehnen die doppelte Prädestination ab, Lutheraner zusätzlich die calvinistische Abendmahlslehre, und Quäker lehnen die Prädestination ebenfalls ab.
Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich der Calvinismus zu einer großen theologischen Bandbreite. In den USA entstanden im 18. Jahrhundert aus kongregationalistischen und presbyterianischen Gemeinden auch universalistische und unitarische Kirchen. Reformierte Theologen wie Karl Barth, Eduard Thurneysen und ihre Schüler fassten die Erwählung stärker christologisch: In Jesus Christus sei die Erwählung geschehen und werde im Evangelium zugesprochen. Die Zurückweisung des Heils bleibe ein nicht auflösbares Geheimnis. Die moderne Evangelisch-Reformierte Kirche der Schweiz versteht sich als bekenntnisfrei und bindet ihre Mitglieder nicht an die Glaubensauffassungen der Gründer.
Arbeit, Staat und demokratische Entwicklung
Weil Gottes Absichten dem Menschen verborgen bleiben, soll er so leben, als sei er erwählt. Fleiß, Disziplin, Sparsamkeit, Genügsamkeit sowie individueller und wirtschaftlicher Erfolg konnten dadurch als Zeichen des Gnadenstands verstanden werden, obwohl der Mensch keinen Einfluss auf Gottes Entscheidung hat. Max Weber bezeichnete diese Haltung als „innerweltliche Askese“. Nach seiner Protestantismusthese beeinflusste und legitimierte der Calvinismus im 18. Jahrhundert Arbeitsmoral und Wirtschaftsethik in England, Holland, der Schweiz und einigen Gegenden Deutschlands. Zeitvergeudung, übermäßiger Schlaf und Luxus galten als besonders problematisch; Arbeit wurde als von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens verstanden. Diese Ethik habe zur Grundlage der Industriellen Revolution und des modernen Kapitalismus beigetragen.
Die Testakte von 1673 schloss in England Katholiken, calvinistische Puritaner, Kongregationalisten, Baptisten und Quäker von Staatsämtern und dem Parlament aus; ab Ende des 18. Jahrhunderts galt dies auch für Methodisten. Dadurch wurden viele in privatwirtschaftliche Bereiche gedrängt. Im 18. Jahrhundert war beinahe die Hälfte der englischen Erfinder, Kaufleute und Unternehmer calvinistisch, obwohl Calvinisten in der Gesamtbevölkerung eine Minderheit bildeten.
Calvinistische Vorstellungen wirkten auch auf Staat und Gesellschaft. Die strikte Trennung von Kirche und Staat wurde von Hugenotten und Täufern vertreten. In den Niederlanden entwickelte sich nach der Losreißung von Spanien 1579 ein vergleichsweise freiheitliches Gemeinwesen mit Calvinisten, Arminianern, Katholiken und Täufern. Zugleich gab es auch ausgeprägte Intoleranz, etwa in der Genfer Republik.
Calvin bevorzugte als beste Regierungsform eine Mischung aus Demokratie und Aristokratie. Eine Monarchie lehnte er wegen der Gefahr königlicher Machtkonzentration ab. Zur Verhinderung politischen Missbrauchs befürwortete er sich gegenseitig kontrollierende staatliche Instanzen, also Gewaltenteilung. Er erkannte die Vorzüge der Demokratie an und billigte ein Widerstandsrecht gegen tyrannische Herrscher, das allerdings nicht dem einzelnen Untertan, sondern Ständen, Adel oder „mittleren Magistraten“ zukommen sollte.
Diese Ideen beeinflussten Entwicklungen in Schottland, England und Nordamerika. Die englische Bürgerkriegszeit, die Hinrichtung Karls I. 1649, die Glorious Revolution 1688 und die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien 1776 stehen in einem Umfeld, in dem Calvins Staats- und Widerstandstheorie eine wichtige Rolle spielte. In Nordamerika verband sich die reformierte Bundestheologie mit der Vorstellung, dass Gott durch einen Bund mit den Gläubigen zugleich eine Gemeinde bilde. Kongregationalisten verstanden Demokratie als „gottgemäße Staatsform“; der Mayflower-Vertrag von 1620 steht für diese Auffassung.
Rhode Island unter Roger Williams gewährte ab 1636 uneingeschränkte Religionsfreiheit, Connecticut unter Thomas Hooker verlangte keine Glaubensprüfung, und Pennsylvania wurde ab 1682 unter William Penn zu einer Zuflucht für religiöse Minderheiten. Baptisten wie John Smyth und Thomas Helwys forderten Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung begründete unveräußerliche Rechte wie „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ biblisch-theologisch mit dem „Schöpfer“. Die amerikanische Verfassung und Bill of Rights beeinflussten viele Staaten sowie die Französische Revolution. Reformierte Kirchen wirkten im 19. Jahrhundert außerdem an der Abschaffung der Sklaverei, am Frauenwahlrecht, an Gewerkschaften und an sozialen Reformen mit.
Globale Folgen und Kunst
Die Grundsätze der amerikanischen Verfassung wirkten auf die Charta und die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Auch die preußische Verfassung von 1848/49, die Verfassung der Weimarer Republik und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland orientierten sich an amerikanischen Prinzipien wie republikanischer und föderaler Staatsform, Grundrechten und Bundesverfassungsgericht.
Aus christlich motivierten Selbsthilfeinitiativen entstanden ab 1844 in England Genossenschaften. Der reformierte Friedrich Wilhelm Raiffeisen baute ab 1846 in Deutschland ein Netz von Genossenschaften auf. Der reformierte Pietist Henry Dunant gründete das Rote Kreuz und trieb die Formulierung der Genfer Konventionen voran. Reformierte Kirchen unterhielten außerdem zahlreiche diakonische und humanitäre Einrichtungen, darunter Krankenhäuser, Seniorenheime, Schulen und Hochschulen. Kongregationalisten gründeten 1636 das Harvard College; im 18. Jahrhundert folgten Yale und etwa ein Dutzend weitere Hochschulen.
In der Kunst verdrängten Bilderverbote und die anfängliche Beschränkung der Kirchenmusik auf schlichte Einstimmigkeit und Bibeltreue viele Kunstformen aus reformierten Kirchen. Die Malerei wandte sich stärker weltlichen Motiven zu. Mehrstimmige Musik und Orgel wurden noch im 16. Jahrhundert wieder zugelassen. In reformierten Kirchen wurden unter anderem polyphone Vertonungen des Genfer Psalters gesungen.
Der Calvinismus beeinflusste auch Teile der Literatur. Seine Wirkung zeigt sich im Artikel beispielhaft bei Autoren wie Nathaniel Hawthorne, John Milton, Jeremias Gotthelf, Conrad Ferdinand Meyer, Friedrich Dürrenmatt und John Updike.