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Dispensationalismus
Der Dispensationalismus ist eine heilsgeschichtlich orientierte Form der Bibelauslegung, die mit einer bestimmten Lehre von der Endzeit verknüpft ist.
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Kernidee und Bedeutung
Der Dispensationalismus ist eine Form der Bibelauslegung, die die Heilsgeschichte als Abfolge verschiedener „Haushaltungen“ oder Zeitalter versteht. Eine solche Haushaltung heißt Dispensation. In jeder Dispensation sieht Gott nach dieser Lehre eine bestimmte geistliche Zielsetzung vor, gibt Menschen bestimmte Gaben und Segnungen und stellt sie zugleich vor eine besondere Verantwortung.
Wichtig ist dabei meist die scharfe Unterscheidung zwischen Israel als Gottesvolk und der christlichen Gemeinde oder Kirche. Für das Ende der Zeiten erwartet der Dispensationalismus in der Regel eine Massenbekehrung der Juden zu Jesus als ihrem Messias.
Die biblischen Texte gelten Dispensationalisten üblicherweise als irrtumsfrei. Ihre Auslegung orientiert sich am Grundsatz der Verbalinspiration, also daran, dass der Wortlaut der Bibel göttlich inspiriert sei. Der so verstandene Bibeltext soll Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit erklären. Deshalb werden biblische Prophetien auch mit jüngeren geschichtlichen Entwicklungen verbunden; häufig wird etwa die Gründung des Staates Israel 1948 als Erfüllung der Prophetie verstanden, Gott werde sein Volk wieder versammeln.
Der moderne Dispensationalismus entstand um 1830 im Umfeld der Brüderbewegung. Im 21. Jahrhundert gilt er als eine der populärsten Strömungen der Theologie und Bibelauslegung unter konservativen evangelikalen und fundamentalistischen Protestanten.
Begriff und Grundannahmen
Das Wort Dispensation ist die lateinisch-englische Übersetzung des griechischen Wortes oikonomia, das etwa „Hausgesetz“ bedeutet. Im Neuen Testament kommt es unter anderem in Kol 1,25 („Verwaltung Gottes“), Eph 3,2 („Verwaltung der Gnade Gottes“) und Eph 1,10 („Verwaltung der Fülle der Zeiten“) vor.
Eine Dispensation wird als Zeitspanne in Gottes Heilsplan verstanden, die sich durch eine charakteristische geistliche Zielsetzung von anderen Zeitspannen unterscheidet. Eine oder mehrere Dispensationen bilden zusammen einen Äon, also ein größeres Zeitalter.
Viele Dispensationalisten berufen sich auf 2 Tim 2,15, wo Timotheus aufgefordert wird, „das Wort der Wahrheit richtig“ zu schneiden beziehungsweise recht zu teilen. Sie verstehen dies als Aufforderung, die einzelnen Bücher und Aussagen der Bibel den passenden Heilszeiten und Empfängern zuzuordnen. Wenn man das nicht tue, entstünden scheinbare Widersprüche, weil Gott nach dieser Sicht in verschiedenen Heilsabschnitten unterschiedliche Anweisungen gebe.
Zum Dispensationalismus gehört meist eine prämillennialistische Eschatologie. Das bedeutet: Die Wiederkunft Christi wird vor dem Tausendjährigen Reich erwartet. Genaue Datierungen künftiger Ereignisse lehnen die meisten Dispensationalisten jedoch als unbiblische Spekulation ab, unter anderem mit Verweis auf Mt 24,36 und Apg 1,7.
Vorläufer und Entstehung
Ansätze einer Einteilung der Geschichte in Heilszeitalter werden bereits in frühchristlichen Texten gesehen, besonders im Hebräerbrief und im 2. Petrusbrief. Der 2. Petrusbrief unterscheidet drei Weltzeitalter: die frühere Welt, die durch die Sintflut unterging, die gegenwärtigen Himmel und die Erde, die dem Feuergericht entgegengehen, und die neuen Himmel und die neue Erde als endgültige Heilsvollendung.
In der Alten Kirche griffen Autoren solche Einteilungen auf. Der Barnabasbrief lehrte eine Weltwoche von 6000 Jahren mit anschließendem tausendjährigem Sabbatreich. Irenäus von Lyon unterschied vier Bündnisse: das adamitische vor der Sintflut, das unter Noah, das unter Moses und das unter Jesus bis zur vollständigen Wiederherstellung des Menschen. Augustinus entwickelte in „Vom Gottesstaat“ einen Plan von sieben Weltzeitaltern von Adam bis zum Millennium.
Im Mittelalter teilte Joachim von Fiore die Menschheitsgeschichte in drei Epochen ein: Zeit des Vaters, Zeit des Sohnes und Zeit des Heiligen Geistes. In Reformation und Neuzeit deuteten unter anderem Thomas Brightman und Robert Pont biblische Prophetien als Abfolge von Zeitaltern. Brightman unterschied bereits deutlich zwischen der Kirche und einem noch erwarteten buchstäblichen jüdischen Königtum.
Das erste moderne System entstand um 1830 in Gemeinden der Brüderbewegung in England und Irland. John Nelson Darby entwickelte und verbreitete es. In Deutschland übernahmen vor allem Carl Brockhaus, Rudolf Brockhaus und Emil Dönges Darbys Modell; später entwickelte Erich Sauer eine veränderte Form.
Verbreitung und Modelle
Darby machte sein Modell durch Reisen in die USA bekannt. Dort fand es besonders bei Presbyterianern und Baptisten Resonanz. Evangelisten wie Dwight L. Moody und Cyrus I. Scofield wurden wichtige Vertreter. Über Bibelkonferenzen und Bibelschulen verbreitete sich die Lehre weiter, etwa über die Niagara-Konferenzen 1870–1900, das Moody Bible Institute 1889 und das Dallas Theological Seminary 1924.
Besonders einflussreich wurde die 1909 veröffentlichte Scofield-Bibel. Sie enthielt Anmerkungen, in denen Scofield Darbys Dispensationalismus weiterentwickelte und systematisierte. Sie wurde zu einer der meistverbreiteten Studienbibeln im angelsächsischen Raum. Ethelbert William Bullinger entwickelte eine noch stärker ausdifferenzierte Form, die oft Ultradispensationalismus genannt wird.
Darbys eigenes Modell war noch flexibel. Im Zentrum stand der Unterschied zwischen Israel und Gemeinde. Aus seinen Äußerungen lässt sich ein Modell mit neun Zeitaltern rekonstruieren: Paradies, vor der Flut, Noah, Abraham, Israel, Nationen, Gemeinde, Millennium und Ewigkeit; nur fünf davon gelten im engeren Sinn als Dispensationen.
Scofield unterschied sieben Dispensationen: Unschuld, Gewissen oder moralische Verantwortung, menschliche Regierung, Versprechen, Gesetz, Gnade und Königreich. Bullinger ordnete die biblischen Bücher danach, wie Gott mit den Empfängern seiner Botschaft redet, etwa direkt zu einzelnen Menschen, durch Propheten zu Israel, durch Jesus zu Israel, durch frühe Zeugen, durch Paulus zu den Nationen und durch Johannes zu Israel.
In der Praxis begegnet oft eine vereinfachte Dreiteilung: Zeitalter Israels, Zeitalter der weltweiten Gemeinde und Millennium beziehungsweise Neue Erde. Dabei soll genau beachtet werden, wer in einem biblischen Text angeredet wird, etwa Juden, Jünger, Hebräer oder die Nationen.
Endzeitlehre und Auslegung
Der moderne Dispensationalismus legt die Bibel wörtlich aus, berücksichtigt dabei aber die jeweilige Literaturgattung. Ein Gleichnis wird also als Gleichnis verstanden. Abgelehnt wird eine willkürliche Allegorisierung, bei der Aussagen ohne klare Textgrundlage symbolisch umgedeutet werden.
Noch nicht erfüllte Prophezeiungen des Alten Testaments, die an Israel gerichtet sind, werden für die Zukunft erwartet. Dazu gehört besonders ein Israel verheißenes irdisches Reich, das Millennium oder Tausendjährige Reich.
Dispensationalisten unterscheiden zwischen den Erwartungen Israels und der Gemeinde. Das alttestamentliche Israel habe irdische Erwartungen, die Gemeinde dagegen eine himmlische Erwartung. Zur Gemeinde gehören in der gegenwärtigen Dispensation alle Gläubigen, auch Israeliten.
Wie andere futuristische Prämillenaristen erwarten Dispensationalisten die Herrschaft des Antichrists und die Entrückung der Gemeinde in den Himmel vor dem Tausendjährigen Reich. Über den genauen Ablauf gibt es unterschiedliche Positionen. Die Mehrheit vertritt den Prätribulationismus: Die Gemeinde werde vor der Herrschaft des Antichrists durch eine erste unsichtbare Wiederkunft Christi in den Himmel entrückt. Andere sehen die Entrückung in der Mitte der antichristlichen Herrschaft, Mediotribulationismus, oder an deren Ende, Posttribulationismus.
Die sichtbare Wiederkunft Jesu Christi beendet nach dieser Lehre die Herrschaft des Antichrists mit der Schlacht von Harmagedon. Danach folgt das Millennium, in dem Christus zusammen mit seiner Gemeinde auf der Erde herrscht. Anschließend wird Satan noch einmal losgebunden, es kommt zu einem letzten Angriff auf Jerusalem, den Gott mit Feuer abwehrt, und zum Weltgericht. Danach folgen als letzter Äon die Neue Erde und der Neue Himmel.
Wirkung und Kritik
Der dispensationalistische Literalismus hatte starken Einfluss auf spätere Formen des Evangelikalismus. Auch in Literatur und Film wurde die endzeitliche Sicht verbreitet. In den USA wurde die Romanserie „Finale“ beziehungsweise „Left Behind“ von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins ein Bestseller. Viele Leser hielten die Erzählungen für real und sahen darin einen Fahrplan für die Endzeit. Filme wie „A Thief in the Night“ von 1972, „Das siebte Zeichen“ von 1988 sowie mehrere „Left Behind“-Verfilmungen griffen ähnliche Motive auf.
Kritik richtet sich besonders gegen die Endzeitlehre und die Einteilung in Dispensationen. Der anglikanische Neutestamentler und Bischof N. T. Wright kritisiert in „Surprised by Hope“ die Eschatologie des Dispensationalismus als eskapistisch und weltabgewandt. Nach seiner Kritik betone sie Entrückung und Errettung von dieser Erde, statt der biblischen Hoffnung auf das Reich Gottes zu folgen, das „im Himmel wie auf Erden“ komme.
Andere Kritiker halten die Grenzen zwischen den Dispensationen für willkürlich. Sie weisen darauf hin, dass in der Bibel ausdrücklich eine „Dispensation der Gnade“ und das Millennium erwähnt würden, aber nicht alle weiteren Bezeichnungen. So gebe es etwa „menschliche Regierung“ nicht nur in einer bestimmten Phase, sondern auch vorher und nachher.
Weitere Kritik sieht im Dispensationalismus ein Schubladendenken, das den Unterschied zwischen gewöhnlichen und besonderen Gaben des Heiligen Geistes überbetone. Iain H. Murray kritisiert außerdem, der Dispensationalismus erkenne die Bedeutung des Gesetzes Gottes in den Zehn Geboten nicht ausreichend an. John F. MacArthur, über den Murray schrieb, sagte dagegen, er habe den Dispensationalismus nicht verworfen und beabsichtige dies auch nicht.