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Sexus

grammatisches Geschlecht (Genus: maskulinum, femininum, neutrum), 2. natürliches Geschlecht (Sexus: männlich, weiblich)“. ↑ Kleines linguistisches …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Sexus, Genus und Gender
  2. 2. Geschlechtsneutrale Personenwörter
  3. 3. Genus-Sexus-Prinzip und Kongruenz
  4. 4. Feminine Formen und Sexus durch Genus
  5. 5. Generisches Maskulinum und Kritik
  6. 6. Sexusneutrale Sprache und nichtbinäre Personen

Sexus, Genus und Gender

Sexus ist in der Sprachwissenschaft das semantische, also zur Wortbedeutung gehörende Geschlecht vieler Personenbezeichnungen und einiger Tierbezeichnungen. Er bezieht sich auf das natürliche beziehungsweise biologische Geschlecht der bezeichneten Lebewesen und kann [+weiblich] oder [+männlich] sein. Nur Bezeichnungen für Belebtes können dieses Merkmal enthalten. Es kann unsichtbar sein, etwa bei Paul, oder sichtbar markiert werden, etwa durch -a in Paula, -in in Lehrerin oder die Bestandteile -frau und -mann in Geschäftsfrau und Vertrauensmann.

Sexus ist vom Genus zu unterscheiden. Genus ist das innersprachliche grammatische Geschlecht eines Substantivs: Maskulinum, Femininum oder Neutrum. Gender bezeichnet je nach Konzept das kommunikativ relevante soziale oder psychologische Geschlecht. Die Duden-Grammatik unterscheidet sexusindifferente, spezifisch männliche und spezifisch weibliche Verwendungen. „Sexusindifferent“ bedeutet dabei nicht, dass Personen kein Geschlecht haben, sondern dass dieses im jeweiligen Kommunikationszusammenhang nicht relevant ist.

Das binäre Konzept wird diskutiert, weil es nichtbinäre Geschlechtsidentitäten nicht einbezieht. Diewald verweist darauf, dass die rechtliche Geschlechtsoption „divers“ 2018 in Deutschland und 2019 in Österreich Benennungs- und Kategorisierungslücken jenseits der Zweigeschlechtlichkeit sichtbar machte. Unterschiedliche Fachquellen definieren Sexus entweder als biologisches oder als biologisch-soziales Geschlecht.

Geschlechtsneutrale Personenwörter

Sexusindifferente Personenbezeichnungen enthalten kein Merkmal [+weiblich] oder [+männlich]. Sie können sich unabhängig von ihrem festen Genus auf Menschen aller Geschlechter beziehen. Beispiele sind die Person, der Mensch, das Kind, die Geisel, der Gast, das Mitglied und das Individuum. Diese Wörter sind nicht paarig in eine männliche und eine weibliche Form aufteilbar; ihre Bedeutung lässt das Geschlecht offen. Um es ausdrücklich anzugeben, braucht man etwa ein Adjektiv wie weibliches Kind oder einen spezifischen Unterbegriff wie Mädchen oder Junge.

Morphologie, also die Wortform, kann bei der Genuszuweisung wichtiger sein als die Bedeutung. Bei Komposita bestimmt meist das letzte Glied das Genus: Lehrkraft und Lehrerschaft sind feminin und geschlechtsneutral; Bedienung, Geschäftsführung und Leitung können ebenfalls geschlechtsneutral Personen bezeichnen. Die Endung -ling führt zum Maskulinum, ohne zwingend männlichen Sexus auszudrücken, etwa bei Impfling und Neuling. Englische Entlehnungen wie der Fan, der Star, der Coach, der Consultant und der CEO erhalten gewöhnlich ein maskulines Genus, können aber sexusfrei gebraucht werden; für Ausschreibungen wird beispielsweise Coach (m/w/d) empfohlen.

Pluralwörter wie die Leute, die Eltern und die Geschwister haben weder Sexus noch Genus. Die gelegentliche Ableitung Gästin macht Gast nicht nachträglich zu einer ausschließlich männlichen Bezeichnung.

Genus-Sexus-Prinzip und Kongruenz

Bei sexusspezifischen Personenbezeichnungen gilt im Deutschen normalerweise das Genus-Sexus-Prinzip: Bezeichnungen für weibliche Personen sind feminin, Bezeichnungen für männliche Personen maskulin. Beispiele sind die Mutter – der Vater, die Schwester – der Bruder, die Lehrerin – der Lehrer sowie die Stute – der Hengst. Die Regel gilt nach Diewald und Nübling fast zu 100 Prozent und ist das verlässlichste semantische Prinzip der Genuszuweisung. Besonders strikt ist sie bei Vornamen und Verwandtschaftsbezeichnungen. Entlehnungen folgen ihr ebenfalls, etwa die Lady und der Boy.

Das Genus steuert die Kongruenz, also die grammatische Übereinstimmung mit anderen Wörtern: Artikel, Pronomen, Adjektive und Prädikationen richten sich danach. Daher heißt es: „Die Lehrerin freut sich über ihre Auszeichnung; sie ist eine beliebte Mitarbeiterin.“ Entsprechend: „Der Lehrer freut sich über seine Auszeichnung; er ist ein beliebter Mitarbeiter.“ Bei Vornamen zeigt sich dies beispielsweise in „Die kluge Paula“ und „der kluge Paul“.

Verwandtschaftsnamen sind mit Ausnahme von Eltern und Geschwister grundsätzlich geschlechtsgebunden; ihre Maskulinformen werden nicht generisch verwendet. Bei Cousin – Cousine und Enkel – Enkelin gibt es Formen mit gleichem Wortstamm. Alle meine Cousins schließt laut Artikel keine Cousinen ein. Vornamen können geschlechtsgebunden, für beide Geschlechter verwendbar oder geschlechtsneutral sein; bei geschlechtsoffenkundigen Namen wird das Genus dem Sexus zugeordnet.

Ausnahmen entstehen vor allem durch Wortformregeln. Diminutive haben Neutrum, zum Beispiel das Mädchen, das Brüderchen und das Schwesterlein. Bei Komposita bestimmt das Grundwort das Genus, etwa die Mannsperson und das Frauenzimmer. In solchen Fällen ist sowohl grammatische Kongruenz möglich („Das Mädchen … es … seine“) als auch semantische Kongruenz nach dem natürlichen Geschlecht („Das Mädchen … sie … ihre“).

Feminine Formen und Sexus durch Genus

Rund 12.000 weibliche Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen zeigen ihren weiblichen Sexus mit der Endung -in und haben feminines Genus, zum Beispiel Lehrerin. Die Femininform wird meist an eine maskuline Bezeichnung oder ihren Stamm angehängt: Lehrer – Lehrerin, Kollege – Kollegin, Arzt – Ärztin. Dabei kann ein Umlaut entstehen. Die Movierungsregel der Duden-Grammatik verbindet -in nur mit maskulinen Personen- und Tierbezeichnungen. Unmarkierte weibliche Bezeichnungen wie Amme, Hexe und Witwe enthalten zwar weiblichen Sexus, aber keine sichtbare Endung -in.

Der Online-Duden ergänzte 2021 zu rund 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen eigenständige feminine Artikel. Lehrerin bedeutet dort „weibliche Person“, Lehrer „männliche Person“; auf die geschlechterübergreifende Gebrauchsmöglichkeit der Maskulinformen wird zusätzlich hingewiesen.

Bei Substantivierungen aus Adjektiven oder Partizipien gibt es zunächst weder Sexus noch festes Genus. Das Genus weist den Sexus erst zu: die Verwandte steht einer weiblichen, der Verwandte einer männlichen Person gegenüber; im Neutrum kann das Verwandte eine Sache bezeichnen. Ebenso unterscheiden sich die Studierende und der Studierende. Diese variable Genuszuweisung heißt Differentialgenus; im Singular ist die Geschlechtsinformation grammatisch unvermeidbar. Bei Personifizierungen wird fiktiver Sexus ebenfalls oft dem Genus angepasst, etwa Frau Elster – Herr Fuchs, Mutter Mosel – Vater Rhein oder Frau Sonne – Mann im Mond.

Weitere Ausnahmen vom Genus-Sexus-Prinzip sind sexusspezifische Wörter mit abweichendem Genus. Das Mädchen und das Mädel sind wegen ihrer Verkleinerungsendung Neutra. Weibliche Personen können auch mit Maskulina oder Neutra wie der Vamp, das Weib oder das Groupie bezeichnet werden; männliche Personen unter anderem mit Feminina oder Neutra wie die Memme, die Eminenz oder das Männchen. Der Artikel nennt bei mehreren solchen Formen Abwertung, soziale Distanz oder eine Markierung als nicht den Geschlechterrollenerwartungen entsprechend.

Generisches Maskulinum und Kritik

Maskuline Personenbezeichnungen der Klasse C können zwei Verwendungen haben: sexusspezifisch für Männer und sexusindifferent beziehungsweise generisch für Personen aller Geschlechter oder für Personen unbekannten Geschlechts. Der Lehrer kann daher entweder einen Mann oder im verallgemeinernden Sinn Lehrpersonen meinen. Das generische Maskulinum hat eine maskuline Ausdrucksform, soll aber inhaltlich allgemeingültig sein. Auch Pronomen und Artikel können generisch maskulin sein, etwa „jeder von uns“ oder „Der Angestellte genießt Kündigungsschutz“. Beim generischen Singular wird an einem einzelnen Beispiel eine Aussage über eine gesamte Gruppe gemacht.

Nicht jede maskuline Personenbezeichnung ist generisch: Mensch, Gast und Impfling sind bereits sexusfrei, während Mann, Herr, Junge und Verwandtschaftsnamen sexusspezifisch sind. Einige Zusammensetzungen mit -mann werden in Rechtstexten dennoch geschlechterübergreifend gebraucht, etwa Vertrauensmann, Schiedsmann oder Bauherr. Die Arbeitsgruppe Rechtssprache empfahl 1991, männliche Letztglieder durch neutrale Varianten wie -personen oder -leute zu ersetzen.

Kritik am generischen Maskulinum richtet sich vor allem gegen seine formale Gleichheit mit der nur männlichen Verwendung. Dadurch kann der Eindruck entstehen, Frauen seien nicht gemeint. Die Duden-Grammatik verweist auf Experimente, die diese Annahme stützen, und nennt Paarformen wie „Alle Schülerinnen und Schüler“ als Alternative. Der Online-Duden weist seit 2021 bei etwa 12.000 Maskulinformen auf die mögliche Mehrdeutigkeit hin. Trutkowski bewertet diese meist nicht als Problem, weil der Kontext gewöhnlich die wahrscheinlichste Bedeutung liefere.

Eine psycholinguistische Studie der Universitäten Kassel und Würzburg von Februar 2022 verglich generische Maskulinformen, Beidnennungen und Gendersternchen. Generische Maskulinformen wurden am schnellsten gelesen, führten aber deutlich seltener zu einer mentalen Repräsentation von Frauen. Bei Paarformen war die Repräsentation ausgeglichen; beim Genderstern wurde etwas häufiger an Frauen als an Männer gedacht.

Sexusneutrale Sprache und nichtbinäre Personen

Geschlechtergerechte Sprache verfolgt neben der Sichtbarmachung von Frauen auch die Neutralisierung: Sexusbezogene Bezeichnungen werden durch Formulierungen ersetzt, die kein Geschlecht andeuten. Dazu gehören sexusindifferente Personenwörter wie Lehrpersonen, substantivierte Partizipien wie Lehrende und Sachbezeichnungen wie Lehrkräfte. Möglich sind außerdem Umschreibungen wie „lehrend tätig sein“, Relativsätze wie „alle, die unterrichten“, Passivformen wie „Es ist zu beachten“ und direkte Anreden. Der Wechsel zum Plural kann die Genuswahl im generischen Singular vermeiden, etwa alle von uns statt jeder von uns.

Schreibweisen mit Genderzeichen wie Lehrer*in, Lehrer:in, Lehrer_in und Lehrer’in sind nicht sexusneutral: Sie sollen zwischen [+männlich] und [+weiblich] symbolisch auch eine dritte, nichtbinäre Option sichtbar machen. Für nichtbinäre Personen bietet das Deutsche laut Artikel weder ein passendes Genus noch passende sexusspezifische Bezeichnungsformen. Wer keine weiblichen oder männlichen Pronomen akzeptiert, bevorzugt häufig neutrale Formulierungen; manche Personen verwenden Neopronomen wie xier oder sier. Empfohlen wird, nach dem bevorzugten Pronomen zu fragen oder gegenderte Anreden und Bezeichnungen zu vermeiden.

Als experimentelle Vorschläge werden die X-Endung von Lann Hornscheidt, etwa einx gutx Lehrx und alle Lehrxs, sowie die Neubildung ens genannt. Hermes Phettbergs Y-Endung verbindet Neutrum und -y, etwa das Lesy und die Lesys. Luise F. Pusch schlug langfristig vor, heutige maskuline Formen mit allen drei Genera zu kombinieren, etwa der/die/das Professor; Nele Pollatschek befürwortet ebenfalls möglichst wenig Geschlechtsmarkierung, zum Beispiel „das Bundeskanzler“.

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