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Genus
Im Deutschen und anderen Sprachen gibt es Genera, die die Namen der natürlichen Geschlechter (Sexus) „männlich/maskulin“ oder „weiblich/feminin“ tragen. Es …
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Grundbegriff und grammatische Funktion
Das Genus, auf Deutsch grammatisches Geschlecht, ist eine Klassifikation von Substantiven. Jedem Substantiv ist in der Regel ein festes Genus zugeordnet. Dieses Genus zeigt sich vor allem daran, dass andere Wörter, die sich auf das Substantiv beziehen, ihre Form verändern. Diese Übereinstimmung heißt Kongruenz. Im Deutschen kongruieren unter anderem Artikel, Adjektive und bestimmte Pronomen mit dem Genus des Substantivs: der frische Salbei, die frische Petersilie, das frische Basilikum.
Das Genus ist keine Beugungsform des Substantivs. Das Substantiv Prinz trägt das Merkmal Maskulinum; die Formen Koch und Köchin sind dagegen durch Wortbildung beziehungsweise Movierung entstanden und gelten als verschiedene Wörter. Der Plural ist hingegen eine Beugungsform des Substantivs. Für den Nachweis eines Genussystems genügt deshalb nicht, dass Wörter Bedeutungen wie „männlich“ oder „weiblich“ haben. Entscheidend ist, ob Genus-Kongruenzregeln existieren.
Genus ist von morphologischen Eigenschaften, also der Form eines Wortes, und von semantischen Eigenschaften, also seiner Bedeutung, zu unterscheiden. Endungen oder Bedeutungsgruppen können zwar Hinweise auf das Genus geben, bilden aber nicht dessen Definition. Im Deutschen haben beispielsweise Diminutive auf -chen stets Neutrum; deshalb heißt es das Mädchen, das seine Haare offen trug, obwohl Mädchen eine weibliche Person bezeichnet.
Neben Genus wirken je nach Sprache weitere Kategorien auf kongruierende Wörter ein: Numerus (Singular oder Plural), Kasus (Fall), Definitheit (bestimmt oder unbestimmt) und Belebtheit. In manchen Sprachen sind die Genera nur im Singular unterscheidbar. Im Deutschen und den meisten germanischen Sprachen fällt die Genusunterscheidung im Plural weg. Bei Pluraliatantum, also Wörtern ohne Singular wie Kosten oder Ferien, lässt sich das zugrunde liegende Genus daher nicht aus der Kongruenz bestimmen.
Nominalklasse ist ein weitgehend gleichbedeutender Begriff, der besonders bei Sprachen mit vielen Klassen, etwa Bantusprachen, verwendet wird. In diesen Sprachen werden Singular- und Pluralklassen getrennt gezählt. Eine scharfe Grenze zwischen Genus und Nominalklasse gibt es nicht.
Genuskongruenz und wichtige Wortarten
Genus kann an verschiedenen Wörtern markiert werden. Artikel zeigen im Deutschen das Genus besonders deutlich: der Löffel, die Gabel, das Messer. Sprachen wie Latein und Russisch haben dagegen keine Artikel. In anderen Sprachen wird Definitheit unabhängig vom Genus markiert oder am Substantiv selbst ausgedrückt, etwa durch Nachsilben in skandinavischen Sprachen oder durch Vorsilben im Arabischen und Hebräischen.
Adjektive kongruieren häufig nach Genus, Numerus und gegebenenfalls Kasus. Im Deutschen unterscheiden sich die Formen außerdem nach dem Gebrauch: ein grüner Baum, der grüne Baum, der Baum ist grün. Im Russischen, Dänischen und Deutschen zeigen Beispiele wie „kleiner Baum“, „kleine Wiese“ und „kleines Haus“ ebenfalls die Genusunterschiede. Zahlwörter können in manchen Sprachen nach dem Genus variieren. Im Russischen ist nur die Zwei nach Genus verschieden; im Hebräischen tragen Zahlwörter für maskuline Gegenstände feminine und für feminine Gegenstände maskuline Endungen.
Personal- und Demonstrativpronomen richten sich meist nach dem Genus des bezeichneten Substantivs. Possessivpronomen können sowohl das Genus des Besitzers als auch das des Besitzes ausdrücken: seine beziehungsweise ihre Jacke sowie sein oder seine Buch. Indefinit- und Fragepronomen haben im Deutschen ein eigenes Genus: jemand, man und wer sind maskulin, etwas und was neutral, unabhängig vom natürlichen Geschlecht oder vom Genus des Gemeinten.
Finite Verben markieren im Deutschen vor allem den Numerus des Subjekts, nicht dessen Genus. In anderen Sprachen kann das Verb auch Genus und Numerus von Subjekt oder Objekt ausdrücken. Im modernen Hebräisch unterscheiden sich beispielsweise raqadta „du, männlich, tanztest“ und raqadet „du, weiblich, tanztest“. Infinite Verbformen verhalten sich hinsichtlich der Kongruenz ähnlich wie andere Wortarten. Das deutsche Partizip kongruiert attributiv: ein lächelnder Verkäufer, eine lächelnde Verkäuferin.
Eine Constructio ad sensum liegt vor, wenn ein Pronomen nicht formal dem Genus oder Numerus des Substantivs folgt, sondern der gemeinten Person oder Menge. Bei einer Person mit bekanntem natürlichen Geschlecht kann ein entsprechendes Pronomen gewählt werden: Das Mädchen kam herein. Sie arbeitet hier. Der Gebrauch ist teilweise umstritten. Relativpronomen folgen dagegen dem Genus ihres Bezugswortes: Die Schülerin ist ein nettes Mädchen, das außerdem fleißig ist.
Genera, Sexus und Bedeutungsgruppen
Maskulinum, Femininum und Neutrum sind grammatische Kategorien. Sie bezeichnen nicht automatisch biologische Geschlechter. Im Deutschen sind der Löffel, die Gabel und das Messer Beispiele für unbelebte Wörter mit unterschiedlichem Genus. Ein Bezug zwischen Genus und natürlichem Geschlecht besteht vor allem bei spezifischen Personenbezeichnungen: der Mann und die Frau. Er ist jedoch nicht ausnahmslos, etwa bei das Weib oder bei Diminutiven wie das Mädchen und das Fräulein.
Generische Wörter können Wesen beider Geschlechter bezeichnen. Im Deutschen gibt es dabei maskuline, feminine und neutrale Formen: der Mensch, die Person, das Kind. Bei Tierbezeichnungen treten ähnliche Verteilungen auf: der Bär, die Katze und das Reh können jeweils generisch verwendet werden. Manche Tiernamen sind außerdem geschlechtsspezifisch, etwa der Kater, die Stute oder der Hengst. Die Verteilung folgt keiner einheitlichen biologischen Regel. Große Tiere und Fleischfresser sind häufiger maskulin, wichtige Weidetiere häufiger neutral, viele Insekten und kleine Vögel häufiger feminin.
Genus und Sexus können besonders deutlich auseinanderfallen: die Biene bezeichnet generisch die Art, der Drohne aber ein männliches Tier; die Nachtigall ist grammatisch feminin, obwohl meist der singende Vogel gemeint ist. Bei Rollenbezeichnungen kann ein Maskulinum zugleich allgemein und speziell männlich verwendet werden: der Student kann alle Studierenden oder nur einen männlichen Studenten bezeichnen, während die Studentin eindeutig weiblich ist. Diese Asymmetrie wird in der feministischen Linguistik kritisiert; die Bewertung ist umstritten.
Bei unbelebten Wörtern bestehen teilweise Regeln der Wortbildung. Suffixe wie -heit, -keit, -schaft, -ung, -in und -ei führen meist zum Femininum, -chen, -lein und meist -tum zum Neutrum, -ling zum Maskulinum. Verbableitungen ohne Suffix sind überwiegend maskulin, etwa der Gang oder der Fluch; bestimmte vorbereitete Dinge heißen jedoch das Bad oder das Grab. Wörter auf -nis sind nie maskulin, aber feminin oder neutral. Das Genus kann auch Bedeutungen unterscheiden: der Band und das Band, der Bund und das Bund.
Weitere Zuordnungen sind konventionell: Wochentage, Monate und Jahreszeiten sind maskulin; Sprachnamen sind neutral; Schiffsnamen sind feminin; Automarken sind maskulin, Motorradmarken feminin und Fahrradmarken neutral. Für viele Substantive gibt es jedoch keine verallgemeinerbare semantische Erklärung.
Besondere und historische Entwicklungen im Deutschen
Das Genus eines Wortes kann regional oder individuell verschieden verwendet werden, ohne dass eine Form allgemein als falsch gilt: der oder das Gummi, die oder das Cola. Bei polysemen Wörtern können verschiedene Bedeutungen mit verschiedenen Genera verbunden sein, etwa der oder das Schild sowie der oder die See. Ein Genus commune bezeichnet ein Wort, das je nach natürlichem Geschlecht maskulin oder feminin gebraucht wird, zum Beispiel der oder die Studierende. Ein Genus epicoenum bezeichnet dagegen ein Wort mit festem Genus, das Wesen beider Geschlechter einschließt, etwa die Schwalbe oder der Adler.
Das Deutsche unterscheidet drei Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Der bestimmte Artikel lautet im Singular der, die, das; der unbestimmte Artikel lautet ein, eine, ein. Im Plural werden die Genera bei Artikeln und Adjektiven nicht mehr unterschieden. Das Deutsche besitzt dennoch eines der umfangreichsten Genussysteme unter den heutigen germanischen Sprachen.
Historisch ist die Genuskongruenz im Deutschen zurückgegangen. Im Mittelhochdeutschen hatte der bestimmte Artikel im Plural im Nominativ und Akkusativ noch die maskulin-feminine Form die und die neutrale Form diu. Im Neuhochdeutschen blieb nur die. Auch die Personalpronomen der dritten Person Plural verloren ihre frühere Genusunterscheidung: Im Althochdeutschen gab es im Nominativ und Akkusativ maskuline, feminine und neutrale Formen, im Mittelhochdeutschen noch zwei, im Neuhochdeutschen nur sie. Die Adjektivkongruenz entwickelte sich ähnlich von drei über zwei zu einer Pluralform.
Bei Pronomen gilt grundsätzlich das Genus des vertretenen Wortes. Bei Indefinitpronomen ist es eigenständig: jemand ist maskulin, etwas neutral. Reflexive Possessivpronomen sollen möglichst dem Bezugswort folgen: Das Mädchen hatte sein Haar zusammengebunden. Abweichungen können durch den natürlichen Sexus oder den Sinnzusammenhang entstehen.
Erklärungen des Verhältnisses von Genus und Sexus waren historisch umstritten. Frühere Grammatiker, darunter Jacob Grimm, deuteten Genera teilweise über Eigenschaften und Vorstellungen von Männern und Frauen. Seit den 1960er Jahren stehen sich zwei Auffassungen gegenüber: Eine sieht bei Personenbezeichnungen einen grundlegenden Zusammenhang von Genus und Sexus; die andere betrachtet die Genuszuordnung überwiegend als sprachlich festgelegt und nicht biologisch begründet. Auch der Grammatik-Duden änderte seine Position: 1966 nahm er einen semantisch motivierten Ursprung an, ab 1973 verneinte er strikt einen Zusammenhang zwischen Genus und Sexus.
Genussysteme der germanischen Sprachen
Das Protogermanische hatte Maskulinum, Femininum und Neutrum. Viele germanische Sprachen verloren im Lauf der Zeit Genusunterscheidungen: Maskulinum und Femininum verschmolzen häufig zum Utrum, teilweise kam es anschließend zu einer weiteren Annäherung an das Neutrum.
Drei nominale Genera mit Adjektivkongruenz bestehen heute vor allem im Deutschen, Niederdeutschen, Nynorsk und Isländischen sowie in kleineren Sprachen und Dialekten. Im Niederländischen, Dänischen, Schwedischen, im norwegischen Bokmål und im Westfriesischen stehen Utrum und Neutrum im Vordergrund. Englisch, Afrikaans und modernes Jiddisch unterscheiden bei Substantiven keine Genera mehr. Die Personalpronomen der dritten Person Singular bewahren jedoch in allen heute gesprochenen germanischen Sprachen drei Formen für männlich, weiblich und neutral.
Das Isländische erhält die ursprünglichen Genera besonders vollständig und unterscheidet sie auch im Plural der dritten Person: þeir, þær, þau. Nynorsk hat drei Pronomen im Singular, aber wie Deutsch nur ein Pronomen im Plural. Im Deutschen heißen die Formen er, sie, es; im Niederländischen hij, zij, het; im Schwedischen han, hon, det; im Englischen he, she, it.
Im Dänischen ist auch die Adjektivkongruenz weitgehend aufgegeben. Das Niederländische und Schwedische verwenden Utrum auch für unbelebte Substantive. Im westfriesischen System gibt es Utrum und Neutrum; ein Beispiel ist in grutte hûn gegenüber grut hûs. Das Nordfriesische zeigt eine uneinheitliche Lage: Auf dem Festland bestehen drei Genera, auf mehreren Inseln sind Femininum und Neutrum weitgehend oder vollständig zusammengefallen.
Das Englische hat den Genusschwund besonders weit fortgeführt. Der bestimmte Artikel the und das Adjektiv good zeigen heute keine Genusunterscheidung mehr. Im Altenglischen unterschieden Demonstrativpronomen und Adjektive dagegen noch Maskulinum, Femininum und Neutrum in mehreren Kasus. Der englische Artikel the entwickelte sich aus diesem Demonstrativpronomen.
Genussysteme anderer Sprachen
Ungefähr die Hälfte aller Sprachen kennt kein Genus. Dazu gehören unter anderem Armenisch, Persisch, Baskisch, Chinesisch, Finnisch, Ungarisch, Georgisch, Japanisch, Koreanisch, Türkisch und Vietnamesisch. Einige Sprachen haben kein Substantivgenus, aber ein Pronominalgenus. Im Englischen unterscheiden he, she und it vor allem nach Sexus und Belebtheit. Umgekehrt gibt es Sprachen wie Hindi-Urdu und Pandschabi, in denen Substantive Genera haben, die Pronomen aber nicht.
Viele moderne romanische Sprachen unterscheiden Maskulinum und Femininum, nicht mehr jedoch ein eigenständiges Neutrum. Dazu zählen Italienisch, Französisch, Katalanisch, Spanisch, Portugiesisch und Galicisch. Reste des Neutrums bestehen etwa im Spanischen bei substantivierten Adjektiven wie lo malo. Auch zahlreiche indoiranische, baltische, keltische und semitische Sprachen besitzen Maskulinum und Femininum.
Drei nominale Genera bewahren unter anderem Rumänisch, Aromunisch, die meisten slawischen Sprachen, Griechisch, Latein, Sanskrit und einige dravidische Sprachen. Im Rumänischen verhält sich das sogenannte Neutrum im Singular wie ein Maskulinum und im Plural wie ein Femininum. In dravidischen Sprachen kann das Genus dem natürlichen Geschlecht entsprechen; im Plural fallen Maskulinum und Femininum teilweise zusammen, während das Neutrum eigene Formen behält.
Andere Systeme ordnen Substantive nach Belebtheit oder nach anderen Klassen. Santali und Munda-Sprachen sowie Algonkin-Sprachen unterscheiden Belebtes und Unbelebtes, wobei diese Kategorien nicht immer der außersprachlichen Vorstellung entsprechen. Hethitisch unterschied wahrscheinlich ebenfalls belebt und unbelebt; Sumerisch hatte eine Personen- und eine Sachklasse. Einige dravidische Sprachen unterscheiden nur Maskulinum und Nicht-Maskulinum. Telugu hat im Singular Maskulinum und Nicht-Maskulinum, im Plural jedoch Utrum und Neutrum; es besitzt feminine Pronomen, die im Singular wie Neutra behandelt werden.
Insgesamt zeigen die Sprachsysteme, dass Genus nicht weltweit dieselbe Zahl oder Bedeutung hat. Es kann mit Sexus und Belebtheit zusammenhängen, aber auch unabhängig davon durch Kongruenzregeln, Wortbildung und sprachgeschichtliche Entwicklung bestimmt sein.
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