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Nichtbinäre Geschlechtsidentität

Ab 2009 entwickelte Illi Anna Heger dieses Personalpronomen zusammen mit den Possessivpronomen ... Dezember 2021 (französisch; „Pronom personnel sujet de la …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Abgrenzungen
  2. 2. Wichtige Identitäten und Begriffe
  3. 3. Entwicklung, Selbstbezeichnungen und Verbreitung
  4. 4. Rechtliche Anerkennung und Lebenssituation
  5. 5. Pronomen, Anrede und inklusive Sprache
  6. 6. Symbole, Aktionstage und Medien

Grundbegriff und Abgrenzungen

Nichtbinäre Geschlechtsidentität, kurz Nichtbinarität oder nichtbinär (englisch nonbinary, enby), ist eine Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten von Menschen, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich verstehen und sich außerhalb der binären, zweigeteilten Geschlechterordnung verorten. Auch genderqueer und gender-nonkonform werden verwendet; bestimmte nichtbinäre Identitäten können als transgeschlechtlich verstanden werden.

Nichtbinarität ergibt sich nicht aus bestimmten Körpermerkmalen. Sie ist von biologischem Geschlecht, Geschlechtsmerkmalen und sexueller Identität zu unterscheiden. Nichtbinäre Menschen können unterschiedliche romantische Ausrichtungen und sexuelle Orientierungen haben, etwa auf Männer, Frauen oder mehrere Geschlechter gerichtet sein, oder nicht-sexuell sein. Die Identität ist häufig weder am Aussehen noch am Verhalten abzulesen und muss nicht androgyn sein. Androgyn bedeutet, dass männliche und weibliche Eigenschaften verbunden werden; der Begriff kann sich sowohl auf eine Identität als auch auf Aussehen, Kleidung oder Auftreten beziehen.

Selbstdefinitionen und Selbstbeschreibungen sollen anerkannt und nicht grundsätzlich infrage gestellt werden. Die 2015 vom National Center for Transgender Equality (NCTE) verwendete Definition umfasst Personen, deren Geschlecht nicht ausschließlich männlich oder weiblich ist, einschließlich Personen, die sich keinem Geschlecht, einem anderen Geschlecht oder mehr als einem Geschlecht zugehörig fühlen. Merriam-Webster definiert nonbinary als eine Geschlechtsidentität, die weder vollständig männlich noch vollständig weiblich ist.

Wichtige Identitäten und Begriffe

Nichtbinäre Identitäten bilden ein vielfältiges Spektrum:

  • genderfluid bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich verschiebt oder flexibel verändert. Menschen können sich zwischen verschiedenen Geschlechtern bewegen oder mehrere Geschlechter gleichzeitig ausdrücken.
  • bigender bezeichnet je nach Definition den Wechsel zwischen Frau und Mann oder die gleichzeitige beziehungsweise abwechselnde Identifikation mit zwei Geschlechtern. Diese müssen nicht Mann und Frau sein.
  • trigender umfasst Frau, Mann und eine dritte Geschlechtsidentität; die dritte kann eine Mischform, ein weiteres Geschlecht oder das zeitweilige Gefühl sein, keinem Geschlecht anzugehören.
  • pangender bedeutet, sich mehreren oder allen Geschlechtern zugehörig zu fühlen, ohne auf eines festgelegt zu sein. Auch polygender und omnigender werden dafür verwendet.
  • agender bedeutet „ungeschlechtlich“ oder „geschlechtslos“. Agender-, gender-neutrale, neuter- oder neutrois-Personen identifizieren sich mit keinem Geschlecht oder haben keine Geschlechtsidentität.
  • demigender bedeutet, sich teilweise oder hauptsächlich mit einem Geschlecht und zugleich mit einem anderen zu identifizieren. Demigirl und demiboy sind entsprechende Untergruppen.
  • genderqueer bedeutet, Geschlecht als Kategorie zu hinterfragen oder sich weder beziehungsweise nicht immer vollständig weiblich oder männlich zu fühlen.
  • gender-nonconforming kann eine Selbstbezeichnung sein, wird aber auch für Abweichungen von gesellschaftlichen Vorstellungen über geschlechtstypisches Verhalten oder Aussehen verwendet. Diese Bedeutung bezieht sich nicht zwingend auf die Geschlechtsidentität.

Transgeschlechtlich ist ein Oberbegriff für Personen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Er umfasst sowohl Trans-Männer und Trans-Frauen als auch nichtbinäre Personen. Cisgeschlechtlich bezeichnet dagegen die Übereinstimmung mit dem Geburtsgeschlecht. Die ältere Bezeichnung transsexuell wurde vor allem für binäre Wechsel von Frau zu Mann oder Mann zu Frau verwendet. Als alternative positive Bezeichnung zu nichtbinär wird seit Ende 2020 auch abinär vorgeschlagen, weil „nicht-“ die Abweichung von einer binären Norm als Fehlen darstellen könne.

Entwicklung, Selbstbezeichnungen und Verbreitung

Das Konzept der Nichtbinarität entwickelte sich in den 1990er Jahren in den USA und wurde seit 2010 weltweit zunehmend in den Medien behandelt. Judith Butler stellte 1990 in Gender Trouble die Naturgegebenheit und ausschließliche Zweiteilung des Geschlechts infrage. In den 1990er Jahren verbreitete sich im englischsprachigen Raum die Bezeichnung genderqueer. In Japan wird seit der Jahrtausendwende X-gender für eine Geschlechtlichkeit außerhalb von „Mann“ und „Frau“ verwendet. Öffentliche Erklärungen von Personen wie Sam Smith (2017), Elliot Page (2020) und Jonathan Van Ness (2019) erhöhten die internationale Aufmerksamkeit.

Im deutschsprachigen Raum wurde nicht-binär ab 2014 in Veröffentlichungen von TransInterQueer verwendet. Seit 2015 tauchte die Bezeichnung in Materialien der Interministeriellen Arbeitsgruppe Inter- & Transsexualität, im Queer-Lexikon und später in weiteren Glossaren auf. Nichtbinär gilt dabei sowohl als Sammelbegriff als auch als mögliche eigenständige Selbstbezeichnung. Personen können trans oder cis, inter oder dyadisch sein und weiblich, männlich, beides, keines, vieles oder etwas anderes sein.

Die Zahlen hängen stark von Fragestellung, Stichprobe und Definition ab. 2011 beschrieben sich im Vereinigten Königreich knapp 0,4 % von 10.000 Befragten nicht eindeutig als männlich oder weiblich. 2015 identifizierten sich in einer offenen US-NCTE-Befragung von rund 28.000 Transpersonen 35 % als non-binary/genderqueer. 2018 bezeichneten sich in einer Studie unter rund 81.000 Studierenden in Minnesota 2,7 % als transgender oder gender nonconforming. Eine Freiburger Veröffentlichung schätzte 2019, dass je nach Befragung zwischen 1,7 und 2,1 % einer Bevölkerung nichtbinär seien. Eine US-Befragung von 50.300 Studierenden aus dem Jahr 2020 ergab 1.844 Nichtbinäre, also 3,7 %.

Der Gender Census 2021 wertete rund 44.500 Online-Fragebögen nichtbinärer beziehungsweise gender-diverser Personen weltweit aus. Häufige Selbstbezeichnungen waren nonbinary (68,2 %), queer (48,0 %), enby (37,0 %), trans (33,5 %), gender non-conforming (32,9 %), transgender (29,2 %), genderqueer (27,1 %), genderfluid oder fluid gender (22,6 %) und agender (22,3 %). Die Begriffe können gleichzeitig gewählt werden und sind daher nicht als sich gegenseitig ausschließende Gruppen zu verstehen. In einer Ipsos-Befragung von 2021 identifizierten sich 4 % der Generation Z, aber rund 1 % älterer Personen nicht als männlich oder weiblich beziehungsweise als transgender, nichtbinär, gender-nonkonform, genderfluid oder divers.

Rechtliche Anerkennung und Lebenssituation

Seit den 2010er Jahren nahm die öffentliche Aufmerksamkeit für nichtbinäre Identitäten zu. Weltweit ermöglichen nur ungefähr 20 Staaten eine dritte Geschlechtsoption, meist mit dem Eintrag „X“. Selbst dort werden nichtbinäre Personen in Verwaltungsdaten teilweise weiterhin als männlich oder weiblich geführt; als Ausnahmen nennt der Artikel Malta und Dänemark. Daraus können Einschränkungen beim Eherecht, bei Einreisen in andere Staaten oder beim Militärdienst entstehen.

In Deutschland konnte seit Ende 2013 bei Neugeborenen, die weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden konnten, der Geschlechtseintrag offengelassen werden. Ende 2018 wurde mit § 45 Personenstandsgesetz „divers“ als dritte Geschlechtskategorie verankert. Zunächst war umstritten, wer diesen Eintrag nutzen durfte. Im April 2020 wurde festgelegt, dass das Verfahren nach § 45 zunächst ausschließlich für intergeschlechtliche Menschen vorgesehen war; nichtbinäre Personen mussten für eine Änderung den Weg über das Transsexuellengesetz (TSG) nutzen. Im November 2024 löste das Selbstbestimmungsgesetz das TSG ab. Seitdem können Personen ihren Geschlechtseintrag auf „divers“ ändern oder vollständig streichen lassen; ein vereinfachtes Verfahren und keine Begründung sind erforderlich. In Österreich besteht seit Anfang 2019 in begründeten Fällen die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag nachträglich zu „divers“ zu ändern.

Das deutsche Achte Sozialgesetzbuch nennt seit dem 10. Juni 2021 in § 9 Abs. 3 ausdrücklich „transidente, nichtbinäre und intergeschlechtliche junge Menschen“ und verlangt, unterschiedliche Lebenslagen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern. In Bangor in Wales wurde im Mai 2021 Owen J. Hurcum als erste nichtbinäre Person Europas in ein Bürgermeisteramt gewählt; weltweit war Tony Briffa 2010–2012 in Hobsons Bay, Australien, früher in einem solchen Amt.

Nichtbinäre Menschen können Diskriminierung und gesundheitliche Nachteile erfahren. Eine US-Studie von 2008 stellte fest, dass Personen, die „ein hier nicht aufgezähltes Geschlecht“ angaben, aus Angst vor Diskriminierung häufiger auf medizinische Versorgung verzichteten. Eine Studie von Transgender Europe aus dem Jahr 2017 beschrieb Nachteile im Gesundheitssystem. In der Trevor-Project-Befragung 2021 hatten 52 % der transgender oder nichtbinären Jugendlichen im Jahr 2020 einen Suizidversuch ernsthaft erwogen, 20 % unternahmen einen Versuch und 70 % berichteten schwere Depressionen. Wenn Mitbewohner die gewünschten Pronomen respektierten oder Name und Geschlecht in offiziellen Dokumenten angepasst werden konnten, waren Suizidversuche deutlich seltener.

Pronomen, Anrede und inklusive Sprache

Viele nichtbinäre Personen verwenden geschlechtsneutrale Pronomen. Im Englischen ist singularisches they besonders verbreitet: „they are a singer“ kann sich auf eine einzelne Person beziehen. Merriam-Webster nahm diese Bedeutung im September 2019 auf; das Chicago Manual of Style erlaubt singularisches they seit 2018 und befürwortet seit 2024 auch die generische Verwendung im Singular. Im Gender Census 2021 wählten 79,2 % they/them/their/theirs/themself. 12,6 % wollten keine Pronomen oder nur den Namen verwenden.

Im Deutschen gibt es keine allgemein verbreitete neutrale Lösung. Häufig verwendete Neopronomen sind dey, hen, en, they und sier. Beispiele für Deklinationen sind dey/deren/denen/dey, hen/hens/hem/hen und en/ens/em/en. Der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch empfiehlt en/ens/em/en auch als allgemeines neutrales Pronomen. Manche Personen möchten ausschließlich mit ihrem Namen angesprochen werden. Ein früherer Vorschlag ist xier/xieser/xiem/xien.

Für Personenbezeichnungen gibt es etablierte neutrale Wörter wie Lehrkraft, das Gendersternchen wie derdie Lehrerin und weitere Vorschläge. Der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch entwickelte das Inklusivum, zum Beispiel „de Lehrere“ und „De Gitarriste“. Beim Entgendern nach Phettberg steht etwa „das Lehry“. Als geschlechtsneutrale Anrede werden der vollständige Name oder „Person [Nachname]“ vorgeschlagen. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main entschied im Dezember 2020, dass der Schutz des Persönlichkeitsrechts nicht erst mit einer Personenstandsänderung beginnt; Online-Formulare sollten eine neutrale Grußformel oder keine geschlechtsspezifische Anrede erzwingen. Das deutsche Amtliche Regelwerk erwähnt seit Juli 2023 Gender-Doppelpunkt, Gendersternchen und Gender-Gap, stellt aber klar, dass diese Wortbinnenzeichen nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie gehören.

Auch andere Sprachen entwickeln Lösungen: Im Französischen gibt es iel, im Isländischen hán. Die geschlechtsneutrale englische Anrede Mx. wird anstelle von Mr. oder Ms. verwendet. Im Gender Census 2021 bevorzugten 34,7 % keinen Titel und 24,7 % Mx.

Symbole, Aktionstage und Medien

Es gibt mehrere Pride-Flaggen für das nichtbinäre Spektrum und einzelne Identitäten. Die 2014 von Kye Rowan entworfene Nonbinary-Pride-Flagge steht mit Gelb für Personen außerhalb der Binarität, Weiß für vielgeschlechtliche Identitäten, Lila für Zwischengeschlechtlichkeit und Schwarz für Ungeschlechtlichkeit beziehungsweise agender. Die 2011 von Marilyn Roxie entworfene Genderqueer-Flagge verwendet Lavendel für Androgynie oder Queersein, Weiß für Agender-Identitäten und Grün für Identitäten außerhalb des binären Systems. Weitere Flaggen sind die 2012 entworfene Genderfluid-Flagge und die 2014 entworfene Agender-Flagge.

Der Internationale Tag der nichtbinären Menschen findet am 14. Juli statt. Weitere einschlägige Aktionstage sind der Internationale Tag für trans* Sichtbarkeit am 31. März, der IDAHOBIT am 17. Mai, der Christopher Street Day im Juni, der Coming-out-Tag am 11. Oktober, der Internationale Tag der Pronomen am dritten Mittwoch im Oktober und der Transgender Day of Remembrance am 20. November.

In Film und Fernsehen wird Nichtbinarität unter anderem in der Dokumentation Gendernauts von 1998, im Filmprojekt My Genderation ab 2016, beim Berlin Lesbian Non-Binary Filmfest ab 2018 und in Dokumentationen wie Always Amber (2020) dargestellt. In Star Trek: Discovery trat von 2020 bis 2024 die nichtbinäre Figur Adira Tal auf. 2022 spielte Lea Drinda in Becoming Charlie eine nichtbinäre Person auf der Suche nach ihrer Identität.

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