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Sexuelle Revolution

Die „sexuelle Revolution“ in der Studentenbewegung von „1968“ · Erste Ansätze · Die „Pille“ · Die Große Strafrechtsreform.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und wichtige Vorläufer
  2. 2. Voraussetzungen und Reformen um 1968
  3. 3. Sexwelle und öffentliche Wirkung
  4. 4. Wissenschaftliche Einordnung

Begriff und wichtige Vorläufer

Als sexuelle Revolution bezeichnet man den historischen Wandel der öffentlichen Sexualmoral. Kennzeichnend sind die Enttabuisierung sexueller Themen sowie eine zunehmende Toleranz und Akzeptanz sexueller Bedürfnisse und sexueller Orientierungen – unabhängig davon, ob eine bestimmte Form der Sexualität institutionell oder religiös legitimiert ist. Meist bezieht sich der Begriff auf gesellschaftliche Veränderungen in der westlichen Welt während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Frühe Vorstellungen neuer Formen des Zusammenlebens entwickelte der Frühsozialist Charles Fourier (1772–1837). Seine Utopie gemeinschaftlicher Lebens- und Arbeitsformen schloss die Freie Liebe ausdrücklich ein. Die spätere sexuelle Revolution berief sich zwar nicht ausdrücklich auf Fourier, betrachtete ihn besonders innerhalb der Kommunebewegung als Vorläufer.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde Sexualverhalten, das von gesellschaftlichen Normen abwich, zunehmend in der Literatur behandelt. Fanny Hill wurde 1821 in den USA wegen Obszönität verboten. Gustave Flauberts Madame Bovary erschien 1856/57; Flaubert wurde wegen eines Verstoßes gegen die guten Sitten und der angeblichen Verherrlichung des Ehebruchs angeklagt, aber freigesprochen. Leo Tolstois Anna Karenina aus den 1870er Jahren thematisiert Ehe und Moral anhand einer Liebesaffäre. Theodor Fontanes Effi Briest aus der Mitte der 1890er Jahre behandelt eine Ehe mit großem Altersunterschied, Vernachlässigung und eine flüchtige Liebschaft.

Sigmund Freud entwickelte um 1900 das Modell der psychosexuellen Entwicklung im Kindesalter. Die Psychoanalyse machte Sexualität stärker zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und trug damit zu ihrer Enttabuisierung bei. Freud sah in der Unterdrückung der Sexualität einen wichtigen krankheitsauslösenden Faktor für neurotische Entwicklungen. Er forderte jedoch keine schrankenlose sexuelle Entfaltung, sondern hielt eine situationsabhängige, nicht krankhafte Hemmung durch Sublimierung für möglich. Unter Sublimierung verstand er die Umleitung sexueller Energie in kulturelle und soziale Leistungen.

Wilhelm Reich prägte den Ausdruck sexuelle Revolution und seine Kernbedeutung. Sein Werk The Sexual Revolution erschien 1945, auf Deutsch 1966; erstmals war es 1936 unter dem Titel Die Sexualität im Kulturkampf veröffentlicht worden. Reich kritisierte die seiner Ansicht nach bigotte und verlogene Sexualmoral. Doppelmoral und die Unterdrückung vitaler sexueller Triebe führten seiner Auffassung nach zu Persönlichkeitsdeformationen, Frustration und Aggression. Verdrängte Aggression könne sich in der Lust an Herrschaft und Unterwerfung äußern. Außerdem lähme sexuelle Unterdrückung kreative Fähigkeiten und stütze dadurch ein kapitalistisches System. Eine Befreiung der Sexualität sollte nach Reich friedliche gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen, weil zufriedene Menschen schwerer in Herrschaftsstrukturen einzubinden oder für Gewalt zu mobilisieren seien.

William H. Masters und Virginia E. Johnson untersuchten in den 1950er und 1960er Jahren die Struktur, Psychologie und körperlichen Mechanismen menschlicher Sexualität. Ihre Aufzeichnungen physiologischer Daten während sexueller Erregung legten einen theoretischen Grundstein für die Behandlung sexueller Fehlfunktionen. Sie kamen zu dem Schluss, dass sexuelle Aktivität gesund sei und Freude und Intimität ermöglichen könne. Bekannt wurde ihr Vier-Stufen-Modell des menschlichen Reaktionszyklus: Erregungsphase, Plateauphase, Orgasmus und Rückbildungsphase. In ihrer Klinik behandelten sie unter anderem Impotenz, vorzeitigen Samenerguss und die Unfähigkeit zum Orgasmus. Homosexualität stuften sie damals allerdings noch als Fehlfunktion ein, die durch Konversionstherapien behandelbar sei.

Voraussetzungen und Reformen um 1968

In der Studentenbewegung von 1968 verbanden sich Forderungen nach sexueller Freiheit mit Experimentierfreude. Viele Beteiligte wollten sich von der als bigott und prüde empfundenen Sexualmoral der 1950er Jahre lösen. Zugleich hofften sie, durch sexuelle Befreiung auch die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Eine weitere Motivation war die Furcht vor fortbestehenden autoritären Strukturen und vor einer Wiederholung der nationalsozialistischen Vergangenheit. In diesem Zusammenhang wurden unter anderem Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933), Erich Fromms Escape from Freedom (1941) und Theodor W. Adornos The Authoritarian Personality (1950) diskutiert. Auch Herbert Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft, erstmals 1955 als Eros and Civilization. A Philosophical Inquiry into Freud auf Englisch erschienen, erhielt mit etwa einem Jahrzehnt Verzögerung Aufmerksamkeit. Marcuses spätere These der repressiven Entsublimierung aus Der eindimensionale Mensch beeinflusste die Debatte ebenfalls.

Ein zentraler praktischer Faktor war die Antibabypille. Sie kam 1960 in den USA, 1961 in Westdeutschland und vier Jahre später, 1965, in der DDR auf den Markt. Durch die hormonelle Empfängnisverhütung konnten Sexualität – genauer: in der Regel Geschlechtsverkehr mit vaginaler Penetration – und Empfängnis erstmals mit hoher Reliabilität voneinander getrennt werden. Dadurch konnten viele Frauen im gebärfähigen Alter angstfreier mit Sexualität umgehen. Bei Männern konnte sich analog die Angst vor ungewollten Verbindlichkeiten und finanziellen Verpflichtungen verringern.

Eine weitere Voraussetzung war die Große Strafrechtsreform. Sie wurde 1969 verabschiedet und trat 1973 in Kraft. Nach dem Grundsatz, dass Strafe eine Verletzung von Rechtsgütern voraussetzt und nicht lediglich die moralische Entrüstung unbeteiligter Personen bestrafen soll, wurden unter anderem die Tatbestände Ehebruch, Unzucht zwischen Männern und Kuppelei abgeschafft oder entschärft. Damit wurde Sexualität in bestimmten Bereichen entkriminalisiert.

Sexwelle und öffentliche Wirkung

Zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre entstand nach der Liberalisierung der Gesetze die sogenannte Sexwelle in den Medien. Das für unverheiratete Jugendliche geschriebene Aufklärungsbuch Sexfront von Günter Amendt war besonders erfolgreich. Die links-libertäre Befreiung sexueller Bedürfnisse verband sich mit der Erwartung, Mensch und Gesellschaft umfassend zu verändern.

Die öffentliche Entwicklung war jedoch umstritten. Annette Miersch vertrat in ihrer Untersuchung des Schulmädchen-Reports die Ansicht, eine sexuelle Revolution im gesellschaftstheoretischen Sinn habe in der Bundesrepublik Deutschland weder damals noch später stattgefunden. Unter diesem Namen sei vielmehr ein Medienhype entstanden. Zwar entwickelte eine Minderheit seit den späten 1960er Jahren alternative Lebensformen und erprobte neue Formen sexuellen Miteinanders. Diese Experimente, zu denen die Berliner Kommunen 1 und 2 gezählt wurden, wurden in der Öffentlichkeit eher kritisch beurteilt.

1977 erschien die deutschsprachige Ausgabe des ersten Hite-Reports der feministischen Sexualwissenschaftlerin Shere Hite. Das Buch beschrieb das sexuelle Erleben von Frauen und wandte sich gegen eine männerdominierte Vermarktung der Sexualität. Der Spiegel bezeichnete es als die bis dahin erfolgreichste Sexualfibel der 1970er Jahre.

Die Forderung nach sexueller Freiheit wurde besonders von kirchlich-konservativen Kreisen bekämpft, wirkte gesellschaftlich aber weiter als viele andere politische Forderungen der 68er-Bewegung. 1968 verabschiedete die Kultusministerkonferenz in der Bundesrepublik die Empfehlungen zur Sexualerziehung in den Schulen. Am 10. Juni 1969 wurde der Sexualkunde-Atlas als bundeseinheitliches Unterrichtsmittel für das neue Fach Sexualkunde vorgestellt. Er war auf Veranlassung des Bundesgesundheitsministeriums unter Ministerin Käte Strobel entstanden und wurde kontrovers aufgenommen. In Österreich wurde Sexualerziehung durch den Grundsatzerlass Sexualerziehung in den Schulen vom 24. November 1970, Rundschreiben Nr. 193/1970, verankert.

Aus der 68er-Bewegung gingen auch frühe Vertreter der zweiten deutschen Schwulenbewegung hervor. In Westdeutschland führte der Widerspruch zwischen allgemein-politischen und persönlich-individuellen Freiheitsvorstellungen zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten, die im Tuntenstreit von 1973/1974 gipfelten.

Das größere Angebot an kostenlosem und unverbindlichem Sex beeinflusste außerdem den Umgang mit Prostitution und trug teilweise zu einem starken Preisverfall bei. Nach einer Erhebung des Department of Justice bot Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA jede fünfzigste Frau zwischen 20 und 30 Jahren sexuelle Dienste gegen Geld an. Eine Prostituierte in einem Bordell konnte damals, auf heutigen Geldwert umgerechnet, 76.000 US-Dollar jährlich verdienen. Um 2009 lag das durchschnittliche Einkommen einer Straßenprostituierten in Chicago bei etwa 18.000 US-Dollar. 2001 wurde in der westlichen Welt ein Rückgang der Prostitutionskunden beobachtet. Als Gründe wurden mehr sexuelle Möglichkeiten außerhalb von Partnerschaften, etwa Seitensprungportale, Swingerclubs sowie Telefon- und Internetangebote, und die Folgen von Finanz- und Wirtschaftskrisen genannt. Gleichzeitig nahm das Prostitutionsangebot zu.

Wissenschaftliche Einordnung

Für die Enttabuisierung sexueller Themen waren auch die Untersuchungen des US-amerikanischen Zoologen und Sexualforschers Alfred Kinsey bedeutsam. Seine Bücher Das sexuelle Verhalten des Mannes, auf Deutsch 1955 und im englischen Original 1948 veröffentlicht, sowie Das sexuelle Verhalten der Frau, auf Deutsch 1954 und im englischen Original 1953 veröffentlicht, wurden als Kinsey-Report bekannt und lösten großes Aufsehen aus. Kritiker bezweifelten jedoch die Repräsentativität der Ergebnisse, weil die Zahl der interviewten Personen zu gering und die Auswahlkriterien unzureichend gewesen seien.

Der Frankfurter Sexualforscher, Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch unterscheidet drei sexuelle Revolutionen, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika ereignet haben. Die letzte bezeichnet er als Neosexuelle Revolution. Sie vollziehe sich seit den späten 1970er Jahren eher still und schleichend.

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