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Institut für Sozialforschung

Das Institut für Sozialforschung (IfS) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde 1923 durch eine Stiftung des Kaufmanns und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und historische Bedeutung
  2. 2. Gründung und frühe Forschung
  3. 3. Horkheimer, Interdisziplinarität und Exil
  4. 4. Rückkehr, Forschungsprojekte und Leitungswechsel
  5. 5. Theorie und heutiges Forschungsprogramm
  6. 6. Gebäude und öffentliche Wirkung

Gegenstand und historische Bedeutung

Das Institut für Sozialforschung (IfS) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts und eine Forschungs- und Lehrstätte der Sozialwissenschaften. Es wurde 1923 durch Hermann Weil und seinen Sohn Felix Weil gegründet und am 22. Juni 1924 offiziell eröffnet. Seine Bedeutung erhielt es vor allem durch die Leitung Max Horkheimers ab 1931: Das Institut wurde zur zentralen Forschungsstätte der Kritischen Theorie und ist eng mit der Frankfurter Schule verbunden.

Die Gründung erfolgte vor dem Hintergrund der Krise der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Die Zweite Internationale spaltete sich 1914, die Revolutionen in Mittel- und Südeuropa von 1918 bis 1923 scheiterten, und in Italien übernahm 1922 der Faschismus die Macht. Nach Perry Anderson führte diese Situation im Westen zu einer Trennung des Marxismus von der politischen Praxis und zu einer Verlagerung hin zur Philosophie und zum akademischen Bereich. Diese Strömung wird später als westlicher Marxismus bezeichnet.

Die Institutsgründer bewerteten die deutsche Novemberrevolution als Niederlage der Arbeiterbewegung. In der frühen Phase hielt das Institut am wissenschaftlichen Charakter des Marxismus fest, ohne sich praktisch an bestehende Arbeiterparteien zu binden. Unter Horkheimer entwickelte sich daraus eine Theorie, die als „Fortsetzung der Marxschen Intentionen unter historisch gewandelten Bedingungen“ verstanden wurde und zunächst „Materialismus“, später „Kritische Theorie“ hieß.

Gründung und frühe Forschung

Als erster Direktor war Kurt Albert Gerlach vorgesehen, der jedoch 1922 starb. Im Mai 1923 fand die Marxistische Arbeitswoche statt, die als erstes Theorieseminar des Instituts gilt. Felix Weil finanzierte die Veranstaltung. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Friedrich Pollock, Karl August Wittfogel, Julian Gumperz, Richard Sorge, Karl Korsch und Georg Lukács.

Trägerin wurde die eigens gegründete Gesellschaft für Sozialforschung mit Felix Weil als Vorsitzendem. Weils mütterliches Erbe finanzierte den Bau und die Bibliothek; sein Vater Hermann Weil stellte für den laufenden Betrieb jährlich 120.000 Mark oder 30.000 Dollar bereit. Das Institut wurde 1924 in der Viktoria-Allee, der heutigen Senckenberganlage, eröffnet. Erster Direktor war der Austromarxist Carl Grünberg. Damit entstand die erste Forschungsstätte für wissenschaftlichen Marxismus.

Grünberg verstand das Institut vor allem als Forschungseinrichtung. Es verfügte über Arbeitsräume, einen Lesesaal, eine Bibliothek mit 42.000 Bänden, 412 Zeitschriften und 40 Zeitungen sowie über Grünbergs Archiv zur Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Die Forschung konzentrierte sich zunächst auf die Geschichte des Sozialismus und die Wirtschaftsgeschichte. 1929 erschien als erster Band der Schriftenreihe Henryk Grossmanns Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems.

Zu den festen Mitarbeitern gehörten Friedrich Pollock, Henryk Grossmann und Karl August Wittfogel; außerdem arbeiteten unter anderem Leo Löwenthal, Paul Massing, Kurt Mandelbaum und Julian Gumperz am Institut. Ein bedeutendes Vorhaben war die Zusammenarbeit mit dem Marx-Engels-Institut in Moskau an der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe. Sechs Institutsmitarbeiter reproduzierten 150.000 Seiten aus dem Nachlass von Marx und Engels.

Horkheimer, Interdisziplinarität und Exil

Nach Carl Grünbergs Schlaganfall 1928 leitete Friedrich Pollock das Institut kommissarisch. 1931 wurde Max Horkheimer Direktor und zugleich Ordinarius für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt. Er forderte eine fortwährende Verbindung von Philosophie und Einzelwissenschaften, um den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Leben, psychischer Entwicklung und kulturellen Veränderungen zu untersuchen. Soziologie, Volkswirtschaft, Geschichte und Psychologie sollten interdisziplinär zusammenarbeiten und sich an einer Sozialphilosophie als Gesellschaftstheorie orientieren.

Ab 1932 gab das Institut die Zeitschrift für Sozialforschung heraus; im Exil erschien sie von 1939 bis 1941 als Studies in Philosophy and Social Science. Eine Untersuchung von 1929 bis 1931 erforschte die psychische Verfassung qualifizierter Arbeiter, Angestellter und unterer Beamter während der Weltwirtschaftskrise. Sie wurde erst 1980 in Deutschland und 1984 in den USA vollständig veröffentlicht.

Im Sommer 1932 eröffnete das Institut eine Zweigstelle bei der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf. Sie diente der Auswertung statistischer Materialien und sollte zugleich ein mögliches Ausweichquartier sein. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde das Institut am 13. März 1933 geschlossen. Am 13. Juli 1933 erklärte die Gestapo es für beschlagnahmt, enteignet und aufgelöst.

Horkheimer hatte die Emigration vorbereitet. Das Stiftungsvermögen wurde seit 1931 in den Niederlanden angelegt; im Februar 1933 wurde die Gesellschaft für Sozialforschung durch die Société Internationale de Recherches Sociales mit Sitz in Genf ersetzt. Die Bibliotheksrechte gingen an die London School of Economics, und in Paris entstand eine Außenstelle. Wegen der eingeschränkten Aufenthaltsrechte verlegte Horkheimer das Institut schließlich nach New York. Die Columbia University stellte ihm ein Haus mietfrei zur Verfügung und wurde zum wissenschaftlichen Zentrum des Institute for Social Research.

Die meisten festen Mitarbeiter siedelten bis Mitte der 1930er Jahre nach New York über. In der Emigration wurden unter anderem die Projekte zu Autorität und Familie und zum Antisemitismus weitergeführt. Adorno entwickelte gemeinsam mit Forschern der Berkeley Public Opinion Study Group die F-Skala zur Messung autoritärer Einstellungen. Die Studie The Authoritarian Personality untersuchte das „potentiell faschistische Individuum“, dessen Hauptmerkmal als Ambivalenz zwischen Unterwerfung unter Autoritäten und destruktiver Rebellion bestimmt wurde. Horkheimer und Adorno arbeiteten außerdem an der Dialektik der Aufklärung.

Rückkehr, Forschungsprojekte und Leitungswechsel

Nach dem Krieg wurde das Institut auf Einladung des Frankfurter Oberbürgermeisters und des Universitätsrektors wieder aufgebaut. Die förmliche Wiedereröffnung erfolgte am 14. November 1951. Max Horkheimer übernahm erneut die Leitung, erhielt wieder sein Ordinariat und wurde zunächst Dekan, später Rektor der Universität. Neben ihm kehrten Theodor W. Adorno und Friedrich Pollock zurück. Im November 1951 wurde das Institut vom Hessischen Innenminister als Stiftung genehmigt.

Das erste große Nachkriegsprojekt war das von der Alliierten Hohen Kommission finanzierte Gruppenexperiment. In Gruppendiskussionen wurden politische Einstellungen in Westdeutschland zu Themen wie Judenverfolgung, deutscher Schuld, Besatzungsmächten und Demokratie untersucht. Beteiligt waren 1.635 Personen in 151 Gruppen; die Gespräche umfassten mehr als 6.000 transkribierte Seiten. Die Ergebnisse zeigten, dass viele jede Mitschuld abwehrten und der Demokratie ambivalent gegenüberstanden. Das Verfahren der Gruppendiskussion wurde trotz methodischer Kritik zu einer grundlegenden Methode der empirischen Sozialforschung.

Die Mannesmann-Studie untersuchte das Betriebsklima in den Mannesmann-Werken. Sie beruhte überwiegend auf der quantitativen Auswertung von Interviews und Gruppendiskussionen. Zusammen mit weiteren Untersuchungen wurde sie als Beginn der Mitbestimmungsforschung im westdeutschen Nachkriegsdeutschland eingeordnet.

Horkheimer leitete das Institut bis zu seiner Emeritierung 1964 gemeinsam mit Adorno. Danach war Adorno bis zu seinem Tod 1969 geschäftsführender Direktor. Es folgten Ludwig von Friedeburg (1969–2001), Axel Honneth (2001–2018), die kommissarische Leitung durch Ferdinand Sutterlüty (2019–2021) und seit 2021 Stephan Lessenich. Friedeburg entwickelte einen Schwerpunkt in Gewerkschafts- und Industriesoziologie; später kamen Frauenforschung und politische Soziologie hinzu. Unter Honneth wurde die Arbeit wieder stärker auf sozialphilosophische Fragen ausgerichtet. Seit 2004 erscheint die Zeitschrift WestEnd, und seit 2002 veranstaltet das Institut jährlich Adorno-Vorlesungen.

Theorie und heutiges Forschungsprogramm

Das IfS steht in engem Zusammenhang mit der Kritischen Theorie, die insbesondere von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse geprägt wurde. Zu den weiteren Wissenschaftlern des Instituts gehörten unter anderem Erich Fromm, Friedrich Pollock, Leo Löwenthal, Henryk Grossmann, Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Jürgen Habermas.

Grossmann vertrat 1929 die Auffassung, der Kapitalismus sei grundsätzlich krisenanfällig und enthalte eine eigene Zusammenbruchtendenz; daraus folgerte er, im Kapitalismus sei der Übergang zum Sozialismus angelegt. Pollock widersprach. Nach seiner Analyse führten zunehmende Staatseingriffe dazu, dass Markt, Konkurrenz und Privateigentum ihre bisherige Funktion verloren. Nicht der Kapitalismus insgesamt, sondern seine liberale Phase gehe zu Ende. In der Emigration entwickelte Pollock daraus die Theorie des Staatskapitalismus.

Seit der Leitung durch Axel Honneth liegt ein Schwerpunkt auf den „Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung“. Das Forschungsprogramm umfasst den Strukturwandel der normativen Integration in kapitalistischen Gesellschaften, kapitalistische Rationalisierung und Arbeit, familialen Wandel und veränderte Sozialisationsbedingungen, die Entbürokratisierung des Sozialstaates und politische Demokratie sowie Kulturindustrie und elektronische Medien. Die Projekte verbinden verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen und entwickeln kritische Gesellschaftstheorie methodisch und philosophisch weiter.

Der heutige Ansatz grenzt sich sowohl methodisch als auch inhaltlich stärker von Horkheimers und Adornos geschichtsphilosophischer Analyse der Selbstzerstörung der Aufklärung ab, als dass er unmittelbar an sie anknüpft. Lessenich kündigte zudem eine Öffnung des akademischen Kanons für queerfeministische, posthumanistische, antirassistische und dekoloniale Perspektiven sowie einen stärkeren Austausch mit nichtakademischen Milieus an.

Gebäude und öffentliche Wirkung

Das erste Institutsgebäude wurde 1924 von Franz Roeckle an der Viktoria-Allee errichtet. Der monumentale Bau war mit bosierten Natursteinquadern verkleidet. Er wurde im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen auf Frankfurt zerstört und 1950 endgültig abgerissen.

Das heutige Gebäude entstand 1951 nach Plänen von Hermann Mäckler und Alois Giefer und steht als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz. Auf dem Grundstück hatte zuvor die im Krieg zerstörte Villa des Frankfurter Kaufmanns und Mäzens Karl Kotzenberg gestanden, die von 1902 bis 1905 als „Wagnerianisches Gesamtkunstwerk“ errichtet worden war.

Das Institut wird in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit eng mit der Kritischen Theorie und der Frankfurter Schule verbunden. Seine frühe Wirkung ging besonders von Horkheimer, Adorno und Marcuse aus. Auch Honneths Gesellschaftstheorie der Anerkennung, vor allem sein Buch Kampf um Anerkennung, fand internationale Beachtung und wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt.

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