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Bedürfnis
Der Bedarf an Gütern ist „das Ergebnis der Konkretisierung und Spezifizierung von Bedürfnissen in den Wirtschaftsobjekten“. Wird Bedarf mit Kaufkraft …
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Begriff und wirtschaftliche Kette
Ein Bedürfnis ist allgemein ein Verlangen, Wunsch oder Anspruch. In der Psychologie bezeichnet es meist einen Zustand oder das Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch, ihn zu beheben. Es ist damit eng mit Motiv und Motivation verwandt.
In den Wirtschaftswissenschaften gilt die Abfolge: Mangel → Bedürfnis → Bedarf → Nachfrage. Ein objektiver Mangel wird erst dann zum Bedürfnis, wenn ein Wirtschaftssubjekt ihn subjektiv wahrnimmt und ein Anreiz zur Befriedigung besteht. Bedarf entsteht, wenn das Bedürfnis auf konkrete Güter oder Dienstleistungen bezogen wird; er beschreibt Art und/oder Menge der dafür notwendigen Güter und Dienstleistungen. Führt der Bedarf bei vorhandener Kaufkraft und Zahlungsbereitschaft zu einer Kaufentscheidung, entsteht Nachfrage.
Dabei entsprechen sich auf der Nachfrageseite Konsument – Bedürfnis, Kunde – Bedarf und Käufer – Nachfrage. Auf der Angebotsseite stehen Hersteller – Befriedigung, Personal – Bedienung und Verkäufer – Angebot gegenüber. Bedürfnisse können einen natürlichen Ursprung haben, etwa Hunger, gesellschaftlich begründet sein, etwa Straßenbau, oder beides verbinden. Sie hängen außerdem von Zeit und Raum ab.
Verwandte Begriffe
Trieb, Instinkt, Bedürfnis, Motiv und Motivation werden teils ähnlich verwendet, sind aber nicht gleich. Triebe werden in der Psychologie eng mit Bedürfnissen und Motivation verbunden. Der Instinktbegriff wurde in der Ethologie auf ererbte Bewegungskoordinationen begrenzt.
Ein Motiv ist ein relativ stabiles Merkmal einer Person: Das Bedürfnis ist darin mit Erfahrungen, Gefühlen und Wissen verbunden und ermöglicht passende Handlungsoptionen. Motivation dagegen ist der veränderbare aktuelle Zustand, ein bestimmtes Ziel anzustreben. Sie wird sowohl durch Motive als auch durch situative Anreize beeinflusst.
Bedürfnisse können auch als Hinweis auf eine Ist-Sollwert-Diskrepanz verstanden werden: Es besteht ein Unterschied zwischen dem gegenwärtigen Zustand und einem gewünschten Zustand. Interessen, Wünsche und Begierden sind verwandte Begriffe. Wünsche sind meist konkreter, veränderlicher und subjektiver als Bedürfnisse.
Einteilungen und Gegenstände
Nach Materialität werden materielle und immaterielle Bedürfnisse unterschieden. Materielle beziehungsweise wirtschaftliche Bedürfnisse verlangen als Gegenleistung Geld oder Tauschgegenstände und werden auf dem Gütermarkt befriedigt. Immaterielle beziehungsweise nicht-wirtschaftliche Bedürfnisse sind geistig-seelischer Natur, beispielsweise Liebe, Geborgenheit, Respekt, Sicherheit oder Gerechtigkeit. Bei Kino, Konzert oder Theater wird zwar Eintritt bezahlt, die Gegenleistung ist jedoch ein Erlebnis.
Individualbedürfnisse kann eine Person oder ein Privathaushalt selbst befriedigen, etwa Essen. Kollektivbedürfnisse entstehen im Zusammenleben und erfordern Zusammenarbeit, etwa Bildung, Daseinsvorsorge, Forschung, Gesundheit, Transport oder Sicherheit. Absolute beziehungsweise Existenzbedürfnisse beziehen sich auf Kleidung, Nahrung und Wohnung. Relative Bedürfnisse sind Luxusbedürfnisse, die erst bei befriedigten Grundbedürfnissen und Zahlungsbereitschaft für ein hohes Preisniveau entstehen.
Bedürfnisse richten sich auf materielle oder immaterielle Gegenstände und können unterschiedlich konkret sein: vom allgemeinen Bedürfnis nach Nahrung bis zum Wunsch nach Nüssen oder nach der Nougatcreme eines bestimmten Herstellers. Ähnliche spezifische Teilbedürfnisse (sub needs) lassen sich zu einem Hauptbedürfnis (major need) zusammenfassen. Grundlegende Bedürfnisse gelten als relativ stabil und nur begrenzt veränderbar; äußere, konkretere Wünsche und Begierden werden stärker durch Vorlieben, Überzeugungen und Charakterzüge geprägt. Bedürfnisse und ihre Ausdrucksformen werden außerdem kulturell beeinflusst.
Psychologische und humanethologische Forschung beschreibt unter anderem Bedürfnisse nach Ernährung, Schutz vor Schmerz sowie Hitze und Kälte, Bewegung, Kontakt und Zugehörigkeit, Fortpflanzung, Fürsorge, Geborgenheit, Macht, Anerkennung, Unterordnung, Aggression, Neugier, Leistung, Abwechslung, Ruhe und Privatheit. Subjektiv zielen Bedürfnisse auf angenehme Empfindungen bei ihrer Befriedigung. Aus biologischer Perspektive dienen sie Selbsterhaltung und Reproduktion.
Dringlichkeit, Rangfolge und Bewusstheit
Existenzbedürfnisse sind biologisch überlebensnotwendig: Atemluft, Trinkwasser, Nahrung, Schutz vor Kälte oder Hitze und Schlaf. Grundbedürfnisse umfassen zusätzlich Ansprüche für ein menschenwürdiges Leben, etwa medizinische Versorgung, Sicherheit, Wohnraum, Kleidung und soziale Beziehungen. Kulturbedürfnisse betreffen beispielsweise Ästhetik, kreativen Ausdruck und Bildung. Luxusbedürfnisse richten sich auf luxuriöse Güter und Dienstleistungen wie Schmuck, Autos oder Fernreisen; eine Grenze zur Begierde besteht nicht.
Weil die verfügbaren Mittel oft beschränkt sind, müssen Menschen Bedürfnisse priorisieren. Kultur- und Luxusbedürfnisse werden daher auch Wahlbedürfnisse genannt. In einer anderen Terminologie sichern Grundbedürfnisse ein soziales Existenzminimum, während Wahlbedürfnisse vor allem in qualitativ umfangreicheren Gütern sichtbar werden.
Primäre Bedürfnisse sind physiologisch begründet, triebbedingt und bei Menschen weitgehend gleich, etwa Essen, Trinken, Bewegung, Ruhe und Erholung. Sekundäre Bedürfnisse hängen von vielen Faktoren ab, etwa soziale oder künstlerische Interessen. Die Maslowsche Bedürfnispyramide ordnet Bedürfnisse in fünf aufeinander aufbauende Stufen: existenzielle Bedürfnisse, Sicherheit, soziale Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Ein Bedürfnis ist nach diesem Modell verhaltensbestimmend, bis es befriedigt ist; danach gewinnt die nächsthöhere Stufe Bedeutung. Die ersten drei Stufen sind Defizitärbedürfnisse, die vierte und fünfte Wachstumsbedürfnisse. Defizitärbedürfnisse können vollständig, Wachstumsbedürfnisse nicht vollständig befriedigt werden.
Komplementärbedürfnisse entstehen durch die Befriedigung eines anderen Bedürfnisses: Eine größere Wohnung kann etwa den Bedarf an Möbeln und Teppichen auslösen. Offene Bedürfnisse werden bewusst verspürt, etwa das Verlangen nach Nahrung oder Lob. Latente Bedürfnisse werden unterschwellig empfunden und können, häufig durch Werbung, zu offenen Bedürfnissen werden.
Humanistische und selbstbestimmte Bedürfnisse
In der humanistischen Tradition der gewaltfreien Kommunikation sind Bedürfnisse ihrer Art nach allen Menschen gemeinsam und unabhängig von Epoche, Ort, Kultur und Person. Nicht Bedürfnisse stehen einander entgegen, sondern Strategien zu ihrer Erfüllung. Wünsche sind bereits stärker auf konkrete Strategien bezogen. Für das Verständnis von Problemen und Konflikten sollen Bedürfnisse daher von Strategien getrennt werden.
Gefühle zeigen in diesem Modell an, ob Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt sind. Zusammenfassende Kernbegriffe sind physische Bedürfnisse, Sicherheit, Verständnis beziehungsweise Empathie, Kreativität, Liebe und Intimität, Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn.
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (2000, 2008) nennt drei universelle psychologische Grundbedürfnisse: Kompetenz, soziale Eingebundenheit und Autonomie. Kompetenz kann sich als Freude am Lernen zeigen. Soziale Eingebundenheit schließt den Wunsch ein, für andere Bedeutung zu haben. Autonomie bedeutet Selbstregulation eigener Handlungen und Kohärenz der Verhaltensziele; sie ist nicht mit Unabhängigkeit von anderen Personen oder Situationen gleichzusetzen.
Diese psychologischen Grundbedürfnisse unterscheiden sich von physiologischen Bedürfnissen, die typischerweise einen durch Mangel ausgelösten Erregungszustand beruhigen. Je besser Verhalten zugleich Kompetenz, soziale Eingebundenheit und Autonomie befriedigt, desto höher ist seine Qualität hinsichtlich Kreativität, Problemlösen und Durchhaltevermögen, desto eher ist es mit Wohlbefinden verbunden und desto erfolgreicher sind Internalisierungsprozesse.
Grundbedürfnisse nach Max-Neef
Manfred Max-Neef versteht Bedürfnisse nicht nur als Mangel, sondern zugleich als individuelle und kollektive menschliche Potenziale. Anders als die Auffassung unbegrenzter und kulturell wandelbarer Bedürfnisse geht seine Theorie davon aus, dass menschliche Grundbedürfnisse begrenzt, stillbar, zahlenmäßig gering, klassifizierbar und sozial-universal sind. Sie gelten damit als unabhängig von Person, Ort, Kultur und historischer Epoche, stehen in Wechselbeziehung und interagieren.
Seine neun axiologischen Wertkategorien sind: Subsistenz, Schutz, Zuwendung, Verständnis [Verstehen, sich entwickeln], Partizipation, Muße [Entspannung, Spiel], Kreativität, Identität und Freiheit. Max-Neef vermutet, dass diese Grundbedürfnisse schrittweise mit der Evolution des Menschen entstanden; Identität und Freiheit seien vermutlich jünger als die übrigen. Transzendenz könnte vielleicht künftig als zehntes universelles Bedürfnis gelten.
Bedürfnisbefriedigung ist ein dynamischer Prozess mit Gleichzeitigkeit, Komplementarität und Kompensation (Trade-off). Sie geschieht auf verschiedenen Niveaus und mit unterschiedlicher Intensität: in Beziehung zu sich selbst (Eigenwelt), zur sozialen Gruppe (Mitwelt) und zur Umwelt. Zentral ist die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Befriedigern, also den konkreten Mitteln oder Strategien, mit denen Bedürfnisse erfüllt werden.
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