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68er-Bewegung
Sie begann in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und setzte sich im Protest gegen den Vietnamkrieg fort. Ähnliche Proteste flammten in …
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Begriff, Zeitraum und gemeinsame Grundlagen
Die 68er-Bewegung fasst soziale Bewegungen der Neuen Linken und Gegenkulturen zusammen, die in den 1960er Jahren aktiv waren und 1968 in mehreren Staaten besonders sichtbar wurden. „68er-Bewegung“ und „68er“ sind nachträgliche Sammelbezeichnungen: Gemeint ist keine einzelne Revolte des Jahres 1968, sondern eine internationale Epoche zivilgesellschaftlicher Proteste mit unterschiedlichen nationalen Verläufen.
Die Bewegungen begannen in den USA um 1960, in der Bundesrepublik etwa 1965, in Japan 1965 und in Italien 1966. In Frankreich, der Tschechoslowakei und Polen lagen die intensivsten Proteste im Frühjahr 1968. Gemeinsame Ziele waren mehr Demokratie und Bürgerrechte, Widerstand gegen Krieg, Autorität, Diskriminierung und kapitalistische Ausbeutung. Beteiligt waren nicht nur Jugendliche, sondern mehrere Generationen; deshalb wird die Bewegung auch als generationale Protestbewegung bezeichnet.
Wichtige Voraussetzungen waren das nach 1966/67 stockende Wirtschaftswachstum, ungleiche Bildungs- und Wohlstandschancen, die Ausweitung der Hochschulbildung und die Dekolonisierung. Internationale Impulse gingen von der kubanischen Revolution am 1. Januar 1959, dem Algerienkrieg (1954–1962), der chinesischen Kulturrevolution, dem Prager Frühling und der Tet-Offensive im Vietnamkrieg aus. Antiimperialismus, also die Ablehnung politischer und wirtschaftlicher Vorherrschaft mächtiger Staaten, verband viele Gruppen. Die Kritische Theorie wollte Mechanismen von Herrschaft und Unterdrückung aufdecken und eine vernünftige Gesellschaft mündiger Bürger ermöglichen.
USA und Mexiko: Bürgerrechte und Krieg
In den Vereinigten Staaten prägten Rassendiskriminierung und der Vietnamkrieg die Bewegung. Die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner setzte auf Boykotts, Märsche und gewaltfreie Proteste. Der Oberste Gerichtshof erklärte die Rassentrennung an Schulen mit Brown v. Board of Education am 17. Mai 1954 für verfassungswidrig; im Dezember 1956 folgte die Entscheidung gegen Rassentrennung in Bussen. Trotzdem blieben Ghettos, eingeschränktes Wahlrecht in den Südstaaten, rassistische Gewalt und Lynchmorde zentrale Probleme.
Am 28. August 1963 hörten in Washington D.C. mehr als 250.000 Menschen Martin Luther Kings Rede „Ich habe einen Traum“, darunter etwa 60.000 Weiße. Am 2. Juli 1964 verabschiedete der Kongress Gesetze gegen politische, soziale und rechtliche Diskriminierung. King erhielt 1964 den Friedensnobelpreis und wurde am 4. April 1968 ermordet; darauf folgten schwere Rassenunruhen.
Seit dem Tonkin-Zwischenfall im August 1964 führten die USA Krieg gegen Nordvietnam. Besonders die Wehrpflicht, die Eskalation von 1965 bis 1968 und der Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange verstärkten den Widerstand. Am 15. April 1967 demonstrierten in New York City 300.000 Menschen gegen Bombardierungen Nordvietnams und für den Abzug aus Südvietnam. Die Antikriegsbewegung beeinflusste Proteste in Europa und Japan; aus ihr entstand auch die Hippiebewegung mit dem Aufruf „Make Love Not War“.
In Mexiko protestierten Studierende und mit ihnen Lehrer, Eltern und Arbeiter gegen die seit 1929 allein regierende PRI, soziale Ungleichheit und politische Unterdrückung. Gefordert wurden politische Gefangene freizulassen und ein öffentlicher Dialog mit dem Präsidenten. Beim „Schweigemarsch“ Mitte September 1968 beteiligte sich eine halbe Million Menschen. Am 2. Oktober 1968 erschossen Soldaten beim Massaker von Tlatelolco auf dem Platz der Drei Kulturen in Mexiko-Stadt Hunderte Menschen; damit wurden die Proteste niedergeschlagen.
Proteste in Westeuropa und Japan
In der Bundesrepublik Deutschland verlangte die Studentenbewegung eine umfassende Demokratisierung. Sie wandte sich gegen die Große Koalition von 1966, die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg, den Einfluss des Axel-Springer-Verlags und gegen unzureichende Entnazifizierung. Nach der Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 forderte sie außerdem eine „Entfaschisierung“ der Polizei. Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 beschleunigte die Radikalisierung; später entstanden K-Gruppen sowie linksterroristische Gruppen wie Bewegung 2. Juni und Rote Armee Fraktion.
In Frankreich verbanden sich Studenten- und Arbeiterproteste. Nach den Demonstrationen ausgehend von Paris-Nanterre und der Bewegung des 22. März kam es am 10./11. Mai 1968 zu schweren Auseinandersetzungen. Am 13. Mai demonstrierten Hunderttausende. Danach standen Löhne, die 40-Stunden-Woche, Mitbestimmung und der Abbau betrieblicher Hierarchien im Mittelpunkt. Zehn Millionen Werktätige streikten, besetzten drei Wochen lang Fabriken und forderten eine Regierung des Volkes. Ende Juni ebbten die Streiks nach der Ankündigung von Wahlen und de Gaulles Drohung mit dem Ausnahmezustand ab.
In Großbritannien waren die Proteste kleiner. Sie richteten sich gegen atomare Aufrüstung, Vietnamkrieg, Apartheid in Rhodesien, Einwanderungspolitik und Hochschulgebühren. Die Vietnam Solidarity Campaign mobilisierte im Oktober 1968 in London zuletzt rund 100.000 Menschen. In Italien führten soziale Spaltung, ein noch faschistisch geprägtes Bildungssystem und die Idee eines „verratenen Widerstands“ zu gemeinsamen Protesten von Arbeitern und Studierenden; ihr Höhepunkt lag im Herbst 1968. In den Niederlanden setzten Provos und später Kabouters auf gewaltfreie, kreative Aktionen und konkrete Alltagsreformen. Eine Universitätsreform von 1970 stärkte die studentische Mitbestimmung.
In Japan protestierten Zengakuren, Gewerkschaften und Bürgergruppen gegen US-Stützpunkte, den Vietnamkrieg sowie ein autoritäres Bildungswesen. Bis 1969 erfassten Hochschul- und Schulstreiks 200 Einrichtungen. Am 23. Juni 1970 demonstrierten etwa 750.000 Menschen gegen die Ausweitung der US-Bombardierungen auf Kambodscha.
Reformversuche und Opposition im Ostblock
Im Ostblock waren die Proteste vor allem auf Reformen des Sozialismus, Demokratisierung und Bürgerrechte gerichtet. In der Tschechoslowakei standen die unvollständige Entstalinisierung, wirtschaftliche Reformen und der slowakisch-tschechische Konflikt im Mittelpunkt. Alexander Dubček wurde zur Leitfigur des Prager Frühlings. Der Versuch eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ wurde am 21. August 1968 durch Warschauer-Pakt-Truppen gewaltsam niedergeschlagen.
In Polen hatte Władysław Gomułka Reformen nach 1956 zunächst eingeleitet, dann aber zurückgenommen. Das Aufführungsverbot von Adam Mickiewicz’ „Ahnenfeier“ am 30. Januar 1968 löste Studentenproteste gegen Zensur und die Regierung aus. Am 9. und 11. März demonstrierten Zehntausende in Warschau. Die Regierung reagierte mit Verhaftungen, Hochschulschließungen und einer antisemitischen Kampagne gegen angebliche „Zionisten“. Insgesamt wurden 2739 Personen verhaftet; bis Sommer 1969 wanderten unter staatlichem Druck mehr als 11.000 polnische Juden aus.
In der DDR war offener organisierter Widerstand gegen die SED-Diktatur nach 1953 und dem Mauerbau 1961 kaum möglich. Jugendkultur zeigte sich in einer „Nischenkultur“; die Leipziger Beatdemo von 1965 wurde gewaltsam aufgelöst. Der Prager Frühling weckte Hoffnungen auf einen humanen Sozialismus. Nach dessen Niederschlagung entstanden Parolen wie „Freiheit für Dubcek“. Bis Oktober 1968 bestrafte die DDR nach Eigenangaben 1.189 Personen wegen verbotener Sympathieäußerungen, davon 75 % unter 30 Jahre alt. Diese Milieus gelten als Vorläufer der friedlichen DDR-Revolution von 1989.
Folgen und politische Kultur
Die 68er-Bewegung bewirkte soziale Veränderungen und eine neue politische Kultur. Dazu zählten mehr öffentliche Teilhabe von Minderheiten, veränderte Geschlechterrollen und öffentliche Bekenntnisse zur Homosexualität. In Frankreich, Italien, der Bundesrepublik und den USA entstand eine außerparlamentarische Opposition, also politische Opposition außerhalb von Parlamenten und Regierungen.
Ein Teil der Aktivisten schloss sich später autoritären K-Gruppen an; andere wollten durch den „Langen Marsch durch die Institutionen“ Gesellschaft und Staat von innen verändern. Die Alternativbewegung der Studentenstreiks 1976/77 übernahm Protestformen wie Flugblätter, alternative Radiostationen, Filmgruppen und eigene Zeitungen. 1978 gründeten 68er in Berlin Netzwerk Selbsthilfe und STATTBAU zur Förderung von Alternativprojekten und später Hausbesetzerinitiativen.
Pressebilder und Fernsehen erleichterten die internationale Verbreitung der Proteste. Zugeschrieben werden ihnen außerdem eine stärkere Demokratisierung, die Gründung von Nichtregierungsorganisationen und die Politisierung der Privatsphäre. Im katholischen Umfeld begünstigten sie die Befreiungstheologie: Die Bischofskonferenz von Medellín akzeptierte 1968 vor dem Hintergrund von Armut und Unterdrückung in Lateinamerika die Idee einer Theologie der Armen. Aus der US-Bürgerrechtsbewegung ging die „schwarze Theologie“ als radikale Form der Befreiungstheologie hervor.