Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Semantische Kongruenz

Bei der semantischen Kongruenz steht die Bedeutung von Wörtern in einem Satz in Einklang, auch wenn sie grammatisch nicht übereinstimmen. Im Gegensatz zur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundprinzip
  2. 2. Kongruenzhierarchie und sprachliche Unterschiede
  3. 3. Genus im Deutschen
  4. 4. Numerus und Relativpronomen
  5. 5. Beispiele aus dem Englischen und Russischen

Begriff und Grundprinzip

Semantische oder pragmatische Kongruenz bezeichnet eine syntaktische Struktur, die sich am Bedeutungszusammenhang und an der Sinnhaftigkeit orientiert, statt ausschließlich grammatische Regeln einzuhalten. Die rhetorische Bezeichnung Constructio ad sensum meint eine Konstruktion, die formal gegen die grammatische Kongruenz verstößt, aber sinngemäß korrekt ist.

Bei grammatischer Kongruenz stimmen zusammengehörige Wörter formal überein, zum Beispiel beim Genus oder Numerus. Bei semantischer Kongruenz richtet sich die Form dagegen nach der Bedeutung eines Ausdrucks oder nach dem Kontext. Nach Köpcke und Zubin kann eine pragmatische Projektion das vom syntaktischen Auslöser, dem sogenannten controller, vorgegebene Genusmerkmal überlagern, wenn dieser Auslöser im Bearbeitungsgedächtnis des Sprechers weniger präsent ist. Die grammatische Übereinstimmung wird dann schwächer, während der Sinn des Satzes stärker die gewählte Form bestimmt.

Kongruenzhierarchie und sprachliche Unterschiede

Die Kongruenzhierarchie beschreibt, wie stark grammatische oder semantische Faktoren bei verschiedenen Satzbestandteilen wirken. Der controller ist das Element, das die Kongruenz auslöst; die davon abhängigen Elemente heißen targets. Je enger controller und target syntaktisch verbunden sind, desto eher gilt die grammatische Kongruenz. Bei lockerer Verbindung kann die Bedeutung stärker ausschlaggebend sein.

Für Numerus und Genus lautet die allgemeine Hierarchie von stärkerem zu schwächerem syntaktischem Zusammenhang:

  • Attribut → Prädikat → Relativpronomen → Personalpronomen

Im Deutschen dominiert bei Determinierern tendenziell die grammatische Kongruenz, bei Personalpronomen eher die semantische. Im Französischen zeigt sich eine feinere Abstufung: Bei attributiven Elementen gilt unter anderem Artikel > Determinierer sowie pränominale Adjektive > postnominale Adjektive > appositionale Adjektive. Beim Prädikat reicht die Abstufung von finitem Verb über Partizip und Adjektiv bis zum Nomen. Bei den Pronomina stehen nicht-bestimmende Relativpronomen, anaphorische Personalpronomen und deiktische Personal- beziehungsweise Demonstrativpronomen in einer Abstufung.

Für das Russische wird folgende Hierarchie angegeben: Attributiv₍.obl₎ < Attributiv₍.nom₎ < prädikativ < postpositive Apposition < Relativpronomen < Personalpronomen. Enge attributive Verbindungen begünstigen grammatische Kongruenz; bei postpositiven Appositionen und Relativpronomen kann semantische Kongruenz stärker wirken.

Genus im Deutschen

Im Deutschen entsteht semantische Kongruenz besonders bei Genus-Sexus-Abweichungen. Das grammatische Genus eines Nomens kann von seinem natürlichen oder realen Geschlecht, dem Sexus, abweichen. Häufig ist das Wort „Mädchen“: Es ist grammatisch ein Neutrum, bezeichnet aber eine weibliche Person.

Beim Satz „Das Mädchen, das dort sitzt“ ist das neutrale Relativpronomen deutlich akzeptierter als in „*Das Mädchen, die dort sitzt“. Das erklärt sich auch durch die Kongruenzhierarchie, weil Determinierer und vergleichbare eng gebundene Elemente eher grammatisch kongruent sein müssen. Bei Possessiva werden dagegen beide Varianten häufig akzeptiert: „Das Mädchen spielt mit seiner Puppe“ und „Das Mädchen spielt mit ihrer Puppe“. Beim Personalpronomen wird im verbalen Sprachgebrauch eher die feminine Form gewählt: „Das Mädchen sitzt dort in der Ecke. Sie spielt mit einer Puppe.“

Grammatisch kongruent ist ausschließlich das Neutrum; alle zu „Mädchen“ gehörenden Pronomina müssten dann neutral sein. Ein feminines Pronomen verweist dagegen auf die reale Weiblichkeit und ist semantisch kongruent. Eine Untersuchung von Henning Czech ergab für das Bezugswort „Mädchen“ folgende Zahlen: Bei definiten Determiniererphrasen (def. DP) wurden 27 Fälle grammatischer und 55 Fälle semantischer Kongruenz gezählt, insgesamt 82. Bei quantifizierten Nominalphrasen (QDP) waren es 57 grammatische und 27 semantische Fälle, insgesamt 84. Insgesamt standen 84 grammatische 82 semantischen Fällen gegenüber, also 166 Fällen.

Czechs Hypothese, dass die Wahrscheinlichkeit grammatischer Kongruenz bei Personalpronomen steigt, wenn das Pronomen als gebundene Variable interpretiert wird, bestätigte sich laut der Untersuchung eindeutig.

Semantische Kongruenz ist bei Personen möglich, nicht jedoch bei Gegenständen. So kann sich „Brüderchen“ trotz seines neutralen grammatischen Genus auf einen männlichen Menschen beziehen: „Sie hat ein Brüderchen bekommen. Es/Er soll Herbert heißen.“ Bei „Deckchen“ ist ein feminines Pronomen dagegen nicht möglich: „Sie hat ein Deckchen bekommen. Es/*Sie ist aus Brüsseler Spitze.“ Das grammatische Neutrum eines Gegenstands kann hier nicht durch ein semantisches Referenzgeschlecht ersetzt werden.

Numerus und Relativpronomen

Semantische Kongruenz kann auch den Numerus betreffen, besonders in Relativsätzen. Beispielhaft stehen „Ein Strauß Blumen, über den sie sich bestimmt freuen würde“ und „Ein Strauß Blumen, über die sie sich bestimmt freuen würde“ gegenüber.

Die erste Variante ist grammatisch korrekt: Das Relativpronomen „den“ bezieht sich auf „Strauß“, und dieses Nomen steht im Singular. Die zweite Variante ist semantisch kongruent, weil „ein Strauß Blumen“ als Verbund mehrerer Blumen verstanden wird. Das Pluralpronomen „die“ bezieht sich dann auf die Blumen. Eine solche semantische Kongruenz ist bei restriktiven Konstruktionen möglich, in denen zwei Nomina verbunden sind, denen jeweils eindeutig ein Numerus zugeordnet werden kann.

Beispiele aus dem Englischen und Russischen

Im Englischen kann bei Relativpronomen der Bedeutungszusammenhang die Wahl zwischen „who“ und „which“ bestimmen. In „The soldiers which are made of lead were thrown away“ ist „which“ grammatisch inkongruent, wenn „soldiers“ als Personen verstanden wird. Aus dem Kontext ergibt sich jedoch, dass Spielzeugsoldaten, also Gegenstände, gemeint sind; semantisch ist „which“ daher passend. „The soldiers who are made of lead were thrown away“ ist grammatisch kongruent, aber in diesem Kontext semantisch inkongruent.

Umgekehrt bezeichnet „volcano“ in „The volcano who just left the room was Bill's kid“ metaphorisch eine Person, nämlich Bill's kid. „Who“ ist semantisch naheliegend, obwohl grammatisch „which“ erwartet wird. Die Variante „The volcano which just left the room was Bill's kid“ ist grammatisch, aber aus semantischer Sicht weniger passend.

Auch beim Numerus kann die Bedeutung die Grammatik überlagern. „My family are early risers“ ist grammatisch inkorrekt, weil „family“ im Singular steht, semantisch aber auf mehrere Personen verweist. „My family is early risers“ verwendet zwar die grammatisch passende Singularform „is“, ist jedoch im Bezug auf die pluralische Gruppe semantisch inkongruent. „My family is a group of early risers“ ist grammatisch kongruent und vermeidet diese Bedeutungsabweichung, besitzt aber nicht exakt dieselbe Bedeutung. Ohne Objekt ist eine semantisch begründete Verbkonjugation nicht zulässig, wenn ein Singularnomen auf eine Gruppe verweist: „A committee has decided“ ist korrekt, „*A committee have decided“ nicht.

Im Russischen wird das Genus auch am Verb sichtbar. Das Nomen „vrač“ ist grammatisch maskulin, kann sich aber auf einen Mann oder eine Frau beziehen. „vrač prišel“ bedeutet „Der Arzt kam“ und enthält die maskuline Verbform; „vrač prišla“ bedeutet „Die Ärztin kam“ und enthält die feminine Form. Obwohl bei einem weiblichen Bezug die feminine Form semantisch naheliegt, wählten in einer Untersuchung nur etwas mehr als die Hälfte der Personen diese Form. Die maskuline Form ist grammatisch kongruent, bei weiblicher Referenz jedoch semantisch inkongruent.

Weiterlesen

Rhetorik Rhetorik (altgriechisch ῥητορική (τέχνη) rhētorikḗ (téchnē), deutsch ‚Redekunst') ist die Kunst der Rede. Sie war schon in der griechischen Antike als … Kongruenz (Grammatik) So stimmen in einem deutschen Satz Subjekt und Verb in den Merkmalen Person und Numerus überein. Beispiel: In dem Satz „Die Kinder im Saal lachten“ kongruieren … Bedeutung (Sprachphilosophie) Denotation und Konnotation. Die Unterscheidung von Denotation und Konnotation geht auf John Stuart Mill zurück. In seinem „System der Logik“ unterschied er … Genus Im Deutschen und anderen Sprachen gibt es Genera, die die Namen der natürlichen Geschlechter (Sexus) „männlich/maskulin“ oder „weiblich/feminin“ tragen. Es … Nomen Nomen im engeren Sinn als gleichbedeutend mit Substantiv (der Herkunft nach ein Anglizismus zu noun; heute so in weiten Teilen der Sprachwissenschaft und auch … Pragmatik (Linguistik) Pragmatik oder Pragmalinguistik (von altgriechisch πρᾶγμα pragma, deutsch ‚Handlung', ‚Sache') ist ein Teilgebiet der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Semantik In einem engeren Sinn behandelt die Semantik die Bedeutung vor allem sprachlicher Zeichen, wie Sätzen, Satzteilen, Wörtern oder Lexemen. Sie ist dann Teil der … Numerus Der Numerus (Mehrzahl: Numeri; deutsch: Zahl, Anzahl, Zahlform) ist in der Grammatik eine Zählform zur Bestimmung von Mengenwertigkeiten, also zur … Attribut (Grammatik) Attribut, deutsch auch Beifügung oder Satzgliedteil, ist ein Begriff aus der Grammatik und bezeichnet im engen Sinn einen Ausdruck, der von einem Substantiv … Prädikat (Grammatik) Ein Prädikat enthält meistens ein oder mehrere Verben, jedoch bezieht sich der Begriff Verb auf eine Wortart, hingegen Prädikat auf die grammatische Funktion, … Relativpronomen Das Relativpronomen – auch: Relativ[um], bezügliches Fürwort – ist ein Wort, das einen Relativsatz einleitet und damit diesen Satztyp markiert. Personalpronomen Fall), Akkusativ (= 4. Fall), Dativ (= 3. Fall), Genitiv (= 2. Fall). Singular, 1, ich, mich, mir, meiner. 2, du, dich, dir, deiner. 3, m. er, ihn, ihm, seiner.