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Seligpreisung

Die Bergpredigt bildet den Rahmen für die Seligpreisungen; von diesem Rahmen her sind die Seligpreisungen zu verstehen. Die Bergpredigt „fordert ihre Hörer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und biblische Sprachform
  2. 2. Seligpreisungen im Tanach
  3. 3. Jesu Seligpreisungen bei Lukas und Matthäus
  4. 4. Armut im Geist und soziale Armut
  5. 5. Verfolgung, Menschensohn und Überlieferung
  6. 6. Die sieben Seligpreisungen der Offenbarung

Begriff und biblische Sprachform

Eine Seligpreisung, auch Heilszusage oder Makarismus, ist eine literarische Gattung der Bibel. Meist lautet sie: „Glücklich [selig] ist der … / sind die …“; seltener richtet sie sich direkt an Menschen: „Glücklich [selig] bist du … / seid ihr …“. Die Wörter sind hebräisch ascheri und griechisch μακάριος (makários; Plural: makárioi). Gemeint ist nicht bloß angenehmes Glück, sondern umfassendes Heil im Sinn des biblischen Shalom.

In der ethischen oder paränetischen, also mahnenden, Form folgt häufig mit oti („denn“) eine Begründung: Gottgefälliges Verhalten führt zum Heil. In einer tröstenden Form wird einem unglücklichen Zustand eine künftige Kompensation entgegengesetzt. Die Herkunft dieser Sprachform ist umstritten. Manche leiten sie aus altägyptischer Weisheit seit Ramses II. im 13. Jahrhundert v. Chr. ab; andere verweisen darauf, dass 60 Prozent der biblischen Makarismen im kultischen Buch der Psalmen stehen.

Im griechischen Alltag wurden zunächst Götter und später Reiche, glückliche Eltern oder Tote als makarioi bezeichnet. Notleidende wurden wegen ihrer Not weder dort noch in der Bibel seliggepriesen.

Seligpreisungen im Tanach

Der Tanach enthält 46 Makarismen, alle über Menschen und nicht über Gott. 27 stehen in den Psalmen, elf im Buch der Sprichwörter, je einer bei Ijob und Kohelet sowie vier bei Jesaja. Die meisten sind Aussagen in der dritten Person; nur fünf sprechen Menschen direkt an: Dtn 33,29; Ps 128,2; Koh 10,17; Jes 32,20; 1Kön 10,8 = 2Chr 9,7.

25 dieser 46 Beispiele und elf weitere im Buch Jesus Sirach haben weisheitlichen Charakter. Sie gehören zum Tun-Ergehen-Zusammenhang: Wohlergehen wird als Folge eines Handelns verstanden, das Gottes Willen entspricht. Psalm 1 beginnt beispielhaft mit dem Lob des Menschen, der JHWHs Tora erfüllt. Weisheit und Gottesfurcht gelten damit als Grundlage eines gelingenden Lebens.

Der Tanach hinterfragt diesen Zusammenhang jedoch, etwa im Buch Hiob: Not muss nicht aus einer Schuld des leidenden Menschen folgen. Die prophetische Sozialkritik fordert die Rechte schutzloser Gruppen und kritisiert ihre Ausbeutung; sie verbindet dies aber nicht mit Seligpreisungen. Auch bei den Propheten gelten Seligpreisungen Menschen, die sich Gott zuwenden.

In den Qumranschriften vom Toten Meer (200 v.–100 n. Chr.) nannten sich gerechte Juden unter anderem „die Armen der Gnade“, „die Armen deiner Erlösung“ oder „die Armen“. Der Ausdruck kann nach Eduard Schweizer sowohl tatsächliche Armut als auch eine entmutigte, auf Gottes Erlösung hoffende Glaubenshaltung bezeichnen.

Jesu Seligpreisungen bei Lukas und Matthäus

Jesus greift nach den Evangelien die Seligpreisungen in seiner Botschaft von der Herrschaft Gottes auf. Sie eröffnen die Feldrede in Lk 6,20–23 und die Bergpredigt in Mt 5,3–12. Lukas bietet vier Zusagen: den Armen gehört das Reich Gottes; die jetzt Hungernden werden gesättigt; die jetzt Weinenden werden lachen; und die um des Menschensohnes willen Gehassten, Ausgestoßenen und Geschmähten sollen sich über ihren großen Lohn im Himmel freuen.

Matthäus nennt neun Zusagen: Selig sind die Armen vor Gott, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die reinen Herzens, die Friedensstifter, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten sowie die um Jesu willen Geschmähten und Verfolgten. Ihnen werden unter anderem das Himmelreich, Trost, das Erbe des Landes, Sättigung, Erbarmen, Gottes Schau und die Bezeichnung Kinder Gottes zugesagt.

Die Bergpredigt ist Jüngerunterweisung: Sie setzt Bekehrung voraus und beschreibt ein neues Verhalten, etwa „Schwört überhaupt nicht“ (Mt 5,34 EU) und „Wer dich bittet, dem gib“ (Mt 5,42 EU). Zugleich stellt sie Gottes Willen für alle Menschen dar. Bei Lukas richtet Jesus seinen Blick auf die Jünger; bei Matthäus sind außerdem große Mengen aus allen Teilen des damaligen Israel anwesend. Die Seligpreisungen können daher sowohl Jüngerschaft beschreiben als auch Menschen ansprechen, die sich auf Jesu Verkündigung einlassen.

Armut im Geist und soziale Armut

Das griechische ptochos in Mt 5,3 und Lk 6,21 bedeutet „bettelnd“ oder „arm“. Daher sind zwei Deutungen möglich: geistlich Bettelnde, die mehr von Gott erwarten, oder materiell Arme. Der Zusammenhang entscheidet nicht eindeutig, ob τῷ πνεύματι (tõ pneúmati, „dem Geist“) in Mt 5,3 den Heiligen Geist meint. Es kann geistliches Betteln meinen; bei Bezug auf den menschlichen Geist auch Menschen, die an Lebensmut arm oder verzweifelt sind.

Die traditionelle kirchliche Deutung versteht „Armut im Geist“ als Erkenntnis, vor Gott nichts vorweisen zu können. Der begrenzte und in Sünde verstrickte Mensch könne sich nicht selbst rechtfertigen, sondern nur Gottes Gnade erwarten. Mystische Deutungen betonen ein inneres Leerwerden und die Hingabe an Gott. Meister Eckhart fasste den armen Menschen als jemanden, „der nichts will und nichts weiß und nichts hat“ auf.

Die soziale Deutung hebt dagegen hervor, dass Lukas ausdrücklich Arme, Hungernde und Weinende nennt und reale Sättigung sowie Freude verspricht. „Armut im Geist“ könne deshalb einen umfassenden Zustand materieller, sozialer, rechtlicher, politischer, religiöser und psychischer Ohnmacht meinen. Die Rückübersetzung mit anai/anaw verweist auf Machtlose, denen ihr Recht entzogen wurde. Diese Auslegung betont: Armut wird in der jüdischen Tradition nicht als Ideal verklärt. Jesu Reich-Gottes-Botschaft wendet sich jedoch programmatisch Randgruppen zu und kritisiert Status, Ideologie und Macht der Privilegierten. Armut im Geist kann folglich auch zur Solidarität mit unfreiwillig Armen, zur „Option für die Armen“, verpflichten.

Verfolgung, Menschensohn und Überlieferung

Die letzte Seligpreisung spricht die Jünger direkt an und verweist auf spätere Verfolgung von Urchristen in Palästina durch Juden und/oder Römer. Sie stützt die Auffassung, dass die vorangehenden Seligpreisungen nicht allein Jesu Nachfolgern, sondern auch armen und notleidenden Israeliten gelten. Der in Lk 6,23 genannte Menschensohn bezeichnet wie in Dan 7,14 EU den transzendenten Heilsmittler, der Gottes Reich weltweit verwirklicht. Damit knüpfen die Seligpreisungen an die apokalyptische Erwartung eines endzeitlichen Eingreifens Gottes an, das Unterdrückung und Gewaltherrschaft beendet.

Mindestens die Seligpreisungen für Arme, Hungernde und Weinende beziehungsweise Trauernde gelten als authentische Jesusworte. Sie werden der hypothetischen Logienquelle zugeschrieben, die ab etwa 40 schriftlich fixiert worden sein soll. Die lukanische Fassung wird häufig für älter und ursprünglicher gehalten. Als Hinweise gelten Logion 54 des Thomasevangeliums, die gegenwärtige Zusage des Reiches Gottes für Kinder in Mk 10,14 EU und die griechische Alliteration ptochoi, peinontes, penthountes.

Matthäus verwendet oft „Himmelreich“ statt „Reich Gottes“. Da seine Reihe mit Parallelen zu Lukas beginnt und endet, könnte er die weiteren Makarismen eingefügt haben; ob aus eigener Redaktion oder einer anderen Logientradition, ist umstritten. Viele Exegeten sehen in seinen Ergänzungen „nach dem Geist“ und „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ eine spätere Spiritualisierung materieller Armut.

Die sieben Seligpreisungen der Offenbarung

Von 50 Stellen im Neuen Testament mit makarios stehen 15 im Lukasevangelium, 13 im Matthäusevangelium und sieben in der Offenbarung des Johannes. Diese preist selig: wer die Worte der Prophetie vorliest, hört und bewahrt (Offb 1,3); die Toten, die im Herrn sterben (Offb 14,13); wer wach bleibt und sein Gewand anbehält (Offb 16,15); wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist (Offb 19,9); wer an der ersten Auferstehung teilhat (Offb 20,6); wer die prophetischen Worte des Buches festhält (Offb 22,7); und die ihre Gewänder waschen, Anteil am Baum des Lebens haben und durch die Tore in die Stadt eintreten können (Offb 22,14).

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