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Tugend
Das Wort Tugend (von mittelhochdeutsch tugent ‚Kraft, Macht, [gute] Eigenschaft, Fertigkeit, Vorzüglichkeit' – ursprünglich, etwa als ‚Heilkraft', …
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Begriff und Bedeutung
Eine Tugend ist in der Ethik eine wichtige und erstrebenswerte Charaktereigenschaft, die einen Menschen befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen. Tugendhafte Eigenschaften und die Menschen, die sie besitzen, gelten gewöhnlich als lobens- und bewundernswert.
Die Tugendethik ist neben der deontologischen Ethik oder Pflichtenethik und dem Utilitarismus eine zentrale ethische Theorie. Sie fragt nicht zuerst nach allgemeinen Pflichten oder nach dem Nutzen einer Handlung, sondern nach der handelnden Person: Welche Eigenschaften, Haltungen und Fähigkeiten braucht sie, um gut handeln zu können? Otfried Höffe bezeichnet Tugend als „das Ideal der (Selbst-)Erziehung zu einer menschlich vortrefflichen Persönlichkeit“.
Philipp Schmitz warnt zugleich vor einem Missbrauch des Begriffs. Um Anlagen eines Menschen von bloßem Glück unterscheiden zu können, sei eine klare Vorstellung vom Gewissen nötig. Eine Tugend sei nur dann eine sittliche Tugend, „wenn sie eine Tat der Freiheit ist und in dem Maße, in dem sie es ist“.
Antike Grundlagen
Das altgriechische Wort aretḗ (ἀρετή) wird häufig mit „Tugend“ übersetzt. Im allgemeinen antiken Sprachgebrauch bedeutete es jedoch eher „Gutheit“, „Tauglichkeit“, „Vorzüglichkeit“ oder „Vortrefflichkeit“. Es konnte die Fähigkeit einer Person bezeichnen, ihre besonderen Aufgaben gut zu erfüllen, aber auch die Eignung einer Sache, eines Tieres oder eines Körperteils für seinen Zweck. Deshalb ist die Übersetzung mit „Tugend“ außerhalb philosophischer Texte manchmal missverständlich. In philosophischen Zusammenhängen hat aretḗ dagegen gewöhnlich eine moralische Bedeutung.
Für Platon (ca. 428–347 v. Chr.) war Tugend die Tauglichkeit der Seele für die ihr entsprechenden Aufgaben. Er bestimmte vier Grundtugenden. Aristoteles (384–322 v. Chr.) verstand Tugend in seiner Nikomachischen Ethik als die angemessene Mitte zwischen zwei verwerflichen Extremen. Besonnenheit liegt beispielsweise zwischen Zügellosigkeit und Gefühlsstumpfheit, Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit.
Das lateinische virtus stammt von vir („Mann“) und bezeichnete ursprünglich vor allem Mannhaftigkeit und militärische Tapferkeit. Als Übersetzung von aretḗ nahm es später die philosophische und christliche Bedeutung „Tugend“ an. Im Plural virtutes bezeichnete es verschiedene Eigenschaften, die aufgrund sozialer und ethischer Wertvorstellungen als wünschenswert galten.
Grundtugenden und christliche Lehre
Die vier klassischen Grundtugenden heißen seit dem Mittelalter Kardinaltugenden: Klugheit oder Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Platons Lehre von diesen Tugenden wurde für die weitere Tugendethik richtungsweisend. Für Aristoteles führt Tugend zur Glückseligkeit. Damit ist kein bloßes Glücksgefühl gemeint, sondern ein geglücktes Leben, in dem ein Mensch die in ihm angelegten Möglichkeiten verwirklicht; dies wird als Entelechie bezeichnet.
Christliche Tugendvorstellungen beruhen auf den zehn Geboten des Alten Testaments und ihrer Auslegung durch Jesus Christus im Neuen Testament, etwa in den Seligpreisungen der Bergpredigt. Bei Almosengeben, Gebet und Fasten kommt es nicht nur auf die Handlung, sondern besonders auf die Beweggründe an.
Die drei göttlichen oder theologischen Tugenden werden im ersten Brief des Paulus an die Korinther genannt: Glaube (fides), Hoffnung (spes) und Liebe (caritas). In der katholischen Lehre kommen die vier Kardinaltugenden hinzu. Durch die Reformation wurde außerdem die Beharrlichkeit (perseverantia) hervorgehoben. Nach Martin Luther gehört dazu die unerschütterliche Gewissheit, gerechtfertigt zu sein.
Im Mittelalter entstand, angelehnt an die Psychomachia des christlichen Dichters Prudentius aus dem 4. Jahrhundert, eine Liste von sieben himmlischen Tugenden. Jede steht einer Untugend gegenüber: Demut dem Hochmut, Mildtätigkeit der Habgier, Keuschheit der Wollust, Geduld dem Zorn, Mäßigung der Völlerei, Wohlwollen dem Neid und Fleiß der Faulheit. Tugenden und Untugenden wurden dabei als Kräfte dargestellt, die um die Vorherrschaft in der Seele kämpfen.
Gesellschaftliche und politische Tugenden
Tugendvorstellungen hängen häufig von gesellschaftlichen Rollen und historischen Wertordnungen ab. Zu den mittelalterlichen Rittertugenden gehörten staete, minne, hoher muet, mâze und triuwe. Diese Begriffe lassen sich ungefähr als Beständigkeit oder Integrität, Frauendienst oder Agape, heitere Gelassenheit beziehungsweise Enthusiasmus, Mäßigung und aufrichtige Treue wiedergeben.
Bürgerliche Tugenden sind besonders Ordentlichkeit, Sparsamkeit, Fleiß, Reinlichkeit und Pünktlichkeit. Sie dienen der praktischen Bewältigung des Alltags sowie dem Aufbau und der Sicherung einer wirtschaftlichen Existenz. Otto Friedrich Bollnow nennt sie deshalb „wirtschaftliche Tugenden“. In der Aufklärung halfen sie dem Bürgertum, sich kulturell und wirtschaftlich gegenüber dem Adel zu emanzipieren.
Preußische Tugenden wurden durch Pietismus und Aufklärung geprägt und seit Friedrich Wilhelm I. staatlich gefördert. Zu den daraus abgeleiteten sogenannten deutschen Tugenden zählen unter anderem Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß. Da solche Eigenschaften allein noch keine ethische Bedeutung besitzen und erst durch übergeordnete Ziele wertvoll werden, heißen sie auch Sekundärtugenden.
Als Herrschertugenden gelten Tapferkeit (virtus), Gerechtigkeit (iustitia), Milde (clementia) und Ehrerbietung (pietas). Bei soldatischen Tugenden steht die Kameradschaft im Mittelpunkt. Nach einer älteren Zentralen Dienstvorschrift der Bundeswehr entsteht sie aus gegenseitigem Verständnis, gutem Willen und Hilfsbereitschaft. Sie zeigt sich besonders in Mühe und Gefahr im Einsatz füreinander. Leistungsfähigere sollen weniger Erfahrenen und Schwächeren helfen; falscher Ehrgeiz, Selbstsucht und Unaufrichtigkeit zerstören die Kameradschaft.
In der Aufklärung wurde Tugend außerdem politisiert. Montesquieu erklärte 1748 die republikanische Tugend zur Liebe zum Vaterland und zur Gleichheit, genauer zur Liebe zu den Gesetzen und zur Bevorzugung des Allgemeinwohls vor privaten Interessen. Während der Französischen Revolution wurde diese Vorstellung auch zur Rechtfertigung von Verfolgung eingesetzt. Maximilien de Robespierre verband am 5. Februar 1794 während der Terrorherrschaft Tugend mit „Schrecken“, den er als schnelle, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit und als Folge des demokratischen Grundprinzips darstellte.
Tugenden in Wissenschaft und Buddhismus
Karl Jaspers nennt als Tugenden wissenschaftlicher Forschung: Sachlichkeit, Hingabe an den Gegenstand, besonnenes Abwägen, die Suche nach entgegengesetzten Möglichkeiten, Selbstkritik, Vorsicht bei endgültigen Behauptungen, die Prüfung der Grenzen und der Geltungsart eigener Aussagen, das Hören auf Gründe, Verstehen sowie das Mitdenken vom Standpunkt jedes anderen Menschen aus.
Die sittlichen Grundregeln des Buddhismus sind die fünf Silas. Wer sie befolgt, gelobt, sich darin zu üben,
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kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen,
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nichts zu nehmen, was ihm nicht gegeben wurde,
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keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben,
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nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen,
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keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.
Diese Beispiele zeigen, dass Tugendkataloge unterschiedliche Lebensbereiche ordnen können. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass eingeübte Eigenschaften und Haltungen Menschen zu einem als gut oder angemessen geltenden Handeln befähigen.