Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien
Die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien genoss Zuspruch aufgrund der funktionierenden direkten Demokratie, der Gleichberechtigung der Menschen …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Bedeutung
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, oft unter dem kurdischen Namen Rojava bekannt, war ein de facto autonomes Gebiet im Nordosten Syriens. Völkerrechtlich gehörte das Gebiet zu Syrien. Es entstand ab 2012 im Zusammenhang mit dem Syrischen Bürgerkrieg und wurde am 17. März 2016 als Föderation Nordsyrien – Rojava ausgerufen. Amtssprachen waren Nordkurdisch, Arabisch und Syrisch-Aramäisch; Regierungssitz war ar-Raqqa. Als Regierungsform wurde demokratischer Konföderalismus angegeben, also ein politisches Modell mit starker lokaler Selbstverwaltung, Rätestrukturen und Beteiligung verschiedener Bevölkerungsgruppen.
Die Region war ethnisch und religiös vielfältig. Dort lebten vor allem Kurden, Araber und Assyrer-Aramäer, außerdem weitere Gruppen. Die Selbstverwaltung betonte Gleichberechtigung unabhängig von Ethnie, Religion und Geschlecht, direkte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Zugleich gab es wiederholt Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen, besonders gegenüber ethnischen Minderheiten. Im Vergleich zum 2024 gestürzten Assad-Regime wird die Lage zu Demokratie und Menschenrechten im Artikel jedoch als deutlich verbessert beschrieben.
Militärisch wurde das Gebiet vor allem durch die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) verteidigt. Seit 2016 wurde die Selbstverwaltung von der Türkei angegriffen und teilweise besetzt. Ab Januar 2026 griff zusätzlich die syrische Armee unter al-Scharaa die Region an. Am 20. August 2026 wurde von kurdischer Seite der Abschluss der Integration in syrische staatliche Institutionen verkündet; am 25. August 2026 wurde diese Integration offiziell vollzogen.
Gebiet, Bevölkerung und Entstehung
Die Selbstverwaltung lag vor allem im Norden und Nordosten Syriens entlang der Grenze zur Türkei. 2014 bestand sie im Wesentlichen aus den drei Gründungskantonen Efrîn, Kobanê und Cizîrê. Bis 2017 wuchs das Gebiet deutlich und umfasste große Teile Nordsyriens, darunter auch nichtkurdisch geprägte Gebiete wie Manbidsch, ath-Thaura, ar-Raqqa und asch-Schaddadi. Administrativ gehörten die Gebiete zu Teilen der syrischen Gouvernements Aleppo, al-Hasaka und ar-Raqqa. Städte wie al-Hasaka und Qamischli standen zeitweise nur teilweise unter Kontrolle der Selbstverwaltung; Anfang Februar 2026 erlangte die syrische Zentralregierung de facto Kontrolle über das gesamte Gebiet.
Die Landschaft ist unterschiedlich: Im Westen um Afrin ist sie gebirgig, große Teile bestehen aus Ebenen. Im Osten werden fruchtbare Gebiete durch Flüsse wie Euphrat und Chabur bewässert; südlich beginnt die Syrische Wüste. Nach der Volkszählung von 2004 hatten die damaligen vergleichbaren Verwaltungseinheiten rund 1,9 Millionen Einwohner. Durch Bürgerkrieg, Flucht und Zuzug veränderte sich die Bevölkerung stark; 2014 wurde sie auf rund 4,6 Millionen geschätzt.
Die Entstehung hängt mit dem Rückzug der syrischen Regierung aus nordsyrischen Grenzregionen im Bürgerkrieg zusammen. Die kurdische Minderheit war unter dem arabisch-nationalistischen Baath-Regime jahrzehntelang diskriminiert worden. Ab 2012 übernahmen lokale kurdische Kräfte vielerorts Kontrolle. Am 12. November 2013 beschlossen die PYD, die Christlich-Syrische Einheitspartei und weitere Parteien eine Übergangsverwaltung. Am 21. Januar 2014 wurde die Verwaltung in Cizîrê eingerichtet, am 27. Januar in Kobanê und kurz danach in Efrîn. Am 17. März 2016 riefen kurdische, assyrische, arabische und turkmenische Delegierte in Rumaylan eine autonome Föderation aus.
Politik, Verwaltung und Wahlen
Das politische System orientierte sich an Abdullah Öcalans Idee des demokratischen Konföderalismus. Der Gesellschaftsvertrag von Rojava wirkte wie eine Verfassung. Syrische Gesetze galten nur, soweit sie diesem Gesellschaftsvertrag nicht widersprachen. Die Partei der Demokratischen Union (PYD) hatte großen Einfluss auf die Verwaltung, obwohl es auch Oppositionsparteien gab, etwa im Kurdischen Nationalrat.
Ein wichtiges Prinzip war die doppelte Besetzung von Führungspositionen: Leitungsämter wurden stets mit einer Frau und einem Mann besetzt. Außerdem sollten verschiedene Ethnien und Konfessionen vertreten sein, darunter Araber, Kurden, Assyrer, Chaldäer, Armenier, Tscherkessen und Jesiden. Pro Ressort sollte es jeweils einen kurdischen, arabischen und christlich-assyrischen Minister geben. Dadurch sollte die Verwaltung die multiethnische und multireligiöse Zusammensetzung Nordsyriens widerspiegeln.
2017 wurde die Verwaltung neu gegliedert. Die Föderation bestand aus den drei föderalen Regionen Cizîrê, Firat („Euphrat“) und Afrin. Diese gliederten sich in sechs Kantone: Cizîrê in Hesekê und Qamişlo, Firat in Kobanê und Girê Spî sowie Afrin in Efrîn und Şehba. Kritisiert wurde, dass die PYD auch mehrheitlich nichtkurdische Gebiete beanspruchte, was besonders bei arabisch-sunnitischen Bevölkerungsgruppen Widerstand auslöste.
Am 22. September 2017 fanden Kommunalwahlen statt, bei denen Co-Vorsitzende von 3.732 Kommunen gewählt wurden, jeweils ein Mann und eine Frau. Am 1. Dezember 2017 folgten Regionalratswahlen. Dabei traten vor allem die PYD-nahe „Liste der Demokratischen Nation“ und die Kurdische Nationale Allianz an. In allen drei Regionen gewann die PYD-nahe Liste sehr deutlich.
Krieg, Milizen und Integration in Syrien
Die wichtigsten Streitkräfte der Selbstverwaltung waren die Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ, die der PYD nahestanden. Sie wurden von christlich-syrisch-aramäischen Sutoro-Milizen, arabischen Milizen und weiteren Verbündeten unterstützt. Am 10. Oktober 2015 bildeten YPG, arabische und assyrisch-aramäische Kräfte das Bündnis Demokratische Kräfte Syriens (SDF). Dieses kämpfte mit Unterstützung der US-geführten internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat (IS).
Ein zentraler Kriegsschauplatz war Kobanê. Im September 2014 griff der IS den mittleren Kanton an und brachte ihn fast zum Zusammenbruch; nach monatelangen Kämpfen wurde der IS zurückgedrängt. 2015 nahmen YPG und Verbündete Tall Abyad ein und verbanden so Kobanê und Cizîrê. 2016 befreiten die SDF asch-Schaddadi und nach schweren Kämpfen Manbidsch vom IS. 2017 vertrieben die SDF den IS aus ar-Raqqa, der selbsternannten Hauptstadt des IS in Syrien. Im März 2019 eroberten SDF-Truppen die letzten vom IS gehaltenen Gebiete in Syrien.
Die Türkei betrachtete die PYD und ihre Gebiete als Bedrohung, vor allem wegen der Verbindung zur PKK. Seit 2016 griff sie Gebiete der Selbstverwaltung an. 2018 eroberten türkische Streitkräfte und verbündete syrische Kräfte Afrin. Die türkischen Militäraktionen wurden im Artikel als vor allem gegen Kurden gerichtet beschrieben; Beobachter werteten sie als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Auch spätere Angriffe zielten auf Grenzgebiete, Ölfelder, Gasanlagen und Kraftwerke.
Nach dem Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 versuchte die neue syrische Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa zunächst einen Ausgleich mit den kurdisch geführten Gebieten. Im März 2025 vereinbarten beide Seiten einen Integrationsplan bis Ende 2025. Als dieser scheiterte, kam es zu Kämpfen. Syrische Truppen überschritten im Januar 2026 den Euphrat, nahmen ar-Raqqa ein und drängten die SDF zurück. Die Belagerung Kobanês führte zu einer schweren humanitären Lage mit Ausfällen bei Lebensmitteln, Wasser und Strom. Am 30. Januar 2026 meldete die syrische Regierung ein umfassendes Waffenstillstandsabkommen. Anfang Februar 2026 rückten Regierungstruppen in al-Hasaka ein, wodurch die kurdische Selbstverwaltung faktisch beendet wurde.
Wirtschaft, Versorgung und Bildung
Die Wirtschaftsordnung orientierte sich ebenfalls am demokratischen Konföderalismus. Privateigentum und Unternehmertum waren geschützt, sollten aber nach dem Prinzip „Eigentum durch Gebrauch“ dem Gemeinwohl dienen. Seit 2012 entstanden mehrere hundert Genossenschaften, meist mit 20 bis 35 Mitgliedern. Anfang 2015 standen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums rund drei Viertel des Bodens unter gemeinwirtschaftlicher Verwaltung; ein Drittel der Industrieproduktion kam aus Betrieben, die von Arbeiterräten verwaltet wurden. Steuern wurden nicht erhoben. Einnahmen kamen aus Zöllen sowie aus dem Verkauf von Erdöl und anderen natürlichen Ressourcen.
Erdöl war die wichtigste Einnahmequelle. Es gab jedoch keine modernen Raffinerien. Rohöl wurde in Hunderten primitiven Öfen zu Diesel und Benzin verarbeitet. Ende 2014 produzierten Ölfelder im Gebiet Hasaka nach Angaben von Vertretern des PYD-kontrollierten Gebiets unter Aufsicht der YPG etwa 40.000 Barrel pro Tag. Das Rohöl wurde für etwa 15 Dollar pro Barrel an lokale arabische Stammesverbände verkauft; verarbeitete Produkte wurden für etwa 40 Dollar pro Barrel an Händler verkauft. Der Außenhandel war durch das Embargo der Türkei stark erschwert. Exportiert wurden vor allem Erdöl, Baumwolle und Nahrungsmittel wie Weizen und Schafprodukte; importiert wurden industrielle Konsumartikel und Autoteile.
Die Bevölkerung litt unter Versorgungsproblemen, besonders bei Wasser und Strom. Die Region war teilweise von der Türkei abhängig. Der Artikel nennt als Problem, dass die Türkei Wasser des Euphrat zurückhalte und die Pumpstation Aluk kontrolliere, wodurch weniger Trinkwasser verfügbar sei. Strommangel wurde oft durch Dieselgeneratoren ausgeglichen, was Lärm und schlechte Luft verursachte.
Im Bildungsbereich führte die Selbstverwaltung im Sommer 2015 an öffentlichen Schulen zweisprachigen Unterricht in Kurdisch und Arabisch ein. Vorher war das öffentliche Schulwesen unter dem Baath-Regime rein arabischsprachig geprägt. Die Lehrpläne sollten schrittweise von Baath-Ideologie befreit werden. Neue Hochschulen entstanden unter anderem mit der Mesopotamischen Akademie für Sozialwissenschaften in Qamischli ab September 2014, der Universität von Afrin ab August 2015 und der University of Rojava in Qamischli ab Juli 2016.
Justiz, Medien und Menschenrechte
Im Justizsystem bemühte sich die Selbstverwaltung um internationale Anerkennung, besonders weil sie viele ausländische IS-Kämpfer gefangen hielt. Da ihre Gerichte international nicht anerkannt waren, war die Übergabe ehemaliger IS-Kämpfer an Herkunftsländer schwierig bis unmöglich. Die Todesstrafe wurde abgeschafft; die längste Haftstrafe war lebenslänglich, was dort 20 Jahre bedeutete. Vor Gericht sollten Religionen gleichbehandelt werden: Christen konnten auf die Bibel, Muslime auf den Koran schwören. Kritisiert wurde, dass es keine Verteidigungsanwälte und keine Berufungsgerichte gab und Richter anonym blieben.
Die Medien hatten nach dem Rückzug syrischer Truppen mehr Freiheiten als zuvor und mehr Rechte als in anderen Teilen Syriens. Internationale Presse war willkommen. Zugleich waren viele Medien politisiert, und es gab eine Spaltung zwischen PYD-nahen Medien und Medien, die der kurdischen KDP im Irak nahestanden. Berichtet wurde auch von kurzen Festnahmen, Ausweisungen und Lizenzentzügen, etwa gegen Rudaw im August 2015.
Der Gesellschaftsvertrag verpflichtete die Verwaltung zur Einhaltung der Menschenrechte, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung von Frauen und zum Verbot der Todesstrafe. Positiv hervorgehoben werden stärkere politische Beteiligung von Frauen und Minderheiten, Unterricht in der Muttersprache sowie Verbote von Minderjährigenheirat und Polygamie. Eine Zweitheirat konnte mit einem Jahr Haft und einer Geldbuße bestraft werden.
Gleichzeitig dokumentierten Organisationen Vorwürfe gegen PYD und YPG. Human Rights Watch nannte 2014 willkürliche Festnahmen politischer Gegner, Misshandlung von Häftlingen, ungeklärte Entführungs- und Mordfälle sowie den Einsatz von Kindersoldaten, stellte aber fest, diese Menschenrechtsverletzungen seien deutlich weniger verbreitet als die der syrischen Regierung und anderer Rebellengruppen. Amnesty International warf den YPG 2015 Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Zerstörung von Dörfern vor, besonders gegen nichtkurdische Bewohner. Die YPG wiesen diese Vorwürfe zurück. Der UN-Menschenrechtsrat sah 2017 keine Hinweise auf systematische ethnische Säuberung, erwähnte aber vereinzelte, teils temporäre Umsiedlungen wegen Minen und Sprengsätzen.