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Unternehmertum

Die klassischen Definitionen des Entrepreneurs heben seine gesamtwirtschaftliche Erneuerungsfunktion hervor. In der modernen Entrepreneurship-Literatur finden …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Definitionen und Rollen
  3. 3. Handeln, Unsicherheit und Kompetenzen
  4. 4. Forschung, Ökosysteme und Formen
  5. 5. Migration, Gründungsphasen und internationale Vergleiche
  6. 6. Gesellschaftliche Folgen und problematische Formen

Begriff und Bedeutung

Unternehmertum (englisch entrepreneurship) ist eine wirtschaftswissenschaftliche Teildisziplin und zugleich die Praxis, neue Organisationen oder Unternehmen als Reaktion auf erkannte Möglichkeiten zu gründen. Dabei tragen Gründer persönliches Kapitalrisiko. Moderne Ansätze verstehen Entrepreneurship weiter als bloße Unternehmensgründung oder effiziente Ressourcennutzung: Es umfasst das systematische Erkennen von Marktchancen, die Entwicklung neuer Geschäftsideen und Geschäftsmodelle sowie deren Umsetzung.

Ein Entrepreneur ist meist ein innovativer, persönlich Risiko tragender Gründer. Er muss nicht Eigentümer großer Kapitalressourcen sein. Ein Existenzgründer wird dagegen häufig als Gründer ohne innovative Idee, eigene Mitarbeiter und Wachstumspotenzial abgegrenzt. Ein Start-up ist die frühe, zeitlich begrenzte Entwicklungsphase eines innovativen Unternehmens mit einem skalierbaren, also stark ausweitbaren, Geschäftsmodell. Unternehmertum kann auch in bestehenden Unternehmen durch Nicht-Eigentümer stattfinden; dies heißt Intrapreneurship.

Der Begriff Unternehmertum kann außerdem die Gesamtheit oder soziale Klasse der Unternehmer eines Landes bezeichnen. Die Grenze zum Kleinunternehmertum ist dabei unscharf.

Definitionen und Rollen

Eine allgemein gebräuchliche Definition von Entrepreneurship gibt es nicht. Forschung erklärt Gründungen unter anderem mit prozessorientiertem Gründungsmanagement, Persönlichkeit, Institutionen, Branchenstrukturen oder Organisationsökologie.

In der funktionalen Sicht ist der Entrepreneur wirtschaftlich wirksam: Für Adam Smith gleicht er Angebot und Nachfrage aus, für Jean Baptiste Say kombiniert er Produktionsfaktoren. Joseph Schumpeter (1934) beschreibt ihn als Person, die neue Ideen oder Inventionen in erfolgreiche Innovationen umsetzt. Er ist vor allem Innovator, nicht unbedingt Erfinder. Durch kreative Kombination materieller und immaterieller produktiver Kräfte ersetzt er alte Strukturen durch neue. Schumpeter nennt dies „kreative Zerstörung“; sie verursacht industrielle Dynamik und langfristiges Wirtschaftswachstum.

Die traditionelle Mikroökonomie sieht den Unternehmer eher als Arbitrageur: Er kauft günstig ein und verkauft mit geringem Risiko teurer. Damit nutzt er Marktungleichgewichte, trägt aber tendenziell zu ihrem Ausgleich bei. Israel M. Kirzner betont dagegen die alertness, also Findigkeit oder Aufmerksamkeit für ungenutzte Chancen. Sein Entrepreneur kann sogar ohne eigene Ressourcen brachliegende Gratisressourcen erschließen, etwa eine Dachterrasse als Aussichtsplattform vermieten. Die klassische Definition von Howard H. Stevenson lautet: „Entrepreneurship is the pursuit of opportunity without regard to resources currently controlled“.

Entrepreneur, Eigentümer und Manager sind zu unterscheiden. Der Entrepreneur trägt persönlich Risiko und ist innovativ; der Eigentümer verfügt eher über Ressourcen; ein angestellter Manager hat andere Aufgaben und Risiken. Ein Intrapreneur handelt innerhalb einer Organisation innovativ und wettbewerbsorientiert, haftet aber nicht mit Privatvermögen und besitzt keine Eigentumsrechte. Corporate Entrepreneurship bezeichnet die Förderung solcher Verhaltensweisen sowie von Aus- und Gründungen durch etablierte Unternehmen.

Handeln, Unsicherheit und Kompetenzen

Unternehmerisches Handeln besteht vor allem aus vier Komponenten:

  • Chancen entdecken: Geschäftsideen erzeugen, bewerten, auswählen und umsetzen.
  • Innovationen durchsetzen: Ideen zu Modellen und Prototypen entwickeln und vermarkten; dies betrifft Produkte, Prozesse, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle.
  • Ressourcen erschließen: benötigte Ressourcen erkennen, kombinieren und nutzen, zunehmend auch bereits am Markt verfügbare Ressourcen.
  • Risiken tragen: Risiken abschätzen und gegebenenfalls übernehmen.

Unternehmer müssen außerdem auf Krisen, Konkurrenz und Veränderungen reagieren, das Umfeld beobachten, fremde Ideen beurteilen sowie eigene Fehlentwicklungen früh korrigieren oder beenden. Verantwortung gegenüber Umwelt, Recht, sozialem Umfeld und Mitarbeitern sowie Nachhaltigkeit sollen dazugehören. Nachhaltiger Unternehmensaufbau wird ökonomisch, ökologisch und sozial verstanden.

Risiken neuer Märkte und neuer Faktorkombinationen sind oft nicht berechenbar. Frank H. Knight (1921, 1967) unterscheidet deshalb Risiko von Unsicherheit: Unsicherheit lässt sich im Unterschied zum Risiko nicht quantifizieren. Unternehmer treffen dann nicht parametrische Entscheidungen, etwa ob einem ersten Großkunden zu vertrauen ist. Sie müssen volatile, also wechselhafte, Informationen verarbeiten. Hohe Risikobereitschaft kann Gründungen fördern, während geringe bis mittlere Risikobereitschaft eher zum langfristigen Erhalt eines Unternehmens passt.

Als wichtige, aber selten vollständig in einer Person vereinte Merkmale nennt die Literatur Leistungsmotivation, Eigeninitiative, Unabhängigkeitsstreben, Realismus, Kooperationsfähigkeit, Kreativität, Durchhaltevermögen, Problemlösungsfähigkeit, emotionale Stabilität, Einfühlungsvermögen, Ambiguitätstoleranz und unternehmerische Selbstwirksamkeitserwartung. Letztere ist die Erwartung, durch eigenes Handeln entscheidenden Einfluss auf das Gelingen zu haben. Der Zusammenhang von Persönlichkeit und Erfolg ist jedoch umstritten: Ross Levine und Rona Rubenstein betonen für erfolgreiche Gründer in den USA den schon vorhandenen Zugang zu Kapital; Risikobereitschaft sei kein unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal, sondern auch von Umweltbedingungen geprägt. Teamgründungen werden wichtig, weil je nach Unternehmensphase unterschiedliche Kompetenzen benötigt werden.

Forschung, Ökosysteme und Formen

Seit Beginn der 1980er Jahre wurde die Entrepreneurship-Forschung stark ausgebaut. Sie untersucht theoretisch die Rolle des Entrepreneurs und praktisch Bedingungen zur Verbesserung und Unterstützung von Gründungen, etwa in Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Innovationspolitik. Neuere Teilgebiete sind Social und Sustainable Entrepreneurship, Corporate Entrepreneurship, Intrapreneurship, E-Entrepreneurship, Minority beziehungsweise Ethnical Entrepreneurship, Regional Entrepreneurship und Gender Entrepreneurship. Das 1999 gegründete Global Entrepreneurship Monitor Consortium berichtet jährlich über die Entwicklung des Entrepreneurship; 2010 umfasste es 59 Länder.

Neuere Ansätze berücksichtigen Netzwerke und Kooperationen für Wissen, Kapital und Know-how. Effectuation nach Saras Sarasvathy beschreibt einen tentativen Lernprozess: Ausgangspunkt sind verfügbare eigene Ressourcen und die Frage, wie sie für Marktchancen genutzt werden können. Improvisation wird dabei stärker gewichtet als lineare Planung. Unter dem Einfluss der Internetökonomie gewinnt Geschäftsmodellinnovation an Bedeutung, weil externe Ressourcen eingebunden und Fixkosten gesenkt werden können.

Ein Gründer-Ökosystem ist das Zusammenspiel von Umweltfaktoren, die Gründungen und Erfolg fördern oder behindern: Talente, erfolgreiche Vorbilder, Finanzierung, Bildung und Beratung, Kunden, digitale und öffentliche Infrastruktur, Recht, staatliche Regulierung, innovationsfreundliche Kultur und Lebensqualität. Es muss nicht räumlich gebunden sein; auch das Milieu der App-Entwickler kann ein Ökosystem sein. Laut RKW kann gute regionale Koordinierung auch außerhalb großer Städte ein solches Klima schaffen. In Deutschland kann sich laut Artikel nur Berlin mit weltweiten Spitzenreitern messen; in Europa liegt London im Spitzenfeld.

Besondere Formen sind Familienunternehmen, Social Entrepreneurship, Cultural Entrepreneurship, Eco-entrepreneurship, Intra- und Corporate Entrepreneurship sowie Franchising. Youth Entrepreneurship fördert Gründungsideen und unternehmerische Aktivitäten meist bei 14- bis 24-Jährigen in Schulen, Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen, Übungsfirmen oder realen Unternehmen. Während der Krise 2009–2012 verschlechterten sich mit steigender Jugendarbeitslosigkeit ihre Gründungschancen; die Motivation stieg auch nach dem Aufschwung seit 2013 kaum.

Migration, Gründungsphasen und internationale Vergleiche

Ethnische Ökonomie oder Migrantenökonomie bezeichnet in Deutschland selbstständiges wirtschaftliches Handeln von Menschen, die gegenüber Unternehmern der Mehrheitsgesellschaft unterscheidbare ethnische und kulturelle Merkmale aufweisen. Zuwanderer werden seit etwa 2000 stärker als Gründer für wirtschaftliche Dynamik und Revitalisierung wahrgenommen. In Deutschland wurden 500.000–700.000 Selbstständige mit Migrationshintergrund geschätzt; die Abgrenzung und statistische Messung sind jedoch schwierig. Ihre Selbständigenquote lag mit 10 % leicht unter derjenigen der Mehrheitsbevölkerung von über 11 %. Von 2005 bis 2009 wuchs die Zahl migrantischer Selbstständiger aber um 16,4 %, die Zahl deutscher Selbstständiger nur um 1,1 %.

2009 war in Deutschland etwa jeder fünfte Gründer ausländischer Herkunft: rund 170.000 von insgesamt 870.000. Die Gründerquote unter Migranten betrug 1,9 % und lag 0,3 Prozentpunkte über der deutschen. Netzwerke erleichtern Kapitalbeschaffung, Personalrekrutierung und Markteintritt. Migrantenbetriebe bestehen jedoch oft kürzer; dies kann auf Notgründungen bei versperrten beruflichen Aufstiegswegen hindeuten. Zudem wird ihr Gründungspotenzial als nicht ausgeschöpft beschrieben, weil sie seltener in Schlüsselbranchen oder wissensintensiven Industrien gründen.

Nascent Entrepreneurs haben erste Schritte wie eine Kreditbeantragung unternommen, befinden sich aber noch im Gründungsprozess. Die Gründung gilt als abgeschlossen, wenn sie länger als drei Monate positiven Cashflow erzielen und/oder sich ein Gehalt zahlen. Serial Entrepreneurs arbeiten nacheinander an mehreren Gründungen, Parallel Entrepreneurs gleichzeitig; langfristige Mehrfachgründungen heißen Habitual Entrepreneurship.

Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) ermittelte 2009 in 43 Ländern mit über 100.000 Interviews: In Deutschland waren nur 1,4 % der 18- bis 64-Jährigen gerade dabei zu gründen. Unter 20 vergleichbar hoch entwickelten innovationsbasierten Ökonomien lag Deutschland auf Platz 15; Japan und Belgien bildeten die Schlusslichter, die Vereinigten Arabischen Emirate, Island und die USA lagen vorn. OECD- und Weltbankvergleiche bewerten unter anderem lokale Beschäftigung, Stadterneuerung, Regulierung und Bürokratieabbau. Der Artikel kritisiert, dass Kennzahlen wie die Bearbeitungsdauer einer Gewerbeanmeldung eher Bedingungen für ausländische Investoren als die Probleme einheimischer Kleingründer abbilden können.

Gesellschaftliche Folgen und problematische Formen

Viele Gründungen sind nicht automatisch volkswirtschaftlich positiv. Entscheidend ist ihre Qualität: Innovative und wachstumsorientierte Gründungen können positive externe Effekte, also Folgen für Dritte, erzeugen. Traditionelle Notgründungen in gesättigten Märkten können dagegen andere Anbieter verdrängen oder die Einkommen aller Beteiligten senken.

Unproduktives Unternehmertum liegt vor, wenn Unternehmer dauerhaft weniger Einkommen erwirtschaften, als sie öffentliche Ressourcen oder freie Güter verbrauchen oder an Subventionen erhalten. Destruktives oder parasitäres Unternehmertum erzeugt in großem Umfang negative externe Effekte ohne besondere gesellschaftliche Rechtfertigung. William J. Baumol nennt als Beispiele die US-amerikanische Anwaltschaft, die teilweise mehr verdient als ihre Unternehmensklienten, sowie Korruption in China. Genannt werden außerdem politisches Unternehmertum, das durch Protektion geschützt wird, subventionsabhängiges Kleinstunternehmertum und kriminelles Unternehmertum.

Die Abgrenzung zwischen unproduktiv und destruktiv ist empirisch schwierig. Eindeutig destruktiv seien etwa Korruption, ungerechtfertigte Monopole, Drogenhandel, Glücksspiel, gesundheitsschädliche Produkte oder die Ausnutzung von Sucht, Abhängigkeit, Unwissenheit und Notsituationen. Der Begriff enthält nicht zwingend eine moralische Wertung, sondern verweist darauf, dass Art oder Umfang von Gründungen die Nachhaltigkeit und das Volkseinkommen mindern können. Gründungsförderung soll deshalb Anreize schaffen, unproduktive oder destruktive Unternehmen in produktives Unternehmertum zu überführen. Der betreffende Artikelabschnitt ist laut Quelltext zugleich als grundsätzlich überarbeitungsbedürftig und nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.

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