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Sebastian Conrad

Sebastian Conrad (* 19. März 1966 in Heidelberg) ist ein deutscher Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Globalgeschichte sowie in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ausbildung und akademische Laufbahn
  3. 3. Zentrale Forschungsthemen
  4. 4. Globalgeschichte und Nofretete
  5. 5. Rezeption und Kontroversen
  6. 6. Wichtige Veröffentlichungen

Überblick

Sebastian Conrad (* 19. März 1966 in Heidelberg) ist ein deutscher Historiker. Er arbeitet vor allem zur Globalgeschichte, zur Kolonialgeschichte und zur Geschichte der Geschichtsschreibung. Seit 2010 ist er Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.

Für Schülerinnen und Schüler ist Conrad vor allem deshalb wichtig, weil seine Arbeiten zeigen, wie nationale Geschichte und globale Zusammenhänge miteinander verbunden sind. Globalgeschichte bedeutet hier: Geschichte wird nicht nur innerhalb einzelner Staaten betrachtet, sondern als Geschichte von Verflechtungen, Austausch, Machtverhältnissen und gegenseitigen Einflüssen über Grenzen hinweg.

Ausbildung und akademische Laufbahn

Conrad studierte Geschichte, Japanologie und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn, der Osaka Gaikokugo-Universität und der Freien Universität Berlin. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Universität Tokio wurde er 1999 an der Freien Universität Berlin promoviert. Seine Dissertation verglich die Geschichtsschreibung in Japan und der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Für diese Arbeit erhielt er 1999 den Dissertationspreis der Ernst-Reuter-Gesellschaft. Ebenfalls 1999 wurde er in die Junge Akademie aufgenommen.

Von 1999 bis 2003 war Conrad wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 2003 bis 2007 Juniorprofessor am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Freien Universität Berlin. 2007 wurde er Professor für Geschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. 2010 kehrte er als Professor für Neuere Geschichte an die Freie Universität Berlin zurück. Seit 2012 leitet er dort den Masterstudiengang „Global History“, der in Kooperation mit der Humboldt-Universität angeboten wird.

Conrad war außerdem Gastprofessor und Gastwissenschaftler an mehreren internationalen Einrichtungen, darunter die École des hautes études en sciences sociales in Paris, die University of California, Santa Barbara, die New School in New York, das Wissenschaftskolleg zu Berlin und das Tokyo College der University of Tokyo. 2018 wurde er in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und in die Academia Europaea aufgenommen. 2026 erhielt er den Schader-Preis.

Zentrale Forschungsthemen

Conrads Forschung verbindet drei große Bereiche: Globalgeschichte, Kolonialgeschichte und Geschichte der Geschichtsschreibung. Die Geschichte der Geschichtsschreibung untersucht, wie Historikerinnen und Historiker in bestimmten Zeiten Geschichte darstellen und deuten.

In seiner Dissertation Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945–1960 (1999) untersuchte Conrad vergleichend, wie die Geschichtswissenschaft in Westdeutschland und Japan nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Geschichte der eigenen Nation neu schrieb.

In Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich (2006) analysierte er die Beziehung zwischen Globalisierung und nationaler Identitätsbildung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Seine zentrale These lautet, dass Globalisierung und Nationalismus nicht einfach Gegensätze waren. Vielmehr entwickelte das Deutsche Kaiserreich seine nationale Selbstdefinition in einer zunehmend global vernetzten Welt. Dabei spielten koloniale Diskurse, Rassentheorien und imperiale Ambitionen eine wichtige Rolle.

In Deutsche Kolonialgeschichte (5. Auflage 2023) bewertet Conrad die deutsche Kolonialpolitik neu. Er argumentiert, dass der deutsche Kolonialismus trotz seiner zeitlichen Begrenzung ein zentraler Bestandteil der deutschen Moderne war. Kolonialismus wird dabei nicht nur als Außenpolitik oder Wirtschaftspolitik verstanden, sondern als etwas, das tief in Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft hineinwirkte.

Globalgeschichte und Nofretete

Mit What Is Global History? (2016) veröffentlichte Conrad eine Einführung in Konzepte, Fragestellungen und Methoden der Globalgeschichte. Das Buch erklärt die Entwicklung dieses Forschungsfeldes und behandelt wichtige Grundfragen: Wie unterscheidet sich Globalgeschichte von Weltgeschichte? Wie geht man mit Eurozentrismus um, also mit einer Sichtweise, die Europa zu stark in den Mittelpunkt stellt? Welche Rolle spielen historischer Vergleich und politische Folgen globalhistorischer Ansätze? Außerdem beschreibt Conrad methodische Grenzen und Herausforderungen globalgeschichtlichen Arbeitens.

In Kulturgeschichte globaler Transformation, 1750–1870 (2016) vertritt Conrad die These, dass zentrale Bereiche moderner Kulturgeschichte nur im globalen Zusammenhang richtig verstanden werden können. Dazu gehören Vorstellungen von Zeit und Raum, die Geschichte der Aufklärung und die Geschichte der Religionen. Kulturelle Veränderungen dieser Zeit deutet er als Reaktionen auf Herausforderungen, die weltweit wirksam waren.

In Die Königin. Nofretetes globale Karriere (2024) untersucht Conrad die Rezeptionsgeschichte der Nofretete-Büste seit ihrer Entdeckung 1912 und ihrer ersten Ausstellung 1924. Rezeptionsgeschichte bedeutet: Es wird untersucht, wie ein Objekt, Text oder Ereignis in späteren Zeiten wahrgenommen, gedeutet und verwendet wurde. Conrad zeigt, wie die Büste im Zusammenhang von Archäologie, Kolonialismus, Nationalismus und kultureller Identität zu einer globalen Ikone wurde. Außerdem behandelt er Debatten über Besitz, Herkunft und kulturelle Aneignung.

Rezeption und Kontroversen

What Is Global History? (2016) wurde international breit besprochen und mehrfach als wichtiges Referenzwerk der Globalgeschichte bezeichnet. Serge Gruzinski lobte es in The Guardian als „an excellent survey“, Pankaj Mishra nannte es im BBC History Magazine einen besonders nützlichen Einstieg in die Globalgeschichte, und Cyrus Schayegh bezeichnete es in sehepunkte als „new gold standard“ des Fachs. Christopher Goscha lobte, dass das Buch die Komplexität des Forschungsfeldes verständlich vermittle, ohne sich im theoretischen Fachjargon zu verlieren. Das Buch wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.

Die Königin. Nofretetes globale Karriere (2024) wurde im Erscheinungsjahr für den Deutschen Sachbuchpreis und den NDR Sachbuchpreis nominiert. Der Deutschlandfunk nannte die Lektüre „faszinierend“ und hob hervor, Conrad erzähle ausgehend von einem ikonischen Kunstwerk eine globale Geschichte der letzten 100 Jahre und aktueller Debatten über weltweite Machtverhältnisse. Ronald Düker lobte Conrad in der Zeit als „glänzenden Erzähler“.

Es gab aber auch deutliche Kritik. Die Ägyptologin Susanne Voss warf Conrad in der Orientalistischen Literaturzeitung „widersprüchlich(e) und kontrafaktisch(e)“ Argumentationen vor. Besonders kritisierte sie seine Darstellung der Fundteilung und sah darin eine Nähe zu antisemitischen Diffamierungen gegen den jüdischen Ausgräber Ludwig Borchardt. Conrad wies diesen Vorwurf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück. Er argumentierte, die Debatte über die Fundteilung habe nichts mit Borchardts Religionszugehörigkeit zu tun, sondern mit kolonialen Machtverhältnissen. Die damalige Regelung, nach der die Hälfte der Funde an die Sponsoren der Grabungen ging, sei nach der ägyptischen Unabhängigkeit 1922 abgeschafft worden.

Wichtige Veröffentlichungen

Zu Conrads ausgewählten Monografien gehören Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945–1960 (1999), Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich (2006), Deutsche Kolonialgeschichte (2008; 5. Auflage 2023), Globalgeschichte. Eine Einführung (2013), What Is Global History? (2016), Verso il mondo moderno: Una storia culturale (2022) und Die Königin. Nofretetes globale Karriere (2024).

Als Herausgeber arbeitete Conrad unter anderem mit Jürgen Osterhammel, Akira Iriye, Aleida Assmann, Dominic Sachsenmaier und Shalini Randeria zusammen. Zu den herausgegebenen Werken gehören Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004), Geschichte der Welt. 1750–1870. Wege zur modernen Welt (2016), Memory in a Global Age (2010), Competing Visions of World Order (2007) und Jenseits des Eurozentrismus (2002).

Ein wichtiger Buchbeitrag ist Eine Kulturgeschichte globaler Transformation, 1750–1870 in Wege zur modernen Welt, 1750–1870 (2016), der auf Englisch als A Cultural History of Global Transformation erschien.

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