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Geschichte der Geschichtsschreibung
Die Geschichte der Geschichtsschreibung befasst sich mit Entstehung und Entwicklung des Darstellens der Vergangenheit.
Inhalt6 Abschnitte
Grundbegriff und Aufgabe
Die Geschichte der Geschichtsschreibung untersucht, wie Menschen Vergangenheit dargestellt, bewahrt und gedeutet haben. Im Deutschen meint „Geschichte“ sowohl die vergangenen Ereignisse selbst als auch ihre spätere Darstellung und Interpretation. Entsprechend kann „Historiografie“ die Geschichtsschreibung über eine bestimmte Epoche meinen, aber auch die Historiografiegeschichte, also die Geschichte der Geschichtsschreibung.
Geschichtsschreibung ist nicht einfach das Sammeln alter Nachrichten. Sie fragt nach Quellen, ihrer Entstehung, ihrer Aussageabsicht und ihrer Glaubwürdigkeit. Dafür nutzt die Geschichtswissenschaft unter anderem Methoden aus Literaturwissenschaft und Philosophie. Die moderne Geschichtswissenschaft entwickelte besonders seit dem 19. Jahrhundert kritisch-theoretische Verfahren wie die Quellenkritik. Quellenkritik bedeutet, historische Texte und Zeugnisse danach zu prüfen, wer sie verfasst hat, mit welchem Ziel, unter welchen Bedingungen und wie verlässlich sie sind.
Historiografiegeschichte ist auch Wissenschaftsgeschichte: Sie untersucht die Institutionen des Fachs, die Arbeitsbedingungen von Historikerinnen und Historikern und die politischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen früherer Geschichtsschreibung. Dadurch kann sie sichtbar machen, welche Traditionen, Konflikte und unbewussten Voraussetzungen historische Forschung geprägt haben, etwa einen lange dominierenden „männlichen“ Blick auf Staat, Gesellschaft und Kultur.
Antike Grundlagen
Ansätze zur Dokumentation von Geschichte gab es bereits im Altertum bei Babyloniern, Assyrern, Ägyptern und Persern. Erhalten sind vor allem Inschriften, die Herrschertaten rühmen. Sie enthalten historische Informationen, sind aber oft Verteidigungsschriften oder Propaganda. Ähnliches gilt teilweise für Berichte über Israel im Alten Testament.
Geschichtsschreibung im heutigen Sinn beginnt in der griechischen Antike. Entscheidend ist der forschende Verfasser, der eigene Erkundungen, griechisch historiē, ordnet, auswählt und mit Vernunft, griechisch lógos, darstellt. Deshalb gelten Homers Ilias und Odyssee trotz historischer Bezüge nicht als Geschichtswerke: Sie sind dichterisch gestaltet und berufen sich auf Museninspiration, nicht auf eigene Forschung.
Als erster großer Geschichtsschreiber galt Herodot, der schon in der Antike „Vater der Geschichtsschreibung“ genannt wurde. In seinen Historien, veröffentlicht um 430 v. Chr., behandelte er vor allem die Perserkriege und verband historische, geografische und ethnografische Informationen. Sein Werk ist wertvoll, aber wegen Fehlern und mündlicher Überlieferung kritisch zu benutzen.
Thukydides schrieb etwa 30 Jahre nach Herodot über den Peloponnesischen Krieg bis 411 v. Chr. Er verlangte Genauigkeit, unterschied zwischen äußeren Anlässen und tieferen Gründen und wollte sein Werk als „Besitz für alle Zeit“ verstanden wissen. Mit ihm beginnt die politische Geschichtsschreibung in einem strengeren Sinn. Xenophon setzte Thukydides mit den Hellenika fort; Polybios beschrieb in 40 Büchern den Aufstieg Roms zur Weltmacht von 264 bis 146 v. Chr. und erklärte Roms Erfolg besonders mit der Mischverfassung der Republik.
Die antike Geschichtsschreibung war zugleich Literatur. Sie folgte Gattungsregeln, arbeitete mit Stil, Auswahl und Deutung und darf nicht an modernen Objektivitätsmaßstäben gemessen werden. Autoren wie Herodot, Thukydides, Polybios, Titus Livius, Tacitus, Ammianus Marcellinus und Prokopios schufen künstlerische Prosa, die dennoch zentrale historische Quellen bildet. Ihre Aussagen müssen immer interpretiert und quellenkritisch geprüft werden.
Rom, Spätantike und christliche Deutung
Die römische Geschichtsschreibung begann später als die griechische. Quintus Fabius Pictor schrieb Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. noch auf Griechisch. Marcus Porcius Cato der Ältere verfasste im 2. Jahrhundert v. Chr. mit den weitgehend verlorenen Origines das erste historische Prosawerk in lateinischer Sprache. Zu den wichtigsten lateinischen Autoren gehören Caesar, Sallust, Titus Livius, Tacitus, Sueton und Ammianus Marcellinus.
Caesar stellte in den Commentarii seine eigenen Kriege dar, besonders den Krieg in Gallien. Livius schrieb unter Augustus ein monumentales Werk in 142 Büchern über Rom von der sagenhaften Gründung 753 v. Chr. bis 9 v. Chr.; es ist nur teilweise erhalten. Tacitus gilt als Höhepunkt der römischen Geschichtsschreibung. Seine Annalen und Historien schildern die Kaiserzeit, sind aber deutlich von einer senatorisch-republikanischen Perspektive geprägt. Sein Motto sine ira et studio bedeutet nicht völlige Objektivität, sondern dass er ohne eigennützige Motive wie Rache oder Schmeichelei schreiben wolle.
In der Spätantike gingen viele Werke verloren. Besonders wichtig ist Ammianus Marcellinus, dessen Res Gestae die Ereignisse von 353 bis 378 ausführlich und zuverlässig darstellen. Die Historia Augusta ist dagegen eine sehr umstrittene und oft unzuverlässige Quelle. Prokopios von Caesarea schrieb im 6. Jahrhundert auf Griechisch über die Kriege Kaiser Justinians I. und gilt häufig als letzter antiker Geschichtsschreiber von Rang. In Ostrom blieb die antike Tradition länger lebendig, bis sich nach Theophylaktos Simokates um 630 stärker christlich geprägte Formen durchsetzten.
Bibel und frühe Kirche entwickelten eine andere Form von Geschichtsdeutung. Das Alte Testament kennt keinen Geschichtsbegriff im heutigen Sinn. Die Evangelien wollten keine Geschichtswerke sein, sondern die Wahrheit der christlichen Lehre zeigen. Die Apostelgeschichte kann eher als Geschichtsschreibung gelten, steht aber ebenfalls unter einem didaktischen Ziel: Die Ausbreitung des christlichen Glaubens bis Rom erscheint als Gottes Plan.
Die patristische Geschichtsschreibung deutete Geschichte heilsgeschichtlich, also als Teil eines göttlichen Plans. Eusebius von Caesarea verband profane Chronographie mit Heilsgeschichte und gilt als „Vater der Kirchengeschichtsschreibung“. Orosius schrieb auf Anregung Augustins seine historia contra paganos und ordnete Geschichte in das Schema der vier Weltreiche ein. Fakten wurden in ein transzendentes Ordnungsschema eingeordnet; eine von Religion unabhängige Geschichtsschreibung verlor an Bedeutung.
Mittelalter und Byzanz
Im europäischen Mittelalter hatte Geschichte keinen eigenen Platz im Kanon der artes liberales. Augustinus von Hippo und Isidor von Sevilla ordneten sie der Grammatik zu, weil Grammatik beim Verstehen der Quellen und beim Vergegenwärtigen des Geschehenen helfen sollte. Mittelalterliche Geschichtsschreibung knüpfte an spätantike Traditionen an, deutete Geschichte aber stark eschatologisch: Sie stand unter Gottes Einfluss und war auf das Jüngste Gericht bezogen.
Isidor von Sevilla unterschied Ephemeriden, Kalendarien, Annalen und Historia. Der Geschichtsschreiber sollte Wahrheit berichten und vergangene Ereignisse darstellen, zugleich aber Einsicht in den göttlichen Heilsplan ermöglichen. Die Rhetorik verlangte von Geschichte, wahr, kurz, deutlich und plausibel zu sein: vera, brevis, dilucida, probabilis. Beda Venerabilis sah es im 8. Jahrhundert als Aufgabe, allgemein bekanntes Erzählgut zu sammeln und zur Unterrichtung der Nachwelt weiterzugeben.
Wichtige Formen waren Biografien, Annalen, Chroniken und Tatenberichte. Anfangs schrieben vor allem Mönche und Geistliche, später auch weltliche Autoren. Gregor von Tours verfasste eine christliche Universalgeschichte, die für Gallien im 6. Jahrhundert wichtig ist. Im Hochmittelalter waren Weltchroniken beliebt; sie ordneten das Heilige Römische Reich häufig in den göttlichen Heilsplan ein. Im Spätmittelalter gewann städtische Geschichtsschreibung an Bedeutung, weil Städte ihre Vergangenheit zur politischen Legitimation nutzten. Chroniken stützten sich zunehmend auf genaue Datierungen, Augenzeugen und Archivstücke.
Im byzantinischen Reich war die weltliche Elite meist lese- und schreibkundig, weshalb dort auch nichtgeistliche Geschichtsschreibung erhalten ist. Nach dem Zusammenbruch großer Teile Ostroms im 7. Jahrhundert brach die antike Historiografie zunächst weitgehend ab. Ab dem späten 9. Jahrhundert kam es zu einer Wiederbelebung antiker Gelehrsamkeit. Wichtige byzantinische Autoren sind Anna Komnena, Johannes Zonaras, Michael Psellos, Niketas Choniates, Nikephoros Gregoras und Georgios Sphrantzes. Anna Komnenas Werk über ihren Vater Alexios I. ist besonders wichtig für den Ersten Kreuzzug, verherrlicht aber zugleich den Kaiser.
Frühe Neuzeit und Aufklärung
Seit dem 15. Jahrhundert gab das Interesse an der Antike der Geschichtsschreibung einen neuen Stellenwert. In der Renaissance sollte Geschichte nicht nur Ereignisse dokumentieren, sondern auch rhetorisch und moralisch wirken. Petrarca nutzte antike Beispiele als Exempla, also lehrhafte Vorbilder, und rückte den Menschen stärker in den Mittelpunkt. Bei italienischen Humanisten wie Enea Silvio de’ Piccolomini und Flavio Biondo entstand im 15. Jahrhundert eine stärker wissenschaftlich orientierte Geschichtsschreibung.
Niccolò Machiavelli entwickelte Anfang des 16. Jahrhunderts eine pragmatische Geschichtsschreibung, die Herrschaft, Machtmittel und politische Konflikte untersuchte, ohne sie vor allem moralisch zu bewerten. Seine Geschichte von Florenz gilt als erstes Werk der modernen Geschichtsschreibung. Francesco Guicciardinis Geschichte Italiens blieb lange maßgeblich, bis Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert durch Quellenkritik Fehler nachwies.
In der Reformationszeit war Geschichtsschreibung oft konfessionell parteilich. Autoren schrieben für oder gegen Martin Luther; die spätere katholische Sicht stützte sich lange auf Johannes Cochläus, bis im 20. Jahrhundert Adolf Herte und Joseph Lortz eine Annäherung an Luther einleiteten. Allgemein diente Kirchengeschichtsschreibung dazu, den Wahrheitsanspruch der eigenen Konfession zu begründen.
Im 16. und 17. Jahrhundert geriet das alte Schema der vier Weltreiche durch neue Kenntnisse über Asien ins Wanken. Christoph Cellarius (1638–1707) setzte die Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit durch. Diese Periodisierung gilt bis heute als wichtige methodische Voraussetzung historischer Arbeit. Zugleich verlor die Bibel ihre Rolle als selbstverständlicher Maßstab geschichtlicher Datierung; die Zählung ante Christum natum setzte sich in Europa durch.
Im 18. Jahrhundert wurde Geschichte im Zuge der Aufklärung Gegenstand akademischer Lehre. Man verstand sie häufig als Universalgeschichte und deutete sie mit Vernunftbegriffen. Voltaire richtete den Blick weniger auf politische Konflikte als auf Kunst, Sitte, Gesellschaft und Familie. Kant sah in der Geschichte keine direkt erkennbare göttliche Absicht, suchte aber einen regelmäßigen Gang im Großen: Die Menschheit solle zu einer bürgerlichen Gesellschaft und zu friedlichem Zusammenleben der Staaten gelangen. Geschichte wurde damit stärker zur Schule des Weltbürgers als zur bloßen Schule von Fürsten und Staatsdienern.
19. Jahrhundert und außereuropäische Traditionen
Im 19. Jahrhundert wurde Geschichte an den Universitäten zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin. In Deutschland prägte der Idealismus die Geschichtsphilosophie. Hegel definierte Geschichte als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ und unterschied ursprüngliche, reflektierende und philosophische Geschichtsschreibung. Die philosophische Geschichtsschreibung sollte in der Weltgeschichte die Entwicklung der Vernunft verfolgen.
Nach 1830 entstanden verschiedene Fachrichtungen wie Philosophiegeschichte, politische Geschichte, Sozialgeschichte und Wirtschaftsgeschichte. Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten den Historischen Materialismus, aus dem später marxistische Geschichtsschreibung hervorging. Zugleich wurde die Historische Schule wichtig. Viele Historiker richteten ihren Blick auf Staat und Nation. Leopold von Ranke strebte eine möglichst sachbezogene Darstellung an und verband sie mit der Idee, Historiker sollten die gesamte Menschheitsgeschichte überschauen und jede Bevölkerung als gleich wert betrachten. Heinrich von Treitschke vertrat dagegen eine stark national geprägte Geschichtsschreibung; auf ihn geht die Parole „Die Juden sind unser Unglück“ zurück.
In Frankreich und England wirkte der frühe Positivismus. Auguste Comte meinte, nur der l’esprit positiv könne die Vergangenheit nach konstanten Gesetzen der menschlichen Natur erklären. John Stuart Mill suchte empirische Gesetze gesellschaftlichen Lebens, betonte aber, dass sie wegen der kleinen Datenbasis keine Naturgesetze seien. H. Th. Buckle forderte ein naturwissenschaftliches Studium und Statistik für Historiker.
Auch außerhalb Europas entstanden lange Traditionen der Geschichtsschreibung. Im alten Orient und in Ägypten hielten Inschriften, Annalen und Chroniken wichtige Ereignisse fest, oft mit propagandistischem Zweck. In China reicht die Überlieferung mehr als 3.000 Jahre zurück; seit Sima Guangs Zizhi tongjian aus dem Jahr 959 gibt es eine präzise Beschreibung historiografischer Methoden. In der Kaiserzeit dominierten Dynastiegeschichten.
Die islamische Geschichtsschreibung, ilm at-tarich, hatte religiöse Ursprünge. Geschichte galt zunächst als Traditionswissenschaft, die zentrale religiöse Inhalte unverfälscht überliefern sollte. Dazu dienten Überliefererketten, Isnād. Später entstanden zunehmend säkulare Werke. Besonders wichtig ist at-Tabarīs Universalgeschichte vom Anfang des 10. Jahrhunderts; die moderne Forschung bewertet die frühislamische Geschichtsschreibung jedoch kritischer als früher, vor allem bei der Rekonstruktion der frühen Expansion.