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Rassentheorie
In der Anthropologie wurde Rasse vom späten 17. Jahrhundert bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts als Bezeichnung zur Klassifizierung von Menschen verwendet, seit …
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Kernidee und heutiger Stand
Rassentheorien, auch Rassenkunde oder Rassenlehre genannt, sind Theorien, die die Menschheit in verschiedene „Rassen“ einteilen. Sie waren besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert einflussreich. Heute gelten sie als überholt und wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Früher wurden Menschen vor allem nach äußerlichen, phänotypischen Merkmalen unterschieden, also nach sichtbaren Eigenschaften wie Hautfarbe, Behaarung oder Schädelform. Oft wurden daraus zusätzlich angebliche Unterschiede im Charakter, in Fähigkeiten oder in der Kulturentwicklung abgeleitet.
Die moderne Biologie teilt den Menschen weder in Rassen noch in Unterarten ein. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren zeigen, dass eine solche Einteilung der Vielfalt des Menschen nicht gerecht wird. Übergänge zwischen geographischen Populationen sind fließend, und die äußerlichen Merkmale, auf die sich Rassentheorien stützten, werden nur von wenigen Genen beeinflusst. Der größte Teil der genetischen Unterschiede findet sich innerhalb der angeblichen „Rassen“, nicht zwischen ihnen. Dadurch erscheinen die alten Grenzen als willkürlich.
Ein wichtiges Beispiel ist die Hautfarbe. Sie ist evolutionär sehr veränderlich und steht unter starkem Selektionsdruck. Nach heutiger Auffassung waren die ersten modernen Menschen, die nach Europa einwanderten, dunkelhäutig. Die Hautfarbe der Europäer hellte sich erst in den letzten 5000 Jahren auf, vermutlich im Zusammenhang mit der geringeren Sonnenstrahlung, der Vitamin-D-Bildung und veränderten Schönheitsidealen bei der Partnerwahl.
Der Begriff „Rasse“ wird in manchen Ländern, etwa in den USA, im Vereinigten Königreich und in Lateinamerika, noch im offiziellen Sprachgebrauch oder in der Forschung verwendet. Dort meint race jedoch meist keine biologische Kategorie, sondern eine soziale Kategorie, oft nach Selbsteinschätzung der betroffenen Personen. In diesem Zusammenhang beschäftigen sich heute unter anderem Critical Race Theory und Kritische Weißseinsforschung mit dem Thema.
Begriff und rechtliche Verwendung
Das Wort „Rasse“ ist in romanischen Sprachen vereinzelt seit dem frühen 13. Jahrhundert nachgewiesen. Im 15. Jahrhundert wurde es häufiger verwendet, zunächst vor allem für Adelsfamilien und in der Pferdezucht. Später bezeichnete es unterschiedliche menschliche Kollektive, etwa Religionsgemeinschaften oder die Menschheit insgesamt. Zur anthropologischen Klassifikation von Menschen wurde der Begriff wahrscheinlich erstmals 1684 von François Bernier benutzt.
In der biologischen Anthropologie war die Einteilung des Homo sapiens in verschiedene Rassen bis ins späte 20. Jahrhundert üblich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Rasse häufig populationsgenetisch definiert, etwa als Gruppe verwandter, sich miteinander mischender Einzelwesen, die sich durch bestimmte vererbbare Merkmale von anderen Populationen unterscheide. Seit den 1970er Jahren wuchsen durch genetische Untersuchungen die Zweifel an dieser Vorstellung.
1995 erklärten achtzehn international bekannte Humanbiologen und Genetiker in einer Stellungnahme nach der UNESCO-Konferenz „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“ in Schlaining, der Begriff der Rasse sei in seiner Anwendung auf die menschliche Vielfalt „völlig obsolet geworden“. 1996 stellte auch die American Association of Physical Anthropologists fest, das Konzept einer klar abgrenzbaren Menschengruppe mit typischen Merkmalen sei wissenschaftlich nicht haltbar. Enzyklopädien wie Brockhaus und Meyers Lexikon bezeichnen entsprechende Kategorien heute als „veraltet“.
In Gesetzestexten kommt der Begriff teilweise weiter vor, etwa in Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, in Art. 14 der Europäischen Menschenrechtskonvention und im 14. Zusatzprotokoll dazu. Diese Nennungen gelten nicht als Bestätigung einer Rassentheorie. Sie sollen ausdrücken, dass eine unterschiedliche Behandlung von Menschen aufgrund einer rassistischen Zuordnung abzulehnen ist. Andere Staaten haben den Begriff gestrichen: Norwegen entfernte ihn 2010 aus nationalen Antidiskriminierungsgesetzen, und die französische Nationalversammlung strich ihn im Juli 2018 aus der Verfassung.
Entstehung älterer Klassifikationen
Vor modernen Rassentheorien gab es andere Formen der Einteilung von Menschen. Aristoteles unterschied Menschen nach Herkunft und übernahm die griechische Vorstellung, dass „Barbaren“ kulturell und charakterlich unterlegen seien; er erklärte dies mit Klimaunterschieden. Im Christentum wurde später vor allem nach Religion unterschieden: Christen, Juden, Heiden, Häretiker und später Muslime.
Arabische Quellen ab dem 10. Jahrhundert enthalten frühe Klassifizierungen nach Hautfarbe, verbunden mit Bewertungen. Dabei wurden Gruppen klimatisch gedeutet und hierarchisch eingeordnet. Ob und wie solche Vorstellungen später über die Reconquista oder über die Rezeption arabischer Philosophen auf Europa wirkten, bleibt im Artikel als offene Frage genannt.
Nach der Reconquista in Spanien gewann neben der Reinheit des Glaubens auch die Idee der „limpieza de sangre“, also etwa „Reinheit des Blutes“ beziehungsweise der Herkunft, an Bedeutung. Nach dem Alhambra-Edikt von 1492 wurden viele Juden zum Christentum gezwungen, und Herkunft wurde zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal zwischen jüdischen, christlichen und maurischen Gruppen. Seit dem 15. und 16. Jahrhundert verstärkten europäischer Kolonialismus, Eroberung Amerikas und transatlantischer Sklavenhandel die Entwicklung von Rassebegriffen. Europäische Kenntnisse über fremde Ethnien und Sitten stützten sich häufig auf Berichte von Eroberern und Missionaren, die stark rassistisch geprägt waren.
Aufklärung und 19. Jahrhundert
In der Aufklärung wurde „Rasse“ zunächst auch als historisches Konzept benutzt, etwa zur Erklärung gesellschaftlicher Konflikte zwischen Adel und Volk. Zugleich entstand aus dem aufklärerischen Ordnungsdenken das Bedürfnis, auch den Menschen systematisch einzuordnen. In der angenommenen Scala Naturae, einer hierarchischen Stufenleiter der Natur, wurde der Mensch über die Tiere gestellt, aber durch Übergänge mit ihnen verbunden. Dadurch wurden Affen oft nahe bei den angeblich „niedrigsten“ Menschen eingeordnet.
Carl von Linné ordnete Menschen in Systema Naturæ 1735 nach geographischer Herkunft in Europäer, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner ein und verband diese später mit Hautfarben, Temperamenten und Körperhaltungen. Georges-Louis Leclerc de Buffon etablierte die Bezeichnung „Rasse“ in der Wissenschaftssprache für die Unterteilung der Menschheit. Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant teilten 1775 die Menschheit in vier Varietäten beziehungsweise Rassen ein. Kant verband dies zeitweise mit einer Rangordnung der Bildungsfähigkeit; Blumenbach prägte den Begriff „kaukasisch“, lehnte aber klar abgegrenzte, unveränderliche Rassetypen und die Unterscheidung höherer und niedrigerer Rassen ab.
Im 19. Jahrhundert wurde der Rassebegriff sehr breit verwendet. Nach Charles Darwins Evolutionstheorie von 1859 verstärkte sich eine Biologisierung der Ethnologie. Naturforscher wie Georges Cuvier, James Cowles Prichard und Louis Agassiz unterschieden unterschiedliche Zahlen von Rassen; andere Autoren entwickelten noch feinere Einteilungen. Jean Baptiste Bory de Saint-Vincent unterschied 24 Rassen, Joseph Deniker allein in Europa 29.
Besonders einflussreich wurde Arthur de Gobineaus Essai sur l’inégalité des races humaines von 1852 bis 1854. Er verband die Idee des Rassenkampfes mit der Vorstellung, Rassenmischung führe zum Niedergang, und übertrug den sprachwissenschaftlichen Begriff „Arier“ in die Rassentheorie. Gobineau erklärte die „Arier“ zur „Herrenrasse“. Solche Vorstellungen wurden später vielfach aufgegriffen und bildeten Grundlagen rassistischer Praktiken. Weitere Strömungen waren die Hamitentheorie im kolonialen Afrika, die Eugenik als Idee einer künstlichen Steuerung der Entwicklung von Rassen sowie okkulte Lehren von „Wurzelrassen“ in Theosophie und Ariosophie.
Radikalisierung und Widerlegung
Um 1900 standen in rassentheoretischen Debatten besonders Eugenik und Rassenhygiene im Mittelpunkt. Eugenik meint den Versuch, Fortpflanzung und Partnerwahl so zu beeinflussen, dass angeblich „hochwertige“ Menschen gefördert und angeblich „minderwertige“ Menschen ausgeschlossen werden. In Deutschland und England begannen bereits in den 1890er Jahren Projekte zur gezielten Partnerwahl; in den USA und Skandinavien traten Fortpflanzungsverbote und Zwangssterilisationen in Kraft. 1912 fand in London der erste eugenische Weltkongress statt.
Die radikalste Zuspitzung erfuhr rassenbiologisches Denken im Nationalsozialismus. Es wurde ein zentraler Teil der Ideologie, Propaganda und Politik. Adolf Hitler deutete den Zweiten Weltkrieg einschließlich der Konzentrationslager als Überlebenskampf zwischen Rassen. 1935 wurde der Lebensborn gegründet. Viele deutsche Wissenschaftler unterstützten die nationalsozialistische Rassenhygiene; von den bekannten Anthropologen, Humangenetikern und Rassenhygienikern der NS-Zeit, deren Personalakten im Berlin Document Center lagen, waren mehr als 90 % Mitglieder der NSDAP. Ein Zentrum der rassenbiologischen Ideologie war die Universität Jena.
Gegenpositionen gab es schon früher. Johann Gottfried Herder lehnte in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit von 1784 bis 1791 eine Einteilung der Menschheit in Rassen ab. 1935 kritisierten Julian Huxley und Alfred C. Haddon in We Europeans Rasseneinteilungen innerhalb Europas als wissenschaftlich unbegründet und forderten, statt „Rassen“ von „ethnischen Gruppen“ zu sprechen. 1942 veröffentlichte Ashley Montagu Man’s Most Dangerous Myth: The Fallacy of Race und argumentierte, Rasse sei ein soziales Konzept ohne genetische Grundlage.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte die UNESCO 1950 eine Erklärung zur Rassenproblematik. Sie hielt fest, dass es keine Belege für bedeutsame Rassenunterschiede bei Intelligenz, Temperament oder in sozialer und kultureller Hinsicht gebe und dass Rassenmischung biologisch nicht nachteilig sei. Dennoch blieben rassistische Ordnungen praktisch bestehen: In den Südstaaten der USA dauerte die Rassentrennung bis in die späten 1960er Jahre, in Südafrika wurde die Apartheid erst 1990 überwunden.
Populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren, unter anderem von Richard Lewontin und Luigi Luca Cavalli-Sforza, zeigten, dass äußere Merkmale wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform nur Anpassungen an Umweltbedingungen darstellen und von relativ wenigen Genen beeinflusst werden. Studien fanden, dass etwa 85 % der genetischen Variation innerhalb von Populationen wie Franzosen oder Japanern liegen; Unterschiede zwischen traditionell nach Hautfarbe unterschiedenen „Rassen“ betragen nur etwa 6 bis 10 %. Anthony W. F. Edwards kritisierte 2003, dieses Argument gelte nur für einzelne Genorte; bei Mustern vieler Gene könne man Herkunftsgruppen erkennen. Jonathan M. Marks entgegnete, geographische Herkunft genetisch einzugrenzen sei möglich, erfülle aber nicht den Anspruch der Rassentheorie, große, in sich homogene und klar getrennte Gruppen zu finden.
Gegenwart und biomedizinische Forschung
Im 21. Jahrhundert spielt äußerliches Aussehen in manchen Zusammenhängen weiter eine Rolle, etwa bei Polizeifahndungen, wenn Herkunftsregionen wie europäisch, asiatisch, indisch, arabisch, afrikanisch oder lateinamerikanisch genannt werden. In den USA wird „race“ weiterhin in amtlichen Fragebögen als Selbstzuschreibung verwendet. In Lateinamerika schließt der Begriff raza biologische sowie ethnisch-kulturelle Dimensionen ein und ist oft mit sozialen Hierarchien verbunden, etwa zwischen „Weißen“, Indigenen, Schwarzen, Mestizen und Mulatten.
In der biomedizinischen Forschung der USA erlebte race eine gewisse Renaissance. Hintergrund ist die Pharmakogenetik, also die Forschung dazu, wie genetische Merkmale Krankheiten oder die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Ziel der personalisierten Medizin ist eigentlich die Behandlung jedes einzelnen Menschen nach seinem individuellen Genom. Einige Mediziner sehen aber auch Vorteile in einer stratifizierten Medizin, also in der Behandlung von Menschengruppen unterschiedlicher genetischer Abstammung.
US-Behörden wie die FDA empfehlen seit 2003, in klinischen Studien Angaben zu „race“, Alter und Geschlecht zu erheben; für bestimmte staatlich finanzierte Forschung ist dies verpflichtend. Die Kategorien stammen aus US-Statistik und Zensus und beruhen auf Selbsteinschätzung. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Studien fast nur an jungen, gesunden, „weißen“ Angehörigen der Mittel- und Oberschichten durchgeführt werden und Bedürfnisse anderer Gruppen übersehen werden.
Die Verwendung solcher Kategorien ist umstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass soziale Faktoren, etwa Armut, Lebensweise und Zugang zu medizinischer Versorgung, Ergebnisse verfälschen können. Direkte genetische Marker könnten genauer sein als Rassekategorien. In Europa wird der Begriff „Rasse“ für Menschen vermieden; stattdessen werden teils Daten zur Ethnie erhoben.
Die bisherigen Erfolge rassenbezogener Medikamentenforschung sind gering geblieben. Beispiele wie Betablocker oder Warfarin lieferten kaum klinisch nutzbare Ergebnisse, weil die individuelle Variation zu groß war. Besonders bekannt wurde BiDil, das 2005 von der FDA spezifisch zur Behandlung von Herzerkrankungen bei Schwarzen zugelassen wurde. Die Zulassung wurde wegen methodischer Schwächen und möglicher Marketinginteressen stark kritisiert. In einigen Bereichen, etwa der Psychiatrie, wird der Nutzen dieses Ansatzes insgesamt in Frage gestellt.