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Heiliger Krieg
Ähnliche Konzepte anderer Religionen, etwa der Dschihad im Islam, werden oft mit dem im christianisierten Europa entstandenen Begriff verglichen, aber in der …
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Grundidee und Abgrenzung
Ein Heiliger Krieg ist eine kollektive, organisierte Gewaltanwendung, die religiös begründet wird. Typisch sind Vorstellungen, dass ein Gott den Krieg beauftragt, ihn unterstützt oder selbst in das Kriegsgeschehen eingreift. Solche Begründungen treten besonders dort auf, wo politische und religiöse Macht eng verbunden oder identisch sind. Dann kann Krieg als gottgewollte Verteidigung, Stärkung oder Ausdehnung einer bestehenden Ordnung gedeutet werden.
Der Begriff entstand im Hellenismus und wurde im Christentum seit dem Hochmittelalter besonders für die Kreuzzüge gebräuchlich. In der Neuzeit wurde er auch auf nationalistisch motivierte Kriege übertragen, vor allem im deutschen Sprachraum auf die antinapoleonischen Befreiungskriege. Ähnliche Konzepte anderer Religionen, etwa der Dschihad im Islam, werden zwar oft verglichen, aber in der Forschung nicht einfach gleichgesetzt. Vom Heiligen Krieg unterschieden wird auch der Gerechte Krieg, der an rationale ethische Kriterien gebunden ist.
Antike und biblische Traditionen
Im Alten Orient sind politische und religiöse Kriegsgründe schwer zu trennen. Babylonien, Assyrien, Ägypten und Urartu begründeten Feldzüge häufig religiös, etwa durch Orakel, göttliche Aufträge an Herrscher oder die Vorstellung, ein Gott gehe dem Heer voraus. Meist verfolgten diese Kriege aber politische und ökonomische Ziele; deshalb spricht die Geschichtswissenschaft hier nur eingeschränkt von Heiligen Kriegen.
Im antiken Griechenland wurden Kriege zum Schutz des Apollonheiligtums in Delphi nach Amphiktyonenrecht als Heilige Kriege geführt. Genannt werden vier solche Kriege: 600–590 v. Chr. gegen Krissa, 448 v. Chr. gegen Phokis, 355–346 v. Chr. auf Veranlassung der Lokrer und 339–338 v. Chr. gegen Amphissa, das 338 v. Chr. zerstört wurde. Für das Römische Reich gilt eine Trennung in heilige und säkulare Kriege als anachronistisch, weil römische Kriege regelmäßig religiös legitimiert und rituell vorbereitet wurden.
In der Hebräischen Bibel erscheint die Vorstellung vom „Krieg JHWHs“ häufig, auch wenn der Ausdruck „Heiliger Krieg“ sinngemäß nur einmal im Tanach vorkommt (Joel 4,9). In der frühen Überlieferung gilt JHWH selbst als der eigentlich Kämpfende: Er rettet Israel in auswegloser Lage, etwa beim Auszug aus Ägypten, wo das Heer des Pharao ohne Zutun Israels im Schilfmeer untergeht. In der vorstaatlichen Zeit schildern biblische Texte Kriege als spontane Verteidigungsfeldzüge einzelner Stämme, geführt von charismatischen „Richtern“ als Rettern. Typische Elemente sind Posaunenruf, Sammlung des Heeres, sakrale Weihe, Gottesbefragung, Zusage des Sieges, göttlicher Schrecken über die Feinde und nach dem Sieg der „Bann“, also die Weihung oder Vernichtung von Feinden und Beute nach bestimmten Regeln.
In der Königszeit verändert sich die Vorstellung: Gott wird stärker zum Helfer des Königs, während die Könige selbst als Kriegführende auftreten. Mit David werden Kult, Dynastie, Heer und Staat fester organisiert. Die Propheten treten nun den Königen kritisch gegenüber und verurteilen Unrecht im Krieg und Frieden. Die Schriftprophetie seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelt die ältere Vorstellung weiter: JHWH kann nun auch gegen Israel Krieg führen, und Gottes Endgericht wird als endgültige Schlacht gegen menschliche Überheblichkeit und Militärmacht beschrieben. Zugleich entstehen Friedensvisionen wie die universale Abrüstung: Schwerter sollen zu Pflugscharen werden, Gott beendet die Kriege bis an die Grenzen der Erde.
Neues Testament und frühes Christentum
Im Neuen Testament wird die Tradition vom göttlichen Krieg grundlegend umgedeutet. Jesus von Nazaret teilt die apokalyptische Erwartung des kommenden Menschensohns, der irdische Gewaltherrschaft ablöst. Sein Einzug auf einem Esel knüpft an biblische Abrüstungsverheißungen an, und sein Gewaltverzicht entspricht dieser Erwartung. Krieg erscheint als Ausdruck der alten, verdorbenen Weltordnung, die durch das nahende Reich Gottes beendet werden soll.
Die frühen Christen deuteten Jesu Kreuzigung und Auferweckung so, dass Gott mit ihr die Entmachtung irdischer und himmlischer Gewalten begonnen habe. Der Kampf der Christen richtet sich deshalb nicht mehr gegen Fremdgläubige, Völker oder einzelne Herrscher, sondern gegen Feindschaft, Bosheit und Gewalt überhaupt. Paulus beschreibt dies als geistlichen, gewaltlosen Glaubenskampf: Die „Rüstung Gottes“ besteht aus Wahrheit, Gerechtigkeit, Bereitschaft zum Evangelium des Friedens, Glauben, Heil, Gottes Wort und Gebet.
In der christlichen Antike lehnten Theologen den Kriegsdienst zunächst weitgehend ab. Bis 175 sind keine Christen im römischen Heer nachweisbar. Origenes und Tertullian verwarfen den Waffendienst; Tertullian sah ihn auch wegen des Kaiserkults als Götzendienst. Nach der Konstantinischen Wende von 313 wurden Kriege zur Ausdehnung des Christentums jedoch theologisch legitimiert. Eusebius von Caesarea deutete Konstantins Krieg „unter dem Kreuz“ als heilig. Augustinus von Hippo entwickelte um 420 die Lehre vom Gerechten Krieg: Gewalt und Krieg können als letztes Mittel zur Wiederherstellung von Frieden, Gerechtigkeit und allgemeinem Wohl toleriert werden, müssen aber von Liebe zum Feind getragen sein. Augustinus nannte Krieg und Gewalt dabei nicht direkt „heilig“.
Kreuzzüge und Mittelalter
Im Mittelalter entwickelte sich die Vorstellung, dass kriegerische Betätigung religiösen Verdienst bringen könne. Zentral war das Kriegermartyrium: Wer an einem religiös legitimierten Feldzug teilnimmt und im Kampf stirbt, kann himmlischen Lohn oder Vergebung der Sünden erwarten. Papst Urban II. versprach beim Kreuzzugsaufruf 1095 denjenigen, die auf dem Weg oder in der Schlacht gegen die „Heiden“ sterben, Vergebung ihrer Sünden, sofern sie aus reiner Demut, zum Heil der Seele und zur Befreiung der Kirche teilnehmen.
Der erste Kreuzzug gilt als klassisches Modell eines Heiligen Krieges in der Kirchengeschichte. Er wurde 1095 von Papst Urban II. ausgerufen, mit „Gott will es!“ massenwirksam begründet, zielte auf die Rückeroberung christlich bedeutsamer Gebiete und Jerusalems, nahm Gewalt gegen Andersgläubige in Kauf, vernichtete im Verlauf auch jüdische Gemeinden und versprach den Beteiligten Entlastung von Sünden. Im Hochmittelalter wurde kurzzeitig der Begriff „bellum sacrum“ als Synonym für heiligen oder heiligenden Krieg verwendet.
Auch die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel wurde teilweise als Heiliger Krieg verstanden, meist aber nur indirekt. In mittelalterlichen Quellen erscheinen Siege als Geschenke Gottes oder als Handeln Gottes gegen seine Feinde. Im späten 9. Jahrhundert bezeichnete die Crónica Albeldense militärische Erfolge Alfons’ III. gegen Muslime als „heiliger Sieg“ (sacra victoria). Ein direkter Einfluss muslimischer Vorstellungen wie der Ribāt auf christliche Konzepte wird in der Forschung eher bestritten.
Neuzeit bis Zweiter Weltkrieg
In der Frühen Neuzeit verbanden sich religiöse, politische und gesellschaftliche Konflikte erneut eng. Konfessionskirchen und frühmoderne Staaten standen einander mit hohem Ausschließlichkeitsanspruch gegenüber. In Glaubenskriegen wie den Hugenottenkriegen, dem Achtzigjährigen Krieg, dem Englischen Bürgerkrieg und dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurden religiös-politische Gegensätze teilweise als endzeitlicher Kampf zwischen Antichrist und wahrem Christenvolk dargestellt. Nach dem Westfälischen Frieden verdrängten Kabinettskriege und Völkerrecht in Europa zunehmend die Idee des gerechten oder heiligen Krieges; in imperialen und kolonialen Kriegen lebte die Vorstellung eines moralisch begründeten Krieges weiter.
Im 19. Jahrhundert wurden durch Aufklärung und Säkularisation primär religiöse Kriege in Europa immer weniger denkbar. Zugleich wurden Begriffe wie Nation, Volk, Vaterland, Freiheit und Revolution quasi-religiös überhöht. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurde der Ausdruck Heiliger Krieg von russischer Seite wegen der Bedrohung der Orthodoxie und von deutscher Seite als Erlösungs- und Einigungswerk verwendet. Autoren wie Ernst Moritz Arndt, Heinrich von Kleist und Johann Gottlieb Fichte deuteten Krieg als Dienst an Vaterland, Freiheit und Nationsbildung.
Im Ersten Weltkrieg blieb das nationalistisch geprägte Bild des Heiligen Krieges wirksam. Deutsche Militärprediger feierten ihn als „heiligen deutschen Krieg“, französische Theologen sahen im Krieg gegen Deutschland einen Kreuzzug für das Reich Gottes, und auch in England wurde der Krieg gegen Deutschland in Predigten, Presse und Literatur als „heiliger Krieg“ dargestellt. Im Zweiten Weltkrieg propagierten Nationalsozialisten und Wehrmacht den Angriff auf die Sowjetunion als weltanschaulichen Kampf und „Kreuzzug gegen den barbarischen Stalinismus und den jüdischen Bolschewismus“. In Japan wurde „Heiliger Krieg“ als Synonym für den Zweiten Weltkrieg verwendet. Auch die Alliierten nutzten das Motiv: Lord Halifax und Lord Davidson sprachen 1939 vom „Holy War“ gegen Deutschland. In der Sowjetunion entstand 1941 das Lied „Swjaschtschennaja Woina“ („Der heilige Krieg“).
Nach 1945
Nach 1945 werden Konflikte wie die Bürgerkriege im Libanon und in Nordirland oder im ehemaligen Jugoslawien nicht direkt als Heilige Kriege bezeichnet. Sie gelten eher als Konflikte, in denen andere Ursachen später eine religiöse Dimension erhielten. Diese religiöse Dimension konnte gewaltfreie Lösungen zusätzlich erschweren oder unmöglich machen.
Für die Gegenwart nennt der Artikel Russland und die Ukraine: Präsident Putin begründete den Einmarsch in die Ostukraine und den Angriff auf die Ukraine kurz vor dem 24. Februar 2022 mit der angeblichen „Verfolgung“ orthodoxer Christen. Dies wird als quasi göttliche Legitimation einer Grenzüberschreitung beschrieben. Im März 2024 erklärte Patriarch Kyrill den russischen Angriffskrieg zum heiligen Krieg; im Dezember 2024 beklagte Putin die Zerstörung der russischen Orthodoxie durch „Gottlose“.