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Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Die Schweiz wurde während des Zweiten Weltkrieges nicht durch eine Invasion in Mitleidenschaft gezogen. Wirtschaft, Gesellschaft und Zeitgeschehen waren …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Ausgangslage
  2. 2. Politik, Armee und Réduit
  3. 3. Innenpolitik, Kriegshandlungen und Kontrolle
  4. 4. Wirtschaft und Devisen
  5. 5. Flüchtlinge und humanitäre Hilfe
  6. 6. Nachkrieg und Aufarbeitung

Kern und Ausgangslage

Die Schweiz wurde im Zweiten Weltkrieg nicht militärisch besetzt und blieb offiziell neutral. Trotzdem prägte der Krieg Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Alltag stark. Besonders wichtig war, dass die Schweiz zeitweise fast vollständig von den Achsenmächten umgeben war. Regierung und Armeeführung versuchten, Neutralität und Souveränität zu bewahren, ohne eine Kriegspartei offen zu provozieren. Die Kriegszeit wird von der Aktivdienstgeneration oft als Grenzbesetzung 1939–1945 bezeichnet.

In den 1930er-Jahren gab es auch in der Schweiz rechtsradikale und nationalsozialistisch beeinflusste Gruppen, die sogenannte Frontenbewegung. Sie blieb aber politisch eine Randerscheinung: In der Legislaturperiode 1935–1939 hatten die Fronten im Nationalrat nur ein Mandat. Die Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus führte zugleich dazu, dass die Sozialdemokratische Partei ihre Oppositionsrolle aufgab und Landesverteidigung sowie Demokratie anerkannte.

Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 kehrte die Schweiz zur integralen Neutralität zurück. Das bedeutete, dass sie nicht nur an militärischen, sondern auch an wirtschaftlichen Sanktionen des Völkerbundes nicht mehr teilnahm. Gleichzeitig wurde die Geistige Landesverteidigung wichtig: Sie sollte den Widerstands- und Selbstbehauptungswillen der Bevölkerung stärken. 1939 stand auch die Schweizerische Landesausstellung „Landi“ in diesem Zeichen.

Politik, Armee und Réduit

Die Schweiz berief sich auf bewaffnete Neutralität. Am 29. August 1939 wurden die Grenztruppen aufgeboten, am 2. September 1939 folgte die allgemeine Mobilmachung. Rund 450'000 Soldaten rückten zum Aktivdienst ein, dazu etwa 10'000 Frauen in den militärischen Frauenhilfsdienst. General und Oberbefehlshaber wurde am 30. August 1939 Henri Guisan.

Die militärische Lage war schwierig. Zu Beginn fehlten teils Waffen, Munition und moderne Ausrüstung. Die Flugwaffe hatte viele veraltete Maschinen, konnte aber kurz vor dem Krieg in Deutschland 40 moderne Messerschmitt Bf 109E kaufen; bis Mai 1940 wurde die Flotte auf 80 Me-109E erhöht. Im Heer fehlten weitgehend eigene Kampfpanzer, und die geringe Motorisierung erschwerte schnelle Truppenverschiebungen.

Ab 1937 entstand ein Netz von Kampfbauten. Die Verteidigung war gestaffelt: Grenzbefestigungen, Sicherungsstellungen im Mittelland und das Réduit in den Alpen. Das Réduit national war eine zentrale Verteidigungsstellung im Alpenraum, gestützt auf die befestigten Zonen Sargans, Gotthard und St-Maurice. Ab Juli 1940 wurde die Landesverteidigung nach dem Prinzip der „Staffelung in der Tiefe“ organisiert: Grenztruppen sollten aufhalten, vorgeschobene Stellungen Einfallsachsen sperren, und die Truppen im Alpen- oder Zentralraum sollten mit Vorräten „ohne jeden Gedanken an Rückzug“ ausharren.

Am 25. Juli 1940 versammelte Guisan Offiziere zum Rütlirapport. Er erklärte damit den Wechsel der Strategie und stärkte den Verteidigungswillen. Am 1. August 1940 folgte eine Radioansprache an die Bevölkerung. Von 1939 bis 1945 starben 4'050 Soldaten im Aktivdienst: 2'759 durch Krankheit, 968 durch Unfall und 323 durch Suizid.

Innenpolitik, Kriegshandlungen und Kontrolle

Die demokratische Grundstruktur blieb während des Krieges erhalten. Freie Wahlen fanden weiterhin statt, und sogar drei Volksinitiativen kamen zur Abstimmung. Gleichzeitig schränkte das Vollmachtenregime des Bundesrates die Rechte von Volk und Parlament teilweise ein. Die Bevölkerung war besonders ab Mai 1940 stark verunsichert, weil Deutschland neutrale Länder wie die Niederlande, Belgien und Luxemburg rasch überrannte und Frankreich in kurzer Zeit besiegte. Die Radioansprache von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz vom 25. Juni 1940 wurde von vielen als zu starke Anpassung an Deutschland verstanden.

Die Schweiz schaffte während des Krieges als einziger Staat die zivile Todesstrafe ab; sie wurde letztmals am 18. Oktober 1940 an Hans Vollenweider vollstreckt. Für Spionage und militärischen Landesverrat konnte die Militärjustiz aber weiterhin Todesurteile verhängen. Während der Kriegsjahre wurden 468 Fälle von Landesverrat entdeckt. Es gab 33 Todesurteile, davon 15 in Abwesenheit; 17 Personen wurden hingerichtet. Alle Todesurteile betrafen Militärspionage zugunsten des nationalsozialistischen Deutschlands.

Auf Schweizer Boden kam es vor allem in der Luft zu Kriegshandlungen. 1940 wurden in Luftkämpfen elf deutsche Flugzeuge bei drei eigenen Verlusten abgeschossen. Insgesamt zählte man während des Krieges 6501 Grenzverletzungen, 198 ausländische Flugzeuge landeten in der Schweiz, und 56 stürzten auf Schweizer Gebiet ab. Bombardierungen trafen unter anderem Schaffhausen am 1. April 1944 mit 40 Toten sowie Stein am Rhein am 22. Februar 1945 mit neun Toten. Die USA erklärten zur Bombardierung Schaffhausens, die Besatzungen hätten geglaubt, über Tuttlingen zu sein.

Die Schweiz war auch ein wichtiger Ort für Spionage. Kriegsführende Staaten nutzten vor allem ihre Botschaften in Bern als Funkstationen. Da die Sowjetunion damals keine Botschaft in der Schweiz hatte, schleuste sie Spione ein. Gleichzeitig gab es Pressezensur und unter bestimmten Umständen Überwachung von Brief-, Telegramm- und Telefonverkehr.

Wirtschaft und Devisen

Das Hauptproblem der Kriegswirtschaft war die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern. Die Schweiz hat kaum eigene Rohstoffe und keinen eigenen Meereszugang. Kohle, Kautschuk, Erz und andere Güter mussten durch von den Achsenmächten kontrollierte Gebiete transportiert werden. Die Versorgung war deshalb unsicher. Der Kohleimport ging zurück und wurde teilweise durch stärkere Holznutzung ersetzt.

Rohstoffe wurden streng rationiert und vor allem der Rüstungsindustrie zugeteilt. Diese wuchs im Krieg stark und produzierte unter anderem moderne Panzer- und Fliegerabwehrkanonen von Oerlikon sowie Maschinengewehre. Der Plan Wahlen, auch Anbauschlacht genannt, sollte die Ernährung sichern: Grünflächen, Sportplätze und andere verfügbare Flächen wurden zu Getreide- und Kartoffelfeldern umgenutzt. Wegen Benzin- und Gummimangel kam der Automobilverkehr fast ganz zum Erliegen. Ersatztreibstoffe sollten unter anderem durch die Holzverzuckerungsanlage der Hovag hergestellt werden.

Am 9. August 1940 schloss die Schweiz ein Wirtschaftsabkommen mit dem Deutschen Reich. Deutschland erhielt Kredite, Devisen und Rüstungsgüter; die Schweiz erhielt Kohle, Zinsen aus Anlagen in Deutschland und Aufträge für die eigene Wirtschaft. Am 7. Februar 1941 gewährte die Schweiz dem Reich einen weiteren Clearing-Kredit von 165 Mio. Schweizer Franken und erhielt die Zusage, dass die Kohlelieferungen von 150'000 Tonnen pro Monat weitergehen sollten.

Besonders umstritten war die Rolle der Schweiz als Devisenumschlagplatz. Etwa 75 Prozent der Goldtransaktionen der Deutschen Reichsbank ins Ausland liefen über das Schweizer Bankensystem. Ein grosser Teil dieses Goldes war Raubgold, unter anderem aus der Belgischen Nationalbank und der niederländischen Zentralbank oder laut Bergier-Kommission von Holocaust-Opfern. Der Schweizerischen Nationalbank war spätestens seit 1942 bekannt, dass Gold aus besetzten Zentralbanken stammte; seit Dezember 1943 hielt sie auch Gold von Opfern für möglich. Nach dem Krieg zahlte die Schweiz 1946 im Washingtoner Abkommen 250 Mio. CHF als Kompensation im Zusammenhang mit dem Raubgold der Belgischen Nationalbank.

Flüchtlinge und humanitäre Hilfe

Die humanitäre Rolle der Schweiz war widersprüchlich. Einerseits nahm die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene in Genf 1939 ihre Arbeit wieder auf. Sie organisierte Informationen über Gefangene und Vermisste, besuchte Kriegsgefangenenlager und half der Zivilbevölkerung. Während des Krieges gab es 12'750 Besuche von Kriegsgefangenenlagern in 41 Ländern durch 179 Delegierte. In der Zentralstelle arbeiteten 2585 Personen, davon 1676 Freiwillige; bis Juni 1947 umfasste ihre Kartei 36 Millionen Karten, und 120 Millionen Nachrichten wurden vermittelt.

Andererseits war die Flüchtlingspolitik hart und später stark umstritten. Die Schweiz beherbergte bei weniger als vier Millionen Einwohnern insgesamt rund 300'000 Schutzsuchende für kürzere oder längere Zeit. Dazu gehörten 104'000 internierte Militärpersonen, 67'000 temporär aufgenommene Grenzflüchtlinge, 60'000 Kinder auf Erholungsurlaub, 51'000 Zivilflüchtlinge, darunter 21'300 jüdischer Abstammung, 10'000 Emigranten und 250 politische Flüchtlinge. Die Zahl der abgewiesenen Flüchtlinge ist umstritten: Der Ludwig-Bericht von 1957 nennt 10'000, die Bergier-Kommission schätzt 20'000, Karl Barth sprach von „an die 100'000“.

Am 13. August 1942 schloss der Bundesrat die Grenze für Flüchtlinge „nur aus Rasse-Gründen“, obwohl Schweizer Behörden durch Berichte und Fotos über die Verfolgung der Juden informiert waren. Im Sommer 1942 wussten Bundesrat, Justiz- und Polizeidepartement sowie Armeespitzen, dass zurückgewiesenen Flüchtlingen Deportation nach Osteuropa und Tod drohten. Gleichzeitig wurden in Genf viele Flüchtlinge trotzdem aufgenommen: Eine Studie von 2000 ermittelte, dass dort 86 % der „illegalen“ Flüchtlinge und 92 % der jüdischen Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Es gab auch Schweizer Fluchthelfer. Carl Lutz rettete als Vizekonsul in Budapest über 60'000 Menschen durch illegal ausgestellte Papiere. Die Lados-Gruppe in Bern versorgte Juden mit lateinamerikanischen Papieren, wurde aber 1943 von Schweizer Behörden unterbunden. Einige Fluchthelfer wurden bestraft und erst viel später rehabilitiert, darunter Paul Grüninger. In den letzten Kriegsmonaten gelangten durch Austausch oder Bezahlung gut 4300 KZ-Häftlinge aus Theresienstadt, Bergen-Belsen, Ravensbrück und Mauthausen in die Schweiz.

Nachkrieg und Aufarbeitung

Nach dem Krieg war die Schweiz aussenpolitisch isoliert. Die Alliierten sahen sie teilweise als „Kriegsgewinnler“, der mit den Nationalsozialisten kooperiert hatte. Im Washingtoner Abkommen von 1946 zahlte die Schweiz 250 Mio. Franken; dafür wurden Schweizer Konten entsperrt und die „Schwarze Liste“ von Schweizer Firmen, die mit den Nazis kooperiert hatten, gelöscht.

Innenpolitisch gerieten einzelne Bundesräte unter Druck. Marcel Pilet-Golaz musste zurücktreten. Eduard von Steiger galt als Hauptverantwortlicher für die Grenzschliessung gegenüber Juden. Philipp Etter war wegen früherer autoritärer und deutschfreundlicher Äusserungen umstritten. 1995 bekannte der Bundesrat offiziell Schuld für die Flüchtlingspolitik. Bundespräsident Kaspar Villiger sagte am 7. Mai 1995, man habe „im allzu eng verstandenen Landesinteresse eine falsche Wahl getroffen“, und entschuldigte sich.

Die Wirtschaft profitierte davon, dass die Schweiz im Krieg nur geringe materielle Zerstörungen erlitten hatte. Die Banken galten danach als stabil, seriös, diskret und sicher, was durch das Bankgeheimnis verstärkt wurde. Gleichzeitig half die Schweizer Bevölkerung mit der Schweizer Spende und der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes notleidenden Menschen im Nachkriegseuropa.

Die historische Aufarbeitung begann unter anderem mit dem Bonjour-Bericht zur Neutralitätspolitik. In den 1990er-Jahren untersuchte die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg unter Jean-François Bergier die Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik sowie Banken und Industrie. Der Schlussbericht von 2002 kam zum Ergebnis, dass die damalige Flüchtlingspolitik mit den „Prinzipien“ eines Rechtsstaates nicht vereinbar gewesen sei. Die Ergebnisse der Bergier-Kommission sind bis heute politisch umstritten.

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